Frühjahrsdurchsicht (ABC-Etüde)

Es ist mir nicht gelungen.
Ich wollte zu Elke Speidels inspirierender Wortspende Forsythien, lächerlich, erfrieren eine garantiert coronafreie Fantasyetüde schreiben, aber das Thema dringt mit seinen langen, bohrenden Wurzeln invasiv in jeden Winkel des Kopfes vor.

Im Augenblick antworte ich auf 90 Prozent der Fragen meiner Kinder: Nein, ist nicht– wegen Corona. Besonders der Große Fundevogel, der sich noch nie allein beschäftigen konnte und fast immer unterwegs ist, ist sehr unausgeglichen.

Eine komische, unwirkliche Zeit ist das. Und was haben Menschen in solchen Situationen immer getan?

Geschichten erzählt.

Danke Christiane, dass du uns dazu an deinen vitruellen Lagerfeuer zusammenkommen lässt.

 

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Die Schlehen tragen Schleier, unter ihnen funkeln Scharbockskraut und Buschwindröschen. Lilly radelt stehend vor ihm her, in dunkelblauer Jeans und einen engen, geringelten Langarmshirt. Ihr funkelnagelneuer Stockmeißel klappert im Fahrradkorb. Endlich denkt Julian einmal nicht an diese endbescheuerte Grippe, die alles knirschend zum Stillstand bingt. Die Frühjahrsdurchsicht bei den Bienen muss sein, das versteht sogar seine überbesorgte Mutter, ebenso dass Wolfgang gerade nicht in Frage kommt.

Ob Feen diese Seuche auch bekommen können? Verschnupft hat er noch nie eine erlebt, solche Lästigkeiten wünschen sie sich vermutlich gegenseitig vom Leibe. Eher erfiert eine von ihnen im Winterschlaf, Katzen erbeuten sie und Pestizide bringen sie um.

Längst hatte er Lilly von Cardamine erzählen wollen. Doch hatten sie damals, als er neun Jahre alt gewesen war, geschworen, das Geheimnis der Feen zu bewahren. Allein ihre Macht Wünsche zu erfüllen würde Begehrlichkeiten wecken, die sie kaum mit heiler Haut überstehen würden.

Für Lilly jedoch kann diese Übereinkunft eigentlich nicht gelten. Sie ist anders. Gemeinsam hatten sie die Forsythien, deren Blüten weder Fee noch Biene nähren, hinterm Bienenstand herausgerissen und stattdessen Weißdorn, Schlehe und Hasel gepflanzt.

Gemeinsam hatten sie Julians väterlichem Freund Wolfgang nach dem Ausbruch seiner Krebserkrankung versprochen sich um seine Bienen zu kümmern.

Lilly wird die Feen niemals verraten, größer ist seine Sorge sich lächerlich zu machen. Welcher coole Typ spricht ernsthaft  von Feen?

Zusammen kippen sie die schweren Bienenkisten und öffnen sie zum ersten Mal in diesem Jahr. Ihrer beider Freude über die offensichtlich gut durch den Winter gekommenen Bienenvölker ist so groß, dass die Luft zwischen ihnen wärmer zu werden scheint.

Ist das eine Libelle?

Lilly starrt verblüfft durch ihren Schleier und er hört Cardamines Lachen.

Julian, mein Freund, wen hast du mitgebracht?

Seine Gefühle explodieren in alle Richtungen zugleich und dann sagt er bloß: Denkt dran –zwei Meter Abstand!

Cardamine lacht.

