Mo — Julian und Cardámine 5

Heute blühte die erste Schachbrettblume im Garten und in mir war alles April. Voller Unvorsicht zeigte sie ich dem Kleinen Fundevogel und das war auch das Ende dieser tapferen Pionierin, auf die hoffentlich noch viele folgen werden. Ich werde es mir nie abgewöhnen können meine verletzlichen Stellen zu zeigen.

Später haben die Fundvögel Kuchen gebacken und der Student Lasagne gemacht. Wir hamstern nicht, wir fressen uns gleich eine Speckschicht an.  Es passt,  dass das heutige Feenkapitel ziemlich viel Gefräßigkeit enthält.


Für alle, die jetzt erst einsteigen: Hier fängt die Geschichte an.

Durchweicht bis auf die Unterwäsche trottete Julian nach Hause. Dennis Worte klangen in seinem Ohr.
Schade“
Nie hatte jemand es schade gefunden, wenn Julian Martens nach Hause ging, Dennis am allerwenigsten. Konnte diese Libelle, Fee oder was auch immer wirklich Wünsche erfüllen? Sie war so unglaubwürdig klein.
Langsam dämmerte ihm, was für Veränderungen auf ihn zukommen konnten. Mo würde sprechen könne und Jo würde eine richtige Mutter sein.

Jo und Mo.

Schade, man kann aus meinem Namen nur „Ju“ machen“, hatte Julian sich bei Jo beklagt. „Und nichts mit einem o“.
Immerhin heißt du mit zweitem Namen Robin.“
Das ist ein komischer Name.“
Er bedeutet Rotkehlchen. Rotkehlchen magst du doch.“
„Rotkehlchen!“, Julian hatte gelacht.

Ja, als ich dich nach deiner Geburt das erste Mal in diesem Brutkasten gesehen hatte, warst du so winzig und knochig. Gar nicht wie die Babys, die ich aus Zeitschriften kannte, du erinnertest mich an ein Vögelchen, das aus dem Nest gefallen war. Von da an nannte ich dich Julian Vögelchen. Weil man kaum ein Leben lang so heißen möchte, habe ich Robin an deinen Namen angehängt. Julian Robin. Julian Rotkehlchen.
Immer, wenn Jo von seiner Zeit als winzigstes aller Babys in einem Brutkasten sprach, krümmte Julian Rotkehlchen seine Zehen zusammen und blickte Jo nicht an. Sie sprach darüber so anders, so weich, so wie sie nicht war.
Aber das Rotkehlchen war gut.
Jo und Ro und Mo. Johanna und Robin und Molly.
Zwei Schilder hingen seitdem an der Wohnungstür: „Joromo“ stand auf einen gelben Blatt Papier, kunterbunt in hübsch verzierten Buchstaben, „J. Martens – Journalistin“, in schwarzer Schrift auf einem Messingschild.

