Aus dem Nestalltag (5) – Putzen, putzen …

Vor zwei drei, vier, fünf Wochen schon bat Ulli Gau um neue Beiträge für ihre Sammlung von Texten und Bildern, die nicht die Gipfel und Abgründe, sondern das Gewöhnliche unseres Lebens beschreiben, den Alltag, das was unsere Tage füllt.

Wahrscheinlich bin ich nicht die Einzige, die von just diesem Alltag permanent am Schreiben gehindert wird, wenn ich auch versuche wenigstens ein paar Zeilen abends im Kalender festzuhalten. Ich bin dabei schon mit dem Kuli in der Hand eingeschlafen.

Nicht zum Schreiben kommen, heißt nicht, dass im Kopf nichts passiert. Der Erzählvogel hält sich eigentlich den ganzen Tag wacker auf meiner Schulter, hört zu, schaut sich um, denkt sich seinen Teil. Sobald alle anderen den Schnabel halten, öffnet er den seinen und diktiert mir seine Geschichten ins Ohr.

Selten habe ich dann eine Hand frei, in die ich einen Stift nehmen könnte oder gar meinen Laptop parat.

Meistens belegt etwas anderes meine Hände. Ziemlich häufig ist dieses andere ein Staubsauger, ein Wischmopp, ein Lappen oder eine Spülbürste.

Putzen ist irgendwie die alltäglichste der alltäglichen Pflichten, die zeitraubenste, die ungeliebsteste, die, mit der ich am wenigsten zu Rande komme.

Als ich mit knapp 19 die Ausbildung zur Kinderkrankenschwester antrat, hatte ich vieles bedacht, manches befürchtet, mir aber nicht vorstellen können mit wieviel Putzerei dieser Beruf verbunden ist. Keine Ahnung wieviele Betten, Wände, Beatmungsgeräte, blutige Scheren und Wäscheschränke ich in den vergangenen Jahrzehnten gereinigt habe.

Wobei die schwesterliche Schrubberei im Laufe der Zeit eindeutig weniger geworden ist. Pflegekräfte sind hochbegehrtes Fachpersonal, wir legen keine Wäsche mehr, niemand „pfriemelt“ mehr Zellstoffröllchen, um damit mit Babynasen, -ohren und-näbel zu reinigen. Vieles ist auf Einwegmaterial umgestellt worden, mehr noch ausgesourct an Fremdfirmen, meine jüngeren Kolleginnen und Kollegen können keinen Inkubator (also so einen „Babybrutkasten“) mehr mal eben komplett zerlegen und wieder zusammensetzen und vielleicht könnte ich es bei den neueren Modellen auch nicht mehr.

Wir wischen unsere Arbeitsflächen, pflegen die medizinischen Geräte und putzen am Ende der Schicht die Plätze unserer Patienten, Inkubator bzw.Bett, Nachtschrank, Geräte — alles nicht der Rede wert, wenn man dabei nicht gerade einen Keramikschutzengel zerdeppert. Oh je, was hatte ich mir da für Vorwürfe gemacht, hatte fürchterliche Sorge, dass den Eltern des kleinen, gar nicht gesunden Frühgebohrenen der Schutzengeltod als schlechtes Omen erschiene. Sie nahmen es aber mit Humor, es war wohl schon der zweite Engel, der die schwesterliche Putzerei nicht überlebt hatte, unser Kind hat einen besonders hohen Verbrauch an Schutzengeln. (Es gab ihrer genug, er wurde gesund.)

Das  berufliche Putzen habe ich im Griff, die durchstrukturierte Krankenhauswelt macht es einfach und sooo viel sichtbarer Dreck sammelt sich in acht Stunden auch nicht an und bei den Keime —  da hoffen wir einfach mal möglichst vielen den Garaus gemacht zu haben.

Im heimischen Nest fühle ich mich stets und immer von anklagendem Dreck und Staub umzingelt, von Spinnweben, Wollmäusen und Schlieren angestarrt, die einander triumphierend zuwispern: Sie kann es immer noch nicht, sie ist und bleibt eine Schlampe.

Und hinter meinem fegenden Rücken rotten sie sich da, wo gerade gekehrt, gesaugt , gewischt wurde wieder zusammenund feixen über die Frau Fundevogel, die glaubt mit ihnen fertig zu werden. Ich habe es allein nicht geschafft und mit stetig Dreck und Chaos nachschaffenden Kinder schon mal gar nicht.

