Der Frau Magister ganz wunderbare Ferien

Teilt man sein Leben mit Kindern ab etwa fünf Jahren aufwärts und trifft dann Menschen, auf die das auch zutrifft, landet das Gespräch über kurz oder lang bei dem Thema Schule im Allgemeinen und bei den dort Arbeitenden im Besonderen.

Unmöglich, vollkommen unfähig, überfordert sind Vokabeln, die in diesen Gesprächen häufig fallen. An Lehrern und Lehrerinnen kein gutes Haar zu lassen scheint fast so beliebt zu sein wie verbal über Menschen hererzufallen, die sich in der Kommunalpolitik abrackern.

Es manchen Eltern recht zu machen, muss fast unmöglich sein.

Ich bin auch schon an Menschen dieses Berufsstandes verzweifelt. Ich selbst bin ausgespochen ungern zur Schule gegangen, war aber immer eine Schülerin mit akzeptablen Leistungen und ansonsten wahrscheinlich völlig unauffällig, habe also wenig Stress mit Lehrern gehabt, diesen aber manches Mal ungläubig bei anderen mit angesehen, Freundinnen in existentielle Krisen stürzen sehen. Obwohl die meisten, die ich kannte, ihre Eltern deutlich mehr zu fürchten hatten als ihre Lehrer- und das erschreckt mich bis heute.

Als Mutter hatte ich schon eine heulende Lehrerin am Telefon, die jegliche Distanz zu meinem Kind verloren zu haben schien. Lehrerteams, die es chic fanden sich von Fünftklässlern duzen zu lassen und sich hinterher wunderten, dass sie keinen Fuß mehr an die Erde bekamen, andere, die unter Inklusion verstanden, das behinderte Kind quasi durchgehend im Nebenraum mit niveaulosen Extraaufgaben zu beschäftigen oder die als Krankheitsvertretung die Klasse bequemerweise einen Horrorfilm sehen ließen, der uns einen ganzen Satz schlafloser Nächte bescherte – das war übrigens das einzige Mal, dass Frau Fundevogel zur Schulleitung gerannt ist und gepetzt hat. Der Herrn Vertretungslehrer hatte sich dann mit seiner Bequemlichkeit ziemliche Unbequemlichkeiten eingehandelt.

Aber es gibt auch die anderen: Die Klassenlehrerin meines Sohnes in der Sekundarstufe zum Beispiel: Bei der Einschulung dachte ich noch, hoppla, die ist gewiss streng, war sie auch, aber sie hat jedes Kind in ihrer sehr vielfältigen Klasse individuell gesehen und von ihm nur verlangt, was es geben konte, das aber unnachgiebig, ihr lag die Inklusion quasi im Blut. Das Grundschulteam des Großen Fundevogels war auch wunderbar, drei gestandene Frauen, die allen lärmenden Quirligkeiten unbeirrbar gegenüberstanden, den Fundevogel gegen aufgebrachte Eltern verteidigten und bei denen das Kind mehr Kulturtechniken lernte, als ich je zu hoffen wagte.

Und eben die jetztige Frau „Magister“, Lehrerin einer Berufsschulklasse für Menschen ohne Schulabschluss, die letzte Abfahrt vor der Werkstatt für Behinderte gewissermaßen. Die Frau Magister muss ihren Beruf und die ihr Anvertrauten wirklich lieben und dazu das Gemüt eines Schaukelpferds haben. Mein Kind im letzten Jahr unterrichtet zu haben, stelle ich mir vor wie Kleister mit bloßen Händen in eine Flasche zu füllen. Und dann nicht zu sagen, du bist volljährig, sieh‘ zu wo du bleibst, wer nicht will, den kann man zu seinem Glück nicht zwingen, sondern jede minimale Bemühung anzuerkennen, den Glauben nicht verlieren, sehen, was unter einem Berg lebensgeschichtlichen Mülls verschüttet ist, die quasi unsichtbar gewordenen Fähigkeiten registrieren und geduldig immer wieder abzuverlangen, wie eine Löwin mit dem Kind, nein, für die zaudernde Jugendliche um den gewünschten Praktikumsplatz kämpfen, mit der durchaus erschütterbaren Zuversicht, dieser Platz werde endlich die Motivation bringen – das alles ist für mich Größe, pädagogische Größe und menschliche dazu.

