Weil du gefragt hast …

… wofür ich dankbar bin, genauer gesagt: Wofür in meinem Leben ich am meisten dankbar bin.

Und ich konnte diese Frage nicht so richtig beantworten, mäanderte und schwafelte herum.

Für die Kinder. Natürlich. Dass sie leben, mir vertrauen, ihren Weg irgendwie gehen.

Für Freundschaften, für alle Menschen, die mir wichtig sind und denen ich etwas bedeute.

Für Haustiere auch. Durchaus.

Für alles was ich an Liebe, Selbstlosigkeit, Trost, Verzeihen, Zärtlichkeit und Solidarität erfahren durfte.

Für alle Geschichten, die erlebten, die erzählten, die gelesenen, geschriebenen und hinterbrachten.

Überhaupt zu leben, immer noch zu leben, wobei ich doch meine Geburt schon fast nicht überlebt hätte.

Dafür auf diesem noch immer wunderbaren Planeten zu leben, seine Schönheit und Verwundbarkeit wahrnehmen zu können.

Dass ich in diesem Sommer wieder die schrillen Schreie der Mauersegler beim Schreiben hören darf und wenn ich aufblicke mehr von ihnen als all‘ die Jahre zuvor ihre Kreise ziehen sehen darf. Sie sind nämlich doch noch gekommen.

Und wofür nun am meisten?

Alles gleich, alles auf seine Weise, antworte ich, ein bisschen patzig, über so idiotische Fragen, wie welche deiner Freundinnen, welches deiner Kinder hast du am liebsten?, weigere ich mich schon lange nachzugrübeln.

Aber heute, Wochen später, beim Gurken gießen, weiß ich auf einmal die Antwort auf deine Frage, kann die größte Gnade, die mir in meinem bisherigen Leben zuteil wurde benennen:

Keine meiner vielen Unzulänglichkeiten, keiner der unzähligen Fehler, die ich aus Unachtsamkeit, Fahrigkeit, falscher Selbsteinschätzung, Gutgläubigkeit, Wut, verletzter Eitelkeit Übermüdung oder was auch immer begangen habe, war wirklich fatal.

Es gab Fehler, die brachten Zorn über mein Haupt, die gingen ins Geld, ich habe mir den Mittelhandknochen gebrochen und vertraut, wo es nichts zu vertrauen gab. Es gab fehlernährte Hühner, abgestürzte Bienenwaben, Brandblasen, Schrecken, Tränen, Streit, Scham und persönliche Verletzungen.

Alles wurde irgendwie wieder heile, ersetzt, repariert, renkte sich ein, wurde verziehen oder wenigstens vergessen.

Aber kein Kind unter meiner Aufsicht ertrunken.

Bei der Arbeit keine tödliche Infusion verabreicht.

Vergessene Kerzen haben sich benommen.

Im Verkehr konnten alle rechtzeitig bremsen.

Kurze Unaufmerksamkeit kann so schnell tödlich sein, zart ist unser aller Lebensfaden.

Entgleiste Züge, totgeborene Kinder, gesunkene Tanker, havariertes Atomkraftwerk – und immer wieder menschliches Versagen. Fassungslosigkeit auf allen Kanälen über solche Unzulänglichkeiten, Hass, selten Erbarmen, das überhebliche wie kann man so doof sein, schallt wie Pfeifen im Walde. Weiß doch eigentlich jeder wie unzulänglich wir Menschlichen sind. Immer wieder trifft es die, die es besonders gut machen wollen.

Vergib uns unsere Schuld, heißt es im uralten Gebet.

Doch welche kann gottverlassener sein, als die, die solche Schuld auf sich lud in einer Sekunde des unverzeihlichen Leichtsinns. Alles wäre vergiftet hernach, keine Dankbarkeit, keine Freude wäre mehr unversehrt. Alles an Mitleid und Trost würde schal sein, denn die Tröstenden wüssten ja was geschah.

Und selbst in einem anderen Land,  in eine anderen Existenz hätte man die Schuld, die ohne eigenen Plan und Bosheit entstand, im Gepäck.

Und sind die, die mit ihrem Versagen so unerträglich kaltschnäuzig umgehen, vielleicht bloß innerlich zu Stein geworden, um nicht zu zerfallen?

