Leben in Kilometer 16 (ABC-Etüde)

Lange rumorte die Wortspende von Red Skies Over Paradise

Unbehaustheit

schwermütig

haschen

in mir herum. „Unbehaust“ und „Schwermut“ hätten meinem Wortgefühl besser gemundet, indes so sind die Spielregeln nicht  – und „haschen“ machte mir letztlich das meiste Kopfzerbrechen.Die folgende Geschichte aus dem Gran Chaco de Paraguay ist (leider) kein bisschen fiktiv, sondern nur ein Beispiel dafür wie der weltweite große Hunger nach Land Menschen das Dach über dem Kopf und die Grundlage zum Leben raubt.

Dass ich in diesem Fall ein winziges Puzzlestückchen für ein winziges Mehr an Gerechtigkeit beitragen könnte, macht mich schon ein bisschen stolz und ich merke gerade mal wieder sehr, wie mir die Arbeit für FIAN zurzeit fehlt. Nicht nur, weil sie sinnvoll ist, sondern auch weil man nur so Menschen wie die Sawhoyamaxa kennenlernen kann. (der Link ist für diejenigen unter Ihnen, denen in 300 Wörtern zu wenig Information stehen, ich hätte auch locker 3000 geschrieben, beim Anklicken von externen Links —  ach, Sie wissen schon).

Christiane, wie immer Dank für die perfekte Organisation und das Bild.

Ab nächster Woche folgt auf ihrer Seite der Etüdenadventskalender.

Jeden Tag ein neuer Text von einer, einem anderen Etüdenverrückten.

Wir dürfen gespannt sein und uns freuen! Schauen Sie einfach ab Sonntag bei ihr rein.

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Am Ende waren es die Frauen, die der Unbehaustheit ein Ende setzten. Die Sawhoyamaxafrauen ergriffen die Initiative zur Besetzung ihres Landes im Gran Chaco, mehrerer hundert Hektar Buschland, welche die paraguaysche Regierung dem Investor Heriberto Roedel verkauft hatte, obwohl sie niemals Staatsland gewesen waren.

Dreiundzwanzig Jahr lang lebte die Dorfgemeinschaft der Sawoyamaxa auf dem schmalen Randstreifen einer großen Nationalstraße. Die provisorischen Camps Kilometro 16 und Santa Elisa waren nicht an die Wasserversorgung angeschlossen, von Abwasserentsorgung ganz zu schweigen. Der Tankwagen vom Staat kam unregelmäßig und die Menschen mussten Wasser aus nicht sauberen Gewässern schöpfen, im Chaco wird es gern mal 45 Grad heiß. Sie hungerten oft und Kinder starben an Durchfall und anderen eher banalen Erkrankungen. Wer den Zaun, der sie vom Land ihrer Vorfahren trennte, überstieg, riskierte vom Sicherheitspersonal der Farm erschossen zu werden. Die Männer arbeiteten zu Hungerlöhnen auf umliegenden Farmen, die auf ihrem Land lagen und  jagten nächtens dort, wo sie nicht sein durften. Die Frauen bewirtschaften Minigärten, hielten ein paar Hühner und mussten ständig darauf achten, dass ihre Kinder und Tiere nicht von den unablässig vorbeidonnernden LKW überfahren wurden.

Statt sich in dieser Lage schwermütig dem Schicksal zu ergeben, haschte die Gemeinschaft nach Gerechtigkeit. Zusammen mit ihrer furchtlosen Anwältin Julia Cabello verhandelten sie um die Rückgabe eines kleinen Teils ihres Landes, bekamen in allen Instanzen recht, sogar vor dem Interamerikanischen Menschengerichtshof. Genützt hat es ihnen lange nichts, denn der Deutsche Heriberto Roedel, berief sich auf ein binationales Investitionsschutzabkommen, das seinen wie auch immer erworbenen Besitz schützte.

Erst als Menschenrechtsaktivisten dem Auswärtigen Amt die Versicherung abluchsen konnten, im Falle einer Enteignung nichts zu unternehmen, wurde eine Landrückgabe denkbar und nach der Initiative der Frauen 2014 endlich Wirklichkeit.

