Weiße Mäuse – Julian und Cardámine 27

Wolken, viele dunkle Wolken ziehen über den Himmel, ich hoffe sie ringen sich durch etwas Regen dazulassen, die Dürre macht mich schon wieder viel unruhiger als die Seuche.


Für alle, die jetzt erst einsteigen: Hier fängt die Geschichte an und geht dann fortlaufend nummeriert weiter:

Missgelaunt ließ Herr Börner sich in seinen Fernsehsessel fallen. Geübt öffnete er mit einer Hand die vorletzte Dose der täglichen Ration, die er auf so unerklärliche Weise bei „Radio Gut Drauf“ gewonnen hatte. Er konnte sich mit dem besten Willen nicht erinnern, jemals bei einer dieser „Ruf-an-und-Gewinn-Sendungen“ mitgemacht zu haben.

Ehrlich gesagt konnte er sich an vieles nicht erinnern, vor allem nicht daran, wo um alles in der Welt er sein Auto am Montagabend mit steckendem Schlüssel stehen gelassen hatte.

Eben war er von diesem Rechtsanwalt zurück, den Jo – pardon, Frau Martens wollte die Gnädige genannt werden – ihm schließlich widerwillig empfohlen hatte. Sie hatte ihn sogar hingefahren, wahrscheinlich um ihn loszuwerden. Nach Hause hatte er laufen müssen, bei diesem Mistwetter. Die Kanzlei lag mitten in der Stadt, bestimmt zehn Kilometer von hier; nach der Anzahlung, die dieser Studierte von ihm verlangt hatte, war keine Busfahrt mehr drin gewesen.

Und was hatte es genützt? Der Typ hatte ihm dringend geraten, seine Anzeige wegen Autodiebstahls zurückzuziehen. Das Auto sei ohnehin verloren, und wenn die Polizei dahinter käme, wie oft er im offensichtlich volltrunkenen Zustand hinter dem Steuer gesessen habe, gefährde er auch noch seinen Führerschein, zumal er ja bereits einige Punkte in Flensburg habe. Tolle Ratschläge, Geld gab es trotzdem keins zurück. Danke, Jo. Verzeihung, danke, Frau Martens.

Verärgert schnippte er den Nippel der Getränkedose auf den Teppichboden, wo schon mindestens vierzig Kameraden von ihm lagen. Zum Heulen sah es hier aus. Seit Ursel, seine Frau, ausgezogen war, hatte hier niemand mehr gesaugt, geschweige denn Fenster geputzt. Überhaupt hatte er nichts als Pech seitdem.

„Es sei denn, Ihnen kommt noch eine plausible Erinnerung“, hatte der Anwalt noch hinzugefügt.

Hochtrabendes Geschwätz, morgen früh würde er den Jungen mal fragen, was „plausibel“ bedeutete, der wusste ja trotz des ganzen Stresses in der Schule erstaunlich viel. Allerdings braucht er Dennis nicht, um zu wissen, dass mit „plausibel“ nicht die Bilder in seinem Kopf gemeint waren, die immer wieder an die Oberfläche schossen, wie ein Korken, den man versuchte mit flacher Hand unter Wasser zu drücken – das hatte er mal bei einer ziemlich idiotischen Wette probiert, immer war der Korken an seiner Handfläche vorbei gesaust und das hatte ihn eine Runde gekostet.

Genauso haushoch würde er mit seiner empor schnellenden Erinnerung bei Gericht verlieren. Eine kleine blaue Fee hatte in seinem Hirn eindeutig nichts zu suchen.

„Du wirst eines Tages weiße Mäuse sehen!“, hatte Ursel ihm prophezeit. Blaue Feen hatte sie nie erwähnt. Diese Minitype saß trotzdem fest in seinem Kopf und hatte ihm auch noch drei Wünsche erfüllt. Warum auch immer. Konnte ja sein, dass Feen solche Ökos waren, die es cool fanden, wenn einer sein Auto an einem Baum fast zu Schrott fuhr.

Ob er sich die Fee nun eingebildet hatte oder nicht, „Radio Gut Drauf“ hatte am nächsten Morgen angefangen, dieses rätselhafte Freibier zu liefern. Mit der dunkelhaarigen Klassefrau war er auch ins Gespräch gekommen, wenn auch nur, weil der dumme Bengel in der Klasse randaliert hatte. Nach dem dritten Wunsch war sein Auto selbstständig abgehauen und in den Volvo von diesem Idioten gecrasht. Das war nicht plausibel, damit steckten sie einen in die Klappse. Und ein Jahr, ach was, zehn Jahre Freibier, wogen kein neues Auto auf. Nichts als Pech. Jo sah zwar wirklich klasse aus, aber schnippisch war sie. Dagegen war Ursel das reinste Lamm gewesen. Doch den Jungen hatte Jo astrein rausgepaukt, das musste man ihr lassen. Wo steckte der Bengel eigentlich?

