Brunnen der Vergangenheit (ABC-Etüde)

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Und wieder mit hängender Zunge der aktuellen Etüdenrunde hinterher, der Februar im Fundevogelnest quoll über vor dringend zu erledigenden Dingen und, ja, es gab auch Texte, die sich vordrängeln mussten. Die eigentlich so schönen Wörter von Frau Wortgeflumselkritzelkram (DAS ist ein tolles Wort!) haben sich bei mir lange geziert.

Doch nun haben

Lesezeichen

hüpfen

altersschwach

sich endlich mit 297 weiteren Wörtern zusammengefunden.

Ich denke der Brunnen der Vergangenheit aus dem Einleitungskapitel von Thomas Manns großem Werk Joseph und seine Brüder wird den meisten ein Begriff sein. Ich lese seit Monaten an diesem Buch, finde es fremd und schwer, kann mich ihm aber auch nicht wirklich entziehen.

Wie immer geht der große Dank für die Organisation der Etüden, die Illustration und das Sammeln aller Texte im Kommentarstrang, an Christiane, die Etüdenpflegerin.

Ein Besuch bei ihr lohnt sich immer!

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Nach all‘ den Entzweiungen, die eigentlich Entdreiungen, Entvierungen waren, las sie auf der Veranda mit Blick auf den See. Auf dem selben altersschwachen gestreiften Liegestuhlstoff lag sie, auf dem sie schon als Kind ihre Micky-Maus-Hefte verschlungen hatte.

Michelle, die Tochter ihrer Cousine, war es gewesen, die via Facebook die Hand gereicht hatte, über alle Entzweiungen, Entdreiungen und Entvierungen hinweg.

Über fünfzig Jahre später durfte sie wieder auf der Veranda sitzen, Michelles Töchter hüpften stundenlang kreischend auf ihrem Trampolin, während die Eltern vergnügt an dem alten Ferienhaus herumwerkelten.

Zum ersten Mal nach den Jahren weiterer Entzweiungen, Entdreiungen und Entvierungen, nach Therapien und Prozessen fühlte sie sich geborgen, von der Welt gemocht wie als Kind bei Oma und Opa in der Sommerfrische.

Heute fuhr die kleine Familie ins Nachbardorf, aber ihr war nicht nach Schützenfest. Sie hatte in alten Büchern gestöbert und sich mit Joseph und seinen Brüdern im Liegestuhl niedergelassen. Doch bald war der Brunnen der Vergangenheit zu tief, diese biblischen Entzweiungen, Entdreiungen und Entvierungen brauchte sie nicht.

Beim Weglegen fiel ein Lesezeichen aus dem Buch, eigentlich die letzte Seite eines Briefs. Tröstlich waren auch diese Zeilen nicht. Es war die Antwort an eine, die abtreiben wollte, weil Leid und Entzweiung an der Schwangerschaft zu hängen schien. Alt musste der Brief sein, die Empfehlungen klangen nach Küchentisch und Stricknadel, sie hatte es 1985 bedeutend leichter gehabt.

„Das Leben selbst ist doch ein Fest“, hatte Michelle gerade gestern gesagt, denn oft werde sie gefragt, warum sie die jüngere Tochter, die mit der Trisomie, nicht abgetrieben habe.

„Was ist?“ , fragte Michelle besorgt, als sie ihren Gast beim Nachhausekommen in Tränen aufgelöst fand.

„Nichts. Du hast einfach Recht, das Leben selbst ist ein Fest.“

Überwältigt hatte sie gerade begriffen, um welche Schwangerschaft es in diesem Brief gegangen war, aber das brauchte Michelle nicht zu wissen.

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15 Gedanken zu “Brunnen der Vergangenheit (ABC-Etüde)

  1. Christiane März 1, 2019 / 1:40 pm

    Ohhhh.
    Nein, ich kenne den Cortazar nicht, aber du bist die Zweite, die mich in diesem Jahr nach ihm fragt, und speziell nach Rayuela, ich erinnere mich an dieses wohlklingende Wort …
    Aber deine Etüde lässt in mir Rilke nachklingen:
    „Du musst das Leben nicht verstehen,
    dann wird es werden wie ein Fest. (…)
    Leben wir einfach. Es ist schon schwer genug.
    Liebe Grüße
    Christiane, die diese Illustration total mag – man hat ja immer seine Favoriten

