Wetterbericht — Julian und Cardámine 28

Die gestrige Wolke hat keinen Regen dagelassen und alle heutigen auch nicht. Die Dürre mobilisiert mehr Nachtgespenster als dieses ganze Coronadrama.

Der Kleine Fundevogel schleppt tütenweise abgefallene Blütenblätter der Japanischen Kirsche  in seine Spielküche, es gab Blütenlasagne und Blütenkaffee, die ganze Terrasse ist rosa getüpfelt im „Café Fee“.

Kurz danach hat er sich so geärgert, dass er sein Laufrad nach mir geworfen hat. Nun ist es kaputt – ich aber nicht.


Für alle, die jetzt erst einsteigen: Hier fängt die Geschichte an und geht dann fortlaufend nummeriert weiter:

„Und nun?“

Sie guckten sich an. Julian wusste nicht, was er sagen sollte, Pamina anscheinend auch nicht, dabei stand er ihretwegen hier.

„Ich schlafe aber bei Tamino“, sagte er schließlich. Das fehlte noch, bei einem Mädchen im Zimmer zu schlafen. „Außerdem habe ich keine Zahnbürste dabei“.

„Wir haben einen ganzen Karton voll“, sagte Pamina leichthin. „Fabrikneu, bloß ein wenig fehlerhaft verpackt. Du kennst Vater. Abgesehen davon hatte ich nicht vor, dir unsittliche Angebote zu machen.“

„Was für Dinger?“

Im Nu war die hochnäsige Pamina der letzten Wochen zurück.

„Baby!“, sagte sie abfällig.

Bevor Julian merkte, wie sehr ihn das ärgerte, hatte sie sich schon wieder verwandelt, in die Spielfreundin von früher.

„Komm’ mit in mein Zimmer. Ich MUSS dir etwas zeigen. Keinen wird es so freuen, wie dich.“

Eifer blitzte in ihrem cool gewordenen Gesicht auf. Es war erstaunlich. Sie war das reinste Chamäleon geworden.

„Da schau –“

Sie brach mitten im Satz ab und starrte auf die altmodische Truhenbank neben ihrem Bett. Eine kleine Holzwiege stand da, grün, mit roten Herzchen bemalt. Dazu passendes Bettzeug, weiß, ebenfalls mit roten Herzen. Keine Puppe. Wurde Pamina langsam verrückt? Warum führte diese eingefleischte Mädchenspielzeugverächterin ihm ein leeres Puppenbett vor?

„Äh … Pamina, “ begann er vorsichtig. Sie war hochrot angelaufen.

„Sie sind fort“, stotterte sie. „Einfach fort, dabei konnten sie doch gar nicht.“

„Was? Wer ist weg?“

„Die Feen.“

„Feen?“

Sofort hielt Julian Pamina für vollkommen zurechnungsfähig.

„Was für Feen?“

„Die, die ich heute gefunden habe. Ich glaube zumindest, es waren Feen. Kranke Feen.“

„Krank? Um Gottes Willen! Hoffentlich doch nicht Cardámine?“

„Ich weiß ihre Namen nicht. Sie konnten nicht sprechen“.

„Dann waren es keine Feen. Feen können reden. Ich habe mich selbst schon mit ihnen unterhalten!“

„Ich sagte bereits, diese waren krank.“

Gebannt lauschte Julian Paminas Feenabenteuern und sie nicht minder fasziniert den seinen.

„Ganz schön spannend!“

„Sonntag hattest du noch gesagt, nur Babys glaubten an Feen.“

Julian quetschte aufgeregt seine Daumen zusammen, diesen Spruch hätte er sich verkneifen sollen, es ging darum Cardámine zu retten. Nicht auszudenken, wenn ihr etwas passierte, nur weil sie beide sich stritten. Pamina ließ sich durch die kleine Spitze nicht weiter beeindrucken. Überheblich sagte sie: „Damals handelte es sich um ausgedachte Feen. Mit solchen Hirngespinsten befasse ich mich nicht. Jetzt sprechen wir von leibhaftigen Feen.“

„Immerhin hat Cardámine mir genau den Wunsch erfüllt, den du als Spinnkram abgetan hattest: Ich kann mich jetzt mit Mo unterhalten!“

„Cool!“

Wupps, hatte eine Zauberhand alles Aufgeblasene aus ihrem Gesicht gewischt.

