Coladose — Julian und Cardámine 4

Das Krankenhaus, von dem alle anerkennend mutmaßen, dass ich in diesen Tagen den Großteil meine Zeit dort aufopferungsvoll verbringe, liegt noch immer im Habachtsdämmerschlaf und die Leitung bittet darum Überstunden abzubauen.

Noch ist es so, wispert es in den Gängen, bleibt leise, um den Drachen nicht zu wecken. Vielleicht schläft er sich ja einfach aus, vergisst unsere Stadt und die Kapazitäten der Universitätskliniken werden ausreichen, um  alle krank Gewordenen zu versorgen.

Wie anderswo Klopapier werden Schläuche erjagt und gehortet, Schwestern stöbern in ihrer Freizeit nach noch ungehobenen Quellen für Kittel und Mundschutz. Meine Schwester, unterbeschäftigt in Kurzarbeit, hat der ganzen Famile Mundschützer genäht. Der Kleine Fundevogel freut sich auf sein Exemplar mit Dinos darauf. Heute noch ist es im Krankenhaus verboten mit solch selbstdesignten Produkten zu arbeiten, aber heute ist nicht ja nicht morgen, da könnte das schon erwünscht sein. Schier Ungeglaubtes scheint gerade möglich zu sein, also erzähle mir niemand, es gäbe keine Feen und sie könnten nicht herzhaft fluchen.


Für alle, die jetzt erst einsteigen: Hier fängt die Geschichte an.

Der höfliche Menschenjunge war nicht mehr zu sehen. Ich blieb erschöpft auf dem glitschigen Ast hocken, nass wie seit meinen Larventagen nicht mehr. Elf Jahre lang war ich einer Kaulquappe gleich durch die Feenwasser geschwommen. Im letzten Frühjahr waren mir endlich die Flügel gesprossen und Luft hatte meine Lungen entfaltet. Ich war von der Larve zur Kleinfee geworden und hatte meinen ersten Zauberstab erhalten. Ortiga, unsere Altfee, hatte ihn persönlich geschnitzt.

Inzwischen zählte ich zu den Jungfeen und liebte es zuzuhören, wenn die alten Feen beisammen saßen und erzählten. Scilla, die allein in einem Kobel am Oststamm wohnte, schilderte gerne, wie sie vor vielen Sommern in ein Marmeladenglas gefallen und von einer Menschenfrau daraus befreit worden war: „Sie hatte unter blühenden Sträuchern auf einer fein gewebten Decke eine wunderbare Mahlzeit angerichtet. Obwohl alles so appetitlich aussah, war sie bejammernswert traurig, denn der Mann, für den sie alle diese Köstlichkeiten hingestellt hatte, war saumselig. Ihr müsst nämlich wissen“, belehrend hatte sie sich an uns Jung- und Kleinfeen gewandt, „dass Menschen im Gegensatz zu uns zweigeschlechtlich sind. Wie bei Vögeln und Säugetieren müssen Menschenmänner und -frauen einander finden. Nur sind sie dabei wesentlich unbegabter als Tiere. Ihr werdet es erleben, alle richtig verzweifelten Menschenwünsche drehen sich um die Pannen beim Zusammenfinden von männlichen und weiblichen Menschen. Richtig weise wünschen sie in diesen Angelegenheiten nie. Meine Retterin war sogar ausgesprochen leichtsinnig. Statt zu wünschen, dass der Mann ihres Herzens umgehend auf ihrer Picknickdecke erscheine, wollte sie gleich seine lebenslange Liebe. Ich schwang also den Stab und prompt kam er angerannt. Ich könnt es glauben oder nicht, er war so liebestoll, dass er der Frau die Füße küsste, dabei waren die schwarz vor Dreck, denn sie war barfuß durch den Sonnentag gelaufen. Noch am selben Tag zog er in ihren Kobel ein.

Ich beeilte mich, aus dem Leben dieser Frau zu verschwinden, denn sie merkte natürlich schnell, wie faul und langweilig ihr Wunschmann in Wirklichkeit war. Pünktlicher wurde er auch nicht. Bald hätte sie alles dafür gegeben, ihn wieder los zu werden. Doch ihre zwei weiteren Wünsche hatte sie bereits verbraucht“

Wofür?“, hatte ich wissen wollen und nur ein Flügelzucken als Antwort bekommen. „Gesundheit, Reichtum, Arbeit … was weiß ich. Der übliche Menschenquatsch halt“.

