Anemona — Julian und Cardámine 10

Es braucht überhaupt kein Corona, um als Krankenschwester hopplahopp angerufen und angefleht zu werden, ob man nicht eben bitte, bitte zwei Stunden später zur Spätschicht erscheinen könnte. Das ist ganz normal. Nur hält das normalerweise niemand für applaudierenswert, sondern für schön blöd so einen Job zu machen.

Daher heute nur müde Grüße


Für alle, die jetzt erst einsteigen: Hier fängt die Geschichte an.

Als ich aufwachte, rauschte immer noch Regen durch die Äste. Ein langer Heckenrosenmondtag war zu Ende gegangen und ich hatte kein Tageslicht gesehen. Das war mir noch nie passiert. Ich hatte mich auch noch nie so elend gefühlt. Fallende Bäume waren durch meine Träume gekracht. Zerquetschte und klein gehäckselte Feen überall. Bilder, die sich nicht abschütteln ließen. Ich dachte an den Jungen Julian und an die Frau Jo, die geweint hatten, nur weil ich sie hatte glücklich machen wollen. Ich steckte den Kopf unter den Flügel, um möglichst schnell und traumlos weiter zu schlafen. Natürlich klappte das nicht, Achillea lag neben mir wie in Winterstarre. Anemonas Rohrkolbensamenlager war leer. Erstaunt sah ich mich um. Sie hockte am Boden und zerschnitt mit unserem Steinmesser Himbeeren, Spitzwegerich- und Löwenzahnblätter. Als unsere Blicke sich trafen, lächelte sie.

„Hunger?“

Nickend rappelte ich mich hoch.

„Warum bist du traurig? Hast du nicht gerade Wünsche erfüllt?“, fragte sie beim Essen.

„Ich bin nicht traurig, nur erschöpft.“

„Du hast du ganzen Tag geschlafen.“

„Wenn ich gegessen und getrunken habe, wird es mir besser gehen.“

Ein guter Becher Feentrunk belebt jede. Auf keinen Fall wollte ich der empfindsamen Anemona von zerquetschten Feenlarven erzählen. Sie ließ jedoch nicht locker: „Ich sehe, dass dich unbehaglich fühlst.“

Lange würde ich ihrer Fürsorglichkeit nicht widerstehen können, also suchte ich nach harmlosen Worten, die den Horror verkleiden konnten.

Plötzlich spitzen wir beide die Ohren. Ein Auto. Nicht wie gewohnt auf dem Harten Weg, sondern ganz dicht auf der Wiese, direkt neben unserer Erle. Es krachte. Die Erle bebte. Unser Kobel rollte wie ein Kinderball durchs Geäst nach unten. Quietschend fuhr Achillea aus dem Schlaf. In allen Kobeln kreischten Feen. Eine Menschenstimme sagte laut: „Scheiße, du bist ja völlig besoffen!“

„Selber besoffen“, knurrte eine zweite Stimme zurück. Im selben Flügelschlag verlor Anemona den Halt und schlitterte aus dem Einflugloch. Ich brauchte in dem Durcheinander, das gerade noch unsere heimelige Zuflucht gewesen war, ein paar Flügelschläge um meinen Zauberstab wieder zu finden. Sonne sei Dank, da steckte er, mitten im Himbeermus. Ich schnappte das klebrige Ding und stürzte mich ebenfalls aus dem Einflugloch.

„Anemona! Anemona!“

Keine Antwort. Ölfleck, sie würde doch nicht bewusstlos im Gras liegen?

„Achillea, komm schnell raus. Wünsche dir, dass ich Anemona in Sicherheit bringe!“

„Sven, ich glaube, ich bin doch besoffen. Guck‘ dir mal dieses ulkige Dings hier an.“

Entsetzt sah ich, wie Anemona sich mit plattgequetschten Flügeln, den Kopf nach unten, in der Faust des stinkenden Autofahrers wand. Atemlos keuchte Achillea in mein Ohr: „Ich wünsche Anemona sofort heil zu uns auf den Ast.“

Ich schwenkte meinen Stab, doch ehe der Zauber vollzogen werden konnte, drückte eine Hand mir den Arm herunter.

„Warte einen Flügelschlag.“

Filipendula stand hinter mir.

„Du bist nicht die Einzige, die gern mal Wünsche erfüllen möchte.“

Ich blickte mich um. Nicht nur Filipendula, alle Feen der Erle standen hinter uns.

