Auf der Zwei (ABC-Etüde)

Die Mauersegler sind fort und morgens schalten wir das Licht an. Die Sommerpause ist vorüber und damit nehmen auch die Etüden ihren vertrauten Rhythmus wieder auf, von Christiane wie immer rundum betreut.

Ja, ich hatte schon Sehnsucht nach ihnen.Und dass ich mehr Zeit zum Schreiben haben werde, ist eigentlich der erfreulichste Aspekt beim Blick auf die kommende dunkle Zeit des Jahres.

Ludwig Zeidler, der die Etüden einst in ihrer Zehnsatzform erfand, spendete folgende Wörter

Verzweiflungstat

hingeben

ambivalent

Die Verzweiflungstat führte im Vorwege zu einer interessanten Diskission darüber, was Etüden inhaltlich dürfen und was nicht. Wieviel unter Umständen Lesende triggernde Gewalt darf leichtfertig und fiktiv schreibend ins Netz und damit in die Welt geworfen werden?

Ich finde detaillierte Gewaltschilderungen eigentlich immer abstoßend, habe aber  keine Antwort auf diese Frage, nur dass ich als Lesende häufig das Gefühl habe, Schreibende machen es sich in vieler Hinsicht arg leicht mit einem Mord oder auch sonstigen Todesfall ihrer Figuren.

Einen Konfliktbeteiligten (literarisch) abzumurksen löst den Konflikt natürlich in gewisser Hinsicht, ganz platt der Groschenromanplot: Frau steht zwischen zwei Männern, einer stirbt am Ende den tragischen Heldentod, dann kann sie den anderen ja heiraten.

Entscheidung, Abgrenzung, eigene Schuld – findet alles nicht statt.

Natürlich gibt es viele literarisch großartig erzählte Tode, aber ich misstraue mir immer ersteinmal, wenn mir diese Lösung da kommt, wo ich gerade schreibend nicht weiter weiß (und trotzdem liegt in der nun folgenden Etüde jemand im Sterben.)

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Klar bist du da ambivalent, Chistophers Stimme ist warm und sein Blick so anteilnehmend, wie wenn er Frau Meier die Vorlagen wechselt oder den dementen Herrn Wosniak behutsam aus der Wäschekammer in den Aufenthaltsraum geleitet. Trotzdem bleibt ihr die Luft weg. Alle Bewohner lieben den sanften, den starken Christopher, einige der Damen sind regelrecht verknallt.

Die Herren stehen eher auf Amparo, lästig sind manchmal ihre Worte über Asiatinnen, die ja … und manch‘ zittrige Hand findet hin, wohin sie nicht soll. Amparo hat gelernt sie mit einem Witz zu disziplinieren und manche, die Unbesuchten besonders, haben es dennoch geschafft sich in ihr Herz zu schleichen.

Christopher wird bald verschwinden, work&travel, seine erste Station keine 200 Kilometer von Mamás Krankenlager entfernt. Der Diensplan auf der Zwei wird noch enger werden.

Sie sagt nichts zu seinen Worten, atmet nur, räumt die Möglichkeit ein, ambivalent könnte einen anderen Zungenschlag im Deutschen haben, auch wenn es in ihrer Sprache fast genauso klingt.

So etwas kommt vor.

Ist aber nicht so.

Wer kann glauben, da wäre ein Zwiespalt?

Es ist eine Falle.

Nachts, um sich nicht endgültig ihrem Elend hinzugeben, klickt sie sich durch Portale für günstige Interkontinentalflüge. Buchen wäre eine Verzweiflungstat, es gibt gerade keinen Urlaub für sie auf der Zwei, Christopher hat ja gekündigt, flöge sie dennoch, der Job wäre weg. Wovon soll Mamá dann das Krankenhaus bezahlen? Und vermutlich demnächst die Beerdigung?

Aber Mamá noch einmal in den Arm nehmen,  sie riechen, sie hören ohne Smartphone dazwischen. Da gibt es keine Ambivalenz, nur etwas, das das Herz zerreißt.