Der ganze Schwarm hatte gekichert. Besonders laut keckerte meine Kobelgenossin Achillea mit dem Eichelhäherlachen, indes lachte sie nicht über die Frau..

Wie kann fee denn in ein Marmeladenglas fallen?“, hatte sie geprustet und Scilla war schamblau angelaufen. „Ich wollte einfach mal gucken und da …“

Ach, gib’s zu. Du wolltest Wünsche erfüllen.“ Aethusa war die gehässigste Fee, die je der Feenwasser entstiegen war. Ihre verächtlichen Worte ließen Scillas peinliches Blau aufleuchten. Doch die anderen Feen nahmen sie in Schutz: „Aethusa, spiel‘ dich nicht auf. Das macht jede. Wir dürfen nur Wünsche erfüllen, wenn uns ein Mensch aus Lebensgefahr rettet. Wer gerät denn dauernd in Lebensgefahr? Fee muss ein bisschen nachhelfen, sonst hätten wir gar nichts mehr zu lachen.“

Solche Worte weckten meinen erlenweit berüchtigten Gewitterzorn.

Ölfleck, was seid ihr für Marderfeen. Ach, was sag ich, hinterhältiger als die Marder seid ihr! Wir sollen Menschen glücklich machen und ihr ergötzt euch an ihren missglückten Wünschen. Nie werde ich so tief sinken!“

In Deckung, das heilige Wiesenschaumkraut gerät in Flug“, hatte Aethusa geraunt und die Lacher auf ihrer Seite gehabt. Allein unsere Älteste, Ortiga, stimmte damals nicht in das Gelächter ein. In ihrem Blick hatte verwirrender Tadel gelegen, der mir noch viele Tage nachgehangen hatte. Ich fand, wenigstens sie hätte meinen Eifer loben können.

Nun hatte ich meine ersten Menschenwünsche erfüllt, aber ob ich den Jungen Julian damit glücklich gemacht hatte?

Ich fand diesen lauten, unverschämten Jungen Dennis mindestens so unerträglich wie diesen blöden Schneckenegel, den sich Scillas Picknickfrau gewünscht hatte. Und hatten wir nicht nächtelang über jene Narren gelästert, die statt abweisender Menschen zutrauliche Tiere zum Reden haben wollten?

Es war ebenfalls Scilla gewesen, die einem Mann gewährt hatte, die Sprache seines Hundes und seines Pferdes zu verstehen.

Cardámine, du wirst es nicht glauben, der Hund beschimpfte ihn von da an unflätig, wenn er es wagte, seine Frau oder das Baby zu küssen. Jedes Mal, wenn er das Pferd besteigen wollte, jammerte es zum Steinerweichen, sodass er das Reiten aufgab. Am Ende hat er beide Tiere verkauft.“

Aethusa soll mal einer Frau den Wunsch erfüllt haben, die Sprache aller Tiere zu verstehen.“

Ja, ich weiß. Die hat nie wieder ihren Kobel verlassen. Selbst dort ist sie fast wahnsinnig geworden, weil die Spinnen und Silberfische den ganzen Tag über sie hergezogen sind.“

Erzählt Aethusa. Ortiga glaubt nicht, dass Silberfische schlau genug zum Lästern sind.“

Ob Mo, dieses rätselhafte Tier, lästern konnte? Ich wollte es mir so schnell wie möglich ansehen und diese Jo auch.

Inzwischen klapperte ich vor Kälte mit den Zähnen. Zwei, drei Mal versuchte ich zu unserem Kobel empor zu flattern, doch sofort schoss unfeelicher Schmerz durch meine gesamte linke Seite. Ich musste eine Mitfee wach bekommen.

Achillea“, rief ich. „Anemona.“

Nichts. Meine Freundinnen schliefen wie Frösche im Starrmond.