Der Witz (und wahrscheinlich auch das Problem) ist, dass ihre bloße Anwesenheit mich gar nicht stört. Irgendwelche schimmeligen, gammeligen, stinkenden Fliegenweiden gibt es hier nämlich nun auch wieder nicht. Fertig machen tut mich einzig des Staubes Gewisper. Nie ist so sauber und schon mal gar nicht so aufgeräumt wie … das ahnten Sie jetzt … bei meiner Mutter und wie bei der und der, und wie bei denen schon mal gar nicht.

Nicht mal wenn ich mir Mühe geben, ist es sauber hier. Gäbe es einen Rekord im Kleckern und um Umstoßen, könnte das Fundevogelnest Chance haben, diesen zu brechen. Fast alles hier hat irgendwelche seltsamen Flecke, deren Entstehung ich nicht rekonstruieren kann und die über alle Internetputztipps und YouTube Haushaltskanäle erhaben sind.

Also lasse ich sie wie sind  und sehe sie bald nicht mehr.

Um bekomme dann wieder eine heftige Schrubberuption, manchmal einfach, weil ich es nicht einsehe, mich von irgendwelchen lästernden Wollmäusen drangsalieren zu lassen, häuiger, weil liebe Menschen kommen, von denen ich weiß, wie es bei ihnen aussieht. Meine Mutter oder so. Oder Menschen, von denen ich nicht weiß, wie es bei ihnen aussieht, die könnten ja noch viel sauberer und pingeliger sein, als alle denen ich je begenete. Oder jemand vom Jugendamt kommt, die betonen zwar immer wieder keine Angst, wir schauen nicht, ob bei Ihnen aufgeräumt ist. Darüber lachen die Schlieren nur höhnisch, das glaubst du doch selbst nicht.

Irgendwann war ich mal so richtig am Großreinemachen, ein Kind kam aus der Schule und fragte alarmiert: Wer kommt?

In dem Fall niemand, aber trotzdem voll ertappt.

So richtig aufgeräumt, so krankenhausaufgeräumt mag ich es hier auch gar nicht haben. Der zurzeit so angepriesene Minimalismus lässt mich frösteln. Es gibt Bilder der Musteraufgeräumtheit, meist alles weiße Schränke, nichts steht rum, nur eine einsame Pflanze, die nicht blüht, nee, nee da kriegt der Erzählvogel Federausfall.

Man soll angeblich nur behalten , was einen glücklich macht. Nach den Maßstäben besäße ich ein paar Bücher und Fotoalben. Denn wen bitte schön machen T-Shirts, Suppenteller, Schaufel und Eule glücklich?

Ohne ist allerdings auch unpraktisch. Und da ich nichts mehr hasse als einkaufen zu müssen, hebe ich vorsichtshalber (fast) alles auf.

Ich brauche alle Fensterbänke für meine Keimlinge, was ihrer Pflegeleichtigkeit abhold ist und im Moment die Kommode in der Stube zur Honigverarbeitung – (über Honigverarbeitung in Mietwohnungen habe ich mich ja neulich schon ausgelassen – sie führt auf jeden Fall zu einer deutlich höheren Putzfrequenz). Die Stube ist voller Spielzeug, weil das hier mit Spielzeug im Kinderzimmer nur sehr eingeschränkt geht. In der Diele verlaufen Holzeisenbahnschienen, der Wäscheständer steht an wechselnden Orten, aber grundsätzlich im Weg. Wir haben Küken in der Wohnung aufgezogen und  Meerschweinchen gehalten. Ich lasse mich immer wieder zu sagenhaften Schmier-, Bastel- und Backaktionen hinreißen und das alles macht in der Tat irgendwie glücklich.

Das Putzen steht irgendwo im Kleingedruckten zu diesem Glück lebendig zu sein.

Ich freue mich immer über Likes und Kommentare zu meinen Texten, muss aber darauf hinweisen, dass WordPress.com – ohne dass ich daran etwas ändern könnte — E-Mail und IP-Adresse der Kommentierenden mir mitteilt und die Daten speichert, verarbeitet und an den Spamerkennungsdienst Akismet sendet. Ich selbst nutze die erhobenen Daten nicht (näheres unter Impressum und Datenschutz). Sollte das Löschen eines Kommentars im Nachhinein gewünscht werden, bitte eine Mail an fundevogelnest@posteo.de, meistens werde ich es innerhalb von 48 Stunden schaffen dieser Bitte nachzukommen.

