Was sind das für Zeiten

Letzte Nacht hat es endlich wieder geregnet, was sage ich, geschüttet hat es, geblitzt, gedonnert, gehagelt. Es war eine rechte Wonne dem zuzusehen.

Auf dem Weg zur Kita zeigt der Kleine Fundevogel sich von den immer noch strömenden Wassermassen beeindruckt, so viel Regen.

Es ist gut, dass es regnet, sage ich, die Bäume brauchen diesen Regen so dringend.

Hallo Bäume, sagt der Kleine Fundevogel zu den Linden am Straßenrand, seid ihr jetzt fröhlich? Und er hält sein Ohr an einen Stamm und bestätigt: Sehr, sehr fröhlich.  (Wie gut tut nach einem schwierigen Morgen so ein Moment, in dem die Liebe überquillt)

Wir laufen weiter, platschen durch die Pfützen und freuen uns an der Fröhlichkeit der Bäume, wobei ich sie mir mit ihren erschreckend schütteren Kronen eher erleichtert vorstelle. Kann ein Geschöpf der Fauna die Empfindungen der Flora überhaupt benennen und verstehen? Von meiner Warte schauen unsere Bäume einfach leidend aus, kaum eine Krone, durch die man in diesem Sommer nicht hindurch blicken kann, am elendsten erscheinen die Hainbuchen, wobei es der, in deren Krone sozusagen unsere Küche liegt und für die wir beim Duschen immer einen Eimer Wasser unterstellen (vorm Einseifen …)  und später die Treppen herunter tragen, tatsächlich ein klein wenig munterer wirkt. Die Exemplare vor dem Balkon und am Mülleimer lassen mich fast vor Mitleid zerfließen, doch so viel duschen wir nun auch wieder nicht. Zwei Rotdorne stehen schon annährend blattlos da.

Mein innerer Igel stellt seine Stacheln auf, um sich diese schiere Unerträglichkeit, gegen die ich doch außer ein paar Eimern Duschwasser fast nichts in der Hand habe, vom Leib und von der Seele zu halten. Im Geprassel des Tages funktioniert das ganz  gut. Nachts jedoch, wenn die Gespenster kommen,  sind sie etwa so wirksam wie echte Igelstacheln gegen einen Autoreifen. Dann wird das Gefühl auf einem Planeten zu leben, dem die Kräfte ausgehen, überwätigend.

Nicht nur wegen der Brände im Amazonasbecken. Immer wieder brennt es in Amazonien, seit Jahrzehnten werden dort riesige Flächen gerodet, legal oder illegal. Jahre schon kenne ich Reinhard Behrend, keine echte Freundschaft ist das geworden, aber viel Respekt und ich versuche keine der Briefaktionen seines Vereins Rettet den Regenwald  zu versäumen, auch wenn sich das manchmal so effektiv anfühlt wie Duschwasser zu sammeln. Seine Beharrlichkeit beeindruckt mich sehr.

Bis jetzt schien die Vernichtung der Regenwälder eine eher überschaubare Gemeinde zu interessieren. Nun überbieten sich Medien und Politik mit gewaltigen Worten zum  Amazonsbecken und das nährt die Gespenster ungemein. Wenn die G7 sich plötzlich für Primärwälder interessiert, muss die Katastrophe wirklich bevorstehen. In der taz vom 28.08. lese ich von Januar bis August 2007 loderten in Brasilien an 268.119 Stellen Feuer, im gleichen Zeitraum 2019 nur an 154.000 … Was derzeit passiert ist der leider übliche Wahnsinn (Ingo Arzt, „Alarm wie aus dem Bilderbuch, taz 28.08.19, Seite 13)

(Nachtrag aus anderer Quelle: In den Jahren dazwischen hatte sich die Situation aber schon deutlich gebessert)

Besser macht das nichts, betont der Autor ausdrücklich, notwendig sei es, dass dieses Problem aus der Nische gezerrt wird, aus was für Motiven auch immer. Denn egal wieviele Feuer brennen in den Regenwälder Amazoniens, Indonesiens oder Afrikas, in Europa oder in Sibirien, es sind viel zu viele. Für das Weltklima, für die Artenvielfalt, für die Tiere, die Pfanzen und die Menschen, die sie ertragen müssen oder in ihnen sterben sowieso.

Unser Haus brennt schon viel zu lange und nun lecken die Flammen auch an den Füßen derer, die die Feuer Schreienden bislang für hysterisch und ziemlich lästig befanden, war das Feuer doch irgendwo dahinten im ungepflegten Teil des Gartens.

Pray for Amazonas, lese ich hier und dort und ich möchte antworten, schau lieber deinen Einkaufszettel an. Wieviel tierisches Eiweiß steht da , wie viel Palmöl und Kakao, ach ich denke Sie wissen es selbst. Ein bisschen praktisch ist es alle Schuld einem an Widerwärtigkeit nicht zu überbietenden Präsidenten zu gebenund sich nicht zu fragen, was eigentlich aus den hiesigen Wäldern geworden ist.

