Die Mechanikerin des Weihnachtsmanns

Weihnachtszeit- Geschichtenzeit.

Nach einer eher bedrückenden Adventsetüde, nun etwas Heiteres. Und Längeres, ohne 300 Wörter-Grenze rennen meine Geschichten meist munter drauflos, aber vielleicht hat ja die Eine oder der Andere Lust sich einen Tee zu kochen, ein paar Plätzchen bereit zu legen und die Mechanikerin des Weihnachtsmanns kennenzulernen.

Soviel sei verraten: Rumpelquietsch, der es letzes Jahr gelungen ist hier einige Herzen zu erobern, ist auch wieder dabei.

Und diejenige unter Ihnen, die am Heiligabend in meiner Stube sitzen wird, bitte ich sich den Spaß nicht zu verderben und jetzt einfach etwas anderes zu lesen.

Dir meine Liebe und allen einen wunderbaren vierten Advent.

 

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Die Mechanikerin des Weihnachtsmanns

Ich hatte mich dieses Jahr so auf Weihnachten gefreut. Seit wir im März aus dem Winterschlaf erwacht waren, hatte ich die Tage gezählt. Zum allerersten Mal sollte ich an der Seite des Weihnachtsmannes den großen Flug mitmachen dürfen. Diese Magische Reise sollte der krönende Abschluss meiner dreiundzwanzigjährigen Ausbildung zum Weihnachtswichtel werden.

Jonathan“, schwärmte Ziegenbart, der begnadete Rentierkutscher. „Diesen Flug wirst du dein Leben lang nicht vergessen: Die eisige Luft, ihre Klarheit, die uns ganz und gar durchdringen wird; über uns der Sternenhimmel, unter uns Wolken, schwarze Meere und glitzernde Städte. Du wirst dich für dein Lebtag nicht satt sehen können an der Anmut der fliegenden Rentiere, schöner als alles war du dir vorstellen kannst, graziler als arabische Pferde, ausdauernder als Wildgänse im Flug.“

Wie man hört war Ziegenbart ganz vernarrt in unsere Rentiere. Daher hatten ihm die Ereignisse der vergangenen Wochen besonders zu schaffen gemacht. Er war noch magerer geworden und dunkle Ringe umschatteten seine sonst so heiteren Augen seit die Rentierschar von diesem seltsamen Virus befallen worden war. Nächtelang hatten sie gefiebert, Wasser, Heu und Hafer verweigert. Nur ein paar kümmerliche Happen der Gemüsebreie, die der nimmermüde Ziegenbart ihnen bereitete, hatten sie akzeptiert. Nichts half so recht, weder der weihnachtskrafthaltige Zauberstaub, den der Weihnachtsmann über sie stäubte, in ihr Futter mengte und sie schließlich sogar inhalieren ließ, noch der aus der Menschenwelt eingeflogene Tierarzt, der zwar viele Medikamente und eine stattliche Rechnung hinterließ, aber an dem Zustand der Rentiere nichts bemerkenswertes ändern konnte. Im November schließlich musste Melrose – ein ganz besonderer Liebling Ziegenbarts – eingeschläfert werden. Wir haben alle geweint, sogar Rumpelquietsch, die nervige Polarkoboldin, die aus mir unbegreiflichen Gründen auch zur Crew gehört, dabei kann sie eigentlich nicht als Wichtel beißen, Rentiere ärgern und Süßigkeitenpakete plündern.

Vier Tiere waren bislang von der Seuche verschont geblieben, es waren die jüngsten und kräftigsten,unter ihnen der lebhafte Zippo, der noch gar nicht eingeflogen war. Zwei weitere hatten sich so weit erholt, dass Hoffnung bestand mit ihnen am vierundzwanzigsten zu fliegen, wenn sie auch mit glanzlosen Fellen und hervor stechenden Rippen nicht gerade Reklame für eine gesegnete Weihnacht machen würden.