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16 Gedanken zu “Aus dem Nestalltag (5) – Putzen, putzen …

  1. alicemakeachoice August 8, 2019 / 10:51 pm

    In unserem Esszimmer gibt es Apfelschorleflecken an der Holzdecke, die uns als Mahnmal gelten. Dem ging eine unschöne Auseinandersetzung von Pubertieren voraus. Sie gehen nicht weg, so sehr ich auch schrubbte.
    Sie werden bleiben und erinnern. Ich bin da gerade so bei dir. Vier Pubertiere, zwei Hunde, zwei Katzen und leben ist wichtiger als putzen. Soll doch jemand nach mir saubermachen, juckt mich nicht.
    Liebe Grüße
    Alice

    Gefällt 2 Personen

    • fundevogelnest August 8, 2019 / 10:57 pm

      Oh, das erinnert mich an zwei kleine Mädchen, die auf die Idee kamen Tomaten an die Decke zu „schießen“- habe ich mehrfach übergestrichen. So ganz bin ich bei „juckt mich nicht“ noch nicht angelangt.
      Mein Sauberkeitsbedürfnis ist unberechenbar.

      Gefällt 2 Personen

      • alicemakeachoice August 8, 2019 / 11:00 pm

        Ich habe alles versucht und heute ist es die Erinnerung an einen wirklich krassen Abend.
        Muss auch sein dürfen.
        Liebe Grüße

        Gefällt 1 Person

        • fundevogelnest August 15, 2019 / 8:32 pm

          Ich erinnere ein Buch von Toni Morrisson – welches leider nicht ,- in dem ein Haus vorkommt, in dem es genau „das“ nicht gibt, die Flecken und Schäden an denen Erinnerungen hängen.
          Es ist ein Ort des Grauens.
          Falls ich das Zitat finden sollte, stelle ich es noch mal ein. Es ist eine sehr nahegehende, einprägsame Szene.

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  2. Ulli August 8, 2019 / 10:53 pm

    Du Liebe, ich sehe gerade ein wunderbares, kunterbuntes Haus vor mir, das vom Lebendigsein erzählt, von Kreativität, lachen, singen, weinen, trösten, spielen, schmuddeln, dann wieder mal wegwischen … so what – DAS ist das LEBEN!
    Da mein Leben seit über zwei Monaten sich auf den Kopf gestellt hat und aus schon fast frührrentlicher Behäbigkeit hin zu grosser Geschäftigkeit verformt hat, gibt es nun auch wieder flüsternde Staubmäuse und so einiges mehr – ja eben … so what 😉
    Hab ganz herzlichen Dank für deinen Beitrag, der mich schmunzeln lässt und mich daran erinnert was wirklich wichtig im Leben ist und dazu gehört zwar auch putzen, aber keine Sterilität.
    Herzliche Grüsse
    Ulli

    Gefällt 3 Personen

    • fundevogelnest August 15, 2019 / 8:35 pm

      Zum Glücj gibt es Tage, an denen ich das auch so wahrnehmen kann.
      Ich lass# mich leider immer wieder viel zu schnell und unnötig von diesem Thema unter Druck setzen.

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  3. samybee August 8, 2019 / 11:30 pm

    Ich habe gerade (23:25) noch aufgeräumt und Staub gewischt. Ich komme gar nicht damit klar, wenn mir beim Putzen jemand im Weg ist und jetzt waren alle im Bett.
    Oder noch schlimmer… wenn jemand versucht mir zu helfen. Oder auf genaue Anweisungen wartet. Ich hasse Putzen, dann habe ich schlechte Laune und man sollte mich dann besser einfach nur machen lassen. Ich kann wunderbar andere putzen lassen, wenn ich nicht da bin, kein Problem. Dann ist mir „gut genug“ auch gerade recht. Aber wenn ich mich überwunden habe, es zu tun, dann lasst mich bitte machen und geht einfach weg!