Auf dem Rückweg von der Kita fällt mir ein gewaltiges Auto auf, ein amerikanischer Pick-Up, ein Riesenaufkleber drauf Fuck you, Greta. Also, wenn Ihnen die Hainbuche vor Ihrer Haustür so egal wie ein Wald in Brasilien ist, denke ich, könnte Greta Ihnen doch eigentlich auch egal sein, oder?

Es wird sich verfinsternden Zeiten nur zunehmend schwieriger werden sich die Ohren zu verstopfen, das verspreche ich Ihnen.

Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist. Weil es ein Schweigen über so viele Untaten mit einschließt!,schrieb Bertold Brecht, die Nachgeborenen aber, unter denen es noch lange nicht soweit ist, dass der Mensch dem Menschen ein Helfer ist, müssten wohl noch mehr über Bäume sprechen, wenn sie die aktuellen Untaten nicht mehr ertragen wollen. Damit am Ende noch welche auftauchen aus der Flut, in der wir gerade unterzugehen drohen.

Jetzt ist es genug, sonst zitiere ich noch das ganze Gedicht An die Nachgeborenen und das ist glaube ich nicht erlaubt. Es gelegentlich zu lesen meiner Meinung nach aber  empfehlenswert.

Der sogenannte Vereinsplatz unseres Schrebergartenvereins ist eine ziemlich langweilige, ungenutzte, kurz geschorene Wiese. Eine Streuobstwiese anlegen, werbe ich seit einiger Zeit und langsam gewinne ich den einen oder die andere dazu, es gibt aber auch eine ziemlich große Fuck you, Greta, wie sieht das denn aus, diese Eiche nimmt meinem Garten das Licht-Fraktion. Ich werde noch ausreichend Gelegenheit haben über Bäume zu reden.

Damit die Nachgeborenen noch lauschen können, ob diese Bäume fröhlich sind.

Oder damit ich meinen Nachtgespenstern etwas entgegenzusetzen habe.

Denn mit den Motiven ist das immer so eine Sache.

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8 Gedanken zu “Was sind das für Zeiten

  1. wildgans August 30, 2019 / 11:58 pm

    Das mit dem Autoaufkleber, echt, es schüttelt mich! Nicht nur an dieser Stelle, doch da besonders.

    Gefällt 2 Personen

    • fundevogelnest September 1, 2019 / 10:29 pm

      Ja, Hass der sich auf eine einzelne Person, zumal auf eine die erst 16 ist und völlig gewaltfrei handelt, fokussiert, ist besonders gruselig.

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  2. gkazakou August 31, 2019 / 11:11 am

    Danke vor allem, dass du mich an das Gedicht von Brecht erinnert hast. Und ich frage mich; wie würde ich wohl die Zeiten beschreiben, in denen ich lebte und lebe?

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    • fundevogelnest September 1, 2019 / 10:53 pm

      Zumindest wirft die sich nährende Klimaveränderung einen gewaltigen Schatten auf diese Zeit. Und den fühle ich quasi mit jedem Atemzug mit.
      Ansonsten wird die Antwort je nach Lebensort auf diesem Planeten recht unterschiedlich ausfallen.
      Lebend in einer einigermaßen funktionierenden Demokratiee und wissend dass Brecht das Gedicht 1939 veröffentlichte, wirken die Zeiten schon lichter.
      Gerade wo dergl soviele Texte zu den „Euthanasiegesetzen“ einstellt, wird mir bewusst, die hätten gefühlt die Hälfte meiner Herzensmenschen betroffen, darunter zwei meiner drei Kinder, für die der Staat in dem ich jetzt lebe, bereit ist recht viel Geld auszugeben, wobei es auch andere Stimmen gibt.
      Uns ganz persönlich geht es gut, ja wirklich, ein sattes Nest ist das hier.

      „Man sagt mir: iss und trink du! Sei froh, dass du hast!
      Aber wie kann ich essen und trinken, wenn
      Ich dem Hungernden entreiße, was ich esse, und
      Mein Glas Wasser einem Verdurstenden fehlt?
      Und doch esse und trinke ich.“

      So ist es.

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  3. violaetcetera August 31, 2019 / 12:00 pm

    Ich habe diese Autoaufkleber noch nicht gesehen, aber ich finde es schon ein hartes Stück, die Gegebenheiten so zu ignorieren.

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    • fundevogelnest September 1, 2019 / 10:08 pm

      Es war glaube ich kein fertiger Aufkleber, sondern eher selbst aus Buchstaben zusammengestellt.
      Früher kurvte hier ein vergleichbares Auto rum, dass sich selbst als „Feinstaubterrorist “ feierte und mit noch weiteren zweilfelhaften Süprüchen, deren Wortlaut ich nicht erinnere, beklebt war.
      Vielleicht ist dieses Modell der Nachfolger. So richtig erpicht die Besitzer kennenzulernen bin ich nicht.

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  4. Katharina August 31, 2019 / 3:59 pm

    Ich finde es seltsam, dass sich Leute über Greta aufregen und nicht darüber, dass ihre Kinder/Enkel, wenn sie in dem Alter nicht mehr so ein schönes Leben gaben werden.
    Grüße, Katharina

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  5. fundevogelnest September 1, 2019 / 10:55 pm

    Die Herren Bolsonaro und Trump leben es vor.
    Grüße zurück
    Natalie

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