Vom lieben (Pflege-)geld

Ja, die Gerüchte stimmen: Die Frau Fundvogel lässt sich fürs Mama-Sein bezahlen.

Da ich in Hamburg wohne und eine Erziehungsstelle anbiete, sogar recht gut (wer jetzt Zahlen braucht, konsultiere bitte seine Suchmaschine, die Summen sind nicht geheim). Wohnten wir dagegen z.B. in Ostholstein, wäre der monatliche Betrag auf dem Konto deutlich niedriger.

Jeder Landkreis in Deutschland legt selbst fest, was Pflegefamilien monatlich für ihre Leistung bekommen. Die Unterschiede sind beachtlich, um nicht zu sagen schlichterdings ungerecht und mit dem Mietgefälle zwischen Großstadt und Land nicht schlüssig zu erklären. Der Unterhalt für das Kind orientiert sich an der ortsüblichen Grundsicherung, hinzu kommen die Kosten der Erziehung und die wird von Ort zu Ort sehr unterschiedlich wertgeschätzt. Ob irgendwelche zusätzlichen Hilfen gewährt oder verweigert werden, ob ein Kind in einer – teureren – Erziehungsstelle oder einer „normalen“ Pflegefamilie untergebracht wird,  all‘ dieses scheint nach Gusto der jeweils Zuständigen entschieden zu werden und in gewissem Maße auch von der Hartnäckigkeit und dem Verhandlungsgeschick der Pflegefamilien abzuhängen. Transparente, gar öffentlich nachlesbare Kriterien vermag ich nicht zu finden. Steuerfrei ist das Ganze aber grundsätzlich. Ich bitte diese Zustände beim weiteren Lesen dieses Textes im Hinterkopf zu behalten, jedenfalls bevor Sie über irgendeine Pflegefamilie in der Nachbarschaft herfallen, die Frau Fundevogel, die hat aber gesagt…

Ebenfalls grundsätzlich scheint zu sein: Ein Pflegekind aufnehmen darf nur, wer für sich selbst sorgen kann, nicht von Sozialleistungen abhängt. Eine Regelung, die mir nicht so recht einleuchten mag. Kann doch ein Mensch vielleicht mit seiner beruflichen Qualifikation auf dem Arbeitsmarkt keine Chance haben oder den erlernten Beruf aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben können und doch ein großes Herz für Kinder haben und pädagogischen Weitblick dazu. Plus viel, viel Zeit fürs Kind.

Aber so soll wohl vermieden werden, das die Aufnahme von Pflegekindern als Ausweg aus finanzieller Misere missbraucht wird.

Doch auch so ist das Pflegegeld Quell zwiespältiger Gedankengänge, Gefühlsverknäulungen und manchmal auch von Gesprächen, die einen innerlich angenagt zurücklassen. Geld für etwas bekommen, was andere gratis leisten, erweckt Misstrauen, sogar in einem selbst, auch wenn die Leisung einem gesetzlich zusteht.

Unvergessen der Ausruf einer, deren Kinderwunsch schmerzhaft unerfüllt blieb, wie ungerecht ist das denn, ein Kind bekommen und noch Geld dazu? (Um ein Pflegekind beworben hat sie sich trotzdem nie.)

Immer wieder die Frage, ist das moralisch einwandfrei? Liebt sie die Kinder denn wirklich oder sind es bloß Cash-Kälbchen, die ihr ein bequemes Leben mit herrlich wenig Erwerbsarbeit ermöglichen?

Und sollte es bei einer, die soviel Geld vom Staat bekommt, nicht vielleicht etwas aufgeräumter sein? Und warum steckt die eigentlich soviel Zeit in ihren Blog, da könnte sie doch mal lieber dafür sorgen, dass…

Wer über Geld spricht, wer gar zugibt, welches zu haben, vom Staat zu erhalten, hat die Missgunst schnell als ungeladenen Gast am Tische sitzen. Gerade Eltern, deren Kinder in Pflegefamilien leben, werden dann von Bitterkeit umspült und denken vielleicht, hätte ich dieses Geld zur Verfügung gehabt, dann wäre es gewiss nicht soweit gekommen, wie es letztlich gekommen ist.

Viel Gruseliges und wahrscheinlich aus tiefstem Schmerz Geborenes findet sich im Netz, vom Kinderklau, von Verschwörungen der Jugendämter und Gerichte möglichste viele Kinder ihren leiblichen Eltern zu entreißen, auf dass Heime und Pflegefamilien reich und reicher werden mögen.

In Pflegeelternkreisen wird dann manchmal vorgerechnet, wie hoch der Stundenlohn vom Pflegegeld ist, wenn man es durch 24 Stunden an sieben Tagen die Woche teilt.

In meinen Augen ist das Bullshit. Nur sehr wenige Kinder sind Tag und Nacht wach und die meisten gehen doch irgendwann in die Kita oder zur Schule, verabreden sich mit Freunden und gewöhnen sich an gelegentliche Babysitter.

Doch wenn reich werden mein Lebensziel gewesen wäre, wäre das Konzept „Fundevogelnest“ zu diesem Zweck ein ziemlich blödes gewesen. Ich denke, da wäre mir etwas Erfolgsverspechenderes eingefallen.

Würde ich die Fundevögel behalten, wenn es aufgrund irgendwelcher politischen und gessellschaftlichen Verwerfungen kein Geld mehr gäbe? (Die AfD zum Beispiel hält nichts von Pflegestellen für nicht-deutsche Kinder)

Ja, ja und nochmals ja und wenn ich Tag und Nacht für ihr Überleben schuften müsste.

