Tenebrio molitor

Der Erzählvogel ist unzufrieden mit der Frau Fundevogel.

„Findest du dich nicht etwas trübsinnig zurzeit?“, moniert er.

Bin halt nachdenklich, reg dich nicht auf, das vergeht wieder“.

„Ich kann die erzählen was ich will, du machst garantiert einen Text daraus, der dir nachher für deinen Blog zu missgelaunt ist.“

„Grmpf“

„Was ist das für eine unqualifizierte Antwort?“

„Eine, die alles sagt.“

„Als ob hier nur Trübsinniges passieren würde, denk doch mal an…“

Finger und Schnabel stürzen sich auf die Tastatur.

Weil Frau Fundevogel mit krankem Küken nicht einkaufen kann, verteilt sie Einkaufslisten Kartoffeln, Brot, Toilettenpapier, getrocknete Mehlwürmer für die Hühner sind auch alle…

Der Student der Geowissenschaften tut und macht bereitwillig, und weil er einen Kumpel hat, der in einem Tierfuttergeschäft arbeitet, bekommt er ein Kilogramm lebende Mehlwürmer zu einem irgendwie sensationellen Sonderpreis und stellt diese in den Kühlschrank, auf dass sie in einer Art künstlichem Winterschlaf ihrer Verfütterung entgegendämmern.

Lecker Kuchen, denkt das nächste Kind, öffnet die Schachtel und lässt alles kreischend fallen. Tenebrio molitor auf, über, unter, in, zwischen …

Wieviele Individuen ergeben ein Kilo? So eine feine Waage habe ich nicht und so genau will ich es auch gerade gar nicht wissen.

Kurz erwäge ich ein, zwei Hühner mit dem Fahrrad herzuholen, dann könnten sie ihr extra angeliefertes Lieblingsfutter selbst aufräumen, aber wer putzt dann alles andere, das aus so einem Huhn ca. alle zehn Minuten rausfällt (nein, das sind nicht die Eier) weg?

Wir fegen, wir sammeln, wir picken mit den Fingern. Der Große Fundevogel verkündet niemals nie wieder die Küche zu betreten und eher hungers zu sterben, als jemals wieder etwas zu essen, das in diesem Kühlschrank gelegen hat.

Der Große zaubert aus den Abgründen seines Zimmers ein Terrarium hervor und die Zusammengefegten ziehen in den Keller. Außerhalb des Kühlschranks sind sie sehr agil, ihre aneinander reibenden Körper machen ein eigenartiges, irgendwie freundliches Geräusch. Fast tut es mir leid, sie nur gekauft zu haben, um sie gierigen Schnäbeln vorzuwerfen. Was übrigens nicht erlaubt ist. Seit der BSE-Krise dürfen deutsche Nutztiere kein tierisches Eiweiß mehr zu sich nehmen, auch nicht solche, deren Natur es entspricht, Importsoya von abgeholzten Regenwaldflächen statt Mehlwürmern aus dem Keller heißt die Richtlinie. Ob man Freilandhühner am Verzehr von Kellerasseln und Regenwürmern hindern soll, weiß ich nicht.

Eine Weile gucke ich unseren Mehlwürmern noch zu, denke mit Grausen an Küche und Kühlschrank  und eine unerwartet riesige Welle der Dankbarkeit überschwappt mich. Ich bin so glücklich in diesem chaotischen Nest zwischen Mehlwürmern, klein geschnipselter Bettwäsche, Kastanien und sonstigen Spuren seltsamer Hobbys leben zu dürfen. Manchmal träume ich von einem adretten aufgeräumten Zuhause, von ordentlich gekleideten Kindern, die irgendwie den Eindruck hinterlassen, ihre Eltern hätten ein gewisses Talent zum Erziehen.

Aber am Ende würde ich mich dort wohl nur elendig fehl am Platze fühlen. Ist ja nicht so, dass ich nicht schon einige Versuche in diese Richtung unternommen hätte.

Mein Zuhause, meine wunderbaren Menschen hier im Nest und drumherum- wie heimatlos wäre ich ohne sie? Die uns in den Krankenhaustagen so vieles abgenommen haben, die mir spontan aus der Patsche helfen, wenn ich eine Frühschicht zugesagt habe, an einem Tag, an dem der Kindergarten geschlossen hat, denen ich sogar ausführlich von meinen schrecklichen Fundevögeln vorjammern darf und sie niemals nicht sagen du hast es ja so gewollt oder noch schlimmer ich habe es dir ja gesagt.

Ja, das Nest ist größer als nur wie vier hier im zweiten Stock. Ihr, die ihr mir Heimat auf diesem Planeten gabt, wir gehören aus Gründen, die wir auch nicht genau kennen, zusammen und versuchen füreinander da zu sein. Tag für Tag entlarven wir den komischen Satz Blut ist dicker als Wasser als ideologisches Geschwurbel.

„So zufrieden, du Meckervogel, du?“

„Das Ende ist arg kitschig.“

„Aber wahr. Also halt den Schnabel.“

„Wie sprichst du eigentlich mit mir?“

„Komm‘, du weißt doch, dass du der Allerbeste bist.“

P.S. Natürlich hat der Große Fundevogel den Kühlschrank bereits wieder mit einer Masse fragwürdiger Lebensmittel bestückt.