Der Weihnachtsmann erwog bereits, so wie in früheren Jahrhunderten mit dem Esel an der Leine Geschenke auszutragen, „Das ging damals ja schließlich auch“, meinte er.

Aber damals gab es auch deutlich weniger Geschenke“, wandte Søren, der Elch, ein. Wie ich war er ein Neuling in der Crew, seit knapp fünfundvierzig Jahren dabei. Eigentlich war es sein Ziel gewesen, die Schar der fliegenden Rentiere zu verstärken, aber nach dem er mehrfach die Dächer der Geschenkeschuppen durchschlagen hatte und einigen Bein- und Geweihbrüchen, hatte er sich auf das Beladen des fliegenden Schlittens spezialisiert. Jetzt bot er an: „Ich komme mit und nehme unserem guten Esel die schwersten Lasten ab.“

Ausnahmsweise würde es mich glatt freuen, wenn dieses Jahr wieder mehr Kinder vom Glauben abgefallen wären“, seufzte der Weihnachtsmann.

Jahrzehntelang war der auszutragende Geschenkeberg ins Unermessliche gewachsen. Der Weihnachtsmann war daher vom Esel auf den Rentierschlitten umgestiegen, erst sechs- später zwölfspännig hatter er sich auf die Magische Reise gemacht.

Søren und mich hatte er eingestellt mit dem Gedanken eines Tages mit zwei Schlitten auszufliegen. Ziegenbart wollte er, sobald genug Rentiernachwuchs vorhanden war, einen eigenen Schlitten anvertrauen und ich sollte eines Tages zum Kutscher des Hauptschlittens befördert werden.

Aber so recht schienen diese Maßnahmen gar nicht mehr nötig zu sein. Nicht, dass es weniger Menschen gegeben hätte oder diese weniger gekauft hätten – nein, die Kinder hörten immer früher auf, an uns zu glauben, manche waren schon mit vier, fünf Jahren zu cool dazu.

In diesem Punkt war unser Chef unnachgiebig. Zum Kummer vieler Eltern nahm er das mit dem artig sein nicht besonders genau. Zimmer aufräumen, Zähne putzen, Hausaufgaben machen, nett zu nervtötenden Geschwistern zu sein … Er sagte immer, man könne von Menschen nichts Übermenschliches erwarten, das Zähne putzen vergesse er auch ständig.

Aber wer behauptete, dass es ihn nicht gab, der hatte verspielt und bekam in Zukunft seine Geschenke von dem, der sie gekauft hatte, schnöde unter den Baum gelegt, in der Regel lebenslang.

Es machte uns alle traurig wieviele Kinder schon vor Weihnachten ihre Geschenke kannten, sie selbstständig im Internet bestellten und wie früh gealterte Geschäftsleute um den Mehrwert feilschten.

Aber als sich pünktlich am einundzwanzigsten Dezember unter flackerndem Polarlicht der Boden im Innenhof des Weihnachtsmannhauses auftat und die Spitze des Magischen Förderbandes sich aus unergründlichen Tiefen empor schob, schien uns der Strom der anrollenden Geschenke eher wieder angeschwollen zu sein.

Der Weihnachtsmann warf Mantel und Mütze ab, schlug unternehmungslustig in die Hände und verkündete. „Parole niemals aufgeben! Jonathan und Ziegenbart, ihr fliegt allein und sechsspännig, im schlimmsten Falle vierspännig. Søren, der Esel und ich werden euch zu Fuß unterstützen.

Ich werde euch mit einem Rucksack begleiten“, verkündete der Nordpolarbär majestätisch. Er war nebst dem Esel der längstgediente Gefährte des Weihnachtsmannes, ähnlich wir den alten Esel plagte ihn die Athritis, er hatte noch nie an der Magischen Reise teilgenommen, er führte das Leben eines Hausdieners, wie kein Zweiter kannte er sich den unzähligen Stollen und Kellern unter dem Weihnachtsmannhaus aus und wusste immer wieder Geschenke zu finden für Kinder, die zwar an uns glaubten, aber keine guten Menschen hatten, die Geschenke besorgten.

