Menschenkobel — Julian und Cardámine 8

Für alle, die jetzt erst einsteigen: Hier fängt die Geschichte an.

Sonne sei Dank. Achillea schaffte es mich in die Salatfalle zu wünschen.

Kaninchenschnell rannte der Junge Julian mit uns in der Falle zum Menschenkobel und machte dabei eichhörnchenhohe Sätze. Die arme Achillea war mehr grün als blau im Gesicht, als er endlich anhielt. Schnell und ungesehen schlüpften wir aus der Tüte.

Und nun?“ fragte Achillea.

Jetzt suchen wir uns ein Einflugloch und versuchen diese Mo zu sehen.“

Neugierig schwirrte Achillea vor einer Tafel an der Wand des steinernen Menschenkobels herum. Neben zwölf silbernen Halbkugeln glänzte jeweils ein schwarzes Rechteck. Kleine weiße Buchstaben waren in die Rechtecke eingraviert.

Ich kann lesen.

Ortiga meinte, ich sei die erste Fee der Welt, die diese Menschenkunst erlernt hatte. Dabei ist Lesen nicht schwer. Ich lernte es in derselben Schule wie der Junge Julian. Am liebsten und häufigsten besuchte ich seinen Lernkobel, die Fiazeh. Das Einflugloch der Fiazeh lag in bequemer Flughöhe direkt neben der Feenwasser. Ich pflegte mich dort in den Vorhang zu kuscheln und zuzuhören. Manchmal plumpste ich fast aus dem Stoff, so einen Unfug erzählten die Menschen ihren Jungen: Sie machten ihnen weis, sie seien die einzigen Lebewesen, die sprechen könnten, es gäbe keine Magie und zum Kinderkriegen seien Mütter und Väter notwendig. Neulich hatte diese Menschenfrau Steffke behauptet, ohne Geld könnten denkende Wesen heutzutage nicht mehr zusammenleben! Mal ehrlich: Denken Feen nicht? Meistens war es jedoch interessant. Am spannendsten fand ich das Lesen. Frau Steffke und die Kinder konnten Papierbögen voller Käferdreck unglaubliche Dinge entlocken. Manche Kinder waren geschickt beim Deuten dieser Wörterspuren, andere taten sich schwer und brauchten die Hilfe der Menschenfrau Steffke. Nur wegen dieser Ungeschickten war ich auf die Idee gekommen, dass auch Feen lesen lernen könnten.

An der Feenwasser hatte ich oft einen Jungmenschen beobachtet, den ich genauso mochte, wie den Jungen Julian: Den Jungen Tamino, er spielte oft bei der großen Erle. Käfer ließ er liebevoll über seine Hände krabbeln, nie zertrat er eine Pflanze. Wir gewöhnten uns an seine stille Anwesenheit und tanzten arglos vor seinen Augen. Der Junge Tamino war offensichtlich jünger als die Kinder der Fiazeh, so kam mir der Gedanke, er könne sich noch im Leselernstadium befinden. Ich folgte ich ihm in seinen Lernkobel namens Einzdeh und hatte richtig vermutet: Hier lernten Jungmenschen lesen.

Die Einzdeh war ein grässlicher Kobel. Unablässig donnerten Busse und Autos an den Einfluglöchern vorbei. Der Vorhang zitterte. Ich sehnte mich nach der Sechs-Stämme-Erle und der Fiazeh mit ihren Einfluglöchern zur Feenwasser hin. Warum sperrten Menschen ihren Nachwuchs den ganzen Vormittag in so einen schrecklich Raum? Unseren ungebildeten Larven im Teich ging es tausend Mal besser, obwohl sie nicht lesen lernen durften.

Die Kinder und ich hielten dem Lärm zum Trotz durch. Bald wimmelten die Buchstaben nicht mehr von unseren Augen, sondern formten sich brav zu Wörtern und Geschichten. Die Menschenkinder lernten selbst Wörterspuren zu schaffen. Das gelang mir nicht. Ich fand kein geeignetes Werkzeug, die Stifte der Kinder überragten mich um Haupteslänge.„Choteani“, stand auf der geheimnisvollen Tafel, die Achillea gefunden hatte. „Martens, Krüger, Akbaba, Berghahn“. Nirgends Julian, Jo oder Mo.

