Schokopudding– Julian und Cardámine 13

Einen kleinen Teil meines Herzens habe ich vor vielen Jahren in Ecuador zurückgelassen, er ist dort bei lieben Freunden gut aufgehoben. Es sagt viel über meine derzeitige Planlosigkeit, dass ich es abendelang verschusselte bei ihnen anzurufen, obwohl ich mir doch solche Sorgen machte, seit der „Spiegel“ Ecuador das „Italien Südamerikas“ nannte und Bilder von nicht begrabenen Toten in den Straßen Guayaquils durch das Netz geisterten.

Quito ist nicht Guayaquil, die Seuche wütet dort nicht annährend so schlimm, aber dennoch bestätigte das Gespräch meine Überzeugung im Ausnahmezustand de luxe zu leben. Ab 14 Uhr darf in Quito niemand mehr auf die Straße außer dem patroullierenden Militär. Und es darf auch nicht jede(r) jeden Tag vor die Tür, das ist aufgeteilt, entscheidend ist die letzte Ziffer der Handynummer, ich vermute mal das Mobiltelefone gerade munter durchgetauscht werden. Es gibt keinerlei öffentliche Verkehrsmittel mehr und was schwerer wiegt kein Kurzarbeitergeld, keine staatlichen Kredite … meine Freunde haben gerade mit ihrem letzten Geld die Strom-und Wasserrechnung bezahlt und sie sind wirklich nicht die Ärmsten der Armen dieser Stadt.

Manchmal ist es gut gerade an Zagetagen –an denen die Fundevögel ernsthaft mit Klappstühlen aufeinander losgehen, weil sie sich nicht einigen können, wer welche Zutaten in den Teig geben darf — den Kopf ein wenig zurechtgerückt zu bekommen.

Julian und Cardámine haben es auch gerade nicht leicht.


Für alle, die jetzt erst einsteigen: Hier fängt die Geschichte an.

Imke Schröter kam ihnen auf der Schulstraße entgegen, den kleinen Othello schob sie im Buggy vor sich her. Kaiser tollte wie ein Irrer um die beiden herum. Selbst diesen wolligen Hund hatte Wolfgang Schröter gefunden. Auf einem Spielplatz, angebunden von Leuten, die keine Lust mehr auf ihn gehabt hatten.

„Wahrscheinlich, weil Kaiser immer alles übertreibt, das halten nur wir aus“, hatte Imke dazu gemeint. Gerade übertrieb Kaiser ganz gewaltig seine Freude Julian zu sehen und schmiss ihn fast um.

„Grüß‘ dich, Julian“, japste Imke, während sie versuchte Kaiser am Halsband zu packen. „Und du bist dann wohl Dennis“. Sie nickte ihm freundlich zu und sagte: „Zorn kann notwendig sein“.

Misstrauisch guckte Dennis zu ihr hoch, antwortete jedoch nicht. So schweigsam hatte Julian ihn noch nicht erlebt. Still trotteten sie zum Schröterhaus. Kaiser gab alles, um sie in ein Spiel zu verwickeln, aber ihnen war einfach nicht danach.

Das Mittagessen verlief nicht besonders gemütlich. Kaum hatte Pamina Julian und Dennis erblickt, keifte sie: „Ich glaube es nicht“, schnappte sich ihren Teller und verschwand. Othello fing an zu heulen und schmiss seinen vollen Suppenteller auf den Boden. Er wurde von Imke zu Bett gebracht. Kaiser machte sich über die verschüttete Suppe her, vor lauter Freude wedelte er Julians Teller mit dem Schwanz vom Tisch. Wolfgang scheuchte ihn in den Flur.

Dennis stocherte in der Gemüsesuppe, ohne einen Löffel in den Mund zu stecken. Sicher argwöhnte er, Wolfgang habe das Essen aus einem Müllcontainer gekratzt. Solche Geschichten kursierten über die Familie Schröter, dabei kochte Imke tausend Mal besser als Jo, von einem Vergleich mit den im Hort ausgegebenen Tiefkühlmenüs gar nicht zu reden.

