Proud & platt

Power-Spin-off-was-weiß-ich-Yoga, Marathon, Iron Man – kann man alles machen. Aber wenn man mal so richtig ausgepowert und platt vor Erschöpfung sein will, empfehle ich den Besuch des CSD mit vier aufgeregten Jugendlichen und einem hyperaktiven Kleinkind mit Weglauftendenz.

Ohne Erwachsenenbegleitung hätte die Fundevogelfreundin  (nein, ich soll schreiben Verlobte) nicht mitgedurft und da sie gerade — wie den Großteil des Sommers — hier weilt, war es Ehrensache mitzukommen.

Einhörner tanzen in Netzstumpfhosen. Wasserstoffblonde Engel breiten ihre schwarzen Flügel aus. Überall Farbe, Glitzer und Freundlichkeit. Wer mit großem Rucksack durch eine dichte Menschenmenge einem Kleinkind hinterherrennt und immer noch auf Wohlgesonnene stößt, ist unter außergewöhnlich freundlichen Menschen gelandet.

Politisch wichtig ist der CSD natürlich sowieso. Ich erinnere mich gut daran, wie zu meiner Schulzeit über die Lesben der Klasse gezischelt wurde. Wie ich zur Feier des 25. Jahrestages meines Schulabschlusses irgendwie traurig war, dass meine hochgeschätzte Lehrerin ihre  Homosexualität erst als Rentnerin offen zu zeigen wagte. Zu Schulzeiten wurde wohl auch schon allerhand gemunkelt, aber das ging an mir vorbei. Meine Wertschätzung hätte dieses Wissen weder erhöht noch gesenkt.

Ich erinnere ein Gespräch mit meiner Mutter, weil ich nicht verstand, dass irgendein hohes Bundeswehrtier seinen Posten räumen musste, weil seine Homosexualität ruchbar wurde. Das ändert doch nichts an seiner Qualifikation, argumentierte ich. Aber sie bestand darauf, dass ich verstehen müsse, dass es sein müsse, wegen Erpressbarkeit und so.

Eigentlich wollte ich sie bei der Vereidigung des schwulen Außenministers an dieses Gespräch erinnern, habe uns das aber erspart.

Ich habe solche Vorbehalte nie verstanden.

Und es graust mich die Vorstellung wie Menschen, weil sie schwul, lesbisch, trans … sind, in manchen Ländern wegen dieser für das Funktionieren einer Gesellschaft völlig belanglosen Eigenschaft mit Folter und Tod bedroht werden. Was sie mit euch Vieren machen würden, wenn ihr wo anders, wann anders geboren wärt.

Dagegen zu protestieren ist richtig und gut.

Aber ich merke so massenhaft explizit zur Schau gestellte Sexualität, welcher Ausrichtung auch immer, ist wirklich nichts für mich.

Große laute Menschenmengen zwischen hohen Häuserfronten auch nicht. Fühle mich ausgeliefert, schutzlos. Nachrichten über Selbstmordattentate machen schon etwas mit mir, die Verwundbarkeit des Menschen fällt mir selten so auf wie auf Demos.  Ich sehe den Ersten Bürgermeister im rosa Hemd und seine Stellvertreterin keine zwei Meter an uns vorbeilaufen. Das ist bürgernah. Warum sind sie nur im Rathaus dann so unerreichbar verschanzt?

Diese Unmengen von Müll und Plastikglitzerfolien sind auch nichts für mich. Leuten,die sie brauchen, werden die Plastikstrohhalme verboten und heute werden tausende stohhalmartige Fähnchenstiele achtlos zertreten. Jedenfalls die, die der Kleine Fundevogel nicht in Riesenssträußen nach Hause trägt. Und von den Konfettikanonen wird im Fundvogelnest noch lange gesprochen werden. Ich gebe zu, sie sehen schon toll aus, diese ganzen metallbedampften Plastikfetzen.

Am Ende kaufen wir Pommes und eine Transflagge, ich kannte bis heute ja nur die Regenbogenfahne, aber es gibt welche für trans, lesbisch, queer… Die Frage ob es auch Flaggen für Leute gibt, die eigentlich gar nichts wollen, bleibt unbeantwortet und ist vielleicht auch ein bisschen widersinnig.

Nein, ich habe meine leichtfertige Zusage heute nicht nur bereut.

Mein großer Dank geht an Euch vier, eure Lebensfreude, eure Lachen, eure Bereitschaft den Kleinen Fundevogel stundenlang auf euren Schultern zu tragen, euer verlässliches Warten bei allen Pinkelpausen, eure Herzlichkeit und Offenheit  gegenüber dem Anstandswauwau, den ihr wahrscheinlich lieber nicht dabei gehabt hättet.