Achillea, ich glaube diese Buchstaben haben nichts mit den Menschen zu tun, die in diesem Kobelstapel wohnen.“

Egal, fee kann den Jungen von hier aus riechen.“

Schnell waren wir um den Menschenbau herumgeflogen und landeten an Julians, Sonne sei Dank, aufgeklappten Einflugloch.

Grundgütiger Fischreiher! Was für ein Viech hockt da in der Feenfalle?“, kreischte Achillea entsetzt.

Ein Meerschweinchen, ein aus Südamerika stammendes Nagetier, wird etwa fünf bis acht Jahre alt, erträgt es nicht gut allein zu leben und muss fast ohne Pause essen. Es hat nämlich einen Stopfmagen, deshalb arbeiten seine Verdauungsorgane nur, wenn beinahe unterbrochen Futter nachgeschoben wird. Weißt du was?“, unterbrach ich meinen Vortrag. „Das ist bestimmt diese Mo.“

Cardámine, um des Kranichs Willen! Woher weißt du denn DAS schon wieder?“

Ich fand es ziemlich offensichtlich. „Weil der Junge Julian mit ihr spricht. Er hatte sich doch gewünscht, mit einem Tier Mo reden zu können.“

Ja, das ist klar. Ich meinte das mit dem Stopfmagen und diesen ganzen Kram.“

Ich wedelte ungeduldig mit dem Zauberstab: „Ein Mädchen aus der Einzdeh hat im Apfelmond ein Meerschweinchen mit zur Schule gebracht. Das war allerdings gefleckt, nicht so schwarz wie diese Mo.“

Und da konnte fee diesen Stopfmagen sehen?“

Ach, lass doch diesen Modderquatsch mit dem Stopfmagen. Der Menschenmann Muhlke, der Lehrer, hat alles erklärt. Sei bitte endlich still, damit wir hören können, was die beiden sagen.“

Ich werde ja wohl mal was fragen dürfen, wenn ich diese Menschengeschichten mitmache“, gab Achillea brennnesselig zurück. Ich sagte nichts mehr und Sonne sei Dank verzichtete auch Achillea auf Streit.

Vor Julians Kobel stand ein rötlicher Topf, in dem eine einsame Studentenblume blühte. Wir machten es uns bequem und spitzen unsere Ohren, um aus all dem Menschengedröhn, die Stimmen von Julian und Mo herauszuhören.

Im Zwielicht flogen wir zurück zur Erle. Kühl war es, aber wenigstens trocken. Achillea schlingerte beim Fliegen, auch ich war vollkommen erschöpft. Wir flogen, weil wir beide unserer Fähigkeit zu wünschen, an diesem Abend nicht mehr vertrauten. Meine Freundschaft mit Achillea würde heute kein weiteres Abenteuer mehr überstehen. Das hatte sie mir glaubwürdig versichert. Tief in Gedanken versunken flogen wir nebeneinander her. Plötzlich sagte Achillea: „Dieser Lehrer hat also gesagt, dass Meerheimchen nicht allein leben mögen?“

Meerschweinchen“, verbesserte ich sie abwesend.

Dann hat sie ja eigentlich das Recht, einen Gefährten zu fordern. Aber ein Auftreten hat dieses Meerwiehießendiegleichnochmalchen. Dreister als jede Bisamratte.“

Als wir heimkamen, jagten schon Fledermäuse über der Feenwasser. Auf dem untersten Ast der Erle kauerte Ortiga. Sie hatte sich in eine Decke gehüllt und schien zu schlafen. Ich erschrak.

Ortiga! Was ist geschehen?“

Erleichterung glitt über ihr schläfriges Gesicht: „Da seid ihr ja. Ich habe mir solche Sorgen gemacht.“

Tut mir leid“.

Achillea sank neben Ortiga auf dem Ast zusammen.

Husch auf dein Lager“, sagte Ortiga liebevoll. „Cardámine, hast du noch ein wenig Zeit für mich?“

Nie hätte ich gewagt für Ortiga keine Zeit zu haben.

