Schreimutter

In unseren Haushalt hat sich ein Buch („Schreimutter“ von Jutta Bauer, erschienen bei Beltz&Gelberg) geschlichen. Ich finde die Geschichte schrecklich, aber der Kleine Fundevogel möchte sie dauernd vorgelesen bekommen:

Eine Pinguinmutter schreit ihr Kind so heftig an, dass es auseinanderfliegt. Die einzelnen Körperteile fliegen in alle Himmelsrichtungen, landen im Meer, im Dschungel, sogar im Weltall. Nur die Füße sind noch da und rennen verzweifelt los –  ohne Augen, die sehen könnten, ohne Schnabel, der um Hilfe schreien könnte, nicht einmal Flügel hat er mehr, mit denen er ängstlich flattern könnte.

Schreimutter sammelt alle Teile ein, näht ihr Kind wieder zusammen und sagt „Entschuldigung“. Damit soll alles wieder gut sein. Flügel in Flügel stehen sie sichtbar vergnügt an der Reling eines irgendwie fliegenden Schiffes. Als sei nichts geschehen.

Ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis.

Mir schnürt es beim Lesen den Hals zu.

Was der Kleine Fundevogel an der Geschichte findet,  ist recht offensichtlich, das Pinguinkind war kaputt, wie er. Er hat eine großflächige Narbe, die reicht vom Brustbein bis hinab in die Schamgegend, Zeugnis mehrerer Operationen direkt nach der Geburt. Er ist jetzt in einem Alter, in dem er merkt, dass andere nicht so aussehen, die haben dafür einen Bauchnabel und er ahnt langsam wohl auch, das war alles sehr bedrohlich und dem Auseinanderfliegen wirklich recht nah. Als ich kaputt war … ist gerade ein beliebter Gesprächseinstieg. Oder: Nähst du mich auch wieder zusammen, wenn der böse Pinguin kommt und mich anschreit?

Natürlich, mein Kind, natürlich, antworte ich und bin insgeheim erleichtert, dass er den „bösen Pinguin“ nicht als Mutter identifiziert.

Denn manchmal bin auch ich eine Schreimutter. Heute morgen zum Beispiel. Der Anlass wie immer recht banal, eine kleine, maßgeschneiderte Provokation, ein schnell zugefügter Schmerz, dazu Zeitdruck, Nachtgespenster zu Besuch gehabt, die Wahrnehmung, dass bei mindestens einem Kind gerade etwas in die falsche Richtung läuft und vor allem das Gefühl, jeden Moment ploppt eine neue Baustelle auf, um die ich mich auch noch irgendwie kümmern müsste.

Und wenn dann einer mal eben so, en passant noch eine Baustelle schafft —

Kraaawuuum!

schreit da eine hässlich, entstellend, pinguingefährdend, ganz und gar verboten und kein kleines bisschen lösungsorientiert.

Verd.., das bin ja ich.

Die Ohren hören es missbilligend, der Kopf mahnt, lass‘ es, halt inne, man schreit kleine Pinguine nicht an, die können davon auseinanderfliegen. Weiß doch seit Jutta Bauer jedes Kind.

Auseinandergeflogen erscheint die, die schreit. Außer sich. Zerfleddert. Muss sich selbst einsammeln und wieder zusammennähen. Schmerzhaft ist das.

Die Entschuldigung, die hier im Nest in der Regel äußerlich gleichgültig hingenommen wird, ist der kleinste Akt. Größer ist die Scham. Mal wieder. Nicht zum ersten Mal in diesem Jahr, nicht mal in diesem Frühling, wenn ich es recht bedenke, dabei hatte ich mit doch ganz fest vorgenommen… wenigstens nichts zu versprechen war ich weise genug.

Ach, du regst dich doch immer schnell wieder ab, kommentiert einer, der es wissen muss.

Und beim Kleinen Fundevogel werde ich das Gefühl nicht los, er ist ausgesprochen zufrieden, wenn er mich so weit gebracht hat. Kleine Kinder lieben Selbstwirksamkeit, bestätigt mir eine Pädagogin diese Beobachtung. Und tatsächlich trifft er mich sehr viel härter, wenn ich zur Schreimama werde, als wenn er mich beißt, schlägt, tritt… Mein Ausrasten schmerzt viel mehr als die Tasse, die da mal eben mutwillig zerschlagen wurde.

Dass er mich so weit bringen kann …

Halt, halt … keine falsche Opferrolle jetzt, die Verantwortung liegt nach wie vor bei den großen Pinguinen. Die müssen ihren inneren Herd runterstellen bevor der Topf überkocht – denn von wem sonst sollten die kleinen Pinguine das lernen?

Vor der schlichten Entschuldigung steht: Das war falsch.

Und dann: ich muss mich selbst gut zusammenhalten, dann fliege ich nicht so schnell auseinander –gut essen, genug schlafen, Baustellen auch mal liegen oder von anderen erledigen lassen, den Tag bloß nicht zu vollpacken.

