Eine bürgerliche Frau des 20.Jahrhunderts (ABC-Etüde)

Die Wörterspende dieser Etüdenrunde ist etwas Besonderes, dergl gab ihren Spendenaufruf weiter an drei Personen. Das Team dergl spendete:

Malkasten

torpedieren

gleitend

Die ungewöhnliche Kombination von Malkasten und torpedieren brachte bei mir sofort etwas zum Klingen, ließ mich aber zögern, denn es ist immer so eine Sache über jemanden zu schreiben, den es wirklich gibt oder gab, zumindest wenn der Text keine Hommage ist. Daher betone ich: Dies‘ sind meine Erinnerungen und Interpretationen, nicht mehr und nicht weniger, wie sie hieß, wo das Dorf und die kleine Stadt liegen und woher ich sie kannte, ist unwichtig für den Text.

Im Kommentarstrang der Etüde des Hummelwebs entspann sich ein interessantes Gespräch darüber, wie Etüden eigentlich entstehen. Einfach draufloschreiben und die Magie des Schreibens sich um die drei Wörter herum entfalten lassen, so scheinen viele Etüden verfasst zu werden.

Meine nicht. Vielleicht liegt es daran, dass ich eher selten und oft auch erst spät am Tag zum Schreiben komme. Die Geschichten materialisieren sich meist während ich irgendetwas anderes tue, im Haus oder im Garten, gern auch auf dem Weg von A nach B. oder auch während meiner Ausübung der hohen Kunst des Nichteinschlafenkönnens. Wenn ich dann endlich meines Computers ansichtig werde, muss der Text in der Regel nur noch aufgeschrieben und fast immer drastisch gekürzt werden, meine Gedanken sind geschwätzig.

Dafür machen sie nicht so viele Flüchtigkeitsfehler, die Jagd nach denen dauert fast am längsten und ist selten erfolgreich.

Christiane, dir vielen Dank, dass du dich um unser Hobby so hingebungsvoll kümmerst und die Illustration fand ich in ihrer Fabenfreude dieses Mal besonders schön.2019_2122_1_300

Sie wurde in ein junges Jahrhundert geboren noch vor dem ersten großen Krieg in einem Dorf, wie es damals viele gab. Heute lässt sein Name erschauern.

Klug war sie, lebhaft, großgewachsen, hübsch, fuhr täglich mit der Bimmelbahn in die Kreisstadt zum Gymnasium. Nach dem Abitur schickte man sie auf die Hauswirtschaftsschule, vielleicht wagte sie nicht aufzubegehren, vielleicht entsprach dieser Weg ihrem eigenen Begriff von Schicklichkeit. Als Haustochter fern den blühenden Wiesen ihrer Jugend bezauberte sie einen Studenten aus gutem Hause, Mitglied einer schlagenden Verbindung war er, schneidig und nicht arm. Gleitend vollzog sich der Übergang von einem bürgerlichen Haushalt in den anderen.

Ihre Kinde gebar sie im heimischen Dorf, das nun idyllisch neben einem Konzentrationslager lag. Nein, das war geheim, das konnte man nicht mitbekommen, beteuerte sie stets. Ihr Sohn musste ein alter Mann werden, um zu erzählen, dass sein Geburtshaus an der Straße lag, auf der eines der Fotos entstand, die fest zur Ikonographie der Grauen des 20. Jahrhunderts gehören.

Als sie ihr zweites Kind zur Welt brachte, war ihr Mann bereits in Russland vermisst. Die kleine Stadt wurde äußerlich unversehrt den alliierten Truppen übergeben. Im Haus quartierte man Flüchtlinge ein, dagegen hätte sie wohl gern aufbegehrt, aber das war zwecklos. Mehr als die Einquartierten torpedierten die amourösen Abenteuer ihres wortlos wiedergekehrten Mannes und Krankheiten ihr Glück. Eine Frau von Stand ließ sich nicht scheiden, sie lernte mitleidlos leidend anderen das Leben zur Hölle zu machen.

Als sie Enkel hatte, fand sie endlich zu ihrem Malkasten, zunächst wars ein schlichtes Ding, wie Kinder es hatten. Sie versuchte sich an naiver Malerei, doch dann malte sie  einzelne Blumen, aus dem Reichtum ihres bezaubernden Gartens und die Wiesenblumen des missbrauchten Dorfs.

Verschwiegene Schönheit malte sie, Glück, das niemanden verriet.

Kurz nachdem das schwierige Jahrhundert verschied, sank auch sie in ein blumenbedecktes Grab.

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10 Gedanken zu “Eine bürgerliche Frau des 20.Jahrhunderts (ABC-Etüde)

  1. Werner Kastens Mai 30, 2019 / 12:15 am

    Wie soll man sich da entwickeln: Tochter aus behütetem Haus, standesgemäße Heirat; verschweigen/verdrängen was in der Nachbarschaft geschah, Mann im Krieg, unerwartete Wiederkehr, Eskapaden eines Hallotries, heimlich eine Entlastung suchen müssen in einer künstlichen Welt; wahrscheinlich froh sein, wenn es zu Ende geht.
    Das Schicksal viel zu vieler Frauen in einem unseligen Jahrhundert ganz still – und damit um so eindringlicher – beschrieben!

    Gefällt 4 Personen

    • fundevogelnest Juni 1, 2019 / 10:34 pm

      Ja, unterm Strich war es wohl ein eher unerfreuliches Dasein.
      Gepaart mit wenig Talent, das Gute wahrzunehmen.
      Ich habe lange gebraucht, ihr das (innerlich) nicht mehr vorzuwerfen – und von Vergleichen zu Frauen ihrer abzusehen, die objektiv betrachtet weit mehr gelitten haben.

      Liken

  2. Christiane Mai 30, 2019 / 9:53 am

    Wegschauen ist einfacher, auf fast jedem Gebiet. Was für ein menschliches Drama, dass über so vieles einfach geschwiegen wurde und wird.
    Heute sind die Voraussetzungen andere. Ich würde gern glauben, dass das Leiden heute so nicht mehr sein muss.
    Liebe Grüße und danke dafür
    Christiane 😀😺

    Gefällt 3 Personen

  3. Myriade Mai 30, 2019 / 12:12 pm

    Wohl kein Einzelschicksal in dieser Generation. Ich finde, dass sich das Extre-kurz-Format für diese Geschichte gut eignet bzw, dass du eine wunderbare Mischung aus einfühlsam und nüchtern gefunden hast.

    Gefällt 3 Personen

    • fundevogelnest Juni 1, 2019 / 10:35 pm

      Wenn du wüsstest wie ich gekürzt habe …
      Schön, dass es trotzdem rüberkommt, reizt zu mehr Versuchen in diese Richtung.
      Danke

      Gefällt 1 Person

      • Myriade Juni 1, 2019 / 11:00 pm

        Ja, ich wundere mich immer wieder, wie sehr ein Text konzentriert werden kann.

        Gefällt 1 Person

  4. violaetcetera Mai 30, 2019 / 7:50 pm

    So manches von deiner Geschichte finde ich in den Biografien meiner Großmütter wieder. Danke, dass du es hier festgehalten hast.

    Gefällt 2 Personen

    • fundevogelnest Juni 1, 2019 / 10:39 pm

      Spannend sich vorzustellen, wie unsere Enkel (im Sinne von Generation) über uns schreiben werden, über unsere kollektiven Versäumnisse und blinden Flecken, unsere kulturellen Zwänge und kleinen Fluchten (Bloggen z.B.) …

      Gefällt 1 Person

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