Im feinen Geflecht des Respekts (für Lydias Blogparade)

Bereits zum zweiten Male lasse ich mich von Lydia zur Blogparade einladen. Sie fragt in die Runde, was wir mit dem Thema Respekt verbinden. Wo wir ihn empfinden, erwarten, vermissen, verweigern, was auch immer.

Während ich dieses Thema die letzten Tage mit dem Erzählvogel auf meiner Schulter leise diskutierte, wurde uns klar: Es ist ein Riesenthema, mit so vielen Aspekten, dass man sich schnell darin verheddern kann.

Respekt verleiht dem Geflecht des Miteinanders Stabilität. Er findet sich in den roten Fäden des Lebens, genau wie in den vielen losen Enden, die verwirrend in mein Leben baumeln, an denen ich ratlos herumzupfe, ohne sie einordnen zu können.

Finge ich an über alle losen Schnüre, über Kett-und Schussfäden, in die das Thema eingesponnen ist, zu schreiben, würde ich kein Ende finden. Deshalb bleibe ich da, wo mir das Thema Respekt in einem zentralen Thema dieses Blogs begegnet. In unserem Leben als Pflegefamilie.

Manche sagen das Wort gleich frei hinaus, kaum dass wir uns kennen: Respekt, sagen sie, wenn sie erfahren, die Frau Fundevogel, die hat sich als Alleinerziehende ganz ohne Not zwei zusätzliche Vögel ins Nest geholt, zwei recht ungewöhnlich schillernde Exemplare, sagt man, vorsichtig ausgedrückt.

Ein Kompliment soll das sein, eines, das mir nicht so recht mundet. Weil ich mich mit Komplimenten gemeinhin schwer tue und weil der zweite Teil oft gleich hinterher geschoben wird: Ich könnte das nicht, ein wie kann man nur so bescheuert sein, klingt manches Mal fast hörbar mit. Diese Art Respekt hat etwas Abrückendes, eine unsichtbare Wand wird hastig aufgestellt, eindeutig nicht ganz normal dieses Nest, lieber vorsichtig aus der Ferne beobachten.

Respekt schafft Distanz. Immer. Das gehört zu seinem Wesen. Wenn ich Respekt habe, werde ich nicht plump vertraulich, stülpe meinem Gegenüber nicht meine Sichtweise auf, spare mir übergriffige Interpretationen des anderen. Wenn ich mir Respekt verschaffe, verschaffe ich mir Schutz.

Das macht Respekt wertvoll und wünschenswert.

Es gibt Menschen, bevorzugt aus der Ich-könnte-das- nicht-Fraktion, die scheinen zu glauben, sie hätten ein Anrecht alles über die Geschichte der Fundevögel zu wissen, auch wenn sie auf einem Spielplatz nur irgendwie mitbekommen haben, dass die Fundevögel Pflegekinder sind.  Wie kann es nur geschehen, dass Eltern, eine Mutter zumal, ihre Kinder verlassen? Das ist eine bewegende Frage, eine verstörende auch. Gewiss. Es gibt jedoch kein Menschenrecht auf jede bewegende Frage eine detaillierte Antwort zu bekommen. Auch den verstörenden, unverständlichen Lebensläufen der Fundevogeleltern gebührt Respekt. Ich werde ihr Handeln und vor allem ihr Nichthandeln vermutlich niemals wirklich verstehen können, aber das gibt mir nicht das Recht ihr Leben zum angenehm schaurigen Kaffeekranzthema verkommen zu lassen.

Wer uns nahe kommt, wirklich nahe kommt, wird auch diese Geschichten erfahren, sie sind kein Geheimnis, sondern Teil unseres Lebens, sie haben ihre Berechtigung, machen das manchmal unverständliche Verhalten der Fundevögel lesbarer. Ein Verhalten, das nicht immer tolerierbar ist, aber auf seine Art auch Respekt vielleicht nicht gerade verdient, aber dringend braucht.

Und selten bekommt.

Sie ist doch nun schon zwei Jahre lang bei dir, da könnte sie aber nun wirklich endlich mal … Damit kann man das ja nun wirklich nicht mehr entschuldigen.

Auch das wäre respektvoll, zu akzeptieren, dass Verletzungen sehr, sehr tief sein können, auch wenn äußerlich nichts zu sehen ist, auch wenn das Geschehene eher banal klingt. Respektvoll sein heißt anzuerkennen, dass Heilungsprozesse dauern, Jahre, Jahrzehnte, vielleicht ein Leben lang.

Auch ich muss mich immer wieder daran erinnern (lassen).

Habe nun endlich konsequent durchgesetzt, über gravierende Themen im Leben meiner Kinder wird zwar mit ihnen, aber nicht in ihrer Gegenwart mit anderen gesprochen, nicht bei Arztbesuchen, im Jugendamt, in der Kita oder im Sozialpädiatrischen Zentrum, auch wenn das häufig genervte Fachleute bedeutet und ich einen Babysitter mitzuschleppen und meistens auch bezahlen muss, denn den Kleinen Fundevogel allein zum Spielen in ein Wartezimmer zu schicken, ist keine gute Idee.