Und als heute ein ziemlich penetrantes kleines Mädchen den Kleinen Fundevogel belehren muss, dass er als Junge auf gar kein Fall ein Augenpflaster ( zur Behandlung des Schielens) mit einem rosa Schmetterling tragen darf und auch mein Standardargument es gibt ja auch Schmetterlingsmänner nicht zieht, wird sie von ihrer entnervten Oma ins Auto verfrachtet und unser Lachen riesengroß.

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17 Gedanken zu “Proud & platt

  1. Myriade August 4, 2019 / 10:59 pm

    Fast hätte ich die Parade auch erlebt, aber leider bin ich einen Tag vorher nachhause gefahren.

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    • fundevogelnest August 6, 2019 / 10:12 pm

      Nun habe ich gerade die völlig abwegige, ziemlich erheiternde Vorstellung, wie die Frau Myriade und die Frau Fundevogel sich kennenlernen, weil die Frau Fundevogel mit ihrem großen Rucksack unter einer Viertelmillion Menschen ausgerechnet die Frau Myriade fast umrennt …

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      • Myriade August 6, 2019 / 10:17 pm

        …. die ebenfalls mit einem nicht besonders kleinen Rucksack herumrennt *lach* Hätte mich gefreut mit oder ohne Rucksäcke

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  2. Christiane August 4, 2019 / 11:44 pm

    Ich kann dich gut verstehen, glaube ich. Auch ich mag keine Menschenmassen, aber auch ich habe die Parade schon mal so erlebt, wie du sie schilderst: laut, schrill, offen, freundlich.
    Liebe Grüße zur Nacht
    Christiane

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  3. Elke H. Speidel August 5, 2019 / 6:41 am

    Ja, verstehe ich auch. Und ich bin auch sehr für „offen und freundlich“, aber grusele mich vor „laut und schrill“, dafür bin ich zu introvertiert. Ich war in meinem Leben nur ein einziges Mal auf einer Demo, voller Angst im Herzen, so gut maskiert wie möglich, aus persönlichster, dringlichster Betroffenheit gegen einen rumänischen Tyrannen. Nicht in Rumänien, dafür wäre ich viel zu feige gewesen, sondern in Deutschland, aber immerhin vor der rumänischen Botschaft. Nein, Konfetti gab es nicht. Auch keine auffälligen bunten Kleider. Es war kalt. Wir versteckten uns hinter Schals und Mantelkrägen. Nichts war offen, nichts war freundlich, da war nur Verzweiflung und Furcht und Bedrohung. Und Securitate-Leute an allen Ecken, davon waren wir zumindest überzeugt, auch wenn ich es nicht belegen kann. Ich freue mich deshalb, dass eine Demo auch so fröhlich und farbig sein kann wie CSD, obwohl es mir selbst zu schrill und zu laut ist, um daran teilzunehmen. Es ist wunderbar, einfach zeigen zu dürfen, dass man dazugehört, seine Zugehörigkeit feiern zu können, ohne de jure Strafen und staatlich angeordnete Sanktionen für sich und seine Angehörigen fürchten zu müssen (auch wenn das derzeit im Fall der CSD-Szene GESELLSCHAFTLICH leider noch nicht gesichert und genau deshalb CSD mehr als berechtigt ist).

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    • fundevogelnest August 6, 2019 / 11:22 pm

      Liebe Elke,
      wie schon so oft danke ich dir für deine Erfahrungen, die so anders sind als meine.
      Ich bin in meinem Leben auf ich weiß nicht mehr wievielen Demos gewesen, ich habe Demos angemeldet, Busse organisiert, bin als Sanitäterin dabei gewesen.Es ging immer entweder um Umweltthemen und/oder Menschenrechte.
      Ich habe eine große Bandbreite an Stimmungen erlebt, auch durchaus unangenehme, Polizisten und Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Teilnehmenden, wobei beide Seiten nicht gewaltfrei waren.
      Trotzdem war mir immer bewusst wie priviligiert meine Lage als Bürgerin dieses Landes ist.
      Das andere viel, viel mehr riskieren und man sich hier auf seinen Mut sich nicht gar zu viel einbilden muss.
      Ich erinnere die mexikanische Anwältin Digna Ochoa, die die Beste Freundin auf einer Veranstaltung in Hamburg übersetzen und mit der wie hinterher Hamburg-Sightseeing waren. Kurz darauf wurde Digna in Mexiko-City ermordet.
      Und einer ihrer Mandanten, der Landwirt Felipe Arriega, der gemeinsam mit seiner Frau Celsa und anderen Verbündeten gegen illegale Abholzung protestierte und über 7600 Bäume pflanzte kam bei einem Autounfall auf einer kaum befahrenen Straße um.
      Auch Felipe und Celsa sind hier gewesen, haben für ihre Sache gestritten, an unserem Tisch gesessen,in unseren Betten geschlafen , mit meinen Kindern gespielt.
      Ich werde sie nie vergessen.
      Wer auch bei den Veranstaltungen in Deutschland evtl mit böser Absicht im Publikum saß wird nie einer wissen.
      Aber sie waren sich des Risikos bewusst.
      Auch die CDD- Teilnehmenden aus Russland, Ugandea, Iran, díe auf der Demo offen die Homphobie in ihren Herkunftsstaaten thematisieren werden nicht von ihnen Wohlgesonnenen wahrgenommen worden sein.

