Mauser

Auf zum Klimastreik, wurde letze Woche von allen Seiten gerufen; Plakate, Sticker und Mails sprangen wie kleine Hunde an mir hoch. Bin gefolgt, aber gestreikt habe ich nicht, nur dafür gesorgt nicht arbeiten zu müssen am 20.09.2019 mittags um zwölf.

Hat denn außer den Schulkindern irgendjemand gestreikt? Die Wertschöpfung im klimazerstörenden System einen Tag lang verweigert? Wenn ganze Belegschaften aus der Branche der erneuerbaren Energien den Laden schließen und zur Demo gehen ist das ein Betriebsausflug und kein Streik. Und die taz fand es witzig ihre Titelseite weiß zu lassen, die zum Teil sehr bewegenden Fotos vom weltweiten „Streik“ folgten dann ab Seite zwei.

Hätte der Berg  „Klimakabinett“ mehr als einen Mäuseschwanz geboren, wenn es wirklich zu einer massenhaften Verweigerung, zu Widerstand gekommen wäre? Wie hätte das ausgesehen? Hätten die Verantwortlichen sich dann an die Konzernmacht herangewagt oder an den Widerständigen abgearbeitet?

So bleibt die Erfahrung über eine Stunde vollkommen bewegungsunfähig in einem Übermaß an Menschen festzustecken. Wir streikten zwar nicht, demonstrierten aber, blockierten einander und kamen nicht mehr vom Fleck.

Nicht alle hielten das gut aus, viele Male musste besänftigend in alle Richtungen gesagt werden das geht vorbei.

Und wer glaubt, in der Stunde der Katastrophe werden Mobiltelefone hilfreich sein, dem sei gesagt das Netz verkraftet nicht mal eine größere Demonstration.

Und hoch über allem flog ein Keil Wildgänse mitten über das Zentrum der großen Stadt.

Die Hühner legen keine Eier. Aber nicht, weil sie im Klimastreik sind, Kokzidien sind es dieses Mal zum Glück auch nicht. Sie mausern bloß, werfen das alte abgewetzte Federkleid ab und ein neues sprießt. Wie Stifte bohren sich die noch nicht entfalteten Federn durch die Haut. Dem Großen Fundevogel machte dieser Anblick als Kind große Angst.

Unansehnlich sind unsere Hühner zurzeit und sie scheinen sich auch so zu fühlen, wirken missgelaunt, ohne ihre vertraute freundliche Energie.

Diese Phase wird vorübergehen, bald werden sie wieder rundum geschützt und isoliert sein und ihre Ressourcen für Eier und Liebenswertsein wiederhaben.

Ohne ihre Mauser würden sie zugrunde gehen.

Der Erzählvogel scheint auch in der Mauser zu sein, soviele Ideen, doch die Texte geraten gerade nicht rund, Federn rieseln an ihnen herab. Entblößt stehen die Worte da, müssen Geduld haben, bis sie sich wieder sehen lassen können, bis neue Eier ins Nest gelegt werden können.

Und die Frau Fundevogel selbst ist auch in der Mauser, da half auch der Friseurbesuch nicht weiter. Ich merke in mir läuft gerade vieles ab, manche scheintoten Tiere aus der Vergangenheit räkeln sich und ich sehe erstaunt, dass sie wohl schon immer mehr als ein Gesicht hatten. Der Kleine Fundevogel und ich beschreiten neue Wege, bzw ich habe ihn an die Hand genommen und einen Weg begonnen, der zu einem freundlicheren Ort zu führen scheint, es scheint der richtige Weg zu sein, aber er ist für uns ungewohnt, jeder Schritt muss behutsam gesetzt werden und manchen Abend schlafen wir gemeinsam erschöpft in seinem Bett ein. Und da ist die spür-und sichtbare Ankunft des Klimawandels, die etwas mit mir macht, dass ich auf sinnvolle Wege bringen sollte.

Es sind Prozesse im Innern, noch sind die Federn, die da spießen werden, unsichtbar. Doch ihr Wachsen ist zu spüren.

Die Mauser ist eine ungemütliche Zeit, entblößt zu sein, ist nie angenehm. Mausern tut nicht weh, zährt aber aus.

Ausgelassen werden kann die Mauser nicht.

Aber sie vergeht.

Bis bald mit frischen Federn.


P.S.

Hühner, die anders als unsere kleine Schar kein verwöhntes Schmusetierdasein führen, mausern nicht. Sie werden vorher geschlachtet, ganz egal ob bio, Freiland oder konventionell.

Den Preis für ein Ei, das die Zeit der Mauser mitfinanziert, wird wohl niemals gezahlt werden wollen. Bei ihrer ersten Mauser ist eine Henne ca. 14 Monate alt.

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3 Gedanken zu “Mauser

  1. puzzleblume September 22, 2019 / 10:30 pm

    Sich hinzusetzen und einen solchen Beitrag zu schreiben, finde ich wert- und wirkungsvoller, als mit einer Gruppe Plakate herumzutragen oder mit einer weissen Seite einen intellektuellen Offenbarungseid in Sachen Nachhältigkeitsverständnis zu leisten.

    Gefällt 5 Personen

  2. fundevogelnest September 24, 2019 / 9:25 pm

    Liebe Puzzleblume,
    Ich weiß es nicht.
    Ich bin ja durchaus eine, die gelegentlich Plakate (nee, meine schöne geliebte Erdfahne, die ich seit 30 Jahren habe), mit einer Gruppe herumträgt und das für einen sinnvollen Beitrag zu einer demokratischen Gesellschaft hält.
    Ich bin ja auch nicht gegen meinen Willen auf diese Demo gegangen, sondern habe mir die Zeit mühsam freigeschaufelt.
    Was meine Blogtexte bewirken?
    Ich habe 65 Follower, von denen die meisten politisch vermutlich eh so ähnlich ticken wie ich.
    Ich sag ja mausern macht nicht unbedingt optimistisch.
    Natalie

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