Bannzauber — Julian und Cardámine 29

Für alle, die jetzt erst einsteigen: Hier fängt die Geschichte an und geht dann fortlaufend nummeriert weiter:

„Und nun?“

Was für ein abscheulicher Zustand. Nicht mal die Augen schließen konnte ich, es war, als habe eine grausame Näherin meine Lider aufgerollt und festgesteppt. Trotz allem musste ich eingenickt sein, auf diesem seltsamen, glatten, harten Lager, auf dem Pamina, die Retterin, uns abgelegt hatte.

Erschrecken, ohne zusammenzucken zu können, tat beinahe weh. Völlig unerwartet sprach Rosa direkt in mein Ohr: „Cardámine, hörst du mich? Gib mir irgendein Zeichen.“

Die Augäpfel ließen sich noch bewegen, mittlerweile brannten sie, als hätte fee Insektenspray hineingesprüht, nach nichts verlangte ich mehr, als nach einem anständigen Zwinkern.

„Gleich ist alles vorbei“, sagte Rosa, fürsorglich wie immer, also hatte sie mein schwaches Augenrollen bemerkt.

„Scilla, ich wünsche mir, dass Anemona, Achillea und Cardámine sich wieder bewegen können, wie sie es bei Sonnenaufgang noch konnten.“

Sonne sei Dank. Rosa war nicht allein, ich würde nicht noch einmal sprachlos wünschen müssen.

„Es sei“, sagte Scilla in der Nähe meiner Füße. Ich hätte sie gern gesehen, aber da sie sich nicht in mein Blickfeld stellte, musste ich warten bis der Pollen stäubte.

Er stäubte nicht. Eisige Finger legten sich um mein Herz.

„Was ist das?“

Ich brauchte ein Weilchen, um diese Stimme Pulsatilla zuzuordnen. Wer war noch alles hier? Warum wurden ihre Wünsche nicht erfüllt?

„Vielleicht sind drei auf einmal zu viel. Rosa, ich wünsche mir Achillea los!“

Mein Herz raste.

„Das kann doch nicht möglich sein!“

Die Enttäuschung in Rosas Stimme sagte alles. Mir wurde schlecht vor Angst. Sie versuchten vieles, sprachen im Chor, fassten zu dritt einen Zauberstab an, benutzten unsere Stäbe. Nichts. Nichts. Nichts.

Rosa schlug vor, uns erstmal so wie wir waren, in die Erle zu wünschen, mit der Hoffnung, noch geballtere Feenkräfte würden den Bann endlich durchbrechen können. Jedes Mittel hätte mir recht sein sollen, doch lieber hätte ich auf die Rückkehr der Retterin Pamina gewartet. Wer, wenn nicht sie, hatte drei Wünsche frei? Wenn fee sie darum bat, würde sie einen hergeben, um uns zu befreien. Das wusste ich. Menschenwünsche waren mächtiger als Feenwünsche. Das hatte ich von Ortiga gelernt. Ich hatte sie oft gefragt, warum das so war, aber sie wusste es nicht, oder – wie ich jetzt dachte – sie wollte es mir nicht sagen. Pamina kehrte nicht zurück. Was ich dachte oder wünschte, war vollkommen belanglos. Ich war wie ein Stein, dessen Worte keiner vernahm.

Sie wünschten mich durch die Nacht.

Weicher Rohrkolbensamen unter mir. Ich roch Filipendulas Kobel. Ein richtiges Gedränge herrschte hier, Matricaria, Rosa, Scilla, Pulsatilla. Vicía erkannte ich an ihrem Stimmchen, denn Kleinfeen haben noch keine eigene Witterung, Lemna war bestimmt auch da. Ortiga fehlte. Auch Filipendula schien nicht in ihrem eigenen Kobel zu sein. Falls es möglich war, sank mein Mut noch tiefer. Zwar hatte Filipendula vorhin nicht geschafft, uns loszuwünschen, dennoch traute ihr am ehesten zu, diese ganze Gemeinheit rückgängig zu machen. Sie hatte am meisten Erfahrung, sie war an diesen grässlichen Erstarrungswunsch beteiligt gewesen und sie hatte es bereut.

