Wo warst du?

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Fragen sie sich gegenseitig in diesen Tagen. Sie wissen schon an diesem Tag, in dieser Nacht vor dreißig Jahren, als wieder einmal bewiesen wurde, dass keine Mauer ewig steht.

Also ich war im KZ.

Natürlich nicht als Häftling, durchaus freiwillig war ich da, an diesem grausigen Ort in den Hamburger Vier-und Marschlanden, in der Klinkerhalle des ehemaligen Konzentrationslagers Neuengamme, dem einzigen Konzentrationslager, das nicht durch allierte Truppen befreit, sondern quasi leergeräumt übergeben wurde. Die meisten skandinavischen Insassen wurden auf Bestreben des Grafen Bernadotte nach Schweden übergeben, die anderen aber wurde auf Todesmärsche nach Bergen-Belsen oder sonstwohin geschickt, tausende auf den Schiffen Cap Arcona und Thielbek zusammengepfercht, die schließlich am dritten Mai 1945 bei einem britischen Luftanfgriff in der Neustädter Bucht versenkt wurden.

Aber zu diesem Gedenken war ich am neunten Novemer 1989, 51 Jahre nach der nationalsozialistischen Progromnacht, gar nicht dort. Es war eine Solidaritätskundgebung in einer höchst aktuellen Geschichte. Mitglieder der Hamburger  Roma-und-Cinti-Union befanden sich dort im Hungerstreik, wollten so verhindern , dass sie gezwungen würden nach Jugoslawien auszureisen.

Warum ich dabei war? Weil ich damals noch die Energie hatte, mich gegen jede Ungerechtigkeit aktiv zu empören und weil ich den offiziellen Umgang mit den Roma immer besonders beschämend fand, dass sie quasi als NS-Opfer zweiter Klasse galten, dass viele repressiver Maßnahmen gegen Roma nach 1945 einfach weitergeführt wurden, die sogenannte Landfahrerkartei ist meines Wissens erst 1973 aufgelöst worden.

Die Kämpfe und verschlungenen Wege der überwiegend aus dem damaligen Jugoslawien stammenden Roma jener Jahre sind in dem Film Gelem Gelem bewegend dokumentiert. Zu einer Familie aus diesem Kreis, die im Film auch irgendwo durchs Bild läuft und die später hier in der Nähe im Kirchenasyl lebte, entwickelte sich ein sehr enger, sehr herzlicher Kontakt. Die älteste Tochter wurde gewissermaßen für eine kurze Zeit der erste Fundevogel im Nest und meine Freunde und ich wagten vieles für diese lieben Menschen, was wir uns nie zugetraut hätten. Eine Geschichte ist das, die noch darauf wartet aufgeschrieben zu werden. Gerade sprachen die Beste Freundin und ich darüber, vielleicht sollten wir damit anfangen ehe wir ganz vergessen.

Das wusste ich in jener bewegenden Nach alles noch nicht, fetzenhaft und verschleiert sind die Erinnerungen, kalt war es, es wurde gesungen, in vielen Sprachen gesungen. Und an den Gefängnisfenstern – ja es ist kaum zu glauben, aber auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers betrieb die Hansestadt Hamburg bis 2003 eine Haftanstalt – rotteten sich Häftlinge zusammen und brüllten: Mit Power durch die Mauer, bis sie bricht.

Irgendwie befand ich mich am 9.November 1989 schon mitten in Deutschland.

Die Mauer brach nur an einer anderen Stelle. Völlig erschöpft wieder in meinem Wohnheimzimmer angekommen hörte ich davon in den frühen Morgenstunden im Radio, mein Gehirn war jedoch überfüllt, ich erinnere, dass ich vage dachte da tut sich ja echt einiges, die Information aufgenommen habe ich erst am folgenden Tag.

Die Roma-Cinti-Union brach die Besetzung ab, im Bewusstsein bei der Nachrichtenlage keine Chance auf Gehör zu haben.

Ich habe damals die offene Grenze gefeiert und die deutsche Einheit gefürchtet, nicht aus wirtschaftlichen Gründen, denen ich immer schon leichtfertig wenig Gewicht beimaß. Ich hatte belächelte Angst vor einem wiedererstarkenden Deutschland, einem Deutschland, das vielleicht wieder Großmachtphantasien entwickeln könnte, einem Deutschland, das wieder nationalistische Tendenzen entwickeln könnte, vor einem Land, in dem Menschen ihres Aussehens, ihrer Herkunft, ihrer Religion wegen vefolgt und ermordet werden könnten.