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19 Gedanken zu “Frühjahrsdurchsicht (ABC-Etüde)

  1. Christiane März 23, 2020 / 10:30 pm

    Wie toll! Ja, welcher coole Typ spricht schon von Feen? 😉
    Wie unglaublich schön, wenn aus einem/einer zwei werden, und man damit beginnen kann, Geheimnisse zu teilen …
    Was ist die Frühlingsdurchsicht, eine Art Check, ob alles okay ist? Ist bei deinen Bienen alles okay?
    Alles Liebe in dein Nest
    Christiane im Süden 😉

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    • fundevogelnest März 24, 2020 / 1:56 pm

      Besonders wenn man nicht weiß, ob die Fee sich lachend im Gebüsch zeigen wirdoder einen blamieren wird
      .Die „Mutter“ der Feengeschichten ist ja eine von meinem Sohn damals bestellte „Feengeschichte für Jungs“, die Geschichte ist leider nur zu lang für den Blog (ca. 200 Seiten). Oder doch als Fortsetzungsgeschichte im Corona-Frühling?

      Frühjahrsdurchsicht ist genau was du dachtes, schauen wie es in den Völkern aussieht, ob schon Brut da ist, ob die Futtervorräte reichen,
      Wir haben das noch nicht geschafft, aber meine Bienen tragen so munter Pollen ein, dass ich sicher bin sie vermehren sich so munter wie Coronaviren.
      Unser schöner Schwarm dagegen war schon im Sommer eingegangen, vermutlich ist die Königin gestorben.

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      • Christiane März 24, 2020 / 4:12 pm

        Wie wäre es mit einem Countdown zu Ostern oder so, falls du es in sinnvolle (und nicht zu große) Teile aufteilen kannst? 😉
        Schade um den Schwarm, ich fand Bilder und Erzählungen dazu ausnehmend beeindruckend!

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        • fundevogelnest März 25, 2020 / 8:51 pm

          Ja das mit dem Schwarm war so traurig, dass ich nicht drüber schreiben mochte. Erfahrene Imker und Imkerinnen sagen dann, kommt vor,aber die geschätze Mitimkerin und ich, hatten sowas noch nicht erlebt und waren ganz schön angefasst

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  2. puzzleblume März 23, 2020 / 10:31 pm

    Eine schöne Verflechtung und nebenbei ein perfektes Beispiel dafür, vorsichtshalber ans Abstandhalten zu denken, unter allen Umständen, nur für den Fall, dass.

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    • fundevogelnest März 24, 2020 / 2:02 pm

      Ja, die ewirklich wichtig, vom RKI völlig vernachlässigte Frage , ob Feen sich infizieren können, drängteich beim Schreiben auf.
      Ich soll jedenfalls heute auch mit leichten Halsschmerzen zur Arbeit kommen, ärztliche Ansage, da kein nachgewiesener Coronakontakt, kein Fieber, kein Husten — ganz wohl ist mir dabei nicht,

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      • puzzleblume März 24, 2020 / 5:17 pm

        Hoffen wir das Beste. Ich wünsche jedenfalls für egal was es ist, dass es harmlos bleibt und bald verschwindet.

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        • fundevogelnest März 25, 2020 / 8:57 pm

          Scheint echt nur eine kleine Erkältung zu sein, ich habe ja die letzen zehn Tage auch fast ausschließlich mit meinen Kindern verbracht.Wir nehmen die Sache schon ernst.
          Meine Angst war weniger um mich, als meine Patienten anzustecken oder dass gar die Station meinetwegen geschlossen werden muss, ich habe die ganze Nacht meinen Mundschutz quasi nicht abgelegt

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          • puzzleblume März 25, 2020 / 9:04 pm

            Verständlich. Diese derzeitige Kälte und ihre Erkältungsgefahr verkompliziert alles noch. Eine gute Nachricht., die mich sehr freut, für dich und alle, die indirekt davon abhängen.

