Matricaria — Julian und Cardámine 26

Irgendwann als ich die Geschichte von Julian und Cardámine fertig hatte, las ich das bezaubernde Buch „Tintenherz“ von von Cornelia Funke und erschrak: Auch hier waren die Feen blau und lebten in kugelförmigen Nestern. Das sah nun aus wie geklaut. Aber Cardámine und ihre Freundinnen widerstanden hartnäckig allen Umfärbeversuchen meinerseits. Feen sind eben einfach blau -da hat Frau Funke schon recht.

Für alle, die jetzt erst einsteigen: Hier fängt die Geschichte an und geht dann fortlaufend nummeriert weiter:

„Filipendula, Sonne sei Dank! Dich wenigstens haben wir gefunden.“

Matricarias Umarmung war seltsam unbeholfen. Ihre Arme zerquetschten Filipendula fast, aber ihr Körper schmiegte sich nicht an. Filipendula hätte vor Rührung über diese Geste weinen mögen, doch dafür war keine Zeit. Drei Jungfeen mussten gerettet werden. Und vielleicht Ortiga.

Matricaria erzählte: „Nachdem wir gemerkt hatten, wer alles fehlte, versuchten wir zuerst euch zurück zu wünschen, aber der Pollen stäubte nicht. Also wünschten wir uns zu euch, so bekamen wir dich zurück. Scilla dagegen wünschte ich vergeblich hinter Cardámine her, auch zu Anemona und Achillea gelangten wir nicht. Rosa wünschten wir mit vereinten Kräften zu Ortiga. Der Pollen stäubte, sie verschwand, kam aber gleich wieder zum Einflugloch herein. Sie war lediglich in Ortigas leerem Kobel gelandet. Hast du jemals solch ein Zauberstabversagen erlebt?“

„Nicht erlebt, aber davon gehört. Wo sind Rosa und Scilla jetzt? Und Pulsatilla?“

„In meiner Verzweiflung wünschte ich sie alle gemeinsam zu Anemona. Ich weiß nicht, was geschehen ist, doch der Pollen stäubte und sie sind jetzt länger fort, als fee braucht, um über die Feenwasser zu fliegen.“

„Sonne sei Dank! So werden zumindest Cardámine und ihre Freundinnen gerettet werden. Sie liegen hilflos im nassen Gras östlich des Brombeerdoms.“

„Was ist ihnen widerfahren?“

„Ortiga wünschte sie eiszapfenstarr. Ich erfüllte den Wunsch, weil ich dachte, diese Starre solle nur ein paar Flügelschläge lang dauern. Wir wollten die Jungfeen davon abhalten, drei Menschen Wünsche zu erfüllen. Wünsche, die nun ich erfüllt habe, obwohl es unser Plan gewesen war, genau das zu verhindern. Nachdem mein Pollen gestäubt hatte, war Ortiga verschwunden. Allein konnte ich die Jungfeen nicht loswünschen. Der Sturm trieb mich fort. Diesen Sturm hat der Menschenjunge sich gewünscht. Ich vermute jedenfalls, dass sein Wunsch sich auf diese Weise erfüllt hat.“

„Ungewöhnlich. Ich halte es wie Ortiga und erfülle keine Wünsche, denn die Menschen sind ein zweifelhaftes Geschlecht.“

„Die Wünsche dieses Menschen waren gut, jedenfalls zwei davon. Der erste war recht unbedarft.“

„Der Sturm?“

„Nein, mit dem Sturm wollte er uns helfen, das habe ich erst später verstanden. Vieles verstehe ich immer noch nicht. Ich fürchte Ortiga hat mich belogen.“

„Ortiga? Gelogen? Dich belogen?“

Unter Matricarias fassungslosen Blicken verstand Filipendula plötzlich mit Wucht: Ortiga hatte keine Rettung geplant. Sie hatte nur noch Rache gewollt. Weil sie keine anderen Menschen zu fassen gekriegt hatte, hatte sie sich blindwütig auf die drei Jungmenschen gestürzt, die ihnen helfen wollten.

So gesehen hatte sie wie ein Mensch gehandelt: Sinnlos, nicht auf das Wohl der Lebendigen bedacht. Diese Gedanken fühlten sich nicht wie Glasscherben an, es war als stürze sich ein Bussard auf Filipendula.

„Wie gelogen?“

Aethusas barsche Stimme holte Filipendulas Gedanken zurück. Gut, dass Aethusa stets Aethusa blieb, ätzend wie Riesenbärenklau, Matricaria hätte sie vermutlich weiter vor sich hin starren lassen, obwohl Zeit zum Handeln war.

