Vorweihnachtsgeist

Die Hamburger Hochbahn wünscht ihren Fahrgästen filmreife Weihnachten.

Was soll das denn sein?

Brennender Tannenbaum? Spektakuläre Schlägerei um das letze Stück Stollen? Verhaftung des Weihnachtsmanns durch ein Sondereinsatzkommando während der laufenden Bescherung? Danke, ich verzichte und wünsche mir ein Fest, bei dessen Verfilmung das Publikum nach zehn Minuten vor Langeweile das Kino verlässt.

Ich schiebe es ein bisschen auf die wundersame Wirkung des Adventüdenkalenders, jedenfalls fühle ich mich dieses Mal Weihnachten gewachsen: Sonst erschien mir dieses Fest Jahr für Jahr wie eine Flut, in der es möglichst nicht unteruzugehen galt. Doch 2019 plansche ich recht vergnügt durch gewaltige Wassermassen und sehe mir erstaunt dabei zu.

An den äußeren Weihnachtsumständen liegt es eher nicht, die sind wie immer, Frühschicht am Heiligabend, hernach eine Feier mit acht oder neun Menschen in der eigenen Wohnung, da will gekocht und einiges wohl bereitet sein. Der Kleine Fundevogel hat das Lebkuchenhaus des Großen angenagt, die Rache war fürchterlich. Ein Geschenk habe ich so gut versteckt, dass ich es selbst nicht wiederfinde. Der Antrag auf den nächsten Kita-Gutschein ist mysteriös in den Tiefen der Behörde verschwunden, Zahlungen werden angemahnt. Der Hausmeister ist auch mit schmeichelhaften Worten umgarnt nicht bereit, den defekten Spülkasten der Gästetoilette vor Weihnachten auszutauschen. Das eine Kind darf seine Freundin nicht besuchen und boykottiert nun sozusagen alles. Müsli ist alle und Geschenkpapier auch. Das andere Kind verkündet mit erstaunlicher Selbsteinsicht „ICH HASSE ÜBERRASCHUNGEN“ und legt einen leider doch so filmreifen Ausraster hin, dass die Karten für das Weihnachtsmärchen vorsichtshalber zurückgeben werden.

Ich kaufe all‘ meinen Abneigungen zum Trotz einen (wenigstens ungespritzten) Weihnachtsbaum, weil nicht die Kinder, sondern die Alten sich danach sehnen und ausgerechnet in meine Hände ein Familienerbstück, ein über hundert Jahre alter Tannenbaumständer gelegt wird.

Wenn wir in dieser Stube in drei Tagen feiern wollen, sollte ich sie langsam mal auf Hochglanz wienern, anstatt zu Weihnachtsgeschichten zu schreiben und Adventüden zu kommentieren  …

Aber irgendwie macht mir das alles gerade nicht besonders viel aus. Ich kann auf einmal, was ich mir jahre- ach was, jahrzehntelang vornahm: Ich messe dem ganzen nicht so viel Gewicht bei, ich tu ,was ich kann und was zu viel ist, findet eben nicht statt. Ist schließlich nur Weihnachten. Ich grinse mich selbst an und denke Wutanfälle und Krawall gehören nun einmal zum Nest, verschwänden sie ausgerechnet zu Weihnachten, müssten wir das ganzjährig feieren und das wäre nicht gut für die Figur.

Ich hänge mich nicht mehr an der Frage auf, welche meiner zahlreichen Makel ich vor meinen Gästen verbergen möchte. Das klappt ohnehin nicht. Sie kennen mich viel zu gut und werden dennoch freiwillig die vielen Stufen zum Fundevogelnest erklimmen, was nicht allen leicht fallen wird.

Ich freue mich auf sie und macheganz schön viel, weil ich mich freue, nicht weil ich muss.

Ich weiß, Weihnachten wird hier nicht ohne Geschrei, Tumult und Scherben abgehen, so ist es eben und so wird es wohl auch weitergehen.

Aber wir werden gutes Essen haben, Geschenke, Geschichten und uns.

So viel.

Liebes Weihnachten, wenn das dein vielbeschworener Geist ist, könnten wir beide auf meine alten Tage doch noch Freunde werden.

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8 Gedanken zu “Vorweihnachtsgeist

  1. fundevogelnest Dezember 22, 2019 / 8:47 pm

    Ja, es ist entspannt, auch wennich mit dem Wäsche waschen gerade gar nicht nachkomme, aus diesen und jenen Gründen.
    Ich bin entspannt und frage mich noch immer,warum das auf einmal geht.
    Das einzige,was anders ist, IST der Adventskalender. Doch Magie?
    Auch dir wunderbare Weihnachtstage.

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  2. violaetcetera Dezember 22, 2019 / 9:31 pm

    Ja, ich finde genau das ist der Geist der Weihnacht. Ich wünsche euch allen ein frohes Fest!

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