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  3. Olpo Olponator März 24, 2020 / 10:25 am

    Toll, deine Phantasie, wie immer schwebt sie zwischen Realität und Fiktion … 😉
    Aaaaber: vermutlich dem Handtuch, das ich vor Kurzem aus HR mitbrachte (sonst fiele mir nix ein), entstiegen in den ersten warmen Tagen 2 Wildbienen und bedonnerten, zur Freude der Zimmertiger, die Fensterscheiben. Ich fing sie mit Hilfe eines Einmachglases und setzte sie auf die Forsythien, wo sie sofort in die Kelche krochen – hat die Forsythie sie genarrt und gibt tatsächlich nix her, den Bienen ? Ich weiß es nicht, las es mit Überraschung… Anderntags sah ich eine davon frohgemut aufsteigen, den Ringlottenblüten entgegen; also hat wenigstens eine die warme Nacht überlebt… das freut mich. Ich werde ein Insektenhotel im Hof bauen … 😉

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    • fundevogelnest März 24, 2020 / 2:09 pm

      Hallo Olpo,
      Alternativ zur Feenpoesie hatte ich einen Rant gegen das Forythienpflanzen erwogen 😉 Aber zurzeit mag ja niemand mehr Verhaltensregeln ertragen.
      https://www.die-honigmacher.de/kurs2/seite_14400.html
      Wahrscheinlich haben deine Bienchen sich einfach untergestellt.
      Und ich habe mir endlich mal die Mühe gemachrt rauszubekommen was Ringlotten sind, eine hervorragende Insektenweide auf jeden Fall.

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      • Olpo Olponator März 24, 2020 / 2:37 pm

        Naja, Schlimm. Ist denn alles aus China ein Schmarrn, außer Rattanmöbel ;-? Der Alternativtext hätte mir sicher auch gefallen … 😉 MIR machen Verhaltensregeln nix aus, ich höre sie immer erst aus 2. Hand, da sind sie schon auf das Nötige gekürzt und Verantwortungsgefühl ist selbstverständlich. Hab heute unterwegs ins Lebensmittelgeschäft gesehen, wie 2 Bosnier sich auf der Straße unterhalten haben – mit mindestens 2 Meter Abstand, konnte mich nicht halten, im Vorübergehen grinsend zu gratulieren ;)…
        Pflaumen oder Ähnlich, wollte ich nicht schreiben, denn unter Pflaumen versteht man hierzulande wiederum Zwetschken und das ist wieder etwas völlig anderes. Die ‚Griachaln‘ eignen sich im Verein mit Physalis bestens für zB Kiwi-Sorbet als Zugabe, weil sie ebenfalls säuerlich bleiben… werden Juli/August reif.

        Der Nebel in Bildmitte ist kein Blütenstaub sondern ein verwischter Fingerabdruck, weil man den eckenden Verschluß händisch öffnen muß. Sorry.

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  4. Katharina März 24, 2020 / 11:24 am

    Eine schöne Geschichte. Irgendwie holt die Realität auch die Geschichtswelt immer ein, aber ich denke, das ist normal und hier ist es schön eingebettet.

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  5. fundevogelnest März 24, 2020 / 2:00 pm

    Das reizt mich immer beim Schreiben von Fantasy, bis ins Kleinste zu durchdenken, wie das Magische sich im Realen auswirken würde.

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  6. violaetcetera März 25, 2020 / 12:04 pm

    Corona ist ja ein düsteres Thema, aber du hast ihm noch einen Schuss Frühling und Leichtigkeit verliehen. Habe ich sehr gerne gelesen!

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  7. fundevogelnest März 25, 2020 / 9:07 pm

    Das freut mich
    Wir sollten sehr wachsam bleiben, dass Leichtigkeit und vor allem Mensclichkeit im Coronawahn nicht verloren gehen. Wenn ich sehe, dass Demente und Geistig Behibnderte in ihren Einrichtungen keinen Besuch mehr bekommen, nicht einmal mehr eingeschränkt, dass humanitäre Aufnahmen von höchst bedrohten Flüchtlingen ausgesetzt werden, sehe ich schon sehr vieles davon entschwinden, allen Einkaufshilfen und Balkonapplausen zum Trotz.
    Und ich fürchte mich vor der Nachcoronazeit, wenn alle Naturschutzgesetze etc. als lächerlich hingestellt werden, weil die Wirtschaft wieder in Schwung kommen muss.
    Harte Zeiten für Insekten und Feen.
    Wachsam bleiben ohne hysterisch zu werden, ich glaunbe das nehme ich mir vor.

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