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11 Gedanken zu “Tenebrio molitor

  1. Myriade Februar 1, 2020 / 11:10 pm

    Was ? Hühner dürfen keine Regenwürmer fressen ? Gibt es da womöglich auch Kontrollorgane, die dieses überprüfen ? Nein, das darf nicht wahr sein !
    Wieder einmal ein wunderbarer Text. Und ich sehe da überhaupt keinen Kitsch obwohl ich da sehr empfindlich bin 😉

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    • fundevogelnest Februar 2, 2020 / 2:09 pm

      Okay, dieses „weiß ich auch nicht“ war schon ein bisschen polemisch. Freilandhühner dürfen wohl fressen,was sie sich ausgraben. Habe jedenfalls nichts Gegenteiliges gehört. Aber zugekauftes Futter darf seit 2000 kein tierisches Eiweiß mehr enthalten. Was bei Rindern und Schafen, die sich niemals um ein weggeworfenes Wurstbrot oder verschmähtes Katzenfutter prügeln würden, sinnvoll ist, ist es bei Allesfressern wie Hühnern und Schweinen m.E.nicht. Rückstände aus den Schlachtbetrieben werden als Sondermüll verbrannt und die Tiere werden mit Soja vollgestopft.ZU Futter auf Insektenbasis gibt es im neuen Insektenatlas der Heinrich-Böll-Stiftung, der in jeder Hinsicht lesenswert ist, sehr interessante Diskussionen.
      In der Masse wird fast alles zum Problem.
      Ich, die ich meine Eier ja gar nicht verkaufe, kann letztlich füttern,was ich für richtig halte.

      Vielleicht war es eher Pathos als Kitsch, der Herr Erzählvogel ist da recht empfindlich.

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  2. Elke H. Speidel Februar 2, 2020 / 5:24 am

    Ein großartiger Text! Und jetzt hau mich nicht, wenn ich meine schwäbische Schwägerin zitiere, mit einem Satz, den sie immer wieder sagte, als ihre Kinder klein waren und ihr Haus so ähnlich aussah wie oben geschildert: „So hat mer‘s wälle“ (So hat man es gewollt). Es ist ein Satz, den ich oft meiner Tochter in Erinnerung rufe, die derzeit mit kleinen Kindern und Vollzeitjob gesegnet ist (ich benutze bewusst dieses Wort). Denn er stimmt, und das weiß sie, aus einer Zeit, als sie arbeitslos war und verzweifelt Bücher über die wenig erfolgversprechende Möglichkeit von Adoptionen las.

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    • fundevogelnest Februar 2, 2020 / 2:19 pm

      Ich haue dich ganz bestimmt nicht! Erst mal aus Prinzip nicht und wegens dieses Satzes schon mal gar nicht.
      Ich empfinde mich ja selbst als Gesegnete, ich hoffe der Text bringt das rüber. . Und bin mir bewusst, alle diese Kinder und Hühner vorsätzlich in mein Leben geholt zu haben.

      Und trotzdem ist es ein großer Segen und eine Gnade auch mal Menschen um sich zu haben, bei denen man nicht immer stark sein muss, weil man sich das ja schießlich selbst so ausgesucht hat (was einem so viele so genüsslich um die Ohren hauen). Es ist einfach nicht immer alles schön und ich bin nun mal nicht Superwoman.

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      • Elke H. Speidel Februar 2, 2020 / 7:02 pm

        Das stimmt. Ich finde, es ist auch ein großer Unterschied, ob man sich selbst sagt, dass man’s so gewollt hat, oder ob andere es einem um die Ohren hauen, womöglich ohne eine blasse Ahnung von der aktuellen Realität, den früheren Wünschen und den späteren Grenzen und Möglichkeiten. In diesem Sinne: Bleib weiterhin gesegnet und empfinde das auch so oft wie möglich! Und gestehe es dir weiterhin zu, eben nicht „Superwoman“ zu sein!

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  3. hummelweb Februar 2, 2020 / 7:02 am

    Schöner Text! Wenn es mich auch ein wenig gruselt, wenn ich daran denke, wie schnell aus den kleinen Würmchen fliegende Käfer werden… 😅

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    • fundevogelnest Februar 2, 2020 / 2:22 pm

      Das Terrarium hat einen Deckel. Und einmal am Tag stößt der grausame Esslöffel vom Himmel herab und wählt jene aus, die den Geschnäbelten geopfert werden.
      Am Ende wird keiner überleben.

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  4. gkazakou Februar 2, 2020 / 12:33 pm

    Zu deiner turbulenten Lebenswelt fällt mir doch glatt Ringelnatz ein:

    Überall ist Wunderland.
    Überall ist Leben.
    Bei meiner Tante im Strumpfband
    Wie irgendwo daneben.
    Überall ist Dunkelheit.
    Kinder werden Väter.
    Fünf Minuten später
    Stirbt sich was für einige Zeit.
    Überall ist Ewigkeit.

    Wenn du einen Schneck behauchst,
    Schrumpft er ins Gehäuse.
    Wenn du ihn in Kognak tauchst,
    Sieht er weiße Mäuse.

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  5. fundevogelnest Februar 2, 2020 / 2:32 pm

    Ich liebe dieses Gedicht, kann es auswendig, und habe eine mir kostbare Erinnerung daran.Als mein Vater schon stark von seiner Parkinson-Demenz gezeichnet war, schauten wir gemeinsam im Fernsehen die Show „Wer wird Millionär?“. Die erste Zeite des Gedichts, war die Mililonenfrage und wir zitierten beide prompt das ganze Gedicht im Chor

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