Aber Gespräche über jemanden zu führen, ohne ihn oder sie zu beteiligen, diese Gespräche auch noch auf einem sprachlichen und inhaltlichen Niveau zu führen, das der oder die, um die es geht nicht wirklich versteht, sondern nur begreift, dass irgendetwas mit ihm oder ihr nicht so ist, wie es sein sollte, das ist nicht nur respektlos und beänstigend, es kann das Selbstbild auch nachhaltig beschädigen. Bei mir hat das als Kind jedenfalls gut geklappt.

Respektvoll verhalten sollen sich natürlich auch die Kinder selbst. Es geht nicht, dass ein Kind Menschen mit Wörtern belegt, denen diese wohlerzogene Tastatur sich verweigert, nur weil dieser vor ihm den Knopf an der Ampel oder den im Bus gedrückt hat, niemand mit zwei, vier oder sonst wie viel Beinen wird getreten oder sonstwie drangsaliert, von fremden Besitz werde die Finger gelassen, wir warten bis wir an der Reihe sind und niemand muss sich ins Essen fassen lassen.

Auch wenn ich die Gründe, die zu diesen Entgleisungen führen, respektieren kann, die Handlungen selbst müssen unterbunden werden. Wenn das Kind diesen Respekt (noch) nicht aufbringen kann, muss es eben ein Erwachsener für es tun. Auch wenn es schwer ist, auch wenn das Murmeltier stündlich grüßt, auch wenn das interessante Gespräch, das ich gerade führe, den Bach heruntergeht, auch wenn es wieder einmal misslingt, weil ich zu langsam oder zu unaufmerksam bin. Ich finde es übrigens völlig legitim, wenn jemand zu meinem Kind sagt, lass mich jetzt hier durch, fass‘ meinen Hund nicht an, mich nicht an,  fass‘ dies und jenes nicht an. Ich werde dieses Anliegen bestimmt unterstützen.

Als respektlos empfinde ich es aber, wenn mich Menschen, die ich nicht kenne, ausführlich darüber belehren, dass ich wahlweise zu lasch oder zu streng sei, wie schädlich Schnuller doch seien und Brillen für Babys erst recht (letzteres ist eine erstaunlich beliebte Theorie.)

Solange niemand Kinder offensichtlich misshandelt, demütigt oder grob fahrlässig mit ihnen verfährt, kann man als eben an einer Situation Vorbeisegelnder gerne mal den Mund halten, finde ich, vieles hat Gründe, die nicht offensichtlich sind. Denken kann man über Siebenjährige mit Schnuller ja was man will.

An dieser Stelle eine kleine, nicht repräsentative Auswertung persönlicher Gespräche mit anderen Eltern: Am meisten respektlose Kommentare bekommt man anscheinend weder mit einem öffentlich ausrastenden Kind, noch mit einem behinderten, sondern mit einem übergewichtigen.

Besonders respektlos sind für mich Zukunftsprognosen wie diese: Das wird nie was, das lernt die nie, der wird kriminell, die ist bestimmt mit fünfzehn schwanger.

Und wieviel Respekt erwarte ich selbst von meinen Kindern?

Respekt schafft Distanz, schrieb ich oben. Und ich will doch Nähe geben. Meine Kinder dürfen Kritik äußern, auch wütend sein auf mich, ohne sich schlecht zu fühlen deswegen. Das ist mir wichtig.

Aber ich erwarte, dass meine Kinder mein Eigentum respektieren wie ich ihres. Dass sie mich mit meinen Freunden in Ruhe sprechen lassen, wie ich ihr Spiel möglichst nicht unterbreche (dieses Erziehungsziel zu erreichen erfordert unendliche Geduld, aber meine großen Kinder und fast alle Kinder in meinem Umfeld haben es schließlich gelernt, es lohnt sich nicht aufzugeben)

Seit ich mit einem Kind zusammenwohne, dem es nicht gelingt meine körperlichen Grenzen einzuhalten, weiß ich wie wichtig mir diese Distanz ist, jedem gegenüber, auch meinem Kind. ICH WERDE NICHT GESCHLAGEN, wie oft habe ich das in den letzten Monaten gebrüllt und aus dem Off ertönte schauriges Hohngelächter.

Es ist weniger geworden. Um mir diesen Respekt zu verschaffen musste ich sehr viel eindeutiger werden, als ich schon längst dachte zu sein. Eine Klarheit im Handeln entwickeln, die mich selbst überwältigt, aber soviel Respekt vor mir selbst bin ich mir schuldig. Als Mensch und als Vorbild.

Was wäre das für eine seltsame Beziehung, in der ich Respekt gebe, aber keinen erhalte? Das führte gewiss zu Laufmaschen im feinen Geflecht des Miteinanders, eines Miteinanders das nur dann nicht reißt, wenn Respekt die feinen Fasern verstärkt.