Hilfe!“

Hallo, befindet sich da eine Jungfee in Schwierigkeiten?“

Aethusa. Lieber fror ich auf dem Ast fest, als mich in ihre Schuld stellen, das wusste sie genau. Hontigtausüß fragte sie: „Kann ich irgendetwas für dich tun?“

Da ich eigentlich doch nicht festfrieren wollte, grummelte ich leise: „Mm, könntest du vielleicht Anemona oder Achillea Bescheid sagen?“

Wieso?“

Bitte Aethusa. Ich bin ganz nass.“

Du solltest deine Tätigkeit als Schutzpatronin der Schule vielleicht lieber nicht bei Regen ausführen.“

Tief und langsam Luft holen hatte Ortiga mir geraten. Ich versuchte es und brachte immerhin hektisches Schnaufen zu Stande.

Das hat mit der Schule überhaupt nichts zu tun. Sei so gut und sage in meinem Kobel Bescheid. Bitte“, presste ich hervor.

Och nee. Da werde ich ja ganz nass. Flieg‘ selber hoch.“

Aethusa, du vertrocknetes Käfergehirn. Ich kann nicht fliegen.“

Fee, wollte ich nicht ruhig bleiben? Wieder schnaufte ich.

Du kannst nicht fliegen? Warum nicht?“

Das geht dich einen Flecken Schmieröl an.“

Pf, dann rede ich eben nicht weiter mit dir. Ich wollte mich ohnehin gerade wieder schlafen legen. Es ist hier so unangenehm feucht und kühl.“

Coladose!“

Raschelnd verschloss Aethusa ihr Einflugloch. Wer eine Mitfee „Coladose“ nennt, muss sich über so eine Antwort nicht beklagen. Keine Fee und vermutlich auch kein Mensch möchte mit einem leeren, hässlichen, lebensgefährlichen Ding verglichen werden. Ich verfluchte mal wieder meinen Gewitterzorn. Aber mein Geschrei rettete mich am Ende doch.

Cardámine? Fluchst du hier so unfeelich rum?“

Sofort fror ich ein bisschen weniger.

Achillea, ich wünsche mir, sofort bei dir zu sein.“

Warte einen Flügelschlag, ich hole meinen Zauberstab.“

Ach, einen Wunsch wolltest du erfüllt haben, hättest du doch sagen können“, hörte ich Aethusa noch säuseln, da lag ich schon behaglich auf meinem Lager aus Moos und Rohrkolbensamen. Die Neugier in den Augen meiner Freundinnen saugte mich fast auf.

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11 Gedanken zu “Coladose — Julian und Cardámine 4

  1. Christiane April 1, 2020 / 11:06 pm

    Die Feennamen sind ja ganz besonders zauberhaft! 😍🌼👍

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        • fundevogelnest April 2, 2020 / 10:29 pm

          Machen tut es wahrscheinlich nichts, aber als ich Cornelia Funkes Feengeschichte „Pulsatilla“ in der Hand hielt – die sonst zum Glück gar meine Ähnlichkeit hat – fühlte ich mich ertappt.

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  2. Olpo Olponator April 2, 2020 / 1:25 pm

    Ich hab in diesem Schnipsl soo viel gelernt. Vor allem auch, wie Menschen funktionieren. Irgendwann werde ich vllt auch weise wünschen können, dem Rythmus nach wenigstens – gar keine schlechten Aussichten, wie fee versucht ist zu sagen…

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    • fundevogelnest April 2, 2020 / 10:27 pm

      Ja, weise wünschen ist eine hohe Kunst, die Menschen selten beherrschen, die Literatur ist voll davon.
      Feen haben vielleicht mehr Erfahrung.

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      • Olpo Olponator April 4, 2020 / 9:24 am

        Die Erfahrung scheint mir bei Feen angeboren. Man erkennt sie kaum als solche, weil sie sehr zurückhaltend und nicht belehrend sind – beinahe wie weise Menschen … 😉

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          • Olpo Olponator April 5, 2020 / 5:55 am

            Jetzt bin ich es auch.
            Ich habe gelernt, daß selbst weise Feen zwei Seiten oder mehr als bloß eine haben können.
            Also warte ich ab und werde vllt überrascht sein, wie menschlich manche Feen sind.

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  3. violaetcetera April 3, 2020 / 10:20 pm

    Ich finde, im Verhalten der Feen ist sehr viel Menschliches (obwohl die Feen bestimmt anderer Meinung sind 😃)!

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    • fundevogelnest April 3, 2020 / 10:28 pm

      Fee muss natürlich bedenken, dass ein mensch diese Begebenheiten niedergeschrieben hat – das konnte ja nicht gut gehen.

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