Das hilft schon mal gut. Aber es reicht nicht.

Dringender noch brauche eine Strategie gegen meine Hilflosigkeit, denn mir ist häufig genug danach kläglich mit den Flügeln zu flattern, weil ich so gar nicht weiter komme. Und hilflos rumstehen ertrage ich nicht besonders gut. Aus diesen und anderen Gründen habe ich ein durch Erziehung schwer ereichbares Pinguinexemplar hier wohnen. Sag ich etwas freundlich, klar und bestimmt, mit oder ohne Begründung zum durchstartenden Minipinguin, passiert meistens erst mal — nichts, die Versuchung, die Kobolde im Kopf sind stärker. Auch wenn ich alles laut und unfreundlich, gar mit Drohungen garniert wiederhole. Meine Bemühungen bleiben auch fruchtlos, wenn es vorher schon x-mal die bei allen, die sich berufen fühlen mitzuerziehen, hochgelobten Konsequenzen gab.

Dieses Wundermittel, mit dem ich keine Wunder erreiche. Fünfzigmal mit dem Fahrrad durch die Beete geheizt, jedes Mal den Rest des Tages kein Fahrrad zur Verfügung gehabt, das einzige Wunder beim einundfünzigsten Mal ist, dass da immer noch was wächst.

Vielleicht keine Wunder, aber sehr viel Wirkung zeitigt permanente Aufmerksamkeit, starke innerliche und auch äußerliche, körperliche Präsenz, um das Durchstarten zum größtmöglichen Unfug rechtzeitig zu verhindern, eingreifen im wahrsten Sinne des Wortes, den kleinen Pinguin ganz umschließen bevor er auseinanderfliegen kann. Solches Vorgehen schafft Gelegenheiten Flügel in Flügel in ein fliegendes Schiff zu steigen. Manchmal allerdings artet die körperliche Präsenz aus zu einer unschönen Rangelei, und ich frage mich, was ich tun werde, wenn er eines nicht mehr all zu fernen Tages stärker sein wird als ich. Und mit der 100prozentigen Präsenz habe ich es leider nicht so … der Wolkenkuckuck erzählt mir gerne was. Ich glaube mein kleiner Pinguinschatz hört das Wolkenkuckusflüstern und nutzt die Gunst des Augenblicks. Wir werden also weiter leben mit Scherben, bemalten Wänden, rausgelassenen Hühnern, Überschwemmungen und zermatschten Pflanzen.

Schreien hilft da nicht.

Scherben einsammeln ist eindeutig besser als Pinguinteile einzusammeln.

Aber noch immer wünsche ich mir eine bessere Strategie

Und vom Wolkenkuckuk wünsche ich mir, dass er mir weiter hilft, inneren Abstand zu den Scheianlässen zu finden, das Komische in den Geschehnissen zu finden, ihnen die in ihn versteckten Geschichten zu entlocken. Gelingt das, halten wir unser Fliegendes Vogelschiff auch in der übelsten See auf gutem Kurs.

Vielleicht hat Jutta Bauer das Buch ja deswegen gemacht.

Ich freue mich immer über Likes und Kommentare zu meinen Texten, muss aber darauf hinweisen, dass WordPress.com – ohne dass ich daran etwas ändern könnte — E-Mail und IP-Adresse der Kommentierenden mir mitteilt und die Daten speichert, verarbeitet und an den Spamerkennungsdienst Akismet sendet. Ich selbst nutze die erhobenen Daten nicht (näheres unter Impressum und Datenschutz). Sollte das Löschen eines Kommentars im Nachhinein gewünscht werden, bitte eine Mail an fundevogelnest@posteo.de, meistens werde ich es innerhalb von 48 Stunden schaffen dieser Bitte nachzukommen.

5 Gedanken zu “Schreimutter

  1. puzzleblume Mai 19, 2019 / 10:05 pm

    Vielleicht braucht gerade so ein kleines Pinguin-Kind, das auch Erfahrung mit medizinisch-kühler Sachlichkeit gemacht hat, dass sich jemand mit heissem Herzen wegen ihm reagiert?

    Gefällt 3 Personen

    • fundevogelnest Mai 21, 2019 / 9:49 pm

      Das ist ja mal eine ungewöhnliche Sicht, danke schön.
      Ich selbst kann mich so“ außer mir“ allerdings so schlecht ertragen, dass ich es nicht kultivieren möchte.
      Liebe Grüße
      Natalie

      Gefällt 1 Person

  2. Sunnybee Mai 19, 2019 / 10:29 pm

    Danke, Natalie,
    rührt mich an, dein Text und ich denke, solange du dich selbst mit so kritischer Empathie betrachtest, darf dein verwundeter Fundevogel genau das von dir lernen. Wiegt meiner Meinung nach mehr als ein Wutausbruch ab und zu, oder?
    Herzlich, Sarah

    Gefällt 2 Personen

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.