Filipendula schmerzte es, von der drohenden Zerstörung ihrer Heimat zu sprechen. Am schrecklichsten waren die weit aufgerissenen Augen der Kleinfeen. Gern hätte sie die beiden aus dem Kobel geschickt, doch wovor hätte das die Kleinen bewahrt? Morgen früh würden die Teichzuschieber leibhaftig vor ihnen stehen.

„Feeometer noch mal, was für eine widerliche Geschichte“, schimpfte Aethusa. „Wir sollten unsere Kobel und Habseligkeiten so schnell wie möglich in Sicherheit wünschen. Stattdessen rasen alle Feen durch die Gegend, die ganze Arbeit bleibt an uns hängen. Cardámine soll sich nicht einbilden, ich würde ihren Krempel…“

„Aethusa, erst kümmern wir uns um die Lebenden“.

So bestimmt hat die sanfte Matricaria noch nie gesprochen, dachte Filipendula seltsam berührt. Sollte Ortiga unwiederbringlich verloren sein, würde eine von ihnen beiden Altfee werden. Glasscherbengedanke. Abschütteln ließ er sich nicht. Matricaria würde eine umsichtige Altfee sein. Das bewies sie, als Lemna leise fragte: „Was wird mit den Larven geschehen? Und eurem Laich?“

„Sobald wir wissen, wohin wir fliehen werden, werde ich mir von dir wünschen, sie in unsere Zufluchtswasser zu zaubern.“

Ein Zauberstabschwenken lang glänzte Lemnas verschrecktes Gesichtchen voller Stolz.

Filipendula seufzte und erzählte von einem alten Zauber, mit dem sie und Ortiga ein paar Monde lang experimentiert hatten. Es war ein Bann, den fee auf die Wünsche anderer legen konnte. Ihn anzuwenden verstieß gewaltig gegen das Uralte Gesetz. Findige Feen vom Schlage Cardámines hatten ihn dennoch weitergegeben von Generation zu Generation. Ortiga und Filipendula war der Zauber nie gelungen. Ortiga hatte selbst nur eine ungefähre Ahnung von dieser komplizierten Magie gehabt, irgendfee hatte es ihr als Jungfee ein, zwei Mal gezeigt; danach war die Katastrophe geschehen.

Sie hatten die Versuche aufgegeben, nachdem sie beide tagelang gar keine Wünsche mehr erfüllt bekommen hatten, ein Umstand, der den Feenalltag sehr beschwerlich machte. Dazu kamen mondelang quälende Kopfschmerzen, die erst nach der Ruhe der Starrmonde ganz verschwanden. Die Lust auf Bannzauber war Filipendula danach endgültig vergangen. Ortiga schien nicht davon gelassen zu haben, und jetzt, ausgerechnet jetzt, da Filipendula sich nichts sehnlicher wünschte, als in den Wünschen ihrer Freundin herumzupfuschen, war ihr Bannzauber geglückt.

„Sieben mal verdammtes Ölfleckpech!“

Selten hatte Aethusa wahrer gesprochen. Wenn Ortiga nicht gefunden werden wollte, würde sie nicht gefunden werden. Es war zum im Kreis fliegen. Jeder Gedanke quälte sich schlammzäh durch Filipendulas Gehirnwindungen. Für vernünftige Feengedanken war es einfach zu kalt und zu nass. Das Schicksal aller Wechselwarmen. Warmblütig müsste fee sein, wie ein Vogel, wie eine Bisamratte, wie ein Mensch, dachte Filipendula. Ja! Wie ein Mensch!

„Die Jungmenschen wollten uns helfen. Ihr Gewünsche war zugegebenermaßen larvenhaft. Jetzt haben sie die Gelegenheit, uns wirklich zu helfen. Wir wünschen uns zu ihnen und bitten sie auf Menschenart nach Ortiga zu suchen.“

Aethusa kräuselte verächtlich die Lippen.

„Hast du am Fliegenpilz geknabbert? Die Idee könnte glatt von Cardámine stammen.“

„Sei nicht so frech zu einer älteren Fee!“

Aethusa und Filipendula starrten Matricaria verblüfft an.

So würde ich mich selbst von der zukünftigen Altfee nicht anherrschen lassen, dachte Filipendula. Für Aethusa schien es jedoch der richtige Ton gewesen zu sein, auf einmal war sie einverstanden, zu dem rot gewandeten Jungen gewünscht zu werden.

Die viel zu junge Lemna wurde zu dem kleinen Gelbgewandeten gesandt, dem, der sich den Sturm gewünscht hatte.