Obwohl ich mich kein Stück bewegt hatte, war ich inzwischen erschöpfter als wenn ich von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang durchgeflogen wäre. Die Angst wurde mächtiger mit jedem Schlag meines rasenden Herzens. Die Vorstellung den Rest meines Lebens als Stein zu verbringen, zermalmte jeden vernünftigen Gedanken. Ich würde verhungern. Der Durst war schon jetzt eine Qual. Die Retterin Pamina hatte unsere Lippen tropfenweise mit Wasser genetzt. Erst tat es wohl, dann quälte es, denn es blieb als unschluckbare Pfütze in meinem Munde stehen, schien immer mehr zu werden und drohte mich zu ersticken. Zu meiner Erleichterung lief es wieder heraus, als Pamina mich auf das glatte Lager bettete und durchnässte das rosa Kleid, in das sie mich gesteckt hatte. Dieses Kleid war ein unheimliches Ding, hart, mit unglaublich groben Nähten und dem Geruch des Feenquälzubehörlagers. Aus unbekannter Faser gewebt, verstärkte es meine Angst ins Uferlose. Wenn ich gekonnt hätte, hätte ich es mir vom Leibe gerissen, aller Dankbarkeit zum Trotz. Pamina hatte uns in warmen, wirklich sonnenwarmen Wasser gebadet. Ein echter Menschenzauber. Wäre es mir nicht so erbärmlich gegangen, wäre es das angenehmste Erlebnis meines Lebens gewesen. Ich hatte sogar gehofft, die Wärme würde meine festgezurrten Glieder lösen. Ein weiterer vergeblicher Fetzen Hoffnung. Flüchtig überlegte ich, ob das Mädchen Pamina das Wasser mit der Heizung, diesem größten aller Schulwunder, erwärmt hatte. Ehe ich diesem Gedanken länger nachhängen konnte, war er schon davongeflattert. Nichts hatte Raum in meinem zitternden Hirn, alles wurde niedergewalzt von der teichzuschiebergroßen Angst ein Steinwesen bleiben zu müssen.

Die Ratlosigkeit meiner Mitfeen hing im Kobel, wie Nebel an einem windstillen Morgen im Nacktastmond.

„Es ist ein Bannzauber.“

Matricarias Witterung, an ihrer so selten gehörten Stimme hätte ich sie nicht erkannt.

„Ein uralter Feenkniff, um dem Uralten Gesetz ein Schnippchen zu schlagen. Nur leider hat Ortiga ihn nicht richtig beherrscht. Ihr Bann ist fehlgeschlagen und da wir nicht wissen, wo sie ist …“,

Oh, hätte ich doch fluchen, schreien, fortfliegen, um mich schlagen können.

Fehlgeschlagen! Verdammt harmloses Wort. Sterben musste ich durch die stümperhafte Ortiga, die nicht mehr wusste, was sie tat in ihrem sinnlosen Hass auf Menschen, die wahrscheinlich gar nicht mehr am Leben waren.

Endgültig siegte die Angst über das Denken. Wie ein Steinschlag begrub die Panik mich. Polternd dröhnte mein eigenes Herz mir in den Ohren, übertönte das Gesumm meiner aufgeregten Mitfeen. Mir war egal, was sie sagten, niemals mehr würde ich ihnen antworten können, niemals mehr, niemals mehr. Mein Kopf wurde schier zermahlen unter dieser Angst. Arme, Beine und Flügel schmerzten, als zerre ein wildes Tier an jedem einzelnen meiner Glieder. Weiße Blitze zuckten vor meinen Augen, das Gedröhn in den Ohren wurde zum Gebrüll. Mein Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen. Ich würgte. Nein, dachte ich, das wird mein Ende sein, erstickt am eigenen Erbrochenen. Ich rang nach Luft, spie alles was ich seit gestern gegessen hatte von mir. Ein unendlich verzweifelter Schrei gellte durchs Geäst. Es war mein eigener. Ich begriff.

„Es ist vorbei, Cardámine. Alles ist gut.“

Rosa strich mir übers Haar. Sie sah vollkommen erschöpft aus.

„Was habe ich anders gemacht?“, murmelte sie. „Nichts. Es sei denn …“

Sie sprach nicht weiter.

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