Die beiden großen Schrötermädchen, stritten hingebungsvoll, ob irgendeine Nadine nun unfair zu einer gewissen Hatice gewesen war oder ob diese Hatice sich ihren ganzem Ärger selbst eingebrockt hatte. Außer den Zwillingen interessierte das niemanden, doch Julian war ihnen dankbar, weil es keinem gelang, eine Frage nach fliegenden Stühlen oder der beleidigten Pamina dazwischen zu schieben. Zum Nachtisch gab es Schokopudding in Plastikbechern. Dennis verdrückte drei Portionen und Julian grinste in seinen Pudding. Die Zutaten der Suppe stammten so sicher aus dem Garten hinter dem Haus, wie die Puddings aus dem Müllcontainer des Supermarktes. Verfallsdatum gestern.

„Wohl an, Dennis. Ist es endlich gelungen dich zu laben?“,

Wolfgang Schröter griente. Nur ganz leicht pflegte er dabei das Gesicht zu verziehen, seine Mundwinkel hoben sich kaum und doch kannte Julian niemanden, der freundlicher gucken konnte.

„Wollt ihr drei holden Knaben euch in Taminos Zimmer ein wenig erquicken und dann der Hausaufgabenfron genügen? Othellos Bettchen werde ich in mein Büro schieben. Meine Tochter Pamina scheint nicht geneigt, Gäste in ihren Gemächern zu empfangen.“

Julian und Dennis nickten, dieser Vorschlag passte hervorragend zu ihrem Plan. Tamino guckte ein bisschen verschreckt, sagte aber nichts.

Das Zimmer von Tamino und Othello war gelb gestrichen. Kein trauriges Schulgelb, sondern so leuchtend, wie Julian sein eigenes Zimmer gern gehabt hätte. Leider fand Jo Weiß praktischer. Sie schrieb auch kein Gedicht an ihre „bei weitem liebsten Söhne“ an die Wand, wie Imke es in diesem Zimmer getan hatte.

„Wir müssen uns wohl auf den Fußboden setzten“, sagte Tamino nervös. „Ich habe nur einen Stuhl.“

Die Angst diesen an den Schädel zu bekommen stand ihm ins Gesicht geschrieben, gut drei Stunden nach Dennis‘ Wutanfall gab es an der trauriggelben Schule keinen Schüler mehr, der nichts von den fliegenden Stühlen gehört hatte.

Julian und Dennis sahen sich unschlüssig an.

„Sag du“, meinte Dennis schließlich.

„Weißt du, Tamino, auf der Wiese neben der Schule, da wo der Teich ist, soll ein neuer Sportplatz gebaut werden.“

„Ja, davon hat Herr Muhlke erzählt“.

„Mann, aber da wohnen Feen. Die werden abgemurkst, wenn die diesen Scheißsportplatz bauen! Schnallt das denn keiner?“

Julian schielte besorgt zu Taminos Schreibtischstuhl, Tamino wich soweit es ging zurück und sagte: „Es sind also Feen – Mama meinte, ich hätte bestimmt Eisvögel gesehen, die sind auch blau und schnell.“

„Aber sie können weder sprechen, noch Wünsche erfüllen“, sagte Julian. Tamino riss erstaunt den Mund auf. Lang und umständlich berichtete Julian von seiner Begegnung mit der Fee Cardámine.

„Jetzt haben Cardámine, Dennis, ich und diese andere Fee gedacht, dass du eine von ihnen retten könntest, damit du dir dann wünschen kannst, dass dieser Sportplatz nicht gebaut wird und die Feen weiter in ihren Baum leben können.“

„Wie soll ich denn eine Fee retten?“

„Wir haben uns das so gedacht: Die Feen haben uns einen ganz kleinen, dünnen Baum gezeigt. Morgen in der großen Pause setzen Cardámine und ihre Freundin mit diesen komischen Namen sich auf dieses Bäumchen. Dann kommt Dennis und schüttelt solange, bis eine von ihnen runterfällt. Natürlich halten die sich extra nicht so doll fest. Dennis fängt die Fee auf, und tut so, als ob er sie ärgern will und sie schreit ganz laut um Hilfe. Du kommst dann angerannt und rettest sie.“

