Kringelzeiten und Aprilfeen

Ist es momentan dekadent die vom Kind liegen gelassenen Nudeln an die Hühner zu verfüttern? Wo Nudeln doch zurzeit so schwer zu bekommen sind.

Nicht der einzige sonderliche Gedanke, den die letzte Zeit hervorgebracht hat.

Im Nest herrscht gewissermaßen Ausnahmezustand deluxe, wir sind einigermaßen gesund, verfügen über ein krisenfestes Einkommen und die innere Stabilität über seltsame Kinderverhaltensweisen weder gewalttätig noch mutlos zu werden, vom Dach über dem Kopf und dem Schrebergarten in der Nähe ganz zu schweigen.

Keine Termine bei Jugendämtern, Theapieeinrichtungen, Diagnostikern, Schulämtern, alles was so wichtig für unser Leben gewesen sein soll, so unverzichtbar, dass der Frau Fundevogel mit dem Jugendamt gedroht werden muss, weil sie den Therapiewald auslichten wollte, hat keine Relevanz mehr.

Das Krankenhaus wartet und ich warte mit ihm, es wartet noch immer in seltsamer Gedimmtheit auf Dinge, die da kommen werden oder vielleicht doch nicht, weist das Personal mal eben hastig in Beatmungsgeräte ein, wo doch jede, die sich mit Beatmungspflege auskennt weiß, das dauert Monate bis eine mit einem beatmeten Intensivpatienten allein gelassen werden kann.

Es werden wieder waschbare Beatmungsschläuche angeschafft, obwohl ihre Wiederaufbereitung doch sooooo teuer ist, und die gelben Einmalkittel, die bis vor vier Wochen nach jedem Verlassen des Zimmers im Müll landeten, sind in diesen Zeiten wertvoller als Hefe, Klopapier und Nudeln zusammen und werden sorgsam nach Anweisung gefältet an Haken gehängt.

Für die meisten Patienten sind die alten Stoffkittel wieder gut genug.

Denn Es, dessen Name nicht genannt werden soll, wird kommen, im April wird es wohl kommen.

Und man schaut voll des Grausens nach Italien und New York und fragt sich, ist das das Es, das kommt? Oder wird unser Es ein gnädiges sein. Wird es ein Es sein wie nach den Sturmwarnungen, wenn wir die Bienenkisten vertäuen, der Zugverkehr eingestellt wird und die Kinder zu Hause bleiben sollen? Und hinterher räumen wir kopfschüttelnd ein paar Plastikeimer von der Wiese.

Hoffentlich.

Die Tage verschwimmen. Ohne meine müden Tagebuchaufzeichnungen wüsste ich heute nicht, was ich gestern getan hätte, nun dasselbe wie vorgestern vermutlich.Manchmal frage ich mich, welcher Wochentag ist. Der Kleine Fundevogel beschäftigt mich von der Früh bis in den Abend hinein. Nein, kurz wegsehen, sich parallel mit etwas anderem beschäftigen geht nach wie vor selten gut. Das sollte ich lassen und mit ihm leben, ganz leben, Gartenpforten streichen, Holzgleise in der Wohnung verlegen, Schilder für Hummelwohnungen basteln, Gemüse schneiden, Michel aus Lönneberga vorlesen. Den Tag in Wachsamkeit genüsslich vertrödeln.

Wenn er schläft, ist der Große Fundevogel dran, der vorher unermüdlich Nahrung und alles andere für elf Personen in fünf Haushalten heranschaffte. Allein was meine Kinder vertilgen, wenn sie den ganzen Tag nicht außer Haus verköstigt werden, ist unfassbar, dafür braucht man kein berüchtigter Hamster zu sein.