    Gefällt 1 Person

    • fundevogelnest August 15, 2019 / 8:40 pm

      Ach solange mir keiner klar zu machen versucht, dass ich völlig unzulänglich putze oder gar noch mal demonstrativ alles nachputzt (da hatte ich einem Ferienhaus mal einen bühnenreifen hysterischen Anfall) putze ich ganz gern in Gesellschaft.Mit den richtigen Leuten kann das sehr lustig sein.
      Gerade auch im Krankenhaus irgendwelche „Endreinigungen“ nach hochinfektiösen Keimen, zu zweit oder dritt vollständig vermummt Wände schrubben und Schränke auseinandernehmen ist deutlich besser als das allein zu tun.

      Gefällt 1 Person

      • samybee August 15, 2019 / 9:54 pm

        Das Problem ist meine schlechte Laune, wenn ich putze 😱. Mir könnte dann keiner was recht machen… wenn ich aber nicht da bin und andere putzen ist alles ganz wunderbar 😊.

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  4. Myriade August 8, 2019 / 11:41 pm

    Ach, bei dir würde ich mich ganz zuhause und sehr wohl fühlen. Außerdem müssen Kinder bekanntlich ihr Immunsystem aufbauen und dafür braucht es ein wenig Übungsmaterial an Keimen 🙂

    Gefällt 3 Personen

    • fundevogelnest August 15, 2019 / 8:45 pm

      Ich behaupte mal, es ist gut genug Übungsmaterial vorhanden.
      Ein Kind hatte dauernd Würmer, wahrscheinlich daumennuckelnd auf Spielplätzen erworben. Da kann Putzen und Waschen schon zur Hauptbeschäftigung werden und die Zweifel an der eigenen Putzfähigkeit werden überlebensgroß..
      Ich kenne allerdings auch ein Kind aus einemVorzeigehaushalt, das neigte auch dazu, der Mutter ging es erst recht schlecht damit.

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  5. Frau Taugewas August 9, 2019 / 4:05 pm

    Gerade buk ich einen Kuchen mit zwei Helferlein, der Boden sieht aus wie gestreuselt. Jetzt ist er im Ofen und ich zur Entspannung auf der Couch, lese Deinen Text, und seine Euer wunderbares Nest vor Augen.
    Habt ihr dieses Gedicht eigentlich irgendwo hängen? Ich hatte das Mal in der vorletzten Wohnung eingerahmt.

    Freund, wenn Du dieses Haus betrittst,
    vieles nicht ganz sauber blitzt.
    Du merkst, dass es hier Kinder gibt,
    die man mehr als das Putzen liebt.

    Da gibt es Spuren an den Wänden,
    kreiert von flinken kleinen Händen.
    Wir machen das mal später weg,
    jetzt spielen wir zuerst Versteck.

    Spielzeug liegt an jedem Ort,
    doch eines Tages ist es fort.
    Die Kinder sind uns nur kurz geliehen,
    bis sie erwachsen von uns ziehen.

    Dann wird auch alles aufgeräumt,
    dann läuft der Haushalt wie erträumt.
    Jetzt aber freuen wir uns an unseren Gören
    und lassen uns dabei nicht stören.

    (Verfasser ist mir unbekannt)

    Am Ende unseres Lebens wollen wir sicher nicht sagen: „ach, hätte ich doch mehr geputzt und weniger mit den Kindern gemacht!“, das wäre doch echt traurig. Lass uns sagen: wie gut, dass wir die Zeit mit den Kindern verbracht haben, putzen mussten wir schon genug auf der Arbeit oder sonst irgendwo!

    Oder wie das Großkind sagte, als es bei Euch war: Es ist so schön gemütlich bei Euch.

    So, der Kuchen ist fast schon zu dunkel, aber noch okay. 😉

    Gefällt 1 Person

  6. fundevogelnest August 15, 2019 / 8:54 pm

    Ach, meine Liebe, ich hoffe ihr habt euch den Kuchen schmecken lassen! Ich habe mit dem Kleinen Fundevogel den letzten Honig abgefüllt und die Kollateralschäden wirst du dir vorstellen können.
    Trotzdem undenkbar ihn nicht mitmachen zu lassen.
    Ich bin so glücklich , dass ihr euch im Nest wohlgefühlt habt und freue mich schon auf ein nächstes Mal im Nest oder auf der Insel.
    Natalie

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