Regenwesen

Leise nieselt es vor sich hin und eine, die ich sehr lieb habe, schaut in den Himmel und sagt: Hoffentlich wird das besser, bevor ich in den Urlaub fahre. Ich brauch Helligkeit, ich brauche Licht. Und zwar nicht nur für die wunderbar ästhetischen Fotos, die sie garantiert von dieser Reise mitbringen wird, und wenn sie sie in der einzigen hellen Stunde ihres Urlaubs aufnehmen wird.

Bedrückend ist dieses Jahr, in dem Land und Pflanzen nach Wasser schreien und ich gefühlt an jeden kräftigen Schauer eine Ode verfassen möchte..

Aber es gibt halt auch Seelenwetter.

Meine Seele, die durchaus Sonnentage zu genießen weiß, beherbergt ein Regenwesen. Schwermut liegt den Regenwesen fern an durchweichten Tagen, wenn keine Ghettoblaster dröhnen, von den Grillgeruch die Gärten umhüllt und das Laub Klumpen bildet, an denen die Laubbläser endlich zu ersticken drohen.

Wollen wir durch den Regen wandern?, frage ich den Kleinen Fundevogel beim Abholen aus der Kita.

Oh, ja! Da bin ich aber fröhlich, ach mein Herzensvögelchen, sollen die anderen mich doch für eine Rabenmutter halten.

Wir dringen ein in das Feuchte, das Ungewisse, das Matschige, Modrige. Graue Flechten bilden Spitzendeckchen an der Wetterseite der Äste. Tropfen glitzern an jedem einzelnen Häckchen des Stacheldrahtes.

Im Sonnenschein scheint alles seinen Platz zu haben, die Dinge werfen klar umgrenzte Schatten. Richtig scheint richtig zu sein und falsch falsch. Das Wetter ist schön und das hässliche Wetter, auf das man wegen der Bedürfnisse der Landwirtschaft leider nicht verzichten kann, bleibt im Schrank. Wie fühlt sich die Nachrichtensprecherin, wenn sie vorliest vom trockensten Sommer seit Menschengedenken, von Klimakonferenzen und brennenden Wäldern und im letzten Absatz verkünden muss, das Wetter werde leider schlechter?

Ist das Wetter endlich schlecht genug,  stören wir, die doch überall auf die Nerven fallen, niemanden mehr, der Regen hat sie schon alle vertrieben. Die Störfaktoren sind endlich unter sich. Keine Inlineskater flitzen auf den breiten Betonpisten, auf denen früher eine Panzerbrigade den Dritten Weltkrieg probte. Nicht einmal die Hunde müssen raus zur großen Runde. Nur ein paar triefende Gallowayrinder glotzen uns an.

Hellrot funkeln die nassen Hagebutten, dunkelrot die Früchte des Weißdorns, ab und an fliegt eine Krähe vorbei. Vernünftige Vögel und Insekten bleiben zu Hause. Plötzlich ist da ein Reh, kurz vor uns springt es auf, hat nicht mit Menschen gerechnet am Regentag, mit langen Sätzen hüpft es durch den Morast davon.

Und wir staunen über Pilze, die dem Kind bis übers Knie reichen.

Wie in der Abenddämmerung wird die Welt im Regen durchlässiger. Wenn die Konturen verschwimmen, wird der Mensch empfänglicher für die nicht sichtbare Welt, für das was vorher war und kommen wird. Für den weiten verborgenen Raum zwischen Phantasie und Realität, für Geschichten,  manchmal sogar Visionen. Man fängt an zu spinnen, könnt man auch sagen. Und ich fühle mich wunderbar Weise geborgen, angenommen vom feuchten Sein um mich herum, zuhause in der Schmuddeligkeit, die im Sonnenlicht so gern noch unpassend an mir klebt.

Der Regen wird stärker, fängt an meine Grenzen für gutes Wetter zu berühren, unsere Haare triefen wie die feinen Äste über uns, alle paar Minuten wische ich die eine oder andere Brille trocken, damit es wenigstens noch ein paar Konturen gibt. Meine guten Schuhe sind beim Schuster und meine feuchten Füße bestätigen, dass diese Schuhe zweite Wahl sind. Der Kleine Fundevogel hat gute Schuhe an, aber wenn die Pfützen so tief sind, dass das Wasser oben rein läuft, nützt auch das aufwendigste High-Tech-Dingsbums-Gewebe nix mehr.

Wollen wir nach Hause? Nein, auf gar keinen Fall will er das, weiter, noch hierhin und dorthin, an den Bach, zu jenem Teich und gucken wo die Ziegen sind. Falls er in irgendwelche Zwischenwelten schaut, behält er es für sich.

