Junikind — die Liebeserklärung, die noch fehlte

Die Fundevögel, der Große und der Kleine, haben diesem Blog seinen Namen gegeben.

Doch im Nest lebt noch ein sehr Geliebter, einer, der lang schon kein Kind mehr ist und doch mein Baby war, das ich Ende des letzten Jahrhunderts an einem Mittwoch noch Pfingsten gebar (nun ja, mir mühsam entrissen wurde, aber das erspare ich Ihnen).

Die Erinnerung versteht vieles zu retouchieren, mit Weichzeichnern und entzückenden kleinen Ornamenten zu versehen, da soll man sich nichts vormachen, heißt es mahnend.

Ja, ich weiß.

Es gab in der ersten Zeit mit Kind auch einiges an Tränen, Zweifeln und  Verwerfungen, nicht zuletzt mit dem Mann, ohne den es dieses Kind nie gegeben hätte.

Geblieben, im Herzen spürbar geblieben, ist die Erinnerung an das Glück der ersten Jahre, vielleicht auch das ein Grund, dass ich mich seit jeher schwer tue, mich für die Bedürfnisse von Alleinerziehenden zu engagieren oder wenigstens so zu interessieren, wie es für eine dreifache alleinerziehende Mutter naheliegend wäre.

Mein Großer, noch bevor du geboren wurdest, nahm ich dich mit auf eine lange Reise, geographisch war es die weiteste meines Lebens, doch war nicht die Fremde nicht mein Ziel, sondern zu einer ganz, ganz Vertrauten wollte ich in dieser Zeit, die damals dort studierte im Heimatland ihres Mannes am anderen Ende der Welt.

Valparaíso, die kunterbunter Stadt auf den Hügeln am Ozean, zeigte uns ihr lieblichstes, ihr freundlichstes Gesicht.

Endlos bin ich gelaufen durch diesen Sommer des Südens, am Meer entlang, durch Hügel voller Geschichten, zu freundlichen Menschen und durch fremdartige Natur und innig wurde die Verbindung zu dir.

Wieder daheim im Gartenhaus wurdest du geboren in einen nassen nördlichen Sommer hinein, der später zu einem der heißesten wurde. Deine erste Lebensstunde verbrachtest du warm in den Armen der Herzensfreundin, alle hießen dich, den ersten Enkel und Urenkel der Familie willkommen. Auch die Besitzer des Gartenhauses nahmen dich in Empfang als seist du ihr erstgeborener Enkel und so halten sie es bis heute, auch für die Fundevögel übrigens. Das Nest war geboren. Ich freue mich an der  Empathie und Fürsorglichkeit mit der du ihnen jetzt, da sie hochbetagt sind, entgegen trittst. Und auch zwischen dir und der verwandten Familie wuchs ein enges beständiges Band, das du fürsoglich hegst, sehr viel fürsorglicher als ich das in deinem Alter für angemessen hielt

Wie ein Traum scheint dieser  erste  Sommer, in dem die Pfauenaugen bei uns scharenweise an der Decke übernachteten, die Fülle des Gartens und der Freundschaften endlos schienen und du größer wurdest und die Welt mit argloser Neugier entdecktest, deine Lust am Lernen und Entdecken war grenzenlos. Erst die Fundevögel lehrten mich diese scheinbar allen Kindern gegebene Fähigkeit als Kostbarkeit zu würdigen. Wer Unbekanntes in erster Linie als bedrohlich und überwältigend erlebt, geht anders in die Welt, als der, der sie zuallererst als freundlichen Ort erleben darf.

Nicht alles hat immer geglitzert, wir hatten so ziemlich jede typische Eltern-Kind Auseinandersetzung, einmal habe ich voller Wut den Besteckkorb der Spülmaschine nach dir geworfen habe. Das ist mir bis heute peinlich. Der erste Versuch dich in einer Kita unterzubringen schlug gründlich fehl, Hals über Kopf mussten mir andere Lösungen einfallen, da ich wieder arbeiten musste. Du nahmst wahr, dass ein Vater in deinem Leben fehlt und dass dieser keinen Kontakt aufnehmen wollte, das Gartenhaus wurde zu klein für uns, wobei wahrscheinlich weniger dich das fehlende Kinderzimmer störte, als mich das Gefühl in einem Kinderzimmer zu leben.

Der größte Angriff auf dein Glück war wahrscheinlich der Einzug des Großen Fundevogels. Das Leben mit dir hatte meine Freude am Leben mit Kindern wachsen lassen, Lust auf mehr Familie gemacht, auch du freutest dich unbändig auf deine kleine Schwester. Die aber so bedürftig war, dass sie alles, wirklich alles, was ich zu geben hatte, in sich aufsaugen musste und jeden Fitzel davon mit Zähnen und Krallen verteidigte. Jeden Freiraum für dich musste ich freischaufeln.

