Einreise (ABC-Etüde)

Anna-Lenas Wörterspende zur aktuellen Etüdenrunde fand ich … nun ja … herausfordernd.

Himmelsleuchten

recycelbar

ausreisen

Wie finden die jemals zusammen in einem Text? In einem Text, der nicht mehr als 300 Wörter haben darf?

Sie fanden sich, nicht nur bei mir, sondern bei ganz vielen Texten, die Christiane so wunderbar hütet und illustriert.

Lesen Sie selbst.

2019_4546_2_300

 

Durch das kleine Flugzeugfenster starrt Elaine auf das spektakuläre Himmelsleuchten. Sie umarmt ihre Tochter, fühlt sich für Sekundenbruchteile wie eine Mutter aus gutem Hause, die ihrer heranwachsenden Tochter die Welt zeigt. Ein klitzekleines Glückströpfchen, von dem nach zermürbender Prüfung ihrer Visa am Hamburger Flughafen nichts übrig bleibt.

Nicolas, der nach den Ereignissen klugerweise nicht von der Internationalen Konferenz für recycelbare Baustoffe zurückgekehrt ist, weilt noch immer in Auckland. Seinem Konferenzfreund, Fachmann für Kreislaufwirtschaft mit internationalem Renommée und unaussprechlichem Pünktchennamen, verdanken sie die kostbare Gelegenheit auszureisen.

Sie treten aus der Schiebetür, eine junge Frau hält ein Schild mit ihrem Vornamen hoch. Wie eine Eingborene trägt sie ihr Kind in einem Tuch vor der Brust und ihr Englisch gerät nach Hello, I am Birte schon ins Straucheln.

Elaine betrachtet das Baby so hingerissen wie den Sonnenaufgang ein paar Stunden zuvor. Jacob heißt es und ist drei Wochen alt, selbst das zu erfahren ist mühsam. Sie folgen Birte eine Rolltreppe hinab, sehen ihr beim Fahrkartenkaufen zu und steigen in einen Zug. Während der Fahrt lächeln sie einander unsicher zu und himmeln den schlafenden Jacob an, der nichts ahnt von Ereignissen, die über einen kommen können.

Ein paar Schritte vom Bahnhof entfernt beginnt ein Wald, buntes Laub, modriger Geruch, der europäische Herbst, den sie, die Literaturwissenschaftlerin, immer schon erleben wollte. Nun riecht der kalte Wald nach Falle, die lächelnde Birte mit dem Kind nach Verräterin. Enden sie und Elaine nun als Skelette im tiefen Wald? Man hat viel gehört seit den Ereignissen, vieles, was man nie gedacht hätte.

Ein paar Bungalows stehen am Rand des Waldes, eine Straße ist da, eine, auf der man fliehen könnte.

Here we are, lächelt Birte und klingelt, Björn Schnürmöller, steht da und der, der öffnet, sieht den Konferenzfotos ähnlich.

Es riecht nach Kaffee, aber das muss nichts heißen.

Ich freue mich immer über Likes und Kommentare zu meinen Texten, muss aber darauf hinweisen, dass WordPress.com – ohne dass ich daran etwas ändern könnte — E-Mail und IP-Adresse der Kommentierenden mir mitteilt und die Daten speichert, verarbeitet und an den Spamerkennungsdienst Akismet sendet. Ich selbst nutze die erhobenen Daten nicht (näheres unter Impressum und Datenschutz). Sollte das Löschen eines Kommentars im Nachhinein gewünscht werden, bitte eine Mail an fundevogelnest@posteo.de, meistens werde ich es innerhalb von 48 Stunden schaffen dieser Bitte nachzukommen.

 

13 Gedanken zu “Einreise (ABC-Etüde)

  1. Myriade November 12, 2019 / 8:20 pm

    Da haben sich die Wörter tatsächlich gefunden. Sehr gut gefällt mir, dass du die Geschichte geographisch und zeitlich unbestimmt gelassen hast, das spart hunderte Wörter ….

    Gefällt 4 Personen

    • fundevogelnest November 12, 2019 / 8:22 pm

      Da hast du mich ja bestens durchschaut.
      Ich hatte allerdings ein Land und ein Ereignis, ja sogar einen Menschen im Kopf.