Der Große Fundevogel leidet, hält kaum aus, nicht stundenlang umherzuschweifen, Bus zu fahren und in der geliebten Jugendherberge zu arbeiten. Abends nun müssen die Pakete abgearbeitet werden, die die gute Frau Magister aus der Schule schickt. Zusammen lernen konnten der Fundevogel und ich noch nie besonders gut, das ewige ich kann das nicht, das Scheuen eine Arbeit nur zu beginnen, weil sie irgendwie tückisch sein könnte, macht mich wahnsinnig, wider besseres Wissen regt es mich auf, denn eigentlich ich kenne dieses Tierchen mittlerweile recht gut, Anstrengungsverweigerung heißt es, wer am Anfang seines Lebens nur gelernt hat, dass jede Anstrengung, jedes Schreien vergebens ist, lernt daraus gar nicht so selten, sich vor solchen Enttäuschungen fürderhin lieber ganz fern zu halten, könnte ja wieder existentiell schief gehen.

Es gibt einige Arten damit umzugehen, so richtig gut beherrschen wir beide leider keine davon und unsere Lösung war letztlich das schulische Lernen an Leute auszusourcen, die damit ihr Geld verdienen und persönlich nicht weiter verstrickt sind.

Die gehören jetzt zu den Vielen, die sich Sorgen um ihre berufliche Existenz machen, weil sie nicht zu ihren Kunden dürfen.

Und dann ganz am Ende dieser Tageskringel sehne ich mich nach dem virtuellen Fundevogelnest, das mir doch immer so viel Kraft gibt, sehne mich nach dem Austausch mit Menschen, die nicht Jahrzehnte jünger sind und schreibe doch nur müde Texte, die mir zwischen den Tasten zerbröseln, lese Texte und weiß schon nicht mehr was in ihnen steht, aber doch noch so ungefähr genug, um auf Like zu drücken.

Und Es ist doch noch nicht mal da.

Also gibt es im April im Fundevogelnest vorsorglich Gehamstertes. Die Fee Cardámine, der ich vor vielen Jahren eine Geschichte schrieb, die nach dem Aufräumen meiner alten Texte sich immer mal wieder in den Etüden rumtrieb, wird das Nest und, wenn Sie mögen, auch Sie durch den April geleiten. Eine ursprünglich für ein Kind geschriebene Geschichte, spannend zwar, aber mit garantiert gutem Ende.

Vielleicht kann das ja der eine oder die andere von Ihnen gerade ganz gut brauchen.

Morgen geht es los.

Ob ich es jeden Tag schaffe, werden wir sehen.

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6 Gedanken zu “Kringelzeiten und Aprilfeen

  1. Myriade März 29, 2020 / 12:21 am

    Wo doch die Geschichten aus deinem Alltag ohnehin schon so interessant sind …

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    • fundevogelnest März 29, 2020 / 10:54 pm

      Nur zum Aufschreiben komme ich gerade nicht so recht, ich habe aber nicht vor das Schreiben ganz einzustellen, nicht mal im April.

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  2. Christiane März 29, 2020 / 10:10 am

    Ich freue mich drauf. Pass gut auf das Nest und auf dich auf. Und ja … bitte kein Ende (Ende?) mit Schrecken.
    Liebe Grüße
    Christiane 😏☕🍪👍

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  3. fundevogelnest März 29, 2020 / 11:04 pm

    Also mit dem Ende war nur das Ende der Feengeschichte gemeint und die hat trotz unendlichen Fabulierspaßes irgendwann ein Ende genommen.
    Und geht es hier wirklich nicht schlecht, dem Kleinen Fundevogel geht es so eng hier sogar ausgesprochen gut.Und ich bn ja ausgesprochen gern mit meinen Kindern zusammen. Nur es bleibt wenig Zeit für mich allein, ein bisschen ist es wie wieder ein Baby zu haben, nur mit denen auf dem Schoß kommt man eher zum Schreiben als gerade jetzt.

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    • fundevogelnest Mai 16, 2020 / 9:37 pm

      Schauen wir mal.
      Dass Montag Fünf- und Sechsjährige wieder in die Kita dürfen, war zwar kein Gerücht – gilt für mein Kind aber nicht.

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