Wahlsonntag

Vor ein paar Wochen nun plumpsten drei dicke Umschläge in den Nestbriefkasten, die Unterlagen zur Teilnahme an der Wahl zur Hamburgischen Bürgerschaft.

Der Große Fundevogel reagierte alarmiert: Muss ich das? Beißt das? Da beschäftige ich mich später mit. Vergesse ich lieber einfach.

Könnte man natürlich so laufen lassen, es gibt keine Wahlpflicht in Deutschland, aber es widerstrebt mir. Habe ich nicht Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um dem Fundevogel eine gesetzliche Betreuung zu ersparen? Gehört in einer Demokratie leben zu lernen nicht irgendwie auch zum Erziehungsauftrag?

Also bringe ich das Thema immer mal wieder zur Sprache. Und siehe da, Parteien, die den öffentlichen Nahverkehr kostenlos machen und eine Straßenbahn bauen wollen stoßen auf Interesse. Und in der Schule hauen sie ihrer politikfernen Klientel um Ohren: Wer nicht wählt, stärkt die AfD. Der Große Fundevogel verkörpert so ziemlich alles, was die AfD gern ausgemerzt hätte und das ist ihm sehr wohl bewusst.

Dann aber doch Wahlentscheidung in letzter Minute, nicht zuletzt mit dem Grauen von Hanau im Nacken. Später höre ich im Radio, diese schreckliche Tat hat wohl einigen die Demokratie für ein paar Augenblicke kostbar erscheinen lassen. Genug Augenblicke jedenfalls, um sich gegen sonstige Gewohnheiten ins Wahllokal zu bewegen..

Das Hamburgische Wahlsystem ist kompliziert, zehn Stimmen gibt es zu verteilen, entweder alle für eine(n) oder munter über die Fraktionen verteilt. Soll die Demokratie stärken, hält aber manche ganz von der Mühsal des Wählens ab. Zum Üben bekommt man mit dem Wahlschein einen Probewahlzettel vom Ausmaß einer Fernsehzeitschrift nach Haus geschickt.

Mit diesem als Modell stürzt sich der Große Fundevogel mutig in die Wahlkabine, während ich meine zehn Kreuze im Kampf mit dem Kleinen Fundevogel zu setzen versuche. Dass der auch mal will, weil das sonst unfair ist, bekommt das ganze Wahllokal mit.

Das Mama, komm mal, aus der Nachbarkabine ist trotzdem gut zu hören. Und wie die Frau Fundevogel gewöhnt ist, eilt sie unbedacht zur Hilfe. Und hat im Nu vier Wahlhelferinnen auf dem Hals. Wir werden gemaßregelt wie zwei Kleinkinder, von wegen geheime Wahl und sowas geht ja gar nicht. Kurz zögern sie unsere Stimmen überhaupt anzunehmen. Und da wird die Fundevogelmama garstig, ob denn Menschen mit Lernbehinderungen kein Recht hätten, an der Wahl zur Hamburgischen Bürgerschaft teilzunehmen?

Also so etwas muss man bitte vorher anmelden.

Und nun frage ich mich: Klar einfach zu jemanden in die Wahlkabine rennen geht nicht – aber wenn jemand laut und deutlich eine Person seines Vertrauens um Hilfe bittet – kann das verboten sein?

Wahrscheinlich wussten die ehrenamtlichen Wahlhelferinnen das selbst nicht, sie lenkten auch rasch ein, wollten offensichtlich keinen Skandal, nur wird des Fundevogels Bereitschaft weiterhin an der parlamentarischen Demokratie teilzunehmen nach diesem  Erlebnis noch geringer sein.

Warum wir keine Briefwahl machen?

Ich hatte es erwogen, aber der Gang zum Wahllokal hat seinen eigenes Flair, die Mengen von Fußgängern, wo sonst nur Schulkinder laufen, das geheime Einverständnis zu denen zu gehören, die mitmachen wollen, transportiert für mich recht sinnlich einiges von dem, was eine demokratische Wahl sein sollte.

Vorm Wahllokal trennen sich unsere Wege, die Fundevögel laufen zur Oma und die Frau Fundevogel radelt zur Schrebergartenjahresversammlung, da gibt es diesen Sonntag auch einiges zu wählen und über Demokratie zu lernen.

Gleich geht’s los, da läge ein Antrag vor, der sei auch zeitgerecht eingegangen und nun müsse abgestimmt werden, ob über diesen Antrag beraten werde. Antrag? Was für ein Antrag? Das Pubikum ist verwirrt. Noch nie wurde hier ein Antrag gestellt, was so etwas denn solle? Die Frau Fundevogel, die diesen Antrag gestellt hat, weil eben in der Einladung stand, dass Anträge fristgerecht und schriftlich gestellt werden sollten, will gerade zur Erläuterung anheben, das heißt es, nein!, das kommt später, es gehe nur darum, ob der Antrag überhaupt besprochen werde.

Die Neugier siegt.