Ich bin mir nicht sicher, ob diese Ausbildung noch zwei Jahre lang durchzuziehen ist, aber dass das erste Jahr überstanden ist, verdanken wir der Frau Magister.

Da das Opfer aller ihrer Bemühungen das wahrscheinlich nicht sehen kann, habe ich der Frau Magister heute gedankt.

Und wünsche ihr sechs wohlverdiente Ferienwochen.

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15 Gedanken zu “Der Frau Magister ganz wunderbare Ferien

  1. noelana1992 Juni 24, 2019 / 8:42 am

    So ehrliche Worte! Leider denken ganz viele Eltern, sie hätten die Pädagogik mit Löffeln gegessen, nur weil sie eins-zwei-drei-viele Kinder großgezogen haben. Den Unterschied zwischen Eltern-sein und Pädagog*in-Sein erkennen leider nicht viele. Damit meine ich nicht, dass jede Lehrkraft auch pädagogisch fit ist. Das sind sie oft nicht und das kommt in der Ausbildung auch meist viel zu kurz. Und dennoch versuche ich wo es geht Situationen von allen Seiten zu betrachten und erst eine eigene Meinung zu bilden, wenn ich mir meiner Position sicher bin. Im Zweifel für den Zweifel 😉

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    • fundevogelnest Juni 27, 2019 / 11:38 am

      Trotzdem bekommen Elten ja mit, wenn es mit der Pädagogik nicht klappt, wenn die Klasse über Tische und Bänke geht, behinderte oder sonstwie ungewöhnliche Kinder gemobbt werden, ohne dass die Klassenleitung eingreift etc.
      Selbst wenn wir es nicht unbedingt besser könnten.
      Und man realisiert eben auch, wenn es gut läuft, selbst wenn es sich nicht im Zeugnis biederscglägt, um mal bei meinem Kind zu bleiben.
      Liebe Grüße
      Natalie

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  2. dergl Juni 24, 2019 / 9:11 am

    Solche gibt es auch, sie stechen nur leider bei der Masse von all denen, die ihren Job aus welchen Gründen auch immer nicht gut machen nicht hervor. Wir hatten diese ätzende Lehrerin in der Grundschule, der die Kind-Eltern mit Anzeige drohen mussten, da „taubstumm“ nun mal eine strafrechtlich relevante Beleidigung ist und sie das nicht einmal, sondern immer wieder sagte, so nach dem Motto „Geht mir am Arsch vorbei“ [so ähnlich hat sie es auch vor der Schulleitung begründet, bei der wir mehrmals waren]. Aber wir hatten auch den Lehrer, der das Krippenspiel organisierte und sowohl das Kind als auch ein damals frisch in Deutschland angekommenes Kind sofort mit reinholte und das als diverse Eltern deshalb motzten einfach nur mit „Zur damaligen Zeit gab es sicher nicht nur eine Sprache bei der Volkszählung“ begründet hat und die Lehrerin die ein Projekt mit den Kindern einer Paralellklasse machte, in dem Kinder aus anderen Kulturen interviewt werden sollten. Kinder, die kein Interviewkind gefunden haben wurden von ihr an die behinderten Kinder der Schule verwiesen: „Frag da doch mal. Der X. spricht eine ganz andere Sprache, die Y. nimmt immer Medikamente und der/die Z. hat immer besondere Sachen an, vielleicht erzählen die dir, was bei ihnen anders ist.“

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    • fundevogelnest Juni 27, 2019 / 3:01 pm