Komm in meinen Kobel. Hier hat fee das Gefühl, schon in den Starrmonden zu sein.“

Unbehaglich folgte ich ihr. Ich war eine ausgewachsene Fee, Ortiga hatte mir nichts zu befehlen. Aber selbst Aethusa fühlte sich nicht wohl, wenn die Altfee ihr Tun missbilligte. Ortigas kleiner Kobel am Mittelstamm war der älteste der Erle und stark verwittert. Noch nie war ich bei ihr zu Besuch gewesen. Mit einer Handbewegung lud sie mich auf ihr Rohrkolbenlager ein. Es war dunkel in dieser Neumondnacht, aber anders als die Menschenwelt verlor unsere Welt nach Sonnenuntergang weder Farbe noch Gestalt. Wir brauchen die gleißenden Glaslichter der Menschen nicht. Uns stören sie.

Cardámine, ich habe gehört, du hast Wünsche erfüllt.“

Ich nickte.

Wem?“

Ich erzählte ihr die Geschichte meines langen Tages. „Und nun weiß ich nicht, ob es gut war. Ich wollte den Jungen Julian glücklich machen. Jetzt kommandiert ihn dieses herrische Meerschweinchen herum. Die Frau Jo ist todunglücklich, weil sie auf einmal den ganzen Tag Zeit für ihr Junges hat. Und was wird wohl morgen zwischen Julian und diesem aethusagleichen Jungen Dennis passieren?“

Sprich nicht abfällig über deine Mitfeen“, tadelte Ortiga mit sanfter Stimme. „Cardámine, warum möchtest du einen Menschen glücklich machen?“

Überrascht stotterte ich: „Nun ja, ich bin eine Fee. Ich kann Pollen stäuben lassen. Ich muss jedem Menschen, der mich rettet, drei Wünsche erfüllen.“

Das befiehlt das Uralte Gesetz. Von glücklich machen ist nicht die Rede.“

Was hat es für einen Sinn, Wünsche zu erfüllen, wenn die Erfüllung dieser Wünsche nicht glücklich macht? Dann wäre es schlauer, nicht zu wünschen.“

Aus der Sicht eines Menschen hast du zweifelsfrei Recht. Doch du bist eine Fee. Ich frage dich daher noch einmal: Warum sollte eine Fee einen Menschen glücklich machen?“ Ich schwieg. Ortiga hätte mich genauso gut fragen können, wieso eine Fee freiwillig fliegen, essen oder schlafen sollte. Sie schien auch keine Antwort zu erwarten und sprach weiter: „Das Uralte Gesetz, Cardámine, stammt aus einer vergangenen Zeit. Damals hielten Menschen und Feen sich daran. Inzwischen haben die Menschen das Uralte Gesetz vergessen. Weißt du nicht, wie viele Feen sie ermordet haben?“

Ermordet?“

Ja, ermordet. Wie knapp ist deine kleine Freundin Anemona dem Tod entronnen! Es ist den Menschen vollkommen egal, was ihre achtlos weggeworfenen Silbergitterwagen und Plastiktüten anrichten. Unzählige Feenlarven sind in Öllachen erstickt. Viele brachte das Insektengift auf den Blüten um. Warum verbiete ich euch in die Gärten der Menschen zu fliegen? Zu viele sind verseucht. Ich will keine von euch verlieren.“

Niemals hatte ich die alte Fee so hart sprechen hören.

Denk an Motorsägen. Schlimmer noch sind Teichzuschieber, das grausamste, was das Menschengeschlecht ersonnen hat, seit sie das Uralte Gesetz vergessen haben. Riesige Maschinen, mit unglaublich großen Rädern. Vorne haben sie eine Schaufel, groß wie eines von diesen Autos, mit denen sie fahren, weil sie nicht fliegen können.“

Was ist daran so fürchterlich?“

Cardámine, vor einigen Jahren gab es hier weder Straßen noch Menschenkobelstapel. Auch die von dir so geschätzte Schule war noch nicht erbaut. Es gab nur Wiesen, auf denen die Menschen Rinder und Pferde hielten, dazu dutzende kleine Teiche, Tümpel und Weiher. Der Zufluss zur Feenwasser war ein heiterer Bach. Forellen, Stichlinge und Kröten tummelten sich darinnen, Eisvögel lauerten an seinem Rand. Geblieben ist ein kläglicher Wasserlauf im Bretteranzug. An Sommerabenden sahst du hier mehr Feen tanzen als Mücken fliegen. Das war etwas anderes als wir zwölf Überlebenden, zusammengepfercht auf der letzten für Feen geeigneten Erle.

