Freundschaftsgeschichten (verspätete ABC-Extraetüde)

Keine Etüde von mir in der letzten Runde und die Extraetüde nun mit Verspätung. Ich bin noch immer mit meiner inneren Mauser zugange. Meine Mausertexte behalte ich für mich, mag nicht entblößt im Internet stehen.

Dieser Etüde liegt allerdings ein Mausertext zugrunde. Der wäre aber vermutlich nur noch für Leute die mich gut kennen wiederzuerkennen und so ist es mir auch recht.

Extraetüden gibt es, wenn der Monat ein (fünftes) Extrawochenende hat, sie dürfen 500 Wörter lang sein und enthalten die Wörter der beiden Wortspenden des Monats, diesmal von der sehr schreiblustigen Alice und dem Etüdenerfinder Ludwig Zeidler, derzeit ohne Blog.

Christiane, wie immer der Dank für die wunderbare Betreuung der Etüden, einschließlich Illustration und zuletzt unaufgeregter Moderation schwieriger Diskussionen.

Was bin ich dankbar, dass die Etüden diese Krise überlebt haben, ohne sie würde mir was fehlen.

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Ihre Tochter ist verliebt.

Verliebt, denkt sie, wie schön ist das.

Auch wenn die Schule leidet. Die Mithilfe im Haushalt auch.

Das Gekicher in einem fort nervt schon ein bisschen.

Jede Stunde ohne die Liebste ein Drama, Stoff für sich elendig ziehende Diskussionen. Wozu sollte eine Verliebte schlafen müssen?

Sie strahlt doch vor Glück.

Langsam kommt die Änderung, nicht überraschend, denn wieviel Lebenserwartung geben Mütter der ersten Liebe?

Ihre einzige Pflicht ist, das nicht auszusprechen.

Die Tochter muss sich noch immer treffen, immerzu, ganz dringend, muss schreien, muss kreischen, muss stehlen, muss lügen um die Liebste zu sehen.

Das Strahlen aber ist weg. Ein zufriedenes Schnurren hat es nicht ersetzt.

Mitternächtlich mit schlafloser Wucht erkennt sie dieses ambivalente Verhalten wieder. Ihr tut es nicht mehr weh. Auch nach ungläubigem Nachspüren nicht. Es ist, als läse sie einen Roman noch einmal, einen der viele Jahre im Regal verstaubte.

Komm, sagt sie, lass uns einen Kakao trinken, ich möchte dir etwas erzählen, etwas von früher.

Verliebt war sie damals auch, sie nannten es nicht so, denn ein Mädchen und ein Mädchen …

Die Tochter lacht.

Schön war ihre Freundin, nicht model-schön, sie hatte das Ergreifende eines ungewöhnlich gewachsenen Baums. Jeder in der Schule kannte dieses markante Gewächs und sie fühlte sich in ihrem Schatten endlich wahrgenommen, beinahe geliebt.

Die Freundin erzählte und sie versank in deren Augen, versank in der Stimme, versank in einer düsteren Kindheit, so anders als ihre, so aufregend auch, so dramatisch. Jahre vergingen, bis sie erkannte, sie hatte auch eine Geschichte, eine Geschichte, die es durchaus wert war erzählt zu werden.

Wortreich und variabel waren die Dramen der Freundin, die immer wieder kreiste um andere, deren Not noch dramatischer schien. Nachtstundenlang hörte sie sich Geschichten an, verzweifelte Geschichte, Geschichten, die sich der Verzweiflung hingaben, lustvoll fast, als sei diese die höchste aller Künste. Glück wirkte kleingeistig und fad, Vergnügen pervers.

Einsam und geschichtengierig schob sie ihre Eifersucht auf die aufregend Verzweifelten zur Seite. Entwand sich dem Gefühl als langweilig aber hilfreich empfunden zu werden. Tat alles um sich unentbehrlich zu machen, vernachlässigte die Schule, die Pflichten im Haushalt erst recht.

Als die Eltern das Telefonieren schließlich beschränkten, hörte sie ihr in der Telefonzelle zu, stundenlang, den angeblich spazierengeführten Hund ergeben kraulend.

Ja, lach nur, Tochter, weißt du, dass du meinen damaligen Traum besitzt? Ein Telefon, das man an einen ungestörten Ort mitnehmen darf.?

Eine Telefon, auf dem die dich immer erreichen kann, bei der du ohne das Wort zu kennen eine Verzweiflungstat befürchtest?

Sie wollte sich nicht bloß interessant machen. Die Not war überlebensgroß und reichte für zwei.

Ohne dich hätte ich mich damals umgebracht, sagte die Freundin Jahre später. Also doch. Bald danach entließ sie sie aus ihrem Leben.

Diesen letzten Akt braucht die Tochter nicht zu wissen, nicht, so lang sie nicht fragt.

Aber dass eine nicht alles retten muss, sollte sie wissen.

Auch dass Hilfe kein Freundschaftsverrat ist.

Eine lächerliche Vorstellung war das damals, unvorstellbar wie ein Telefon, das man mit in den Wald nehmen könnte.

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17 Gedanken zu “Freundschaftsgeschichten (verspätete ABC-Extraetüde)

  1. Myriade Oktober 6, 2019 / 11:44 pm

    Also so ganz unter uns, ich finde du schreibst ähnlich wie das Fräulein du weißt schon, aber viel authentischer, mit echtem Gefühl und nicht mit dieser neurotischen Übersteigerung. Immer ein Gewinn deine Texte zu lesen.