So etwa habe ich mich vor dreißig Jahren gefürchtet.

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13 Gedanken zu “Wo warst du?

  1. gkazakou November 8, 2019 / 9:43 pm

    ich auch. ich habe mich auch gefürchtet. – Danke für den Bericht über die Roma und Sinti. Sehr viele sind ja aus dem Kosovo vertrieben worden, im Rahmen des „ethnic cleansing“ der Kosovo-Albaner, die die Gelegenheit ergriffen, angeblich, weil sie Roma den Serben zugearbeitet hatten. Ich weiß, diese Geschichte passt nicht ins bevorzugte deutsche Narrativ. Aber so ist es leider. Im Kosovo hatten sie zur Zeit, als Jugoslawien noch existierte, Siedlungen mit festen Häusern, nichts Luxuriöses, aber sie hatten ihr Auskommen. Damit war es dann vorbei, als Jugoslawien zerschlagen wurde. Sie flohen und kamen nach Deutschland.

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    • fundevogelnest November 9, 2019 / 10:40 pm

      Diese Familien hatten Jugoslawien tatsächlich vor dem Krieg schon verlassen und schwere rassistische Übergriffe beklagt.
      Inwiefern das stimmt kann ich natürlich nicht nachprüfen.
      Was meinst du mit bevorzugtem deutschen Narrativ?

      Liebe Grüße
      Natalie

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      • gkazakou November 9, 2019 / 10:56 pm

        Woher kamen sie denn genau? Jugoslawien war ja ein Bundesstaat mit sehr unterschiedlichen lokalen Politiken.
        Mit „deutschem Narrativ“ meine ich, dass Serbien und die Serben als die Bösewichter angesehen werden, während die Bosnier und die albanischen Kosovaren, teilweise auch die Kroaten die Opfer sind. In Wirklichkeit ist Serbien als einziges Land multiethnisch geblieben: nur 60 % sind Serben, die anderen gehören zu ethnischen und religiösen Minderheiten, darunter auch sehr viele Roma, die aus dem Kosovo fliehen mussten. Womit ich nicht sagen will, dass ihr Leben in Serbien einfach sei. All diese Länder haben die Kriegsfolgen noch nicht überwunden.

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        • fundevogelnest November 9, 2019 / 11:05 pm

          „Mein“ Mädchen war gebürtig aus Skopje, aber staatenlos.(Heute ist sie durch ihre Ehe Französin und lebt auch dort)
          Von den anderen weiß ich es nicht.

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  2. Myriade November 8, 2019 / 10:07 pm

    In einem ehemaligen KZ wurde ein Gefängnis betrieben ?? noch dazu in einem mit einer ganz besonders argen Geschichte …

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      • Myriade November 9, 2019 / 10:20 am

        Nein aber es gibt innerhalb des Grauens Abstufungen. Ein KZ das niemand überlebt hat, ist der Gipfel des Grauens

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        • fundevogelnest November 9, 2019 / 10:50 pm

          Zum Glück gibt es schon Menschen, die ihre Haft in Neuengamme und die Auflösung des Lagers und sogar die Schiffsuntergänge überlebt und Zeugnis darüber abgelegt haben.
          Neuengamme war kein Vernichtungslager wie Auschwitz oder Treblinka.
          Es als Gefängnis weiterzunutzen entschuldigt das nicht.

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          • Myriade November 9, 2019 / 10:54 pm

            Dann habe ich das falsch verstanden. Trotzdem ist es ziemlich beispielslos in einem ehemaligen KZ ein Gefängnis einzurichten

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  3. fundevogelnest November 9, 2019 / 11:16 pm

    Tröstlich. Und heute frage ich mich, was daran berechtigt war. Als ich mich am ersten Einheitfeiertag um ein durch Neonazis schwer verletzes Kind kümmern musste und die Regenbogenpresse von ihrer widerwärtigsten Seite kennenlernte, sah ich diese Angst bestätigt. Rassismus schwappt dreißig Jahre später in die gemäßigsten Kreise.
    Heute bekäme die AfD laut „Sonntagsfrage“ 14% der Stimmen.
    Die Frage, die bleibt und die nie einer beantworten wird bleibt, ob es ohne Wiedervereinigung anders gekommen wäre.
    Ich zweifele an dieser einfachen Antwort.

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