Wir sind die Crew, wir müssen zusammenhalten“, fügte er noch mit der ihm eigenen Feierlichkeit hinzu.

Aber nun war Ziegenbart ganz und gar nicht einverstanden. „Und die kranken Rentiere?“, fragte er entsetzt . „Ganz allein mit Rumpelquietsch? Nur über meine Leiche.“

Nun gut“, lenkte der Weihnachtsmann ein. „Dann fliege halt mit Rumpelquietsch und Jonathan hütet die Tiere, er hat mein vollstes Vertrauen.“

Ziegenbart murmelte etwas von wegen, er könne auch gut alleine fliegen, Rumpelquietsch bewarf uns vor Freude mit extragroßen Schneebällen und mein Herz sank ins Bodenlose. Welche Aussicht: Statt auf die Magische Reise zu gehen, würde ich allein mit einer Horde missgelaunter, kranke Rentiere am Nordpol zurückbleiben. Aber als Jüngster der Crew musste ich mich wohl fügen.

IIIeetsch! Quietsch! Rumpel! Rrrrrrrrrrrr!

Das Magische Förderband! Über unsere Krisensitzung hatten wir es völlig vergessen, es hatte einen riesigen Berg Geschenke in den Innenhof gespieen und hatte sich – als kein Raum zum Nachrutschen mehr da war – nun in der Verpackung einiger Geschenke festgefressen.

Ziegenbart und  der Nordpolarbär stürzten hinzu, schleppten Geschenke beiseite und ruckelten an dem riesigen Karton, in den sich ein Zahnrad gefressen hatte.

Seid umsichtig“, flehte der Weihnachtsmann. „Das Ding sieht verräterisch nach einer Play-Station aus, da haben wir keinerlei Ersatz für“.

Der Bär  und Ziegenbart waren nicht besonders gut in Form, wie mir schien. „Warum zieht ihr eigentlich die ganze Zeit nach links“, fragte ich. „Wenn ihr das ganze Paket nach unten drückt, müsste das Zahnrad wie ein Korken rausflutschen“.

So war es auch. „Nicht dumm, der Junge nicht dumm“, brummte der Nordpolarbär anerkennend und ging einen neuen Karton und Geschenkpapier holen.

Wie jedes Jahr begutachteten wir nun die eintreffenden Geschenke, sortierten hinterhältige Präsente entschieden aus und nahmen – wo es notwendig war – , kleinere Reparaturen vor. Ziegenbart hatte die Hosentaschen immer prall voll mit Batterien und setzte sie dort ein, wo die Schenkenden sie in planlosem Übereifer vergessen hatten.

Søren und der Nordpolarbär sortierten die Geschenke, je nachdem was auf den Schlitten sollte und was in die Packtaschen.

Autsch“, sagte der Weihnachtsmann auf einmal. „Entschuldigt mich einen Moment, ich werde eine Schmerztablette nehmen und mich kurz hinlegen. In einer halben Stunde bin ich wieder da.“

Was hast du?“, fragten wir aufgeschreckt. Griff die Rentierseuche jetzt auf unseren Chef über?

Zahnschmerzen“, murmelte er. Seit Wochen schon, habe es wegen der kranken Tiere nicht aufs Festland zum Zahnarzt geschafft“.

Das kommt, wenn man sich tausend Jahre lang nicht richtig die Zähne putzt“, sagte Ziegenbart so leise, dass nur ich es hören konnte. Ich dachte an die kleine blaue Zahnbürste, die mir der Nordpolarbär letztes Jahr zum Geburtstag geschenkt hatte und beschloss im Stillen, sie öfter zu benutzen.

Ich liebe das Magische Förderband, sein freundliches Rumpeln, die Präzision mit der es Geschenke tausende von Kilometern unter der Erde transportierte und die überraschende Eigenschaft nur drei Tage im Jahr vorhanden zu sein. Am Mittag des vierundzwanzigsten, würde es sich in den Untergrund zurückziehen, das Loch würde sich schließen, als sei es niemals dort gewesen.