Herr Roedel hat seine Entschädigung vom Staat erhalten. Die der Sawhoyamaxa schleppt sich hin, während sie das zur Rinderzucht abgeholzte Land wieder bebauen.

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10 Gedanken zu “Leben in Kilometer 16 (ABC-Etüde)

  1. Christiane November 28, 2019 / 8:56 pm

    Du holst die weite Welt in die Etüden und führst uns vor Augen, wie anders woanders gelebt wird, gelebt werden muss. Ich mache mir nichts vor: Südamerika ist zum großen Teil ein weißer Fleck auf meiner Landkarte, ich weiß das, trotzdem … ich finde keine passenden Worte.
    Möge es (nicht nur) für die Sawhoyamaxa Gerechtigkeit geben.
    Liebe Grüße, und danke für die Ankündigung des Adventskalenders
    Christiane

    Gefällt 4 Personen

    • fundevogelnest Dezember 1, 2019 / 8:17 pm

      Nicht dass ich jemals in Paraguay gewesen wäre, aber von manchen Orten hat man soviel gehört, so viele Fotos gesehen, Zusammenhänge gekniert, dass sie einem auf gewisse Weise näher sind als geographisch deutlich naheliegendere..
      Ein Vertreter der Sawhoyamaxa ist auch im Rahmen der ganzen Geschichte in Hamburg gewesen.
      Und es war auf keinen Fall alles umsonst.

      Gefällt 1 Person

  2. Werner Kastens November 28, 2019 / 9:28 pm

    Neben Paraguay haben sich auch gerade in Brasilien die Deutschen versucht, zu Herren des Landes zu werden. Das ist leider kein schönes Kapitel.

    Gefällt 4 Personen

    • fundevogelnest Dezember 1, 2019 / 8:52 pm

      Es wurde wohl in den 70er und 80er Jahren in deutschen Zeitungen dafür geworben, Land in Paraguay (das damals von dem deutschstämmigen Diktator Stroessner regiert wurde) zu erstehen, damit man etwas „Sicheres“ habe, wenn in der BRD die „Roten“ die Macht übernähmen.
      Indigene waren unter Stoessner wie die einheimische Naur, wurden halt mitverkauft.
      Besagter Heriberto Roedel hat in diesem Geschäft mitgemischt und auch Land verscherbelt, das selbst in den weiten des Gran Chaco gar nicht existierte…
      DAFÜR hat er sogar eine Zeitlang in Deutschland im Gefängnis gesessen.

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  3. Anna-Lena November 28, 2019 / 10:59 pm

    Schön, dass du deinen Blick über den Tellerrand erhebst, gerade da in unserem Land so gern auf hohem Niveau gejammert wird.

    Gefällt 2 Personen

    • fundevogelnest Dezember 1, 2019 / 8:54 pm

      Die Geschichte der Sawhoysamaxa ist nur ein winziges Teil des weltweiten Kampfes um Land.
      Aus dem Gran Chaco werden hauptsächlich Rindfleisch und Holzkohle exportiert.

      Gefällt 1 Person

  4. Myriade November 29, 2019 / 12:19 am

    In dem Zusammenhang muss ich daran denken, dass ein großer Anteil, der in Südamerika lebenden Deutschen Nachfahren der dorthin geflüchteten Nazis sind ……

    Gefällt 2 Personen

    • fundevogelnest Dezember 1, 2019 / 9:07 pm

      Ja, einer der bekanntesten in Paraguay war wohl Josef Mengele.
      Viele Deutsche dort allerdings gehören auch der Glaubensgemeinschaft der Mennoniten an, radikale Pazifisten, die sich vor rund eibnem Jahrhundert dem Kriegsdienst entzogen.
      Sie gründeten in Paraguay regelrechte Koloninen und besiedelten massgeblich auch den Chaco und bewirtschaften große Farmen.
      Ihr Verhälnis zu den dort lebenden Indigenen war und ist – ich sage es mal freundlich – nicht gerade auf Augenhöhe.
      (Natürlich gibt es auch andere)

      Gefällt 1 Person

      • Myriade Dezember 1, 2019 / 9:46 pm

        Die Bevölkerung vieler südamerikanischer Staaten ist eine höchst explosive Mischung

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