Ich freue mich immer über Likes und Kommentare zu meinen Texten, muss aber darauf hinweisen, dass WordPress.com – ohne dass ich daran etwas ändern könnte — E-Mail und IP-Adresse der Kommentierenden mir mitteilt und die Daten speichert, verarbeitet und an den Spamerkennungsdienst Akismet sendet. Ich selbst nutze die erhobenen Daten nicht (näheres unter Impressum und Datenschutz). Sollte das Löschen eines Kommentars im Nachhinein gewünscht werden, bitte eine Mail an fundevogelnest@posteo.de, meistens werde ich es innerhalb von 48 Stunden schaffen dieser Bitte nachzukommen.

13 Gedanken zu “Im feinen Geflecht des Respekts (für Lydias Blogparade)

    • fundevogelnest September 16, 2019 / 8:44 pm

      Vielen Dank, das freut mich sehr zu lesen, ich hatte mit diesem Text lange gerungen und ihn mehrfach komplett umgeschrieben. Dann hat sich das ja gelohnt 😉
      Liebe Grüße
      Natalie

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  1. Sarah („Sunnybee“) September 15, 2019 / 9:50 pm

    Mir gefällt besonders, dass, wer sich um Respekt bemüht, diesen auch verdient. Achte und respektiere ich mich selbst, kann ich die Achtung (und Grenzwahrung) anderer auch relativ gelassen einfordern, falls mir jemand, aus wiederum eigenen Gründen, doch keinen Respekt entgegenbringt. Lg, Sarah

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    • fundevogelnest September 16, 2019 / 8:49 pm

      Ja, wenn ich mich selbst achte, können andere mich nicht innerlich so fertig machen, wie wenn sie nur das was ich selbst fühle, bestätigen.
      Die Tatsache, dass mein Kind, das ja kein Kleinkind mehr ist, mich schlägt, ist mir sehr an die Substanz gegangen. Mir war klar, dass ich einen — gewaltfreien! -Weg daraus finden muss, um mich achten zu können und um weiter eine Respektsperson im besten Sinne sein zu können.
      Gruß
      Natalie

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      • Sarah („Sunnybee“) September 16, 2019 / 9:01 pm

        Danke für deine Antwort. Und mir ergab sich die Frage: welchen Weg hast du denn letztlich mit ihm gefunden? Würde mich interessieren! Falls es dir zu persönlich für die Kommentarleiste ist, natürlich auch okay!🙂 Lg, Sarah

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        • fundevogelnest September 16, 2019 / 9:28 pm

          Liebe Sarah,
          Wir stehen noch recht am Anfang dieses Weges.
          Ich habe mir Erziehungsberatung als Hilfe gesucht und mit ihr gemeinsam nachgedacht, was für diese Kind mit seiner Geschichte passt , auch das ist für mich Respekt, kein Patentrezept .
          anzuwenden.
          Wir waren uns einig , dass Verunsicherung der Hauptmotor für die Übergriffe ist.
          Daher bekommt er nun auch in diesen Situationen viel Zuwendung und möglichst wenig „Aufregung“ meinerseits, was mir wenn es schmerzt nicht leichtfällt,, aber im Lauf des Tages folgen deutliche Konsequenzen, „auf dieses oder jenes (z.B. Süßes, Spielplatz, Elektrogeräte benutzen) habe ich keine Lust, wenn man mir wehtut“. In meiner Nähe sein,die Versorgung der körperlichen Bedürfnisse, reden, körperliche Zuwendung etc. sind davon natürlich nicht betroffen
          Und gerade dieses „Im Nachhinein“, was so doof klingt, kommt im wahrsten Sinne des Wortes an, in der Situation kommt gar nichts an.
          Ein neuer Tag ist aber immer eine neue Chance.
          Verständlich?

          Natalie

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          • Sarah („Sunnybee“) September 17, 2019 / 2:27 pm

            Ja, das ist gut verständlich für mich, danke, Natalie, für deine Erklärung! Dass im Wutmoment selbst nichts ankommt, kann ich gut nachvollziehen und die Konsequenz im Nachhinein erscheint mir somit auch sinnvoller.
            Ich habe vor einiger Zeit einen schönen Zeichentrickfilm gesehen, der die Stimmen (und Emotionen) im Kopf toll anschaulich, witzig und zugleich erstaunlich tiefsinnig „auf die Bühne“ bringt. „Alles steht Kopf“ von Pixar. Vielleicht einen gemeinsamen Videoabend mit deinem Sohn wert?
            Lieben Gruß, Sarah

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  2. Christiane September 15, 2019 / 10:42 pm

    Dein Text beeindruckt mich sehr. Danke für deine Gedanken und den Einblick in dein Leben mit seinen Schwierigkeiten.
    Liebe Grüße
    Christiane 😀👍

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  3. fundevogelnest September 16, 2019 / 8:51 pm

    Auch die lieben Dank für dein lob.
    Das Etüden- Trigger-Durcheinander hätte natürlich auch in diese Betrachtungen gepasst, es kribbelte durchaus in den Fingern.
    Aber die Beschränkung war notwendig. Alles andere bei dir.
    Natalie

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  4. Uschi Ronnenberg September 22, 2019 / 2:54 pm

    Ich habe die Blogparade auch mitgemacht und bin gerade fasziniert von den unterschiedlichen Perspektiven, aus denen wir Einzelne dieses große Thema jeweils betrachten… Danke für Deinen Text!

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