Jo wartete nicht hinter der Zweischildertür, obwohl sie versprochen hatte sich zu beeilen. Die Fee konnte wohl doch keine Wünsche erfüllen. Sonst hätte Jo wie eine richtige Mutter mit einem fertig gekochten Mittagessen auf Julian gewartet. Seufzend holte er seinen Schlüssel aus dem Ranzen.
Kaum hatte sie das Drehen des Schlüssels im Schloss gehört, quiekte Mo in ihrem Käfig: „Julian! Julian! Salat! Salat! Schneller, Julian! Salaaat!“
Er ließ den Ranzen fallen und stürmte in sein Zimmer.
Mo!“ schrie er. „Mo, ich verstehe dich. Es war eine Fee.“
Mo stand auf den Hinterbeinen, die Vorderpfoten am Gitter.
Nicht so doll!“, quietschte sie empört, als Julian sie aus ihrem Käfig riss und an sich presste.
Mo, meine Mo!“
Julian, lass das. Das tut weh. Außerdem will ich Salat!“
Ja, gleich natürlich. Mo, ich kann deine Sprache verstehen.“
Salat, Julian. Endlich Salat.“
Das Meerschweinchen im Arm öffnete Julian die Kühlschranktür.
Es gibt keinen Salat mehr, mein Schatz. Willst du eine Möhre?“
Gib her.“
Sofort begann sie gierig zu fressen. Julian streichelte sie unablässig und erzählte: „Stell‘ dir vor, Molly, vorhin habe ich in der Schule eine Fee getroffen. Eine richtige Fee, die hat mir drei Wünsche erfüllt. Was glaubst du, was ich mir gewünscht habe?“
Salat? Ich wünsche mir Salat“, murmelte Mo hoffnungsvoll.
Magst du keine Möhren?“
In Julian regte sich schlechtes Gewissen. Seit er Mo vor fast zwei Jahren zum Geburtstag bekommen hatte, bekam sie Tag für Tag Möhren zu fressen.
Möhren sind gut. Salat ist besser. Oder Löwenzahn.“
Ich kann keinen Löwenzahn für dich pflücken. Draußen regnet es. Nasses Futter ist nicht gut für Meerschweinchen. Davon kannst du krank werden.“
Gib mir Löwenzahn.“
Geht nicht, habe ich doch gerade erklärt.“
Dann Salat.“
Julian seufzte. Er wollte Mo so viel erzählen, sie so vieles fragen und ihre Gedanken drehten sich nur um Salat. Vielleicht würde sie gesprächiger werden, wenn er auch ihr einen Wunsch erfüllte.
Warte“.
Er setzt sie in ihren Käfig.
Ich ziehe mich schnell um, dann kaufe ich Salat. An so einem tollen Tag sollst du essen, was dir schmeckt.“
Salat, Julian.“
Ja! Ich zieh mich um, dann kaufe ich dir welchen.“
Ich will endlich bitte Salat.“
Du musst warten.“
So unfreundlich hatte Julian noch nie mit ihr gesprochen. Er entschloss sich, das Umziehen bleiben zu lassen, schüttelte einen Euro aus seinem Spartopf und rannte Richtung Supermarkt. Mo maulte hinter ihm her: „Warum gehst du weg? Ich wollte Salat.“
Julian knallte die Tür hinter sich zu. Der Regen hatte aufgehört, dafür pfiff schneidender Wind durch seine feuchte Kleidung.
Im Supermarkt lagen zwei ganze Salatköpfe im Abfalleimer. Wolfgang Schröter hätte sie mitgenommen, aber Julian fürchtete die Blicken der Verkäuferinnen.
Neunundsechzig Cent für einen Eisbergsalat. Damit musste Mo sich zufrieden geben. So schnell er konnte rannte Julian nach Hause. Jo war noch nicht zurück.
Julian! Julian! Da bist du ja wieder. Wo bleibt mein Salat?“
Gleich, ich muss ihn erst waschen und abtrocknen.“
Immer noch fröstelnd spülte er reichlich Blätter ab und tupfte sie sorgfältig mit einem Geschirrtuch trocken. Als das Meerschweinchen sich mit freudigem Quietschen auf die Salatblätter stürzte, war Julian versöhnt.
Leckerster, bester Salat. Bester, liebster Julian.“
Er ließ sie im Käfig sitzen, zog sich endlich um und machte es sich mit einer Schale Cornflakes und einem Glas Apfelsaft neben ihr bequem. Schweigend und essend saßen sie nebeneinander. Bis Mo sagte: „Streichle mich.“
Sofort stellte Julian Glas und Teller zur Seite und nahm sie auf den Arm.
An der Nase mag ich das nicht. Immer streichelst du mich an der Nase.“
Erschrocken riss Julian die Hand hoch.
Wo möchtest du denn gestreichelt werden?“ fragte er schüchtern.
Am Hals, nein da nicht, weiter oben, nein da ist nicht mein Hals. Das ist mein Maul. Was soll denn dieses Gewackel?“
Julians Hände zitterten. Nie hatte er sich beim Meerschweinchen-Streicheln so jämmerlich gefühlt. So sanft er konnte, strich er Mo über den Rücken.
Das ist auch schön“, sagte sie. Eine Welle der Erleichterung flutete bis in Julians Fingerspitzen. Das merkte auch Mo.
Mach‘ weiter“, murmelte sie mit halb geschlossenen Augen.
Julian streichelte unablässig und verfütterte den ganzen Kopf Salat, während draußen die Sonne zögernd durch den grauen Junihimmel drang.

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5 Gedanken zu “Mo — Julian und Cardámine 5

  1. stachelbeermond April 4, 2020 / 11:24 am

    Ganz und gar unerwartet, was deine Tiere so sagen… 🙂 großes Vergnügen!

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  2. fundevogelnest April 4, 2020 / 11:34 pm

    Wir hatten viele Jahre lang Meerschweinchen, die können wirklich sehr nachdrücklich fordern, selbst ohne Feentranslator.

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  3. Olpo Olponator April 5, 2020 / 6:32 am

    Eine Schachbrettblume an der Nordsee ? Himmel … wo hast du die denn aufgetrieben – ist sie dir zugeweht worden ? Ich kenne in Österreich bloß 2 Stellen mit Trockenrasen (nur dort gedeiht sie, habe ich gehört – wiki sieht das anders), wo diese Unglaublichkeiten zu 100en gedeihen… sie gilt hierzulande als vom Aussterben bedroht und ist streng geschützt.
    Nebenbei: danke für die Erinnerung – an dieser einen, mir bekannten Stelle im Burgenland schießen sie meist um die Osterzeit aus ihren Zwiebeln, doch ist jene Wiese dann meist schon trocken und die Pracht schnell vorbei – ich hoffe, kommende Woche wird gutes Fahr-Wetter sein. Ich wünsche dir viele Nachfolgerinnen der Pionierin. Und daß du weiterhin an deiner Verletzlichkeit wachsen kannst.

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    • fundevogelnest April 5, 2020 / 9:59 pm

      Ich bekam mal eine in einem Topf zum Geburtstag geschenkt – als Zierpflanze ist sie offensichtlich nicht vom Aussterben bedroht – pflanzte sie in den Garten und seitdem werden es jedes Jahr mehr.
      Aber an der Nordsee wohne ich nicht.

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      • Olpo Olponator April 5, 2020 / 10:43 pm

        Aber in Bayern liegt Hamburg doch nicht ;-? Wie nennt sich denn dieses meerartige Gewässer, in welches die Elbe fließt ? Der Kanal ? Ich denke offenbar geographisch zu großräumig – passiert mir aber nur bei dir … 😉 – hoffe ich.

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