    Gefällt 2 Personen

    • fundevogelnest März 2, 2019 / 9:18 pm

      Liebe Christiane,
      Weißt du den Titel von dem Rilke-Gedicht, ich würde es gern ganz lesen.
      Der Anspruch nicht alles verstehen zu müssen, macht mir insbesondere das Leben mit den Fundevögeln leichter.
      Ich glaube von Neruda stammt das Zitat Cortázar nicht zu lesen sei so schrecklich wie niemals im Leben einen Pfirsich gegessen zu haben …
      Ich liebe vor allem seine Kurzgeschichten so verstörend sie auch manchmal sein mögen, namentlich die aus „Bestiarium“ und „Unzeiten“
      Und „Die Reise um den Tag in 80 Welten“ ist ein ganz genreloses Lieblingsbuch.
      VielSpaß beim Entdecken.
      Natalie

      Gefällt 1 Person

  2. puzzleblume März 1, 2019 / 3:10 pm

    Voll emotional anrührender Bilder, ergreifend geschrieben. Manche spätgewonnenen Einsichten in Leben doch scheinbar vertrauter Menschen aus anderen Perspektiven können kleine persönliche Welten erschüttern.

    Gefällt 3 Personen

  3. gkazakou März 2, 2019 / 9:32 am

    Für mich ist „Joseph und seine Brüder“ eine riesige Wundertüte. Soviel hat mir dieses gewaltige Werk gebracht! Aber man muss natürlich Thomas manns Erzählstil mögen. Ich liebe ihn.

    Gefällt 1 Person

    • fundevogelnest März 2, 2019 / 9:30 pm

      Der Erzählstil ist es, der mich bei der Stange hält! Inhaltlich habe ich aus der Wundertüte noch nicht so recht was ziehen können, eine Erfahrung, die ich schon mehrfach bei Thomas Mann machte. Ich mag dieses ausschweifende Erzählen, doch vielleicht sind unsere Fragen an die Welt zu unterschiedlich, als das ich seine Antworten verstehen würde.
      Über das Ende des „Zauberbergs“ war ich regelrecht wütend.
      Mit den Büchern von Heintich und Klaus Mann wurde ich bedeutend schneller warm.
      Ich werde Joseph und seine Brüder durchaus weiterlesen, ( auch wenn es mir immer wieder unangenehm vorführt wie ungebildet ich doch bin, ohne Lexikon, oder am besten gleich Wikipedia und Bibel an Hand geht gar nichts.)
      Liebe Grüße
      Natalie

      Gefällt 1 Person

      • gkazakou März 2, 2019 / 9:35 pm

        Apropos Zauberberg: Irgendwie musste er seinen Helden ja freisetzen. Anscheinend sind die Zauberkräfte des Bergs so groß, dass es schon einen Krieg braucht dafür. Oder wüsstest du eine andere Lösung?
        Den Zauberberg habe ich übrigens mit 17 gelesen, wenig später wurde bei mir TBC diagnostiziert und ich sollte in ein Sanatorium (Tuberkuloseheilanstalt). Ich wehrte mich erfolgreich dagegen, wohl wissend, dass ich für solche Zauberkräfte nicht genügend Widerstand hätte.

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        • fundevogelnest März 6, 2019 / 11:04 pm

          Wirklich nichts Sinnvolles vorstelbar, dass es wert ist dem Berg zu entrinnen?
          Oh Grusel.
          Ich hoffe , du bist deine TBC trotzdem ganz losgeworden.
          Meine Mutter kämpft jetzt im Alter sehr mit den Folgen einer im Kindesalter durchgemachten, kaum bemerkten Tuberkulose.
          Liebe Grüße
          Natalie
          N

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  4. Nicole Vergin März 16, 2019 / 2:10 pm

    „Joseph und seine Brüder“ steht seit Jahren ungelesen in meinem Regal. Irgendwann werde ich daran etwas ändern, wenn die Zeit gekommen ist. Fürs erste habe ich mich an Deiner wundervoll gewebten Geschichte erfreut.
    Liebe Grüße
    Nicole

    Gefällt 1 Person

    • fundevogelnest März 16, 2019 / 9:38 pm

      Danke.
      Ich gebe nicht auf, irgendwie scheint das Buch noch etwas für mich bereit zu halten, nur was, das weiß ich immer noch nicht.

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      • Nicole Vergin März 17, 2019 / 7:59 pm

        Manchmal kommt die Erkenntnis was noch für einen bereitsteht wenn man gar nicht damit rechnet – so ist es mir zumindest schon ergangen.

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          • Nicole Vergin März 19, 2019 / 6:54 am

            „Bedrohung und Trost zugleich“ – da hast Du genau die richtigen Worte gefunden. Ich bin jedenfalls froh, dass ich vorher nicht alles weiß. Ein Blick in die Zukunft möchte ich nicht, dann würde ich mich bei den schlimmen Situationen ja nur noch verrückt machen.

            Gefällt 1 Person

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