Ortiga — Julian und Cardámine 16

Strahlender Ostersonnenschein – regnen könnte es gern mal wieder, sagt die Baumfreundin –  aber im Fundenvogelnest stürmt es wie in in meiner Geschichte. Ich hatte gedacht in dieser Zeit würde das Krankenhaus mich dauernd sehen wollen oder der Kleine Fundevogel rund um die Uhr würde zu mir anstrengend werden, stattdessen stürzt der Große durchs Dunkle und Zornesböen jagen durch das Nest. Soviel Munterkeit und Auferstehung kann kein Mensch in sich haben, um solch einem Sog ununterbrochen zu wiederstehen. Obwohl ich meiner Empathie gerade zu ihrem Stehvermögen gratuliert habe. Ich hoffe solcherlei Komplimente halten sie bei Laune, ohne sie würde es finster werden.

Der Erzählvogel klopft mir mit dem Schabel mahnend auf die Schulter: „Wir lassen unsere Geschichten nie ohne Zuversicht ausgehen!“

So ist es.


Für alle, die jetzt erst einsteigen: Hier fängt die Geschichte an.

Beim vierten Gongschlag übergab ich mich. Achillea und Anemona versuchten mich zu beruhigen, aber ich kreiste durch unseren engen Kobel, als hätte mich ein Rückenschwimmer gestochen.

Bis zum fünften Gongschlag hatte ich sie endgültig nervös gemacht. Freiwillig folgten sie mir in die Kälte und fee konnte sehen, wie recht ich mit meiner Unruhe gehabt hatte.

Auf dem verabredeten Erlenschössling saßen Ortiga und ihre Freundin Filipendula. Bei diesem Wetter hatten sie sich dort bestimmt nicht zum Plaudern niedergelassen.

„Was machen die denn da?“, wunderte sich Anemona. Ich zuckte mit den Flügeln. Achillea legte mahnend den Finger auf die Lippen und scheuchte uns wortlos unter ein paar Brennnesseln. Sonne sei Dank! Achillea misstraute den beiden auch. Anemona folgte unserem Wink mit gerunzelter Stirn, fragte aber nichts.

Indes waren wir inzwischen älter als wir bedachten., Ortiga hatte zu Recht gesagt, sie sei weder taub noch dumm. Sie hätte hinzufügen können, auch ihr Geruchssinn arbeite einwandfrei. Frisch aus der Larvenhaut gekrochene Jungfeen haben keinen Eigengeruch. Das schützt die Kleinen vor Katzen, Mardern, Bussarden und allen anderen, denen wir schmecken. Wir hatten bereits die Starrmonde mit entfalteten Flügeln hinter uns gebracht, Anemona und ich hatten Wünsche erfüllt. Ortiga raunte Filipendula etwas zu, ihre Freundin schwenkte den Zauberstab.

„Es sei“,

Pollen stäubte.

Wir erstarrten, wurden hilflos wie Regenwürmer, die der Maulwurf halb zerbissen, aber noch lebend in seinem Gängesystem als Wintervorrat lagert. Wir sahen alles, hörten alles, rochen alles. Wir atmeten und hielten uns aufrecht, aber keinen Finger konnten wir rühren, keinen Laut von uns geben. Mein Herz raste im steinstarren Leib. Winterlang und eisig kalt dehnte sich die Zeit bis zum sechsten Läuten.

Die Menschenkinder erschienen pünktlich wie ein Versprechen. Bunten Blumen gleich tappten sie in Plastikfolienkleidern über die Wiese. Dennis rot, Julian blau und Tamino gelb.

Es geschah, was ich befürchtet und Ortiga bestimmt eingeplant hatte: Sie erkannten nicht, wer in Wirklichkeit auf dem Schössling kauerte. Ohne Vorwarnung schüttelte Dennis die arme kleine Erle, als sei er der Herbststurm persönlich. Ortiga und Filipendula erhoben sich und rasten eisvogelschnell in waghalsigen Kurven um das zitternde Bäumchen herum. Sie schienen nicht vorzuhaben, sich fangen zu lassen, doch hatten sich nicht mit der Kraft und dem Geschick des Jungen Dennis gerechnet. Wie eine Katze haschte er nach Ortiga und Filipendula, „Camina“, – damit meinte er wohl mich – „Camina, du blöde Tussi, was soll dieses Affentheater, so kann ich dich doch nicht in Lebensgefahr bringen.“

Ortiga kicherte ekelhafter als Aethusa. Ich flehte, sie möge verschwinden, ehe der Junge Dennis etwas wirklich Schlimmes anrichtete, sein Zorn steigerte sich sichtbar.

Den Jungen Julian nahm er gar nicht mehr wahr, der hüpfte nämlich in seiner blauen Hülle um den roten Dennis herum und zwitscherte: „Dennis, Dennis, warte kurz. Ich glaube hier stimmt was nicht, vielleicht hat einer Cardámine verzaubert und sie weiß nicht was sie tut.“

Verzaubert war ich in der Tat, schrecklicher, als ich mir das jemals hatte vorstellen können, aber selbst der Junge Julian hätte mich nicht erkannt unter den Feen. Mit dem nächsten Flügelschlag hatte der Junge Dennis Filipendula geschnappt. Im Gesicht war er röter als sein Plastikkleid.

„Was soll der Scheiß?“, schnaubte er sie an. „Mal ehrlich, da will man euch Flatterdingern helfen und ihr macht Zickenterror!“

Arme Filipendula! Ortiga hätte ich dieses Sturmbögeschüttel zur Strafe gegönnt. Wie eine gereizte Wespe schoss sie herbei und schwirrte um den Kopf des Jungen herum: „Lass’ sie los du Mordbube, drei mal verfluchter Menschensohn. Wenn du sie nicht gleich fliegen lässt, wird das dein Tod sein.“

„Ha, ha das glaubst du wohl, du Minifurz. Ich würde eher sagen, hier wird gleich jemand Wünsche erfüllen müssen.“

„Mensch, Dennis, hör auf. Sie hat dir doch gar nichts getan.“

Der Junge Julian versetzte dem gelben Persönchen, das sich hinter ihm zusammengekauert hatte, einen Schubs.

„Los, Tamino. Rette endlich.“

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2 Gedanken zu “Ortiga — Julian und Cardámine 16

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