„Was sagt sie denn so? Kannst du Fummel, Pummel und Stummel auch verstehen?“

Immer fester quetschte Julian seine Daumen zusammen, das Mothema behagte ihm gar nicht mehr.

„Ich kann es ja mal versuchen“, nuschelte er. „Mag ja sein, dass es schlauere Meerschweinchen gibt als Mo. Die redet nur von Salat. Und einen Meerschweinchenmann soll ich ihr besorgen, Jo will das natürlich nicht und Mo ist beleidigt.“

Der schwarz-braun-weiß gefleckte Pummel und seine Kumpel standen fiepend auf den Hinterbeinen, die Vorderpfötchen an den niedrigen Zaun gestützt, der ihren Flurteil begrenzte. Die Schröterschweinchen hatten genauso wenig einen normalen Käfig, wie die Schröterfamilie ein normales Leben. Wolfgang hatte ihnen einen Teil des oberen Flures gefliest, mit einer dicken Schicht Stroh bedeckt und einem Sammelsurium seiner Fundstücke eingerichtet. Es war ein Meerschweinchenparadies aus Tunneln, Kisten, Kartonverstecken und heimlichen Nestern. Mittendrin stand ein Liegestuhl, Julians erklärter Lieblingsplatz zum Hausaufgabenmachen, Lesen und Träumen.

„Ich will eine Gurke, Pamina, bringe mir eine Gurke! Pamina, wo bist du den ganzen Nachmittag gewesen? Keiner hat mich gestreichelt.“

Es war eine diebische Freude. Hätte Julian vor Paminas Augen Flügel entfaltet oder mit einem Zauberstab Feenpollen gestäubt, bewundernder hätte sie ihn nicht angucken können.

„Frag sie, ob auch Möhrengrün geht“, stammelte sie.

Julian hätte diese Anbetung gern noch ein Weilchen genossen, doch war an ihm kein Schauspieler verloren gegangen. Lachend gab er zu, nichts als Quieken vernommen zu haben. „Ich fürchte, der Wunsch galt ausschließlich für Mo, ich glaube, das hatte ich auch so gesagt.“

Jeder nahm ein Meerschweinchen auf den Schoß. Wie früher quetschten sie sich nebeneinander in den Liegestuhl.

„Beim Wünschen musst du pingelig sein. Man kriegt wortwörtlich das, was man ausgesprochen hat. Am besten überlegst du dir deine Wünsche schon mal in Ruhe und schreibst sie dir auf, damit du das Ganze nicht so versiebst wie Tamino und ich.“

„Wer sollte mir Wünsche erfüllen? Die Feen sind fort.“

„Wenn sie wieder auftauchen, hast du dir die Wünsche mehr verdient als wir alle. Mit ein bisschen Mühe hätte Cardámine sicher allein aus den Besenreisern gefunden. Und was Dennis mit dieser anderen Ich-habe–ihren-Namen-vergessen-Fee angestellt hat, war ja nur Show, um dieses Feengesetz reinzulegen. Doch die Feen, die du aufgelesen hast, wären vermutlich erfroren oder ertrunken.“

Sturm und Regen hatten nicht nachgelassen. Tamino kam aus dem Bad, erstaunt blickte er auf die beiden Einträchtigen im Liegestuhl. Schuldbewusst sahen sie einander an, alles Besprochene ging auch Tamino an. Also hockten sie bald zu dritt auf Paminas Bett und besprachen alles von neuem. Imke klopfte regelmäßig an und nannte die Uhrzeit, 20.30 Uhr, 21 Uhr, 21.45 Uhr. Um 22 Uhr öffnete sie die Tür, sie ginge jetzt zu Bett, keiner solle sich einbilden morgen von ihr eine Entschuldigung für die Schule geschrieben zu bekommen. Gute Nacht.