      Gefällt 3 Personen

  2. Ulli November 12, 2019 / 8:25 pm

    Ich finde den Wechsel spannend, von der Freude hin zur Skepsis vor all dem Fremden, das vielleicht einfach nur menschlich ist? Wenn man sich dessen bewusst ist und es nicht füttert, lässt es uns achtsam dem Fremden nähern.
    Tolle Etüde!
    Herzlichst, Ulli

    Gefällt 4 Personen

  3. Elke H. Speidel November 12, 2019 / 8:46 pm

    Wie gut du das Ankommen beschrieben hast! Diese ambivalenten Gefühle. Diesen Ausweg als Weg in ein mögliches Aus. Das Eintreffen in einem Nichts, dessen (Un?)Freundlichkeit man nicht beurteilen kann. Bist du selbst auch ausgewandert? Oder magst du das nicht offenlegen?

    Gefällt 5 Personen

    • fundevogelnest November 13, 2019 / 10:54 pm

      Nein, ich bin in Freiburg Breisgau geboren und lebe seit ich vier bin um und bei Hamburg. Meine Auslandsaufenthalte waren mutwillig herbeigeführt und nicht übermäßig lang.
      Ich bin eher die Birte (mein Englisch reicht etwas weiter)
      Mich fremd fühlen kann ich trotzdem ganz gut.

      Gefällt 1 Person

      • Elke H. Speidel November 14, 2019 / 6:25 am

        So lang in derselben Gegend zu leben kann ich mir gar nicht wirklich vorstellen. Super, wie du trotzdem die Gefühle der Fremdheit und des (Noch-nicht-) Ankommens triffst!

        Gefällt 1 Person

        • fundevogelnest November 14, 2019 / 11:45 am

          Liebe Elke, immer bewusster wird mir wieviel Unbehaustheit und Misstrauen gegen die Welt aus der Generation vor mir ich in mir trage.
          Hinzu kam dann die fundementale innere Unbehaustheit der Fundevögel.
          Misstrauen ist die Luft, die fasrt immer schon atme, meine eigenen Gründe, der Welt eigentlich vertrauen zu dürfen, musste ich mir recht mühsam erarbeiten.
          Vielleicht klebe ich auch deshalb so an einem Ort.
          Liebe, Elke , ich freue mich über jeden einzelnen Kommentar zu meinen Texten, deine aber eröffnen mir oft neue Blickwinkel und Einsichten. Ich danke die sehr dafür.
          Natalie

          Liken

  4. Sarah November 13, 2019 / 7:57 am

    Ja, ein wirklich virtuoser Text! In wenigen Zeilen entfaltest du das ganze Spektrum menschlicher Gefühle, Aufbruch, Ausbruch, Ankunft – und neue Fremde, nun angesichts des auf einmal innerlich nicht mehr „behaust“ Seins… Gefällt mir sehr!
    Ach ja, und das ewige Spiel von Misstrauen und Vertrauen… Lg, Sarah

    Gefällt 2 Personen

    • fundevogelnest November 14, 2019 / 11:25 am

      Vielen Dank.
      Ich denke wer geade einen politischen Umsturz und zwar einen, der einen in Gefahr bringt, ist zutiefst verunsichert.

      Liken

  5. Christiane November 13, 2019 / 8:45 am

    Puh, das ist ein Text, der viel aufrührt. Wenn mal mal erlebt hat, irgendwo komplett fremd zu sein und der Sprache nicht mächtig, ist der Schritt nicht groß, finde ich, sich zu überlegen: Wie wäre es, wenn ich hier nicht sein wollte, sondern sein müsste? Wie wäre es, wenn ich fliehen würde/geflohen wäre, wovor auch immer, und die entsprechenden Erfahrungen mich belasteten?
    Und dann, natürlich, die Brücke zu unseren Geflüchteten: Ob die manchmal auch vor uns Angst haben, selbst vor der alltäglichen Freundlichkeit, weil sie nicht einschätzen können, was sich dahinter verbirgt? Bestimmt …
    Nachdenkliche Grüße
    Christiane

    Gefällt 2 Personen

  6. fundevogelnest November 14, 2019 / 11:47 am

    Ja, solche Gedankenspiele beschäftigen mich viel (nähers dazu in meiner Antwort an Elke)

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s