Orange Falter

Erster Krokus, erste Hummel, erster … typische Frühlings-Glücksmomente. In diesem Jahr gibt es die Version für Ungeduldige, verbunden mit der unbehaglichen Frage welche Kapriolen Natur und Mensch in diesem Jahr des Klimawandels erleben werden.

Die Bienen haben schon am Valentinstag ihren Reinigungsflug absolviert, der erste Tag im Jahr, an dem sie wieder massenhaft fliegen und – daher der Name – nach der langen Winterpause endlich „auf Klo“ können. Im Imkerkurs wurden wir ermahnt, die Nachbarn zu warnen nicht am ersten schönen Tag gleich die Laken rauszuhängen, der vielen kleinen braunen Pünktchen wegen. Hier im Schrebergarten hängt niemand Wäsche raus, die Immen sprenkeln nur ihr eigenes Haus.

Nun schlingern sie fast im Fluge unter den dicken Pollenpaketen an ihren Hinterbeinchen, knallorange vom Krokus, ockergelb vom Haselstrauch, ein sicheres Zeichen, dass die tief im Stock verborgene Königin Eier legt wie verrückt. So früh waren sie noch nie, aber ich bin auch noch lange keine alte Imkerin, alt vielleicht, aber nicht erfahren. Daher macht mich dieser Frühstart nervös. Letztes Jahr wurde es im März wieder richtig kalt und ich bin mit Fieber und Husten jeden Tag hin und hab die Ladies, deren Vorräte nicht für die viele im Februar gezogene Brut mehr reichte, mit warmen Zuckerwasser gepäppelt, sie so am Leben gehalten, aber 2018 keinen Tropfen Honig geerntet.

Ich trau‘ dem Wetter nicht mehr

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Bienen, wir hatten euch vermisst.

Und heute gestern der erste Schmetterling. Orange taumelte er an meinem Blickfeld vorbei. Erste dachte ich es ist ein Diestelfalter, mein Lieblingsschmetterling, nach dem ich meine kleine Romanheldin Vanessa benannt habe. Aber eigentlich kann das gar nicht sein um diese Zeit. Vermutlich war es ein Kleiner Fuchs. Später gesellte sich noch der gewöhnliche Frühjahrssieger -ein Zitronenfalter — hinzu.

Aber ein oranger Schmetterling, früher kam in fast jedem meiner Texte einer vor, als Bote der Welten, in die ich mich gerne schriebe.

Als Kind versank ich am liebsten im Mumintal (für die, die das Mumintal nicht kennen: es handelt sich um eine Kinderbuchserie voller phantastischer Wesen der finnischen Autorin und Illustratorin Tove Jansson), in dessen magischer Vielfalt sich meine selbst erdachten Geschichten einfach einfügten.

Im Mumintal aber besteht der Glaube, dass die Farbe des ersten Schmetterlings, den man nach dem Winterschlaf erblickt, ein Omen für das kommende Jahr ist: Weiße Schmetterlinge waren gar zu trist, an braune oder schwarze gar nicht zu denken. Dieser aber war orange, fast golden…“ (aus dem Kopf und daher bestimmt nicht richtig zitiert, ich habe die Bücher nicht mehr).

Sehe ich meine Bienen lacht mein Herz und gleichzeitig ist da ein Kloß, weil so früh und wenn er nun wieder kommt der Märzenwinter…

Sehe ich Schmetterlinge ist der Kloß fetter, Jahr für Jahr werden sie weniger, im letzten Sommer hatten wir außer Kohlweißlingen fast keine im Garten, kein Pfauenauge, keinen Diestelfalter, ein paar versprengte Admirale. In anderen Gärten mag es lebendiger gewesen sein, aber am Verarmen ist der ganze Planet.