Er läuft und läuft, springt in Matsch und Rinderdung, er rast über die Erdwälle, die Zeugen der letzten Eiszeit und rennt über die Betonpisten, die Vermächtnisse des letzen Krieges sind.

Er rennt und und kommt bei sich an. Wenn keiner mehr da ist, den der Kleine Fundevogel stören kann, ist er endlich ungestört.

Regenwesen sind wir, auf die eine oder andere Weise.

Vor ein paar Tage haben wir die liebe Physiotherapeutin getroffen, die den Fundevogel in seinen Kükentagen zweimal die Woche behandelte. Sie freute sich zu sehen, was sie sah und woran sie ja auch mitgewirkt hatte. Irgendwie kamen wir auf die Wanderei zu sprechen, sie war ganz angetan davon, lobte mich, als schleifte ich den Fundevogel nicht aus reinem Eigeninteresse durch Naturschutzgebiete und erzählte dann von einem Therapeuten, der genau das mit so kleinen Hampelchen wie dem Fundevogel mache, lange Wanderungen sogar bei Regen.

Ich wusste nicht ob ich lachen oder mit dem Kopf schütteln sollte, man kann wohl fast alles als Therapie an verzweifelte Eltern verkaufen.

Wir Regenwesen bleiben dabei, einfach unseren Spaß zu haben, einen versehnlichen therapeutischen Nutzen nehmen wir gerne mit.

Jedem Sonnenwesen und meiner Freundin ganz besonders, wünsche ich strahlende Sonnenstunden, nach einem Schauer glitzert und riecht alles besonders schön.

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6 Gedanken zu “Regenwesen

  1. Werner Philipps September 29, 2019 / 6:43 am

    Ich denke einfach, die beste Therapie für Kinder ist, glücklich sein, und ohne Schimpfe durch den Regen, Pfützen, Matsch und Modder toben zu dürfen. 🙂

    Liebe Grüße,
    Werner

    Gefällt 2 Personen

    • fundevogelnest September 29, 2019 / 9:19 pm

      Ganz meine Meinung.
      Nur wird es in meinen Augen schwierig, wenn das Wort „Therapie“ gar zu wörtlich genommen wird. Und nicht mehr rausgegangen wird, weil es gut tut, Spaß macht und zum Kind sein dazu gehört, sondern mit der Erwartung, dass sich dadurch bitte gefälligst etwas ändert. Am besten noch gegen Geld – das der Eltern oder der Krankenkasse sei mal dahin gestellt – von einer Fachkraft.
      1. macht das dem Kind wieder klar, dass es so ist, wie es nicht sein sollte, weil es ja therapiert werden muss (nichts gegen notwendige, sinnvolle Therapien, der genannten Pysiotherapeutin verdankt mein Sohn wirklich viel!)
      2. verliert das Rausgehen seinen Reiz, weil es ja gemacht werden muss
      3. wird eine Ergebniserwartung dran gehängt. Mein Kind verbringt nun wirklich den größten Teil seiner Freizeit im Garten oder in der freien Natur. Da tut es ihm gut, mit ihm in den Supermarkt oder sonst einen reizüberfluteten Ort zu gehen ist dennoch eine extrem schweisstreibende Angelegenheit.
      Liebe Grüße und danke fpür den Gedankenanstoß
      Natalie
      Lässt man das Rausgehen dann, weil es nichts bringt?

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  2. reginatauschek September 30, 2019 / 6:35 am

    Liebe Nathalie, von meinem Naturell bin ich ein Sonnenwesen. Bei deiner schönen Beschreibung, genieße ich es, mit euch zu spazieren und freue mich auf den nächsten Regen – den ersten seit Monaten, hier in Jordanien. Im Oktober sollte er kommen. Ganz liebe Grüße Regina

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    • fundevogelnest Oktober 6, 2019 / 12:01 am

      Einmal in meinem Leben war ich in einer Wüste, vielleicht zwei Wochen lang (NevadaDesert , USA).Und fand sie wunderschön.
      Eine Landchaft, zu der die Trockenheit gehört, die sie geformt hat, nehme ich anders wahr als eine vertrocknete.
      Ich wünsche dir erquickende Regentage.
      Natalie

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  3. Und sonst so? Oktober 5, 2019 / 9:31 pm

    Was für ein poetischer Text. Zwischen den Zeilen liegt eine Harmonie, die man beim Lesen als etwas sehr Entspannendes empfunden habe.

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    • fundevogelnest Oktober 6, 2019 / 12:08 am

      Danke, ich freue mich, dass ich das Beruhigende der Gegend, die wir so lieben,wiedergeben konnte.

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