Das Rauschen in den Kronen

Der Kleine Fundevogel schläft schnuffelnd unter seiner Marienkäferlampe, die Spülmaschine brummt dezent vor sich hin. Die Großen sind nicht da.

Ich trete auf den Balkon, fülle die Vogeltränke, gieße die Kräutertöpfe, hänge Wäsche ab und Wäsche auf, wie die Gezeiten über einen alten Stein im Wattenmeer laufen die Wäschestücke regelmäßig durch meine Hände, auf den Wäscheständer und wieder herunter, Ebbe und Flut, Aufhängen und Abhängen bis in alle Ewigkeit.

Es rauscht, nicht die Gezeitenwäsche ist das, die Baumkronen rauschen, die Baumkronen, die unser Nest so kuschelig umgeben, als hätten wir es wirklich in die Äste hineingebaut zwischen Hainbuchen, Spitzahorn, Ahlkirsche und Weißdorn. Endlich rauscht ihr volles Sommerlaub wieder im Winde. Ohne dass es mir bewusst war, fehlte mir dieses Geräusche den ganzen blattlosen Winter lang wie die Schreie der Mauersegler.

Die Hühner sind krank, zwei lagen plötzlich tot im Stall, Kokzidien nennt sich diese Pestilenz, allen Hygienemaßnahmen zum Trotz, Medikamente gibt es nun und putzen, putzen, putzen. Die Eier kommen wegen der Medikamente in den Müll. Muss fast weinen beim Anblick so perfekter Eier in der Biotonne.

Und die Baumkronen rauschen,  leise hinter ihnen wiegen sich Fichten.

Was wird die Europawahl bringen? Werden demokratisch Gesonnene die rechten Fratzen einhegen können?

Dem Großen Fundevogel ist Mama schließlich mit der Nazikeule gekommen. Wenn du nicht wählst, überlässt du denen den Raum, die dich hier nicht haben wollen. Vom Rassismus hat der Große Fundevogel qua Aussehen schon das eine oder andere mitbekommen und schaut sich nun online die Parteien an. Ich wähle am besten dasselbe wie du. War das jetzt richtig oder manipulativ?, frage ich die Baumkronen.

Sie hüllen sich in salomonisches Rauschen.

Der Nachbar aus dem Erdgeschoss sitzt auf seiner Terrasse, raucht und winkt mir zu, hat wahrscheinlich seine eigenen Erfahrungen mit Rassisten gemacht.

Müde bin ich, so viel vom Kleinen gehauen worden wieder heute, so viel Wut in meinen Armen, meine frisch erblühte Iris zermatscht, soll das denn ewig so weitergehen?

Die Baumkronen rauschen und ich schmiege mich in ihre grünen Arme, geborgen fühle ich mich, dankbar, dass ich immer noch hier sein darf, hier in unserem Nest zwischen den Baumkronen.

Die Mauersegler rufen, endlich sind sie da.

Umschlossen von Rufen und Rauschen .

Am richtigen Ort.

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4 Gedanken zu “Das Rauschen in den Kronen

    • fundevogelnest Mai 29, 2019 / 11:56 pm

      Danke. Ich denke lieber an Ebbe und Flut als an den Stein des Sysiphos…

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  1. Sunnybee Mai 26, 2019 / 1:19 pm

    Wäsche wie Gezeiten: auch ich bin an diesem wunderschönen Sprachbild hängen geblieben!🙂 Ja, alles schwillt an, erreicht seinen Höhepunkt und vergeht, nur um sich neu zu formieren: Wut, Freude, Angst, Trauer, Glück!… Einen schönen Sonntag dir und deinen Lieben, Sarah

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