Und du warst ja erst acht.

Immerhin schon acht, könnte ich mit Blick auf andere Pflegefamilien auch sagen. Manche sind erst vier. Oder zwei. Allen, die Pflegekinder aufnehmen möchten, rate ich an dieser Stelle, lassen Sie den Altersabstand zu Ihren anderen Kindern so groß wie möglich sein. Ein Kind mit Geschichte aufzunehmen ist nicht wie ein weiteres willkommenes, arglos neugieriges Wesen in die Welt zu setzen. Die wenigsten Pflegekinder sind Menschen, die Welt als einen zuallererst freundlichen Ort erleben  durften. Es sind fast immer verstörte Seelen, die unter Umständen auch Verstörendes tun. Und es dort tun, wo Sie Ihre anderen Kinder nicht gänzlich davor bewahren können

Zu den Geschenken meines Lebens, für die ich tiefe Dankbarkeit empfinde, gehört, dass dich der Einschlag des Großen Fundevogels nicht zerstört hat, sondern du dir deine innere Ruhe, die ich schon als Baby an dir bewunderte, nicht hast nehmen lassen. Dein Blick auf die Welt ist ein freundlicher, gelassener, toleranter geblieben. Wenn ich auch nicht mehr auf die große geschwisterliche Liebe zwischen Dir und dem Großen Fundevogel zu hoffen wage, ist da aber auch  kein Hass, keine Missgunst im Nest gewachsen, sondern ein irgendwie friedlich miteinander Herleben. Wahrscheinlich ist das viel.

Als mehr als zehn Jahre später der Kleine Fundevogel am Horizont auftauchte, warst du kritisch. Nahmst am Gespräch im Jugendamt teil und ließt ihn dann ganz in dein Herz. Die Liebe zwischen euch beiden ist herzerwärmend. und du bist der beste – ja, bezahlte- Babysitter, denn ich habe, kommst gut klar mit den Besonderheiten des Kleinen. Auf ihn hört er besser als auf dich, wird mir manchmal süffisant hinterbracht.

Nun hast du die längste Zeit im Nest gelebt, hoffst darauf endlich eine Wohnung oder ein WG-Zimmer zu finden, du gehst deinen unglaublich vielfältigen Interessen nach, engagierst dich gern an Stellen, an denen du etwas bewegen kannst.

Ich freue mich darauf aus der Ferne noch manches von deiner Geschichte mitlesen zu dürfen.

Und ich erfreue mich daran, immer wieder zu den besonders geliebten Kapiteln zurückzublättern, zu endlosen beim Spazierengehen erfunden Geschichten, zu deinen vielen oft überraschenden Fragen, den geliebten Meerschweinchen, zu kuriosen Bastelarbeiten und auch  deinen Freunden, die das Nest zum Teil sehr ausdauernd bevölkerten.

Möge dir deine innere Unversehrtheit ein Leben lang erhalten bleiben.

Ich freue mich immer über Likes und Kommentare zu meinen Texten, muss aber darauf hinweisen, dass WordPress.com – ohne dass ich daran etwas ändern könnte — E-Mail und IP-Adresse der Kommentierenden mir mitteilt und die Daten speichert, verarbeitet und an den Spamerkennungsdienst Akismet sendet. Ich selbst nutze die erhobenen Daten nicht (näheres unter Impressum und Datenschutz). Sollte das Löschen eines Kommentars im Nachhinein gewünscht werden, bitte eine Mail an fundevogelnest@posteo.de, meistens werde ich es innerhalb von 48 Stunden schaffen dieser Bitte nachzukommen.

 

 

 

 

10 Gedanken zu “Junikind — die Liebeserklärung, die noch fehlte

  1. wildgans Juni 20, 2019 / 11:22 am

    Eine schöne Art Brief, sogar gespickt mit dem Wurf eines Besteckfaches, eieiei. Menschenskinder, hat mir dieser Text gefallen!

    Gefällt 2 Personen

    • fundevogelnest Juni 21, 2019 / 9:03 pm

      Ja, Kinder verzeihen ihren Eltern erstaunlich viel, ich hatte allerdings auch nicht getroffen.

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  2. Myriade Juni 20, 2019 / 2:48 pm

    Wie schön, dass der Student der Geowissenschaften, so liebevoll empfangen wurde und nun selbst den Weg der Menschlichkeit eingeschlagen hat.

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