Julian renkte sich vor lauter Gähnen fast den Kiefer aus. Dem Himmel sei Dank, morgen war Freitag, hoffentlich blieb Jo dieses Wochenende zu Hause, damit er sich endlich mal um nichts kümmern musste. Noch im Gähnen fiel ihm ein, dass zu Hause Mo mit zehntausend und einem Wunsch auf ihn wartete und morgen die Vernichtung von Cardámines Teich drohte. Keine Chance auf Schlaf, bevor sich nicht eine vernunftbegabte Seele endlich eine Teich-und Feenrettung wünschte, die was taugte. Und einen Gefährten für Mo dazu. Hoffentlich war sie dann zufrieden genug, um für den Rest ihres Lebens die Klappe zu halten.

„Kann deine Mutter nicht einen Artikel verfassen, über vom Aussterben bedrohte Feen im Schulteich?“, schlug Pamina vor.

„Als sie sich vorhin mit deinem Papa unterhalten hat, hatte ich die gleiche Idee. Ich konnte sie nur nicht fragen, weil du mich unbedingt hier behalten wolltest“.Selbst müde und in Sorge, tat es gut Pamina eins auszuwischen. „Leider hat Jo gerade ihre Arbeit beim <Neuen Tageblatt> verloren“.

Pamina musste eigentlich nicht wissen warum.

„Außerdem“, fuhr er fort, „interessieren sich die meisten Leute gar nicht dafür, wer alles aussterben muss. Denkt an die Teichwiesen: Was hat Jo da geschrieben und geschrieben, sie schlief kaum noch und ich war wochenlang bei euch. Am Ende ist das Möbelhaus gebaut worden, obwohl auf den Teichwiesen eine Molchart lebte, von der es in ganz Norddeutschland nur noch rund hundert Exemplare gab und die nun vermutlich aussterben muss. Jo sagt, den meisten Menschen seien Möbel einfach näher als Molche.“

„Molche erfüllen keine Wünsche, mir wären Wünsche näher als Möbel“, wandte Tamino ein. „Einen Versuch wäre es wert. Wollen wir Jo gleich anrufen?“

„Damit sie ein Riesendonnerwetter macht, weil ich noch nicht im Bett bin? Nicht schlafen, weil man was vorm Aussterben retten muss, gilt nämlich nur für sie, nicht für Kinder, da kannst du Gift drauf nehmen. Und wenn jemand Feen für Quatsch hält, dann meine Mutter.“

Sie kamen überein am nächsten Morgen vor der Schule zur Feenerle zu laufen, um Cardámine oder die andere Fee zu bitten mit zu Martens zu kommen, um sich dort von Jo interviewen und vor allem fotografieren zu lassen. An jemanden, der ihr ein Interview gab, würde Jo wohl glauben. Ein Feenexklusivinterview wäre eine echte Sensation, Grosse wäre schön blöd, Jo danach nicht wieder einzustellen.

Julian schlief ein sobald er im Schafsack lag. Ein gellender Pfeifton ließ ihn wieder hochschrecken. Taminos verwirrtes Gesicht signalisierte ihm, dass er nicht geträumt hatte. Jetzt war es wieder still, nur der Regen prasselte auf das schräge Fenster. Wieder pfiff es, Othello fing an zu heulen, Pamina kreischte im Flur: „Papa! Was ist das?“

Wieder Stille. Noch durchdringenderes Pfeifen, dann dröhnte das ganze Schröterhaus. Stimmgewaltig verkündete ein fremder Mann: „…waren die heftigsten seit Beginn der Wetteraufzeichnung. Östlich von Hamburg ertrank ein 37jähriger bei dem Versuch seinen Keller auszuschöpfen. In weiten Teilen Niedersachsens fiel der Strom aus. Die A1 wurde zwischen …“, wieder gellendes Pfeifen. Türenschlagen.

„Wer da?“

Wolfgang dröhnte noch lauter, als der seltsame Wetterbericht.

„Er funktioniert!“

„Dennis? Mich deucht, Johanna habe dich in dein Vaterhaus gefahren.“

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