Hätte ich sie überhaupt aufgenommen, wenn es kein Pflegegeld geben würde? Was auch heißen könnte: Hätte ich sie adoptiert?

Nein.

Weil es nicht fair gewesen wäre. Weil sie etwas besseres verdient hätten. Kein Kind, das seine Familie verloren und unter Umständen viel Schmerzliches erlebt hat, sollte zu Menschen kommen, die keine Zeit für es haben, die damit beschäftigt sind, ökonomisch über die Runden zu kommen.

Eine Adoption ist in meinen Augen daher eher etwas für Paare, die es sich leisten können, dass für lange Zeit immer einer beim Kind bleiben kann.

Denn Bindung braucht Zeit.

Heilung braucht viel Zeit.

Diese Zeit verschafft uns das Pflegegeld. Ich bin sehr dankbar, mir keinen Kopf machen zu müssen, ob ein Lebensmittel hier fünf Cent weniger kostet als dort, dass ich Dinge, die kaputt gehen, meist problemlos ersetzen kann. Ich kann die Nahrung, die Kleidung, die Freizeitbeschäftigungen, die Weihnachtsgeschenke bezahlen0, die ich für geeignet, ja vielleicht sogar für heilsam halte, wie zum Beispiel die Besuche bei Joda, dem Therapiepferd, die keine Krankenkasse zahlt.

Vom allerersten Pflegegeld für das erste Pflegekind kaufte ich kein tolles Spielzeug, keine Markenkinderkleidung, sondern eine Spülmaschine, wirklich wahr. Die brachte, was wir gerade am meisten brauchten, Zeit, einen freien Kopf und freie Hände für ein höchst bedürftiges Seelchen

Und was denken die Kinder darüber? Fühlte es sich komisch an, durch das eigene Dasein der Pflegemutter Geld aus Konto zu spülen? Hat man Angst, die macht das des Geldes- und nicht meinetwegen, gerade wenn man eh gelernt hat jeglicher Zuneigung zu misstrauen? Denkt man ab einem gewissen Alter nicht vielleicht, das Geld hätte ich lieber bar auf die Kralle, wer bin ich denn meine bevormundende Mutter zu finanzieren?

Der Große Fundevogel zumindest ist da recht gelassen. Ist doch gut so, dass alles so ist wie es ist, scheint die Devise zu sein.

Nur, dass vom mit Putzen verdienten Zusatztaschengeld eigentlich 75% an das Jungendamt gehen müssten, stößt sauer auf. Gäbe es ein Ausbildungsgehalt wäre das nicht besser. Neulich habe ich einen Fernsehbeitrag über einen jungen Mann gesehen, der im Heim aufwächst und eine Ausbildung in der Gastronomie macht, also richtig hart arbeitet und dem ein wirklich kläglicher Rest vom Ausbildungsgehalt bleibt.

Ist das gerecht? Motiviert das eine Ausbildung durchzuhalten? Gerade junge Menschen, denen das Leben schon einiges zwischen die Füße geworfen hat? Eine Fundevogelfreundin hat diese Regelung immerhin motiviert sich doch noch ans Abi zu wagen. Andere denken dann rasch, eine Ausbildung sei wohl doch nichts für solche wie sie.

In der Pflegefamilie haben wir im Gegensatz zum Heim zum Glück die Möglichkeit Geld intern umzuschichten, sodass die Putzerei dem Fundevogel doch was bringt.

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7 Gedanken zu “Vom lieben (Pflege-)geld

  1. samybee November 24, 2019 / 7:25 am

    Bist Du über das Pflegegeld auch rentenversichert? Eine Freundin zog mit Pflegekind in ein anderes Bundesland. Am alten Wohnort war sie gut rentenversichert, verlor mit dem Umzug aber alle Ansprüche und am neuen Wohnort gibt es kaum etwas. Das war ein ziemlich tiefer Fall. Aber manchmal spielt das Leben auch bei Pflegefamilien so, dass man auch mal umziehen muss…

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    • fundevogelnest November 24, 2019 / 9:28 pm

      Es ist ein Anteil von 52 euro im Pflegegeld enthalten, von dem einem nahe gelegt wird, ihn in private Vorsorge zu stecken, was ich sogar mit einer höheren Summe mache.
      Ich arbeite ja noch auf einer Viertelstelle und bin so auch in den gesetzlichen Versicherungen, auch und gerade in der gestzlichen Krankenversicherung.

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    • fundevogelnest November 24, 2019 / 9:30 pm

      Pst, nicht veraten, es gibt nicht nur Geld, es macht auch noch Spaß. 😉

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  2. Elke H. Speidel November 24, 2019 / 9:03 am

    Ich finde es gut und richtig, dass Pflegeeltern für ihre Tätigkeit Geld bekommen. Allerdings erscheint es mir schwer nachvollziehbar, dass es a) nicht überall die gleiche (ausreichend hohe) Finanzhilfe gibt, b) keine vergleichbare finanzielle Gegenleistung für Adoptiveltern und c) keine vergleichbare Gegenleistung für leibliche Eltern oder erziehende leibliche oder durch Adoption dazu gewordene Großeltern. Klar, „das Geld fehlt“. Aber für so vieles andere – vom Fußballverein bis zu teils obskuren Subventionen – ist es vorhanden?

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    • fundevogelnest November 24, 2019 / 9:33 pm

      Ich bin ja ein ausgesprochener Fan des bedingungslosen Grundeinkommens, das wäre die lösung aller von die zu recht angesprochenen Ungerechtigkeiten.
      Und die Missgunst bräuchte ein neues Betätigungsfeld.

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