Warst du schon in der Crew, als das Magische Förderband eines Tages ganz von selbst erschienen ist?“, dieses Wunder hätte ich zu gerne selbst miterlebt.

Ziegenbart starrte mich fassungslos über das Band hinweg an. „Von selbst erschienen … Wer sagt DAS denn?“

Na, der Chef.“

Ziegenbart kicherte kopfschüttelnd „Von selbst erschienen … Nee, nee, nee. Seine frühere Technikbegeisterung ist ihm wohl inzwischen peinlich. Seit ein paar Jahren ist er ja voll auf dem Öko-Trip. Du weißt schon Polarlicht statt Atomstrom, Rentiere statt Flugbenzin, keine Geschenke an Erwachsene, es sei denn sie haben eine Großtat zu Rettung des Weltklimas vollbracht und so weiter und so fort. Und jedes Jahr dieser folgenlose Wutanfall, weil die Geschenke immer größer, immer mehr und immer technischer werden.“

Also hat er das Magische Förderband selbst konstruiert?“

Was jetzt aus Ziegenbarts Mund kam, war kein Kichern mehr – das war schallendes Gelächter. „Komm‘ schon Jonathan, unser Chef kann noch nicht mal eine Batterie einsetzen und wenn er den Fliegenden Schlitten allein beladen müsste, könnten wir das auch gleich von Rumpelquietsch erledigen lassen, die hätte wahrscheinlich mehr Talent dazu. Nein, das Magische Förderband und der Fliegende Schlitten wurden von Hilde Petersen erfunden. Soviel ich weiß die einzigen Geräte der Welt, die mit Weihnachtsstaub betrieben werden, aber das ist, wie gesagt, nur der Antrieb. Die Mechanik hat Hilde Petersen ersonnen.“

Wer ist das?“

Hilde war ein Mädchen, das außergewöhnlich lange an den Weihnachtsmann geglaubt hat. Noch mit dreizehn, vierzehn Jahren schrieb sie inbrünstige Briefe an den Chef, in denen sie sich zum einen immer wieder technische Geräte wünschte und zum anderen ihr Leid klagte, weil sie in eine Zeit und vor allem in eine Familie hinein geboren worden war, in der es sich nicht schickte als Mädchen mit Schraubenzieher und Schublehre herum zu spielen, von dem Erlernen eines technischen Berufs mal ganz abgesehen. Es war herzzerreißend, weshalb der Weihnachtsmann unter die Puppen und Stickrahmen,die ihre Eltern stur besorgten, immer ein kleines Werkzeug schmuggelte. Einmal bauten wir in den Einband von „Nesthäkchen wird Mutter“ ein Regelwerk über Mechanik ein. Hei, guck‘ hin was du tust, du hast schon drei Geschenke mit zerrissenem Papier passieren lassen.“

Kein Wunder, dass ich nicht aufpasste, etwas in Geschenke zu schmuggeln hatte der Weihnachtsmann die letzten Jahre streng verboten, dabei hätte ich das manches Mal, wenn ich Geschenke mit Wunschzetteln verglich, furchtbar gern getan.

Kein Wunder, dass Hilde nicht aufhörte an den Weihnachtsmann zu glauben,“ fuhr Ziegenbart fort. „Sie bekam Jahr für Jahr den Beweis dafür. Sie hielt den Chef für allmächtig und begann sich immer seltsamere Dinge von ihm zu wünschen, ein Mann zu werden, ihre Eltern in Flamingos zu verwandeln, sodass sie sie nicht mehr mit Gewalt zur kreuzstichelnden Puppenmutti machen konnten und in ganz verzweifelten Briefen verlangte sie Putzfrau im Weihnachtsmannhaus zu werden. So konnte es nicht weitergehen. Wir trugen damals noch mit Jutesack und Esel aus. Wir legten den Besuch bei ihrer Familie auf den letzten Platz. Ich pochte allein an die Türe. Wie erwartet glaubte ihr Vater einen Bettler vor sich zu sehen. Da er seines Zeichens Pastor war, hielt er es für seine Christenpflicht mich mit einem Scheibchen Stollen und ein paar Plätzchen abzuspeisen. Unser Plan ging auf, er beauftragte seine älteste Tochter Hilde die milden Gaben zu überreichen, sogar ein blankes Geldstück war dabei. Als sie es mir übergab, schob ich schnell ein Zettelchen in ihre Hand, verbeugte mich und verschwand.