Und ein es-ist-eben-so.

Es-ist-eben-so werden die Christophers nie verstehen, die fortgehen, um die Welt zu sehen und nicht weil sie müssen. Amparo fährt ihr Smartphone runter. Morgen wird sie wieder Frau Meier trösten. Ihr Sohn kommt nicht mehr, der Weg von Pinneberg ist ihm zu weit.

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12 Gedanken zu “Auf der Zwei (ABC-Etüde)

  1. Ulli September 5, 2019 / 11:31 am

    Deine Etüde mag ich sehr. Auf mich wirkt sie sehr sanft und gleichzeitig geht sie sehr tief!
    Liebe Grüsse
    Ulli

    Gefällt 1 Person

  2. violaetcetera September 5, 2019 / 2:31 pm

    Es muss sehr schwer sein, einen geliebten Menschen nur aus der Ferne auf dem letzten Weg begleiten zu können. Aber die Etüde ist sehr gut gelungen.
    Liebe Grüße
    Viola

    Gefällt 1 Person

    • fundevogelnest September 8, 2019 / 10:09 pm

      Ich weiß nicht ,ob das Internet diesen Umstand schwerer oder leichter macht.
      Frühere Auswanderergenerationen bekanen halt irgendwann einen Brief,aus dem hervorging, dass die Mutter vor Monaten gestorben war.
      Heute erlebt man es quasi life mit und kann nichts tun.

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  3. Christiane September 5, 2019 / 2:43 pm

    Es ist eben so. Spontan habe ich das Bedürfnis, Amparo in den Arm zu nehmen und den ignoranten Sohn von Frau Meier mit dem Kopf gegen die Wand zu hauen.
    Eine sehr sanfte und sehr eindringliche Etüde, wie Ulli schon schrieb. Gefällt mir sehr.
    Liebe Grüße
    Christiane 😀🌧️🐿️👍

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    • fundevogelnest September 8, 2019 / 10:21 pm

      Vielleicht hat Herr Meier junior sehr gute Gründe seiner Mutter aus dem Weg zu gehen.
      Vielleicht wäre Amparo von ihrer Mutter im eigenen Haushalt höllisch genervt.
      Wer weiß das schon.
      Alten- und Pflegeheime sind eine Fundgrube für Geschichten, erstaunlich eigentlich, dass so wenige Romane dort spielen.
      Krankenhäuser übeigens auch, so viele Welten berühren sich da, man erlebt da so viel Tiefes, Berührendes, Existentielles ganz weit weg von „Schwarzwaldklinik“ oder „Nachtschwester Ingeborg“
      Liebe Grüße
      Natalie

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      • Christiane September 8, 2019 / 10:49 pm

        Als Schreiberin gestaltest du deine Geschichte so, dass du z. B. Mitleid erzeugst, mit Amparo, mit Frau Meier, und das ist dir sehr eindrücklich gelungen. Dass es immer mehr als eine Seite gibt – natürlich …
        Schönen Abend dir
        Christiane

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  4. Sarah („Sunnybee“) September 5, 2019 / 3:00 pm

    Autsch… mein Herz ächzt sacht beim Lesen. So fühlt es sich an, mit Menschen verbunden zu sein, denen man aus hundert Gründen nicht räumlich nah sein kann… berührend! Lg, Sarah

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    • fundevogelnest September 8, 2019 / 10:29 pm

      Ich weise manchmal Geld über Western Union an.
      In der Filiale sieht man dann Menschen aus der ganzen Welt Geld an ihre Eltern, Kinder, Ehefrauen …senden.Wahrscheinlich ist für viele der Job hier ein wichtiger Baustein fp´ür die Versorgung der Familie.
      Aber viel Schmerz hängt immer daran.

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    • fundevogelnest September 8, 2019 / 10:30 pm

      Ja vermutlich hätte man ohne zu lieben weniger Schmerz zu erleiden.
      Aber mal ehrlich …

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