„Im Notfall erfüllst du Wünsche!“, schärfte Matricaria ihr ein. „Mach dir keine Gedanken, ob du in Lebensgefahr bist oder nicht. Wünsche zähmen jeden Menschen, zumindest lange genug, bis wir dich wieder hergewünscht haben.“

Filipendula wäre am liebsten selbst zu Tamino geflogen. Matricaria in ihrer Altfeestimmung hatte es anders angeordnet und wahrscheinlich weise bedacht. Der kleine Mensch Tamino, der den Feen so oft beim Tanzen zugesehen hatte, war mit Sicherheit der ungefährlichste seines Geschlechts. So klug Lemna war, fee durfte nicht vergessen, in den vergangenen Starrmonden war sie noch eine Larve gewesen, vergraben im Grund der winterstarren Feenwasser.

Matricaria musste in der Erle bleiben, da waren alle sich einig, zusammen mit der offensichtlich schwer enttäuschten Vicía.

„Du bist wichtig hier“, Filipendula hatte den Wunsch die Kleine aufzumuntern. „Fee sollte niemals etwas alleine machen. Jeden Wunsch kann stets nur eine Mitfee erfüllen. Als die Feenschwärme noch groß waren, wäre niemals eine einzelne Fee auf eine Rettungsmission geflogen. Nur unsere Not zwingt uns zu solch leichtfertigem Tun. Die ganze Rettungsmission wäre jedoch unmöglich, wenn nicht wenigstens zwei vernunftbegabte Feen hier säßen, die uns zurückwünschen könnten. Vicía, du bist unverzichtbar, darum wünsche ich mich in den Kobel des Jungmenschen Julian. Von dir!“

Endlich war ihr der Name des Blauen wieder eingefallen. Vicía lächelte tapfer. Jeder war klar,fee traute Lemna mehr zu als ihr. Nichtsdestotrotz zog sie ihren funkelnagelneuen Zauberstab. Pollen stäubte, im Verschwinden hörte Filipendula Aethusa nörgeln: „Ich denke hier ist alles so sturzflugeilig und trotzdem hat fee noch Zeit zarte Jungfeenseelen zu betüddeln.“

Mit dem nächsten Flügelschlag saß Filipendula auf einem seltsamen sandfarbenen Grund. Nie zuvor war sie in einem Menschenkobel gewesen. Was für eine Fläche! Kein Gras, kein Wasser, kein Stein. Der Boden hatte weiche, kurze Stängel, fast wie Moos, roch jedoch nach Feenfalle.

Der Junge Julian war nicht zu Hause. Seltsam, dachte die Fee, jedes vernunftbegabte Wesen liegt bei so einem Wetter auf seinem Lager, vielleicht ist er ja bloß pinkeln gegangen. Filipendula ging von einer kurzen Wartezeit aus und sah sich ein wenig um. In einer Feenfalle kauerte ein höchstseltsames schwarzes Tier. Es musste ihre Bewegungen gespürt haben und begann sofort zu quieken: „Julian, liebster Julian. Wo bleibst du? Ich warte schon den ganzen Tag! Ich habe Hunger! Wo bleibt mein Gefährte? Julian, ich möchte mich paaren!“

Ein echtes Menschentier!

Das Denken normaler Tiere kreiste um Futter, Wasser, Gefahren, Gefährten finden und das Wohlergehen der Brut. Wenn alles im Lot war, fingen manche Tiere an zu spielen. Filipendula erinnerte vergnügliche Frühlingsnächte, in denen der Schwarm mit närrischen Kaninchen herumgetollt hatte. Gespräche mit Tieren konnte fee vergessen: Todlangweilig. Futter, Spaß, Junge, Gefährten – mehr kam nicht vor, jedenfalls bei Tieren, die Feen nicht gefährlich werden konnten. In den runden Köpfen der Marder und Katzen mochte mehr vorgehen, doch verhinderten Krallen und Zähne jedes vernünftige Gespräch.

Das höchstseltsame Menschentier roch nach pflanzlicher Kost, außerdem blitzten die Stäbe der Feenfalle zwischen Filipendula und dem eichhörnchenartigen Gebiss.

Tiere, die mit Menschen zusammenlebten, wurden wunderlich. Sie hörten auf, sich Gedanken zu machen, wie sie Futter, Tränke und Gefährten finden konnten, sondern sie verließen sich vollständig auf ihre Menschen. Kamen die Menschen ihrer Pflicht nicht nach, wussten diese Tiere nicht weiter.