Als am nächste Morgen um fünf die Stadt noch schlief, trafen wir uns mit Hilde am vereinbarten Ort.

Du wirst nun fünfzehn, sagte der Weihnachtsmann streng zu ihr. „Du fällst einfach nicht mehr in meinen Aufgabenbereich. Wenn sich alle in deinem Alter noch etwas vom Weihnachtsmann wünschen würden, bräche mein armer alter athritisgeplagter Esel vollends zusammen.“

Hilde war ganz und gar nicht das verzweifelte junge Mädchen, welches wir uns nach der Lektüre ihrer Briefe vorgestellt hatten. „Dieser kleine Esel trägt sämtliche Geschenke aus. Lieber Herr Weihnachtsmann, Sie wissen wie sehr ich Sie schätze, aber das ist rein physikalisch unmöglich.“

Was das Physikalische angeht wirst du besser informiert sein als ich. Aber wir kommen aus der Anderen Welt in die Naturgesetze geringfügig anders gehandhabt werden, als du es gewohnt bist. Aber vieles bringen auch wir nur in den drei Tagen vor Weihnachten zustande, wenn der vorweihnachtliche Zauberstaub mir und diesem braven Tier hier Kräfte gibt, die unsere Körper nicht bieten.“

Woraus besteht vorweihnachtlicher Zauberstaub?“

In erster Linie aus der Kraft der Wünsche und Gedanken derer, die an mich glauben.“

Sie war beeindruckt. Inzwischen war ein Polizist, den es wunderte die heranreifende Pastorentochter in solcher Gesellschaft zu sehen, auf uns aufmerksam geworden. Er runzelte die Stirn. Wir lächelten ihm zu.

Weil Hilde ihm gut gefiel, erzählte der Weihnachtsmann noch dies und das und vor allem unseren seinerzeit größten Kummer, dass wir allem vorweihnachtlichen Zauberstaub zum Trotz der Geschenkeflut überhaupt nicht mehr gewachsen waren. „Und Sie meinen nicht, dass man diese sagenhafte Kraft nicht ein bisschen optimaler nutzen könnte als mit diesem zweifellos hinreißenden, aber ansonsten doch recht mickerigen Esel.

Wie meinst du das?“

In Hildes klugem Kopf war bereits ein interessanter Plan herangewachsen. Da der Polizist – nun vollends grimmig dreinschauend – schon wieder an uns vorbeizog, nahmen wir Hilde kurzerhand mit hierher. Natürlich war sie begeistert, wie jeder Mensch, dem die Ehre zuteil wird die Andere Welt zu besuchen. Aber sie ließ sich nicht einlullen. Sie fand fast an jeder Ecke etwas, das zu verbessern war, der Nordpolarbär war ziemlich beleidigt und der Esel vergaß das Wort mickrig auch nicht so schnell. Die beiden müssen ihr das Leben ganz schön schwer gemacht haben bei ihren folgenden Besuchen. Ich bekam davon nichts mit, schließlich beginnt für uns Wichtel ja nach Weihnachten die Winterschlafsaison. Als ich wieder erwachte, waren Schlitten und Förderband fertig, außerdem hatte sie sich einen drehbaren Tannenbaumständer gebastelt. Jedes Jahr, wenn wir sie besuchten, warfen wir eine Portion Zauberstaub darüber und er bot eine erbauliche Vorstellung.“

Die ich in diesem Jahr verpasse.“

Die du niemals sehen wirst, lieber Jonathan. Das ist lange her. Hilde ist seit zwanzig Jahren tot.“

Pause, Leute“, rief der Bär, das Magische Förderband stoppte und wir liefen ins Haus und aßen warme Suppe. Der Weihnachtsmann kam missmutig vorbeigeschlurft. „Jetzt tun beide Seiten weh, weder Tabletten noch vorweihnachtlicher Zauberstaub helfen noch. Morgen gehe ich in die Menschenwelt zu Zahnarzt.“

Das hatte uns gerade noch gefehlt.