„Sie ist in Gefahr.“

„Wir können jederzeit eingreifen.“

Tatsächlich schien der Besoffenmann Anemona jetzt behutsamer festzuhalten. Fragend suchte ich Ortigas Blick. Die Miene unserer alten Ratgeberin war undurchdringlich. Kein Nicken, kein Kopfschütteln, kein Lächeln, kein Stirnrunzeln. Nichts. Verwirrt senkte ich den Zauberstab.

„Ich bin eine Fee. Wenn du mich unbehelligt fliegen lässt, werde ich dir drei Wünsche erfüllen. Es wird nicht zu deinem Schaden sein. Bedenke dich wohl und wünsche weise“

Atemlos und abgehackt, aber fehlerfrei, wisperte Anemona die uralte Formel. Das war mir bei dem sanften Jungen Julian schlechter gelungen.

„Nee, ne?“, war das einzige, was der Besoffenmann dazu sagte. Sein Freund lachte: „Mensch Frank, geil. Wünsche dir Freibier. Jeden Tag. Lieferung frei Haus.“

„Also, Kleine, wenn du das hinkriegst, glaube ich hinterher an Feen. Ehrenwort.“

„Und dein zweiter Wunsch?“

„Hm, wart mal. Also weißt du, was noch astrein wäre, wenn ich mal mit dieser Klassefrau da ins Gespräch kommen könnte.“

„Wen meinst du?“

Anemonas winziges Stimmchen zitterte immer stärker.

„Diese Dunkelhaarige, diese superschlanke Zeitungsfrau, die neulich auf dem Elternabend war. Hab mich echt nicht getraut die anzusprechen.“

„Du wünschst dir also den Mut, sie anzusprechen?“

Sie zirpte nur noch. Der Mann Frank schien sie trotzdem verstanden zu haben, denn er nickte heftig.

„Und als drittes …“, hob er an, da unterbrach ihn der andere Besoffenmann Sven und flüsterte ihm etwas ins Ohr.

„Ja, gute Idee. Also, Kleine, ich wünsche, dass diese Karre wieder heil auf der Schulstraße steht und auch sonst alles wieder in Ordnung ist, was wir hier geschrottet haben. Ja, das wäre wohl ganz gut, irgendwie.“

Anemona schwenkte ihren Zauberstab, der Feenpollen stäubte. Ihre Stimme war jetzt so leise, dass ich die magische Formel „es sei“, nicht vernehmen konnte. Sie musste aber laut genug gesprochen haben, denn auf einmal passierte alles gleichzeitig: Das Auto fuhr rückwärts über die Wiese zurück zum Harten Weg, allerdings ohne Frank und Sven mitzunehmen. Anemona sauste mit geglätteten Flügeln zu uns hinauf auf den Ast. Dann mussten wir hurtig zur Seite flattern, denn die abgestürzten Kobel rollten die Stämme entlang, wieder nach oben. Klirrend und raschelnd nahmen die Dinge darinnen wieder ihre Plätze ein. Blätter und Erlenzapfen schwebten vom Boden zurück an den Baum.

„Wo ist denn nun diese Fee hin?“

Frank klang einigermaßen verdattert.

„Ja, und deine Karre?“

„Scheiße, die wird wieder mitten auf der Straße stehen.“

Die beiden rannten los. Ehe sie die Wiese überquert hatten, krachte es wieder, diesmal Blech auf Blech.

„Verdammt, lass uns die Biege machen!“, brüllte Sven.

Unser gesamter Schwarm erhob sich in die Luft. Noch lange sahen wir zu, wie Blaulichtautos kamen und Autos mit riesigen Haken daran, die erst das Besoffenmannauto und dann das andere völlig zerbeulte Auto davon schleppten. Der Mensch, der darin gefahren war, saß zusammengesunken am Rand des Harten Weges. Unablässig wiederholte er die gleichen Worte. „Kam aus dem Gebüsch, einfach aus dem Gebüsch. Keiner saß darin. Ich bin doch nicht besoffen. Kam aus dem Gebüsch und keiner saß darinnen.“

Schließlich zog ein rot gekleideter Mann den Nichtbesoffenmann hoch. Er hakte ihn unter. Gemeinsam fuhren sie mit einem Blaulichtauto davon.

Aethusa, die noch nie viel von Jungfeen gehalten hatte, sagte: „Anemona, das was biberstark.“

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