So stelle ich mir das vor.

Ja, das ist die Antwort auf deine Frage. Meine größte Dankbarkeit ist, mir das alles nur vorzustellen.

Und mein größter Wunsch, ein Leben lang davonzukommen, dem menschlichen Versagen zu entgehen durch Umsicht, Geschick und Gnade.

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13 Gedanken zu “Weil du gefragt hast …

    • fundevogelnest Juli 20, 2019 / 11:10 pm

      Ja,denn so sorgfältig und geschickt kann niemand sein, dieser Gnade nicht zu bedürfen.

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  1. puzzleblume Juli 17, 2019 / 10:13 am

    Wie eine dusselig-flache Frage mit so viel unmutbeflügeltem Tiefgang doch in die Seele pflügen kann und beim Lesen genau die richtigen Seiten anschlägt.

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    • fundevogelnest Juli 20, 2019 / 11:13 pm

      Soo dusselig fand ich es gar nicht, mich hatte nur dieses „am meisten“ so gestört, erst so gestört muss ich in diesem Fall sagen, dann hat es den Gedanken doch noch auf die Sprünge geholfen.

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      • puzzleblume Juli 21, 2019 / 8:28 am

        Das war aus dem Text klar hervorgegangen., dass ein „Ranking“ vorzunehmen das Problem mit der Fragestellung war, nicht die Frage an sich.
        Abgesehen von dem konkreten Beispiel gibt es meiner Ansicht nach sowieso nichts, was den Gedanken nicht auf die Sprünge helfen könnte, und für mein Teil habe ich schon oft festgestellt, dass eine Reibung mit den eigenen Denkgewohnheiten dazu besonders geeignet ist.

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  2. violaetcetera Juli 17, 2019 / 3:31 pm

    Ich bewundere alle, die damit leben müssen, vom Leben einfach gnadenlos erwischt worden zu sein. Du beschreibst es sehr gut.

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    • fundevogelnest Juli 20, 2019 / 11:18 pm

      Für mich fast unvorstellbar nach so einer Katastrophe wieder Selbstachtung und Lebensfreude zu erlangen. Umso mehr wünsche ich das allen, die ohne böse Absicht schuldig wurden.

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  3. Sunnybee Juli 17, 2019 / 9:44 pm

    … und ich finde die Frage nach der Dankbarkeit nicht „dusselig“ oder gar seicht, wie eine der Vorrednerinnen meinte, jedenfalls, wenn man, wie du offensichtlich, sie nicht als Floskel liest. Danke für diese tiefgründige Antwort! Ich habe persönlich allerdings die Hoffnung, dass selbst Menschen, die (unbeabsichtigt) so schreckliche Dinge bewirken, Erlösung von ihren Schuldgefühlen finden können. Ich finde, wir leben, um zu erblühen und nicht, um unter der Last unserer Fehler zusammenzubrechen. Herzliche Grüße, Sarah

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    • fundevogelnest Juli 20, 2019 / 11:31 pm

      Ich hatte deine Blogparade zumindest nicht im Hinterkopf, sonst hätte ich das auch so benannt.Wobei etwas das NICHT passiert ist, als größtes Geschenk zu betrachten, zumindest formal etwas ungewöhnlich ist.
      Ich weiß, dass du mich schon mehrfach persönlich zu Blogparaden eingeladen hast.
      Ich tu mich da gerade etwas schwer mit, nicht nur bei dir.. Ich blogge ja – wie du vielleicht auch – in Zeit, die ich eigentlich nicht habe und dann doch am ehesten über Themen, die sich mir gerade innerlich aufdrängen und nicht über „Angefragtes“, ich versuche das immer mal wieder und verwerfe das Geschriebene meist.
      Nimm es also bitte nicht persönlich.
      Natalie

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      • Sunnybee Juli 21, 2019 / 12:05 am

        Hey Natalie,
        keine Sorge, nehme sicher nichts persönlich und ich glaube, da hast du mich jetzt falsch verstanden. Ich hatte mich nur an das Thema der Blogparade erinnert gefühlt. Sie ist ja auch schon „geschlossen“ (war, glaube ich, von Anfang des Jahres), also war das gar keine Aufforderung zum Mitmachen. Liebe Grüße zurück, Sarah

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