Ziegenbart ging die Rentiere versorgen und ich stand noch die ganze Nacht am Magischen Förderband. „Die Menschen nennen das Weihnachtsstress“, brummte Søren, der uns nach Kräften half.

Ziegenbart versuchte derweil den jungen Zippo im Eilverfahren ans Geschirr zu gewöhnen.    „Klappt schon“, meinte er hinterher. „Und wenn die sich weiter so erholen, fliegen wir achtspännig.“

Der Zahnarzt zog dem Weihnachtsmann glatt vier Backenzähne. An die Magische Reise war für ihn nicht zu denken. Die Crew war gefordert. Ich hätte Mitleid habe sollen. Aber in mir war nur Freude. Ich würde mit Ziegenbart fliegen! Die Beaufsichtigung der Rentiere würde dem Weihnachtsmann mit Rumpelquietschs Hilfe wohl gerade noch gelingen.

Diese Rechnung hatten wir natürlich ohne Rumpelquietsch gemacht, die sich über ihre unerwartete Flugerlaubnis genauso gefreut hatte wie ich. Sie verbiss sich mit ihren Fangzähnen in der Schlittenkufe, als wir am vierundzwanzigsten siebenspännig abhoben. Wir mussten sie hoch hieven, sonst wäre sie zweifelsohne in die Tiefe gestürzt. „Das hättest du dich beim Weihnachtsmann nie getraut“, fauchte Ziegenbart sie an.

Stimmt“, bestätigte sie strahlend.

Wenn du ein einziges Süßigkeitenpaket zerbeißt, wirst du kielgeholt.“

Aber dafür war Ziegenbart doch zu gutmütig. Sie zerbiss mindestens dreißig Pakete und da Zippo bockte wie ein junges Pferd, zogen wir einen Kometenschweif aus Gebäck hinter uns her. „Zippo ruhig“, mahnte Ziegenbart ein ums andere Mal. Ich war vollauf damit beschäftigt, die Geschenke festzuhalten und meinen Mageninhalt am Platz zu halten, keinen Blick hatte ich für dunkle Meere, glitzernde Städte und anmutige Leiber. Vielleicht nächstes Jahr.

Als wir im Steilflug niedergingen, erbrach ich mich vom Kutschbock herab. „Man gewöhnt sich dran“, versicherte Ziegenbart. „Beim ersten Rentierschlittenflug hat der Weihnachtsmann auch gekotzt. Als wir von Haus zu Haus zogen, lief ich lieber zu Fuß hinter dem sanft schwebenden Schlitten her. Rumpelquietsch hüpfte wie ein Flummi vor uns her. Es war schön all die schönen Geschenke vor Türen zu legen, manchmal winkte uns ein Kind zu, manchmal sah es uns nur mit großen Augen an. Wir begegneten keinem einzigen Erwachsenen auf unserer Magischen Reise. Nach dem wir unzählige Städte und Dörfer durchzogen hatte, wurde mir bei Start und Landung nicht mehr schlecht, in mir war Ruhe und ich war dankbar ein Weihnachtswichtel zu sein. Beim letzten Päckchen zwinkerte Ziegenbart mir zu. „Überraschung“, raunte er und klingelte an einer Tür. „Hilde Petersen hatte Enkel“, erklärte er flüsternd. „Und einen Urenkel, Tobias heißt er, hat zwar keinen Wunschzettel abgegeben, aber ich dachte dieser Technickbaukasten hier …“

Wer ist da?“, wurden wir unwirsch unterbrochen,

Zwei Weihnachtswichtel, die sich gerne einmal den legendären drehbaren Tannenbaumständer ihrer werten Großmutter anschauen würden.“

Wie bitte?“

Die Tür wurde geöffnet. Noch nie hatte ich einen echten Menschen von so nah gesehen Der Mann war deutlich größer als der Weihnachtsmann, wir reichten ihm kaum bis zum Ellenbogen.Er roch nach berauschenden Getränken. „Was habt ihr … äh … Wichte mit meiner Großmutter zu schaffen.