      Liebe dergl,
      Das größte Problem ist meines Erachtens die Macht , die in diesem Beruf liegt, ähnlich wie bei Ärzten, Erziehern in Kitas und Heimen und Behördenmitarbeitern.
      Einzelnen Menschen gibt eine Institution die Möglichkeit anderen Menschen das Leben zur Hölle zu machen oder eben ihre Macht positiv einzusetzen.Dann hat man halt Glück.
      Das Bewusstsein für dieses Machtgefälle ist bei denen, die die institutionelle Macht in sich haben, gering, das Bedürfnis diese Strukturen zu ändern auch.
      Ich stelle mir das konkret auch nicht ganz einfach vor.
      Liebe Grüße
      Natalie

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  3. violaetcetera Juni 24, 2019 / 3:03 pm

    Ich bin Lehrerkind eines Lehrers, der sich immer um jeden einzelnen seiner Schüler bemüht hat. Lehrer sein bedeutet, sich permanent zwischen vielen Fronten zu bewegen, Dankbarkeit ist oft Fehlanzeige. Es ist natürlich auch so, dass es Lehrer gibt, die besser nicht in diesem Beruf arbeiten würden, aber ein einfacher Job ist es nicht und so mancher flüchtet sich in Zynismus oder Gleichgültigkeit. Vielleicht hat dein Danke ja die Lehrerin darin bestärkt, weiterhin so engagiert zu bleiben und nicht nachzulassen in ihren Bemühungen um ihre Schüler.

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  4. Myriade Juni 24, 2019 / 3:05 pm

    Es gibt sehr viele engagierte Lehrer*innen und sehr viele schwierige und schwierigste Aufgaben, zu denen oft auch das Verhältnis zu Eltern zählt. Schön, dass es dein großer Vogel gut getroffen hat

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  5. Gwen Juni 28, 2019 / 5:33 am

    Auch wir kennen die gesamte Bandbreite von wunderbaren Lehrern bis hin zu wutschnaubenden „Augen auf bei der Berufswahl“ – aus eigener Schulzeit und aus der des Kindes. Da war alles dabei.
    Aber eben nicht nur bei den Pädagogen, sondern auch bei Eltern. Und es wird immer schlimmer.

    Meine mittlerweile studierende Tochter hat, eigentlich von klein auf, den Beruf „Grundschullehrerin“ auf der Stirn stehen. In Leuchtbuchstaben. Ich habe noch nie einen Menschen gesehen, der quasi in Sekunden einen Draht zu Kindern hat. Und echtes Talent im Erklären.
    Aber sie sagt ganz klar: ja, sie würde es gern machen. Gerade Grundschule. Aber sie tut sich das Theater mit den ewig besserwissenden und zum Anwalt rennenden Eltern nicht an. Punkt.
    Kann ich verstehen.

    Schade drum.

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    • fundevogelnest Juni 30, 2019 / 11:02 pm

      Liebe Gwen,
      Danke für diese Erfahrungen.
      Dass an der Schule meiner Tochter viele besserwissende und zum Anwalt rennende Eltern vorkommen, glaube ich nicht. die meisten Schüler sind ohnehin volljährig und viele wirken eher so, als hätten die Eltern sich nie gekümmert.
      Da ist so eine engagierte Lehrerin noch wertvoller.
      Vielleicht hätte sich Ihre Tochter an solch einer Schule wohl gefühlt – aber sie wird schon wissen, was sie tut.
      Einen schönen Sommerabend noch.
      Natalie

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  6. wechselweib Juli 28, 2019 / 7:10 am

    Ich bin selbst Lehrerin und habe Glück: Landgymnasium mit insgesamt sehr netten Schülern und Eltern.

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    • fundevogelnest August 1, 2019 / 8:37 pm

      Das freut mich sehr zu lesen.
      Wie so oft bleibt das was gut läuft weitgehend unbekannt.
      Ich bin Krankenschwester und immer eieder sind Leute erstaunt zu hören, dass ich mit meiner Arbeit ganz zufrieden bin.
      Herzlich wilkommen im Fundevogelnest, ich war auch schon zum Gegenbesuch da.
      Einen schönen Abend wünscht
      Natalie

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      • wechselweib August 2, 2019 / 7:57 pm

        Ich kann mir gut vorstellen, dass der Beruf der Krankenschwester erfüllend sein kann.

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