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  4. dergl August 5, 2019 / 11:38 am

    Die Frage ob es auch Flaggen für Leute gibt, die eigentlich gar nichts wollen, bleibt unbeantwortet und ist vielleicht auch ein bisschen widersinnig.

    Was meinst du für Leute? Meinst du Leute, die asexuell oder aromantisch sind oder meinst du Leute, die sich selber überhaupt nicht als queer definieren, aber das sind was man im englischen „Allies“ nennen würde? Die Aces (asexuell) und Aros (aromantisch) haben Flaggen – wobei ich die Leute verstehen kann, die sich fragen ob es denn immer noch eine und noch eine braucht und ob man die Szene nun wirklich öffnen muss, ich selber [gleich werde ich gesteinigt] habe da keine Meinung zu -, zumindest als ich jung war gab es zumindest in der amerikanischen Szene auch Flaggen für „Allies“. Wenn es das noch gibt, müsste es gut 20 Jahre später auch in Deutschland angekommen sein.

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    • Myriade August 5, 2019 / 11:44 am

      Oh , liebe dergl, was sind den Aromantische ? Womöglich gehöre ich da dazu und weiß es gar nicht

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      • dergl August 5, 2019 / 11:56 am

        Schaust du mal hier: https://queer-lexikon.net/2017/06/15/a_romantik/

        Die gehören zu den Leuten in der queeren Community, die durchaus heterosexuell (!) sein können, wie die Asexuellen auch und schon das ist ein Zankapfel: Akzeptiert man nun Heteros in der Community oder nicht? Kann zu nervenaufreibenden Diskussionen führen, weswegen ich mich da heraushalte.

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        • Myriade August 5, 2019 / 12:01 pm

          Wäre es nicht schön wenn jede/r einfach so sein dürfte , wie sie/er ist, ohne dass man hunderte Gruppen und Untergruppen schafft. Nur eine rhetorische Frage 🙂

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          • dergl August 5, 2019 / 12:06 pm

            Die Frage ist auch als rhetorische schwer, weil Menschen oft es brauchen, als das sie sich eindeutig identifizieren können um sich als ganzes Wesen zu begreifen, besonders was Sexualität angeht, und da sind die Untergruppen wieder wichtig und wurden teils auch hart erkämpft. Ich denke man kann das also nicht endlich beantworten, sondern es muss rhetorisch gefragt bleiben.

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    • fundevogelnest August 6, 2019 / 10:32 pm

      Ach, das war einfach ein kleiner Seitenhieb auf mich selbst.
      ich habe es nicht so mit Sex und gehöre zu den schrecklichen Leuten, die die meisten Liebesdramen entsetzlich langweilig finden. Ich habe aber kein kein Bedürfnis das mit einer Flagge kund zu tun.
      Ich besitze seit 30 Jahren eine wunderschöne auf vielen Demos ausgeführte Flagge, blau, mit einem Bild unseres Planeten, wie man ihn wohl vom Weltall aussieht. Für mich ein schönes Symbol die wir mit diesem Planeten so unendlich eindsam durchs Weltall rasen und gerade deshalb für diesen Planeten, der uns nährt und füreinander, die wir dieses Schicksal teilen sorgenen sollten.

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  5. Elke H. Speidel August 6, 2019 / 10:42 pm

    Das kann ich verstehen, für mich war Sexualität auch nie ein wesentliches Identitätsmerkmal, weder bei mir noch bei anderen. Aber andere Menschen sehen es eben anders, und das ist sicher auch in Ordnung so.

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    • fundevogelnest August 6, 2019 / 11:25 pm

      Ich wünsche jedem Menschen glücklich zu sein, wir sind nun mal verschieden.
      Und das wird auf dem CSD jaauch gefeiert.

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