Die Garde der Tiger (ABC-Etüde)

Als der Kleine Fundevogel einzog, lasteten viele medizinische Hypotheken auf dem winzigen Körperchen, doch dann lief fünf Jahre alles zig mal besser als erwartet und die im Hintergrund skizzierten Gefahren verblassten … nun ja …zu Papiertigern ( nein, dies‘ ist noch nicht die Etüde).

Nun sind den Papiertigern wieder Zähne gewachsen, keine lebensbedrohlichen (kann man Tigern jemals ganz vertrauen?), aber sehr schmerzhafte und seit zwei Wochen piepst ein sonst so tolldreistes  Vögelchen „mir gehts nicht gut“ und noch ist keine rechte Lösung in Sicht.

Zeit und  ganz besonders Schlaf werden dieser Tage zu noch kostbareren Gütern als sonst.

Donka spendete für diese Etüdenrunde die Wörter  (siehe Illustration) und der Name ihres lesenswerten Blogs Only bags can hang ist eine feine Aufforderung sich nicht hängen zu lassen, nicht wahr?

Christiane gebührt wie immer der Dank für die sich völlig reibungslos anfühlende Organisation und Illustration.

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Mehr als alles andere fürchten wir die Garde der Tiger. Niemals erblicken wir die Königin ohne ihre Eskorte.

Wir alle haben von welchen gehört, die welche kannten, die mit den Zähnen und Klauen der Garde gestraft worden sind. Von qualvollen Toden wird beinahe wohlig gemunkelt, die meisten jedoch – so hören wir – überleben die Tigerangriffe gebrandmarkt, verändert, sodass die, die sie geliebt haben, nicht mehr erkennen, worin diese Liebe bestand. Die Angefallenen bleiben zurück, einsamer als ein Stein, der durch das Universum fällt. Selbst das warnende Grollen der Tiger, das wir alle schon einmal vernommen haben, lässt den Atem stocken. Bei diesem Geräusch vermeinen wir  zu zerspringen und die Scherben nicht mehr zu erkennen. Um der Königin nicht zu missfallen, tun wir einander Dinge an, von denen wir wünschen, wir täten sie nicht. Wir sagenn Wörter, für die wir uns nächtens schämen.

Häufiger noch  kuschen wir, indem wir statt Worten, die überaus notwendig gesagt hätten werden müssen, belangloses Geplapper aus unseren  Mündern plätschern lassen.

Verstohlen raunen wir einander zu, wie schrecklich das alles sei, wie sehr wir wünschten als anständige und aufrechte Menschen leben zu können. Wenn nur die Garde nicht wäre.

Seit ein paar Wochen nun geht ein Raunen durchs Land, es wird immer lauter wie der Hufschlag einer herangaloppierenden Herde.

Die Tiger sind  bloß Papiertiger, heißt es, Pappmaché mit Grollautomatik und viel Effekthascherei, auf die unsere Königin sich trefflicher versteht als ihr alter Lehrmeister, der Zauberer von Oz.

Die Zeiten der absoluten Monarchie seien vorbei, tönt es von einigen Seiten, andere halten dagegen, die Tiger uns böten uns Schutz, wer wolle den aufs Spiel setzen?In diesen Zeiten.

Misstrauischen sehen wir rebellische  Zusammenrottungen. Wer wagt ihnen zu folgen? Wer hat das Gerücht mit den Papiertigern weswegen in die Welt gesetzt?

Wir fürchten nichts mehr als das Schwinden des Fürchterlichen.

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15 Gedanken zu “Die Garde der Tiger (ABC-Etüde)

  1. Christiane Januar 24, 2020 / 6:56 pm

    Ha, dieser letzte Satz. Wie beschämend, auf Papiertiger hereingefallen zu sein. Kann man das zugeben, dass die Gefahr vielleicht nie bestand und man sich umsonst schuldig gemacht hat? Dass man etwas getan hat, weil alle es machten? Weil man es nicht besser wusste, wissen konnte, wissen wollte?
    Was sind Werte, was ist uns der Mitmensch wert?
    So viele Fragen …
    Danke dafür. Sehr herzliche Grüße
    Christiane 🐯🐯❤️👍

    Gefällt 3 Personen

    • fundevogelnest Januar 24, 2020 / 10:33 pm

      Die Angst ausgegrenzt zu werden ist ein imposanter Papiertiger. Wie schnell ist die Versuchung da,nix zu sagen, wenn ausgrenzende und sexistische, rassistische Sprüche fallen.
      Vielleicht kurz mitzulachen, auch wenn es eigentlich nicht lustig ist, aber man nicht mit in Ungnade fallen will.
      Manchmal geht das schnell.
      ZUm Glück gibt es immer auch Tage, an denen der Anstand die Tiger überwindet.

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  2. Werner Kastens Januar 24, 2020 / 7:14 pm

    Ich habe es nicht in Deutschland erlebt, als Kind war ich dazu zu klein und im Westen. Ich habe es aber im Iran erlebt, damals als Khomeini noch lebte. Aber heute ist es noch genauso: die überall gegenwärtige Revolutionsgarde, die den leisesten Aufschrei sofort brutal unterdrückt und die Angst der Menschen, offen zu reden oder gar zu widersprechen. Denn man weiß nie, wem man – außer im engsten Kreis der Familie – wirklich trauen kann. Ein perfides System und im Wesentlichen unter Beistand und Federführung der damaligen DDR eingeführt und „verfeinert“.

    Man könnte meinen, Du hättest es selbst erlebt.