Vergangenen Sommer hatte an der Feenwasser ein bunter Vogel gewohnt. Einen schöneren hatte fee nie gesehen, einen dümmeren auch nicht. Er war seinem Menschen entflohen und hatte das Fliegen in Freiheit genossen. Nach der ersten Nacht wollte er wieder nach Hause. Statt einfach zurückzufliegen, jammerte er stundenlang, sein Mensch solle ihn abholen. Der Mensch kam sogar an die Feenwasser, in der Hand eine kleine Feen- oder Vogelfalle. Da lebte plötzlich der Vogelgeist in dem bunten Vogel auf, wie alle kleinen Tiere floh er die haschende Hand. Der Mensch verlor ihn aus den Augen und zog schluchzend wieder ab. Die leere Falle baumelte trostlos in seiner Hand.

Der Vogel blieb, klagte sein Leid und fand kaum genug Futter. Nach den Starrmonden fanden die Feen ihn mit angezogenen Beinchen unter einer Fichte. Tot. Er hatte es weder geschafft, nach Süden zu fliegen, noch in der starr gewordenen Welt Nahrung zu finden.

Sie hätte damals Cardámines Wunsch erfüllen sollen, dachte Filipendula. Die kleine Fee war gerade der Wasser entstiegen und sorgte sich schon um alles, das krabbelte und flog. Tausend Ernährungstipps hatte sie dem verdummten Tier gegeben. Als der Vogelfallenmensch seinem Liebling nachjagte, flehte sie den Schwarm an, das Geschöpf in die Falle zu wünschen. Die älteren Feen hatten das als Kleinfeegewünsche abgetan, doch nachdem der bunte Vogel gestorben war, plagte Filipendula ein schlechtes Gewissen.

Sie machte sich nicht viel Hoffnung, als sie das Feenfallentier nach dem Verbleib seines Menschen fragte. Der Name Julian perlte pausenlos zwischen seinen Nagezähnen hervor. Dennoch hatte es keine Vorstellung, wo Julian sein könnte. Sein ganzes Denken war auf den Menschenkobel beschränkt. Fast konnte fee meinen, es habe diesen Raum noch nie verlassen.

„Gurke“, quiekte es kläglich. „Julian könnte mal wieder Gurke bringen. Julian kommt überhaupt nicht mehr. Julian hat mich vergessen. “

Hoffentlich kehrte Julian zurück, ehe dieses Gefasel sie selber schläfrig machte. Menschenschritte nährten sich. Keine Julianschritte. Großmenschenschritte. Schlagartig änderte sich der selbstmitleidige Tonfall des seltsamen Tieres.

„Jo!“, pfiff es aufgeregt. „Liebste Jo. Gurke!“

Blitzschnell schlüpfte Filipendula unter eines der Holzgestelle, die im Kobel herumstanden. Was nun geschah, war erstaunlich: Ein Teil der Wand klappte nach innen und durch das so entstandene Einflugloch trat eine Menschenfrau mit einer Tüte in der Hand. Das Rascheln dieser Feenfalle, machte das Tier ganz närrisch, vielleicht weil es selbst in einer Falle zu Hause war.

„Komm, kleine Mo“, sagte die Frau zu dem Tier. „Nun reg’ dich ab. Dein Julian kommt heute nicht, aber ich gebe dir was Feines.“

Die Frau öffnete den Deckel der Falle, Mo, das Tier, versuchte nicht zu entkommen, sondern mümmelte zufrieden vertrocknetes Gras, welches die Frau aus der Tütenfalle genommen hatte. Die Frau Jo montierte einen kleinen Plastikbehälter vom Silbergitter.

„Wasser kommt gleich“.

Sie verschwand durch das klappbare Einflugloch, das Tier Mo war zufrieden.

Ölpest und Insektengift, fluchte Filipendula im Stillen. Wir hätten uns doch direkt zu den Jungmenschen wünschen sollen und nicht in ihre Kobel. Nach den Abenteuern der Jungfeen im Feenquälzubehörlager hatten sie das nicht riskieren wollen, allein hätte so ein Irrflug tödlich ausgehen können. Außerdem waren sie sicher gewesen, dass jedes Menschenkind abends in seinem wuchtigen Steinkobel schlief. Schief gegangen. Fliegen würde Filipendula bei diesem Wetter nicht noch einmal. Zurückgewünscht würde sie erst in der Mitte der Nacht werden. Vertane Zeit, von der Ortigas Überleben abhängen konnte!

Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen und flatterte der wiederkehrenden Frau Jo direkt vor das Gesicht. Im schlimmsten Fall würde sie ihr Wünsche erfüllen.

Die Frau riss die Augen auf. „Ortiga!“, stammelte sie. „Wo kommst du denn her?“

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