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    • fundevogelnest Oktober 7, 2019 / 9:56 pm

      Myriade, jetzt siehst du mich ganz verlegen nach unten blicken und an meiner Kette rumfriggeln, selbst wenn ich sie nicht umhätte.
      Mit mir und dem Fräulein, das ich leider niemals mehr kennenlernen kann, ist das so eine Sache.
      Erst haben ihre Texte mich mit einer ungeahnten Wucht getroffen und zwar besonders die, die nicht von ihrer erfundenen Familiengeschichte handelten und dann hat ihre „Enttarnung“ mich noch mehr bewegt, ich schrieb ja schon darüber, das mir dieses Erfinden nicht fremd ist und in einer zum Glück vergangenen Zeit meines Lebens recht viel Raum einnahm. Was ich scherzhaft „mauser“ nenne ist auch gerade von dieser Fräuleingeschichte angestoßen worden.
      Wobei ich mich natürlich weniger mit ihr auseinandersetze als mit dem Bild, das in mir von ihr entstanden ist.
      Ich hätte sie wirklich sehr gern kennengelernt.
      Natalie

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  2. Elke H. Speidel Oktober 7, 2019 / 7:13 am

    Ein Gänsehaut-Text. Erinnert mich an das vorige Wochenende mit meiner Schwester, das wir zusammen verweint und verlacht haben. Leben, in der Tat, ist „variabel“, so wenig ich dieses sperrige Wort leiden kann.

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    • fundevogelnest Oktober 7, 2019 / 9:58 pm

      Danke auch dir.
      Solche Geschichten schleppen wohl viele Menschen mit sich herum, im Idealfall machen sie klüger und nachsichtiger.
      Miteinander weinen und lachen können klingtt gut.

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      • Elke H. Speidel Oktober 8, 2019 / 7:09 am

        Ja, ich bin auch sehr dankbar, dass ich meiner Schwester, die seit vielen Jahren weit weg von mir wohnt, innerlich immer noch so nahe bin, dass wir miteinander lachen und weinen können.

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  3. Christiane Oktober 7, 2019 / 8:50 am

    Ich fühle mich dir sehr nahe, wenn du das so schreibst, weiß nicht, wie es besser ausdrücken kann. Ich war auch mal die helfende Person bei einer hochgradig unglücklichen, zum Glück aber nicht tragischen Liebe … o je.
    Danke für die Etüde und die lieben Worte (und ich finde, dass du wie du schreibst, wie niemand sonst, auch wenn ich verstehe, wie es gemeint ist)
    Christiane ❤️👍😺🌞

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    • fundevogelnest Oktober 7, 2019 / 10:04 pm

      Ich denke wir alle schreiben von dem beeinflusst, was wir lesen. Was uns berührt hat, wird sich irgendwie wiederfinden, denke ich.
      Aber eben auf seine Weise wiederfinden.
      Ich kannte allerdings mal einen der las einen Text von Klaus Hoffmann als sein eigenes Gedicht (öffentlich!)vor, DAS geht natürlich nicht und ist ziemlich armselig obendrein.

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  4. Ulli Oktober 7, 2019 / 8:54 am

    Du spülst mit deiner Extraetüde eine uralte, auch verborgene Geschichte von mir nach oben, der ich jetzt noch ein wenig nachlauschen will.
    Herzliche Grüsse
    Ulli

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    • fundevogelnest Oktober 7, 2019 / 10:10 pm

      Wahrscheinlich tragen fast alle einen Haufen verborgener Geschichten mit uns herum.
      Manchmal ist es Zeit sie noch einmal zu lesen.
      So wie man gute Bücher zu verschieden Lebenszeiten verschieden liest.

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  5. gkazakou Oktober 7, 2019 / 11:24 am

    sehr gern gelesen, o ja. Dies Unglück der frühen Jahre. Glück ist was für Weicheier. Glück, wie fad. der Abgrund lockt, aus dem das Nichts hervorstarrt – und ich starrte zurück und fühlte den Sog, konnte mich als etwas Besonderes fühlen – anders als angesichts der Fülle, vor der ich mich wohl als Nichts gefühlt hätte. Je größer die Verzweiflung, desto heftiger das Gefühl lebendig zu sein. Trost wird nicht gesucht.

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    • fundevogelnest Oktober 7, 2019 / 10:12 pm

      „anders als angesichts der Fülle, vor der ich mich wohl als Nichts gefühlt hatte“, danke für diesen Satz, ich empfinde ihn als sehr weise und denke noch intensiv daran herum.
      Natalie

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  6. Myriade Oktober 7, 2019 / 3:14 pm

    Ich wollte mit meinem Kommentar oben keineswegs deinen persönlichen Stil in Frage stellen. Ich habe mich nur erinnert, dass du mehrmals geschrieben hast, du würdest gerne so gut schreiben wie besagtes Fräulein. Ich finde aber, dass du besser und authentischer schreibst, oft über ähnliche Themen, mit ähnlichen Stil-Ansätzen aber in keiner Weise süßlich und vor allem kommt bei dir nie zwischen den Zeilen dieses „die Welt ist böse, aber ich bin so GUT“ heraus, das die Texte des Fräuleins immer wieder verdarb.

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    • fundevogelnest Oktober 7, 2019 / 10:16 pm

      Myriade, das hatte ich auch nicht so verstanden (siehe auch mein Kommentar zu Christiane).
      Ich habe sie als sehr empfindsam erlebt und unter der Welt leidend.
      Und ja, der völlig übersteigerte Anspruch an mich unbedingt GUT zu sein, ein allumfassender Anspruch, an dem man nur scheitern kann, den kenne ich leider auch viel zu gut.
      (Im Blog kann man ja so tun, als sei es gelungen)

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