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    • fundevogelnest Januar 24, 2020 / 10:35 pm

      Ich hatte beim Schreiben an die Zustände im eigenen Kopf gedacht.An die Angst sich auszugrenzen.
      Und auch ohne in einer Diktatur gelebt zu haben, kann man ja einiges erzählt bekommen oder gelesen haben.

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  3. gkazakou Januar 25, 2020 / 12:08 pm

    Der „Papiertiger“ ist ja ein Begriff, den Mao geprägt hat. Der Imperialismus, so sagt er, werde sich als „Papiertiger“ enttarnen, langfristig. Kurzfristig sei er allerdings ein reißender Tiger, und es sei sehr viel Kraft, Mut und Ausdauer nötig, ihm entgegenzutreten. Die Taktik, so Mao, müsse dem reißenden Tiger die Stirn bieten, die Strategie sich aber davon inspirieren lassen, dass er eben nur ein Papiertiger sei,,,,
    Das viel mir eben ein, als ich Werners und deinen Kommentar las. Was Mao über den Imperialismus sagt, stimmt ebenso für Diktaturen und mit Abstrichen sogar auch für demokratisch verfasste Staaten. Die Angst, ausgegrenzt zu werden, ist sehr real begründet, denn Ausgrenzung kann Verderben und Tod bedeuten. Wenn sie nur im Kopf herrscht, ist es relativ leicht, sich von ihr zu befreien. Sonst aber ist ein sehr konkreter, solidarischer, opferreicher Kampf nötig, um an den Punkt zu gelangen, wo Selbstbestimmung möglich wird.
    Liebe Grüße, und Dank für deine gedankenreiche Etüde.

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    • fundevogelnest Januar 25, 2020 / 10:18 pm

      Nun bin ich wieder gebildeter, vielen Dank. Ich hatte beim Schreiben noch sinniert, woher der Begriff eigentlich stammt, aber mit Kind im Krankenhaus kein Zugriff auf Nachschlagmöglichkeiten und es später vergessen.
      Mao also, der so wenig von Biologie verstand. Aber natürlich hatte jede menschengemachte Institution nur so viel Macht, wie Menschen ihr zugestehen.
      Sehr sinnvoll sich das immer wieder vor Augen zu halten.
      Und jetzt kann ich beim Küche aufräumen über den eigentlichen Unterschied zwischen Strategie (eher langfristig?)und Taktik (eher situationsgebunden)nachgrübeln, Etüdenschreiben bildet.
      Vielen Dank
      Natalie

      Gefällt 2 Personen

      • gkazakou Januar 26, 2020 / 12:31 pm

        Etüdenlesen bildet auch, deine lese ich immer mit Gewinn. Strategie – ja, da kommt es auf das weit gesteckte Ziel an, das man sich vorgesetzt hat. Da ist klare Vorstellung gefragt. Bei Taktik kommt es drauf an, jeden Moment das richtige Mittel zu finden, um dem strategischen Ziel näherzukommen. Manchmal ist es Angriff, manchmal sind es Rückzug, Ausweichen, Eingraben, Tarnen … Da sind Fantasie und Flexibilität gefragt
        Jeder kennt das auch im Alltag, zB bei der Erziehung. Man hat ein strategisches Ziel (oft nicht formuliert, aber dennoch), und im täglichen Umgang ist es gut, dies Ziel nicht aus dem Auge zu verlieren, sich aber taktisch flexibel zu verhalten. ZB möchte man, dass das Kind, das zum Lügen neigt, dazu bringen, der Wahrheit den Vorzug zu geben. Manche Mütter oder Väter treten jeder Lüge rigoros mit Schimpfen, Liebesentzug, Strafen, Abbitte leisten, Schlägen entgegen und verstärken beim Kind dadurch eher die Neigung zu lügen – geschickter zu lügen, um sich zu schützen…Das ist schlechte Taktik! Gute Taktik wäre vielleicht, das Kind selbst erfahren zu lassen, wie schlecht es sich anfühlt, belogen zu werden, und wie gut, wenn man ihm die Wahrheit sagt.
        Ähnliches ließe sich fürs Aufräumen einer Küche sagen…. 🙂

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  4. violaetcetera Januar 25, 2020 / 4:42 pm

    In unseren Köpfen wimmelt es bestimmt nur so von Papiertigern, denen wir oft mehr Macht zugestehen, als ihnen zusteht.
    Alles Gute für euch und den Kleinen Fundevogel!

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  5. fundevogelnest Januar 25, 2020 / 10:08 pm

    Zumindest in meinem Kopf haust ein ganzes Papiertigergehege und ich beneide Gerda, wenn sie mal eben so locker schreiben kann,mit den Papiertigern im Kopf sei leicht fertig zu werden.

    Danke für deine guten Wünsche. Der Kleine Fundevogel war heute nach zwei Wochen endlich mal wieder einigermaßen lebhaft und wohl auch schmerzfrei.Hoffentlich haben wir es erstmal hinter uns.

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  6. zeilentiger Januar 26, 2020 / 10:32 am

    Mich hat die Überschrift hergelockt, sie gefällt mir gut. Die Geschichte dahinter … ja, die geht unter die Haut.

    Freiheit von Schmerzen und Sorgen wünsche ich!

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  7. fundevogelnest Januar 26, 2020 / 9:39 pm

    Oh, ein Zeilentiger lässt sich von Papiertigern anlocken.
    Wie wunderschön, da fällt einem ja gleich eine neue Geschichte ein, herrlicher Blogname auf jeden Fall – und schön zu lesende Texte obendrei..
    Danke fürs Lob und die guten Wünsche. Das Schmerzgespenst ist auf dem Rückzug, das Sorgengespenst schließt sich hoffentlich bald an.

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