Als Nachklang anderer Zeiten ist mein Mailaccount stets voller Aufrufe zu Demos und ähnlichen Aktionen. Lese sie oder lese sie auch nicht, freue mich, bedaure oder vergesse manches auch gleich wieder. Das Nest bindet doch einen großen Teil meiner Gedanken.

Aber das hier ist etwas besonderes: Ein Trauermarsch für ausgestorbene Tiere. Wer macht das ? Wer fühlt so wie ich? Extinction Rebellion. Noch nie von der Gruppe gehört. Mit dem Kleinen Fundevogel auf Demos gehen ist so eine Sache. Nicht, dass es ihm nicht gefiele. Sofort erinnerte er sich an unseren letzten Besuch auf dem Rathausmarkt anlässlich der Seebrückendemo. Er weiß noch genau, wo der Geldautomat hängt, an dem man rumdrücken kann, an die hochfrequentierte Bushaltestelle erinnert er sich, wie herrlich schnell er da eben in einen Bus steigen kann. Und das Beste an Demos sind überhaupt die Polizeiautos, nur dass die am Steuer es auch bei Schritttempo verständlicherweise nicht möchten, dass ein Kind das Auto anzufassen versucht. Es soll auf der Seebrückendemo sehr gute Redebeiträge gegeben haben, aber fragen Sie deshalb bitte jemand anderes.

Die Aussterb-Rebellen waren wirklich besonders. Keine Frauen zwischen fünfzig und siebzig, wie ich erwartet hatte, sondern fast alles junge Männer, schwarz gewandet zu getragener Musik zählten sie die jüngst durch Menschenmacht ausgestorbenen Lebewesen auf. Es war pathetisch ja, vielleicht gar ein wenig lächerlich (es waren höchstens dreißig Teilnehmende) und doch bestürzend, anrührend, sehr, sehr schwer. Wäre ich nicht dauernd zur Bushaltestelle und zum Geldautomaten gerannt, hätte es mich überwältigt.

Ich finde es so schwer wirklich die ganze Wucht zu begreifen, die hinter dem Wort Aussterben steht, erklärt mir ein Bekannter sein Kommen. Ich möchte es gar nicht ganz begreifen, denke ich, weil diese Wucht mich dann überrollt. So mächtig schon der Schmerz um die Tiere, die zwar nicht ausgesorben sind, aber hier am Stadtrand vor zwanzig Jahren meinen Weg kreuzten und das nicht mehr oder nur noch viel seltener tun. Kiebitze, Eisvögel, Fledermäuse, Libellen, Gamma-Eulen …

Und natürlich werde ich mir Ende April den Hals nach den ersten Mauerseglern verdrehen. Werden sie kommen? Werden es wieder weniger sein?

Aber ich habe doch den orangen Schmetterling gesehen, am 26.Februar. Wenn er kein gutes Omen war, kann das nur daran liegen, dass ich keinen Winterschlaf gehalten habe.

Die Tiere hätten es leichter, hielte die Menschheit Winterschlaf.

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14 Gedanken zu “Orange Falter

  1. Werner Kastens Februar 27, 2019 / 11:05 pm

    Bei uns in Mittelhessen gehen die Temperaturen momentan bis auf 19 Grad hoch. Gestern hatten wir den ersten (und einzigen) Zitronenfalter im Garten.

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  2. Christiane Februar 28, 2019 / 8:56 am

    Ja, ja, ja und ja!
    Hier flatterte gestern auch einer ganz schnell an meinem Fenster vorbei, ich war so verblüfft! Ich hatte das Gefühl von Orange, aber ich glaube mir das selbst nicht, bestimmt war es nur ein besonders kräftiges Gelb. Ja, Omen, gern …
    Liebe Grüße
    Christiane

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  3. gkazakou Februar 28, 2019 / 9:27 am

    Ich sah gestern den ersten ….Weißling. Und eine einzige Biene, die in einer gelben Kleeblüte Nahrung sammelte.Hier in Südgriechenland ist die Natur anscheinend weiter zurück als in Norddeutschland. Mir soll es recht sein. Heute knalllt die Sonne erstmals vom Himmel.