Ziegenbart brachte unser Anliegen noch mal vor. Er schüttelte den Kopf. „Na, Verrückte muss es immer geben, die Oma war der beste Beweis dafür, hat ja ihre letzten Jahre in der Anstalt verbracht, hat immer nur von Zauberstaub statt Atomkraft geredet und behauptet der Weihnachtsmann korrespondiere mit ihr. Ach, jetzt weiß ich wer ihr seid, Irre, die mit ihr in der Anstalt waren. Wenn ihr Weihnachten Freigang habt, werdet ihr wohl harmlos sein. Also kommt rein, Weihnachten ist man ja ein guter Mensch. Guckt euch das Ständerchen an, leiert immer „O du fröhliche“. Ihr habt Glück, zum ersten Mal seit Jahren hab‘ ich das olle Ding aufgebaut. Meine Mutter war vorhin hier, sie hat so ganz verklärte Kindheitserinnerungen an diesen Krempel.“

Wir werden euch zeigen, was der Ständer ihrer Großmutter noch kann“, versprach Ziegenbart.

Der Mann war unbeeindruckt, ich bekam vor Vorfreude kein Wort raus.

Wir traten in die Stube, Ein Junge saß auf dem Sofa, völlig eingenommen vom neuen I-phone in seinen Händen. Neben ihm eine Frau, die uns misstrauisch ansah, ihr Mann machte eine beschwichtigende Geste. Ich ging auf den Jungen zu. Aufgeregt. Meine erste persönliche Bescherung. „Fröhliche Weihnachten, Tobias“, sagte ich herzklopfend. „Das schickt dir der Weihnachtsmann.“

Er blickte auf. Er war hübsch, aber sein Blick war blasiert. „Geschenke bringen die Eltern, es gibt keinen Weihnachtsmann.“

Doch, ich komme von ihm aus der Anderen Welt, er selbst kann heute nicht, er hat Zahnschmerzen.“

Zahnschmerzen“, Tobias lachte verächtlich, ohne die Hand nach dem Geschenk auszustrecken.“ „Und der fliegende Schlitten ist wohl gerade beim TÜV.“

Nein, er steht draußen vor der Tür, schau und sieh in der an.“

Plastik mit Plüschrentieren. Jede Wette.“

Tobias kam nicht mehr dazu die Wette zu verlieren, denn in diesem Moment, kam Rumpelquietsch angerast. Die Menschen wichen zurück, Tobias klammerte sich an seine Mutter. Blau, pelzig und mit Fangzähnen war die Polarkoboldin schon ein Anblick, der Menschen befremden konnte.

Es lebe der Weihnachtsmann“, schrie sie und schmiss eine Hand voll Zauberstaub auf Hilde Petersens Tannenbaumständer. „Rumpelquietsch, eine Prise, das ist viel zu viel“, schrie Ziegenbart und da legte der Tannenbaumständer los. Mit etwa dreihundert Umdrehungen pro Minute feuerte der Baum sein Lametta in unsere Gesichter und über den liebevoll bereiteten Esstisch, das Kabel für die elektrischen Kerzen spannte sich, riss die Steckdose mit einem Stück Mauerwerk aus der Wand. Die Steckdose raste wie die Kugel eines Kugelstoßers an ihrem Kabel um den schleudernden Baum herum, dann riss das Kabel und einem Meteoriten gleich zerschlug die Steckdose die Scheibe der Wohnzimmertür. Dann löste sich der Baum aus dem Ständer katapultierte das Essen vom Tisch, die Bratensauce übergoss sich über Tobias nagelneues I-Phone.