„Wie soll ich denn eine Fee vor Dennis retten? Der ist doch so stark.“

Dennis lächelte geschmeichelt: „Wir machen das ja nicht in echt. Du sagst einfach, du haust mich, wenn ich die Fee nicht loslasse oder du holst deinen Vater, oder Frau Schmidt-Bruhns oder was weiß ich. Ich tu dann, als ob ich vor so einem Minifurz wir dir Angst hätte und die Fee gibt dir den Wunsch frei.“

Tamino schluckte den „Minifurz“ anstandslos. Er fragte nur: „Was wünsche ich dann?“

„Mensch, dass das alles nicht passiert, dass dieser Teich nicht zugeschüttet wird und die Feen nicht abgemurkst werden.“

Dennis wurde langsam ungeduldig. Julian verstand Taminos Zögern, an dessen Stelle hätte er auch eine Falle gewittert. Dennis schien indes seinen eigenen schlechten Ruf nicht zu kennen. Er kam gar nicht auf die Idee, Tamino könne seinen Worten nicht glauben. Fast entschuldigend sagte Julian: „Weißt du Tamino, es ist die einzige Möglichkeit, die uns eingefallen ist, die Feen zu retten, also, ich meine, sie richtig zu retten.“

Unschlüssig kaute Tamino auf seinem Daumen herum.

„Warum kann Julian nicht diese Feenrettung machen?“

„Es gibt so ein komisches Gesetz, dass man sich nur einmal im Leben etwas wünschen darf und der Julian hat sich schon mal was gewünscht. Und weil er sich schon mal was wünschen durfte, würde es ziemlich komisch aussehen, wenn er auf einmal Feen ärgern geht. Wir wollen dieses dumme Gesetz nicht misstrauisch machen, weil das mit dem Wünschen dann nicht geht, und darum haben wir gedacht, das geht nur, wenn du das machst.“

„Ist wirklich geschehen, was du dir gewünscht hast, Julian?“

Julian nickte: „Bei mir hat es geklappt. Alle drei Wünsche sind in Erfüllung gegangen.“

„Drei Wünsche?“, Dennis setzt sich kerzengerade hin. „Was hast du denn noch gewünscht? Ich meine, außer dass deine Mutter arbeitslos wird?“

Julians Magen fühlte sich auf einmal an, als habe ihn jemand mit Beton ausgegossen, „außer, dass deine Mutter arbeitslos wird“, klang schon mal, als ob er nicht besonders schlau wäre. Mit der Wucht eines Bulldozers traf ihn die Einsicht, dass ein Freund vielleicht kein Freund mehr sein wollte, wenn er begriff, dass Feenzauber und nicht wahre Zuneigung seinem Herzen befohlen hatte. Außerdem war dieser Wunsch Tamino gegenüber einfach nur peinlich.

Tamino und Dennis hingen gierig an Julians Lippen, es kam ihm vor, als grinse Dennis schon hämisch, in der Erwartung dessen, was Julian gleich offenbaren musste. Ich bin es nicht, dachte Julian. Ein Gedanke, der ebenso verzweifelt war, wie sinnlos. Ich bin es einfach nicht, so was schrecklich Peinliches werde ich einfach nicht beantworten müssen. Das hier passiert einfach einem anderen. So unlogisch diese Gedanken waren, so hilfreich waren sie. Zu seinem eigen Erstaunen Julian hörte sich ausschweifend darlegen, durch welchen Wunsch er jetzt Mos Sprache verstehen konnte. „Ich kann mich richtig mit ihr unterhalten“, erklärte er.

„Das tust du doch sowieso den ganzen Tag“, Dennis’ Spott klang ziemlich unverhohlen. Tamino seufzte andächtig: „Ein Wunder.“

Nach längeren Zögern setzte er hinzu: „Eigentlich könnte ich mir ja auch wünschen, mit Kaiser sprechen zu können. Wenn ich drei Wünsche frei habe, muss ich die ja nicht alle zum Feenretten verbrauchen“.

„Lass es lieber“, hörte ich Julian sich sagen und schon hatte er sich den ganzen Verdruss mit Mo von der Seele geredet.

Die Frage nach seinem dritten Wunsch wurde darüber vergessen.

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