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  4. Myriade Februar 28, 2019 / 11:50 am

    Der menschliche Winterschlaf ist eine rundum geniale Idee für alle möglichen Beteiligten 😉

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    • fundevogelnest März 1, 2019 / 1:19 pm

      Ja, ich habe mich richtig verliebt in diese Vorstellung.
      Nicht nur, weil ich dann endlich mal ausgeschlafen wäre.
      Bei den Mumins gibt es vor dem ins-Bett-gehen einen Teller Tannennadelsuppe …

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      • Myriade März 1, 2019 / 5:07 pm

        Eine durchaus faszinierende Vorstellung, dass alle Menschen schlafen und Tiere durch die Lande und Städte streichen. Ob es da allerdings wirklich so viel friedlicher zugehen würde als bei den Menschen ….

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        • fundevogelnest März 2, 2019 / 9:35 pm

          Letztlich hätte die gesamte Industrialisierung, die ja schließlich Daueraufsicht benötigt, bei einer Winterschlaf haltenden Spezies nicht stattgefunden haben können.
          Landwirtschaft schon eher, Haustierhaltung schon wieder nicht (Bienen vielleicht). Ich fand es schon als Kind eine schwierige Frage, wer denn, wenn ich ein Mumin wäre, mein Mweerschweinchen füttern würde …
          Es ist ein spannendes Gedankenexperiment.

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          • Myriade März 3, 2019 / 9:44 am

            Ja, Kinder sind ja da sehr pragmatisch 🙂 Gerade habe ich telephonisch mit meinem Partner darüber sinniert, wie hoch wohl verschiedene Arten von Insekten fliegen und ob man im 20.Stock von diversen beißenden Exemplaren verschont bleibt …

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  5. violaetcetera Februar 28, 2019 / 7:56 pm

    Auch hier habe ich gestern den ersten Zitronenfalter gesichtet. Wir haben zwar keine Bienen, aber trotzdem habe ich mir auch schon Gedanken über einen neuerlichen Wintereinbruch gemacht, und wie viel Schaden er anrichten könnte.
    Hunde und Katze sind auch schon auf Frühling eingestimmt und haaren heftig, aber die können sich im Notfall ja auch ins Warme verkriechen. Ich bin gespannt, was du uns weiterhin berichten wirst.

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  6. fundevogelnest März 1, 2019 / 1:22 pm

    Die Bienen der Geschätzten Mitimkerin haben den Kälteeinbruch letztes Jahr locker weggesteckt.
    Die fliegen aber auch fast immer. Wir haben sie schon 3-Wetter-Taft-Bienen getauft.
    meine sind eher mickrig. Ein „echter imker“ würde jetzt sagen ….

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  7. Sunnybee März 1, 2019 / 5:44 pm

    Ach, wie schön, du kennst auch die Mumins!🙂 Ich gebe zu, die „Hattifnatten“ waren mir als Kind nie recht geheuer… Wie schön, deine Wahrnehmung, deine Sensibilität und dein Mitfühlen mit den Geschöpfen der Welt! Danke für diesen besonderen Blick, der mich beim Lesen deiner Texte immer wieder erfreut!
    Herzlichen Gruß, Sarah

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    • fundevogelnest März 2, 2019 / 9:42 pm

      Die Hatiffnatten sind unheimlich, weil sie so unendlich fremd sind. Für mich stehen sie für all‘ das Beängstigende, was man nicht versteht.
      Die Muminbüchern muten Kindern ja einiges an Gefühlen zu an Melancholie, verloren sein, unerwiderten Gefühlen und immer wieder befremdlichen Verhaltensweisen. Es ist spannend sie als Erwachsene noch mal zu lesen.
      Als Kind fand ich sie aber einfach toll.
      Natalie

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