Es begann im Apfelblütenmond. Der Schnee hatte in jenem Jahr lange gelegen. Viele waren noch nicht aus der Winterstarre erwacht. An einem Morgen kamen viele Männer mit Motorsägen auf Traktoren angefahren. Sie töteten nicht, wie sonst, einzelne Bäume, sondern alle. Große Eichen, kleine Haselbüsche, schlanke Erlen und dicke Weiden fielen eine nach der anderen. Feenkobel, die frühen Bruten der Zaunkönige, Rotkehlchen und Meisen, alles wurde von fallenden Bäumen zerschmettert. Es war ein Flattern, Kreischen und Klagen, wie du es dir nicht vorstellen kannst. Meine beste Freundin Gentiana wachte, nachdem unser Baum umgestürzt war, niemals mehr aus der Winterstarre auf, obwohl sie jünger gewesen war als ich. Unsere wunderschöne Salweide hatte dort gestanden, wo jetzt diese Halle steht, in der du und Achillea durch Anemonas Wunsch gelandet seid.“

Ich starrte Ortiga an.

Kaum hatten wir dieses Grauen überstanden“, fuhr sie fort, „die toten Seelen den Wassern übergeben und uns in Gebüschstümpfen und Erdlöchern ein paar kümmerliche Unterkünfte gebaut, fuhren die Teichzuschieber auf. Innerhalb von Minuten schoben autogroße Schaufeln unsere Heimatwasser zu. Feenlarven, Libellenlarven, Rückenschwimmer, Kaulquappen und Fische erstickten zu tausenden. Alle Larven aus unserer Salweide kamen um. Die Schaufeln rissen auch die letzten Baumstrunken aus der Erde. Feen-, Frosch- und Mäuseleiber lagen zerfetzt umher. Die gerade wiedergekehrten Störche schlugen sich die Bäuche voll. Danach zogen sie fort für immer, denn es war die letzte Nahrung gewesen, die ihnen die Wiesen hatten geben können.“

Ortiga starrte mit gesenktem Kopf sie auf ihren dunkelgrünen Rock. Ich folgte ihren Blicken, ohne wirklich zu sehen. In meinem Kopf lag Anemona in Stücke gerissen auf nacktem Erdreich. Meine Lippen fühlten sich taub an. Mir war übel.

Ortiga, warum hast du uns das nie erzählt?“

Sie blickte auf. Zum ersten Mal fand ich sie wirklich alt.„Wozu? Ihr seid jung. Ihr seid hier geschlüpft und glücklich geworden. Für euch ist Heimat, was für mich ein beklagenswerter Rest ist. Wir müssen mit den Menschen leben, aber ich mag sie nicht glücklich machen. Ich versuche, möglichst gar keine Wünsche mehr zu erfüllen. Wenn das Uralte Gesetz mich dazu zwingt, füge ich dem Menschen Schaden zu, am liebsten den Tod.“

Wie früher Frost gingen ihre Worte über mich hinweg.

Ich glaube der Junge Julian ist anders.“

Ortiga zuckte mit den Flügeln: „Mag sein. Es gibt bestimmt harmlose Menschen, aber die hindern die Feenmörder auch nicht daran, Teiche zuzuschütten.“

Dann hob sie ruckartig ihren Kopf: „Ich habe nichts dagegen, wenn du den Jungen Julian oder irgendwelche anderen Menschen glücklich machen willst. Du bist eine freie Fee. Aber achte dich selbst. Wenn du unglücklich wirst, weil du einen Menschen glücklich gemacht hast, werde ich sehr unglücklich sein.“

Ich habe ihn gar nicht glücklich gemacht“, murmelte ich. Sie gab keine Antwort. Schmerzlich lange saßen wir stumm in ihrem düsteren Kobel. Endlich sagte sie leise: „Geh schlafen, Cardámine.“

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2 Gedanken zu “Menschenkobel — Julian und Cardámine 8

  1. Katharina April 6, 2020 / 9:07 am

    Ich bin so gespannt, wo deine Geschichte noch hingeht. Cardámine habe ich auf jeden Fall schon voll ins Herz geschlossen. 🙂

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