Jo hatte versprochen, ihn nach Hause zu fahren, nachdem sie ihn bei diesem nichtsnutzigen Anwalt abgesetzt hatte. Ob er schon in der Falle war? Normal saß er schlafend oder wach vor der Glotze, wenn sein Vater nach Hause kam. Ächzend erhob er sich, kickte die Bierdose und ein paar alte Zigarettenschachteln aus dem Weg. Hoffentlich hatte Dennis Jo nicht in die Wohnung gelassen.

Das Bett war leer. Im Elternschlafzimmer, im Bad oder in der Küche fand er Dennis auch nicht. Allerdings lag der Ranzen im Flur. Herr Börner war sich nicht ganz sicher, aber eigentlich war der Junge heute früh wohl mit Ranzen zur Schule gegangen.

„Unkraut vergeht nicht“, versuchte er sein klopfendes Herz zu beruhigen. Erstmal eine Zigarette, das gab einen kühlen Kopf. Dem Jungen durfte einfach nichts passiert sein. Ein Nichtsnutz war er ja, aber …

„Dennis!“ brüllte er, „Dennis! Mach nicht so ein Quatsch! Dennis komm raus oder es setzt was!“

Als erwartete er ernsthaft, sein zehnjähriger Sohn würde sich noch unter Betten oder im Kleiderschrank verstecken, um sich mit seinem alten Papa ein Späßchen zu erlauben.

„Dennis!“

Wahrscheinlich würden gleich die Nachbarn zusammenlaufen,

„Dennis, sag doch was!“

„Ich fürchte, er ist nicht hier.“

Eine Frauenstimme. Nicht Ursel. Nicht Jo. Verlor er genau jetzt den Verstand?

Keine Frau zu sehen, auch keine weiße Maus.

„Ist da jemand?“

„Ja. Ich.“

Er fuhr herum. Schon wieder eine blaue Fee. Er sollte wirklich weniger trinken..

„Weg da!“, kreischte er. „Wo ist Dennis?“

„Ich dachte, du würdest das wissen!“

Diese Fee sollte verschwinden. Dennis sollte wiederkommen. Wutentbrannt stürzte er sich auf die völlig überrumpelte Fee und quetschte sie zwischen Daumen und Zeigefinger, bis sie lila anlief.

„Verdammtes Menschenpack!“, japste sie. Im nächsten Moment spürte Herr Börner einen stechenden Schmerz, Blut schoss aus seinem Daumen. Sie hatte ihn gebissen und war schneller als ein Traumbild verschwunden. Ungläubig starrte Herr Börner in die Luft, noch ungläubiger auf das immer noch leere Bett seines Kindes.

„Dennis, komm zurück“, brüllte er und warf sich heulend auf die klebrige, mit Huvv-Gang-Wesen bedruckte Bettdecke.

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6 Gedanken zu “Weiße Mäuse – Julian und Cardámine 27

  1. Katharina April 24, 2020 / 9:34 pm

    Ich will nicht immer „Toll. Weiter“ schreiben, aber ich lese noch fleißig mit und bin sehr gespannt, wo die Geschichte noch hinführt. Hätte nicht gedacht, dass sich alles so komplex entfaltet. 🙂

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  2. fundevogelnest April 24, 2020 / 10:01 pm

    Danke, es ermutigt trotzdem ungemein.
    Irgendwie habe ich nach der spontanen Idee die Gecjhichte auf den Blog zu stellen, sie zwar in ihre Kapitel zerlegt, mir aber nicht die Müphe gemacht sie durchzuzählen, die Feen werden uns noch weit in den Mai hinein beschäftigen,, Corona aber auch und mit Kinderbetreuung sieht es weiterhin mau aus, also passt das ganz gut. Ich bin abends einfach „platt“ und die Hausaufgaben sind noch nicht fertig.

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  3. fundevogelnest Mai 5, 2020 / 10:54 pm

    Als solcher wurde sie ja auch nicht geschrieben, nur derzeit schaffe ich noch nicht mal eine Etüde zu schreiben.
    Und es müssen ja nicht alle „Die Pest“ lesen (obwohl ich das ein sehr lesesnswertes Buch finde)

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