Zeit zu gehen“, sagte Ziegenbart. „Wenn das der Weihnachtsmann erfährt, sind wir entlassen.“

Wir packten die übermütige lachende Rumpelquietsch am Schlafittchen, sprangen auf den fliegenden Schlitten und stiegen fast senkrecht in die Höhe.

Der Rückweg dauerte ewig, die noch kränklichen Rentiere waren müde und Rumpelquietsch hatte den letzten Zauberstaub auf Hilde Petersens Tannenbaumständer verschossen, Ziegenbart mutmaßte, dass der sich bei der Dosis noch vier bis fünf Tage weiterdrehen würde.

Mein Herz sank, so hatte ich mir meine erste Magische Reise nicht vorgestellt.

Meinst du, er wirft uns wirklich raus?“

Letztlich können sie eigentlich nicht petzen, weil sie ja nicht an ihn glauben. Sie werden wohl eher zur Polizei gehen oder so. “

Er gähnte. „Winterschlaf naht“. Ich spürte es auch. Kein Wunder nach dieser Tour. Rumpelquietsch schnarchte schon auf der leeren Ladefläche.

Søren und der Nordpolarbär erwarteten uns am Landeplatz. Dank sparsameren Umgang mit Zauberstaub waren sie schneller gewesen als wir

Wir haben am Fenster gestanden“, begrüßte uns der Elch. „Selten so gelacht. Der Alte ist wieder richtig gut drauf, seit wir das erzählt haben.“

Ganze Berge rumpelten von meinem Herzen. „Wirklich?“

Klar, er meint, für Leute, die Hilde Petersen in eine Irrenanstalt gesteckt haben, war’s die richtige Kur. Kommt schnell was Warmes, in die Wanne und dann husch, husch in den Winterschlaf mit euch.“

Ich wollte noch etwas zu Ziegenbart sagen, aber der war schon in den Stallungen verschwunden. „Zwei sind trächtig“, brüllte er. „ Polarrose und Dezemberstern werden Kälber bekommen. Alles wir wieder gut.“


Der Nordpolarbär ist geklaut! Oder Fan Fiction, je nach Betrachtungsweise. Er stammt aus den „Father Christmas Letters“ von Altmeister Tolkien. Dort hat er allerdings eher die Rolle des gutmütigen Tollpatschs inne. Inzwischen ist wohl er älter und gesetzter geworden.

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4 Gedanken zu “Die Mechanikerin des Weihnachtsmanns

  1. Myriade Dezember 22, 2019 / 5:26 pm

    Ach, ich gehöre auch zu den Fans von Rumpelquietsch. Was mir an der Geschichte so besonders gut gefällt, ist, dass die guten keine Heiligen sind und die Bösen nicht durchgehend und in allem böse. Habe ich das richtig verstanden, dass du diese und andere Geschichten zu Weihnachten vorliest ?

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  2. fundevogelnest Dezember 22, 2019 / 8:24 pm

    Ja, ich schreibe (fast) jedes Jahr eine zur Erbauung meiner Weihnachtsgäste.Diese ist allerdings ein überarbeiteter Entwurf, den ich vor Jahren mal entnervt liegen gelassen hatte

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  3. violaetcetera Dezember 22, 2019 / 9:55 pm

    „Aber wer behauptete, dass es ihn nicht gab, der hatte verspielt und bekam in Zukunft seine Geschenke von dem, der sie gekauft hatte, schnöde unter den Baum gelegt, in der Regel lebenslang“. Wunderbar! Von mir gibt es für diese Geschichte eine virtuelle Standing Ovation!

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  4. fundevogelnest Dezember 23, 2019 / 9:56 pm

    Liebe Viola,
    Oh,das tut gut!
    Vielen Dank und ein schönes Weihnachtsfest.
    Natalie

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