Jetzt folgt ein Haufen recht hemdsärmeliger Abstimmungen zur Wahl des Vorsitzenden, der Kassierer, Revisoren, Wasserwart. Jedes Mal grob über die Tische geschaut.: Einstimmig! Man ist ja heilfroh für jedes Amt überhaupt einen oder eine Freiwillige gefunden zu haben. Auch die Frau Fundevogel wird in diesem Zuge zur Obfrau (oder doch Obmännin?) des Weges, in dem ihr Garten liegt, ernannt. Dieser ungemein wichtige Job beschert mir und dem Kleinen Fundevogel den Spaß zweimal im Jahr die Wasseruhren an- bzw. wieder abzuschrauben, Tage, die für den Kleinen Fundevogel einen ähnlichen Rang wie Ostern oder Fasching haben. Theoretisch bin ich auch Ansprechpartnerin für alle möglichen anderen Dinge, allerdings hat die im Schaukasten aushängende Telefonnummer mit der meinigen keinerlei Ähnlichkeit. Der nun im neunten Jahr wiedergewählte Vorsitzende meint seit zwei Jahren das braucht er nicht zu ändern. Weißt du Frau Fundevogel, die Leute fragen eh mich.

Ganz zum Schluss ist der Antrag der Frau Fundevogel an der Reihe, man möge doch in Gemeinschaftsarbeit den ungenutzten, regelmäßig kurz geschorenen Vereinsplatz in eine ökologisch hochwertige und obendrein zum Verweilen einladende Streuobstwiese umwandeln. Sie habe sich erkundigt, Fördergelder seien im Rahmen des Klimaschutzprogramms von der Stadt zu bekommen

Das mag der erste Antrag sein, der je in diesem Verein gestellt wurde, aber nicht der erste, den die Frau Fundevogel in irgendeinem mehr oder minder demokratisch agierenden Verein gestellt hat. So ist sie gewohnt, dass nach Verlesen des Antrags dieser zur Debatte gestellt wird. Wird er auch hier, aber erst nachdem der Vorsitzende lang und breit dargelegt hat, warum diese Idee zwar ganz nett, aber nicht durchführbar sei und die nun folgenden Redner variieren dann, was er gesagt hat, die Bäume werden zerstört werden von den Asozialen hier um uns rum, es werden sich nicht genug Freiwillige drum kümmern, die Leute zahlen ja nicht mal ihre Vereinsbeiträge …

Und als die sich selbst schon recht zerfleddert fühlende Frau Fundevogel ihr zerfleddertes Anträgchen noch retten will, eröffnet der Vorsitzende, er habe ja selbst beim Landesverband beantragt, dass auf der Fläche neue Gärten entstehen sollen.

Allgemeine Begeisterung. Nicht, dass die Frau Fundevogel das ganz und gar schlecht fände, aber hätte er ihr das nicht sagen können, ehe sie stundenlang das Internet nach Fördermöglichkeiten durchsucht hat? Und hätte diese Info nicht in den allgemeinen Bericht am Anfang gehört?

Was denn nun mit dem Antrag sei, fragt jemand. Na, der ist doch offensichtlich abgelehnt. Gibt sich dann aber einen Ruck ehe die Frau Fundevogel zum zweiten Mal an diesem Tage garstig werden kann und bittet um Handzeichen: Zwei Stimmen für die Streuobstwiese.

Der einzige Befürworter neben der mit inzwischen ziemlich hängenden Flügeln dasitzenden Frau Fundevogel, spricht sie nachher an, wenn das mit den neuen Gärten nichts wird, stellen wir den Antrag nächstes Jahr nochmal zusammen.

Demokratie bleibt ein zähes Geschäft.

Aber ohne ist noch blöder.

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3 Gedanken zu “Wahlsonntag

  1. gkazakou Februar 26, 2020 / 11:29 am

    „Durchregieren“ heißt wohl in der großen Politik das, was euer Vorsitzender da zelebriert. Gut, wenn es schon zwei sind, die sich verstehen.

    Der große Fundevogel wird das Wählen hoffentlich noch lieben lernen. Gut, dass ihr hingegangen seid. Dies besondere Ambiente ist wichtig, um zu begreifen, was Demokratie ist: etwas langsam-bürokratisch, etwas mühsam, aber ehrwürdig und sehr sehr wichtig, so wichtig, dass man die Regeln, die da gelten, durchaus auch respektieren lernen muss, wenn man ein Fundevogel ist: Man entscheidet selbst und ruft nicht die Mama. Man entscheidet selbst – egal wie unwichtig der eigene Beitrag zu sein scheint. Man überlegt sich die Entscheidung, als hinge alles von einem selbst ab. Man entscheidert über Dinge und Personen, die man nicht wirklich einschätzen kann. Aber man traut sich. Dies alles ist so wichtig, um Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl zu stärken, so dass man nicht so leicht zum Objekkt fremder Entscheidungen wird.

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  2. fundevogelnest Februar 26, 2020 / 9:15 pm

    Liebe Gerda,
    das hast du wirklich sehr treffend formuliert.
    Es werden ja hoffentlich noch viele demokratische Wahlen in diesem Fundevogelleben stattfinden. Entschieden hatte sie durchaus, nur in dem Zettelwust nicht mehr die richtige Seite gefunden.
    Danke
    Natalie

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