Minifee- Julian und Cardámine 31

Für alle, die jetzt erst einsteigen: Hier fängt die Geschichte an und geht dann fortlaufend nummeriert weiter:

Schröters waren erstaunliche Eltern. Was hätte Jo gemacht, vor allem, was hätte sie gebrüllt, wenn Dennis spätabends im Joromo gestanden und einen Fernseher zum Kreischen gebracht hätte? Bei ihnen zu Hause konnte man natürlich nicht einfach hineinspazieren. Imke und Wolfgang vergaßen so gut wie immer die hintere Küchentür abzuschließen. Jos besorgtes Vortragen der Einbruchsstatistik hatte Wolfgang nur ein besonders breites Grienen entlockt.

„Ein Einbruch bei einem stadtbekannten Müllsammler würde wahrscheinlich selbst einem eingefleischten Kriminellen als arger Mumpitz erscheinen.“

Bis jetzt hatte es auch keinen Einbruch gegeben, nur einen Ausbruch, falls man das so nennen konnte. Isabella und Desdemona waren als erste ihres Jahrganges allein und ohne elterliche Erlaubnis die ganze Nacht in einer Disco gewesen.

„Desdemona sagt, es war todlanglangweilig“, hatte Pamina Julian anvertraut. „Immerhin sind sie jetzt die Coolsten der Klasse, da sagt niemand mehr Mülleimerkind.“

Dennis’ Einbruch entlockte Wolfgang weiteres Grienen: „Mein Lieber, wäre es nicht angebrachter, zwischen den Daunen zu weilen und den technischen Ehrgeiz bis morgen ruhen zu lassen?“

Imke schaute dagegen ein bisschen verdrießlich. Sie rief bei Dennis zu Hause an. Nachdem das Telefon nicht abgenommen wurde, reichte sie ihm ohne weitere Umstände einen Schlafanzug und eine Zahnbürste aus dem fehlerhaft verpackten Vorrat

„Dein Vater wird wohl auf die Idee kommen hier anzurufen, falls er dich vermissen sollte.“

Wolfgang pumpte eine Luftmatratze auf. Rosa mit Barbiemotiven, aber Dennis wagte keine Einwände mehr.

„Pamina, Liebes, sei so gut und leihe Dennis deinen Schlafsack. Taminos hat schon Julian.“

Imke schien erstaunt, wie schnell Pamina ohne Murren wieder im Flur stand, eine beruhigend wenig mädchenhaft wirkende Rolle unter dem Arm.

„Wir sollten jetzt aber wirklich dringend schlafen gehen“, verkündete sie mit seltsam schriller Stimme. Mehr oder weniger brummelnd kamen alle dieser Aufforderung nach. Dennis verzichtete auf Zahnbürste und Schlafanzug, in seinen inzwischen angetrockneten Tagesklamotten kroch er in Paminas Schlafsack. Aus dem Elternschlafzimmer hörte man summende Stimmen, die Meerschweinchen klapperten mit ihren Schlafhäusern. Einander ins Wort fallend berichteten Tamino und Julian von Paminas Feenneuigkeiten, da stand die eben noch Schlafwütige schon in der Tür: „Kommt mit!“, befahl sie in einem Ton, der noch nicht einmal den Wunsch nach Nachfragen oder Widerworten zuließ.

Auf Paminas Schreibtisch saß eine Fee, noch winziger als Cardámine und ihre Kolleginnen. Ihre Stimme war kaum hörbar, dabei sprach sie sehr schnell und verhaspelte sich praktisch in jedem Satz. So nah wie möglich rückten sie an die Minifee heran. Sie wollte Ungeheuerliches, kein Wunder, dass sie so aufgeregt war: Ernsthaft bat sie die Kinder, die gemeine Fee zu suchen, jene die nicht Cardámine war und deren Unverschämtheit in zornlila Todesdrohungen gegipfelt hatte.

„Du hast sie wohl nicht mehr alle! Ich habe jetzt echt die Schnauze voll von diesem Feengesocks“, Dennis klang wie sein Vater. „Ich habe nicht vor, mich noch einmal für euch in Schwierigkeiten zu bringen!“

Für Cardámine hätte Julian alles getan, egal wie schwindelig und übel ihm vor Müdigkeit war. Aber diese Hassfee, die sie „Mordbuben“ gescholten hatte? Nur weil ihn Dennis‘ Pöbeleien inzwischen zuwider waren, sagte er: „Sag mal, was ist jetzt eigentlich mit der richtigen Cardámine und ihrer Freundin?“

Er hatte ihr ein lediglich wenig Interesse zeigen wollen, ihr beweisen, dass er bessere Manieren hatte als Dennis. Dabei fiel ihm erst auf wie dringend er wirklich wissen wollte, was aus Cardámine geworden war. Er war wirklich sehr müde.

„Cardámine, Achillea und Anemona wurden von Ortiga mit einem Bann belegt. Sie wurden starr, als hätte früher Frost sie gepackt.“

Es schepperte. Pamina war zusammengezuckt und hatte aus Versehen eine Federtasche von ihrem Schreibtisch gefegt. Die kleine Fee prallte vor Schreck fast gegen die Zimmerdecke Sie krallte sich gerade noch an der Lampe fest.

„Eine Rettungsmission ist unterwegs“, lispelte sie kaum hörbar von oben herab.

Julian fragte sich, ob er den Namen „Anemona“ kennen sollte. Nie hätte er es für möglich gehalten, wie unübersichtlich viele Feen direkt neben ihm lebten, ohne dass er sie je bemerkt hatte.

„Aber ich hatte sie doch gerettet! Hierher habe ich sie gebracht, dort im Puppenbett haben sie gelegen und nun sind sie fort. Das ist alles was noch da ist.“

Sie wies auf drei Puppenkleider, die auf einem Geschirrtuch zum Trocknen ausgebreitet lagen. Ungewöhnlich kunstvoll gearbeitete Kleidchen. Feenstücke.

„Hatten sie ihre Zauberstäbe dabei?“

Allgemeines Achselzucken. Pamina schüttelte die Kleidchen. Dennis lüpfte die Puppenbettdecke. Nichts.

Die kleine Fee sagte: „Das deutet darauf hin, dass die Rettungsmission erfolgreich war.“

Seine Erleichterung spürte Julian bis in die Zehenspitzen.

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4 Gedanken zu “Minifee- Julian und Cardámine 31

    • fundevogelnest Mai 5, 2020 / 10:50 pm

      Wolfgang Schröter hat ein leider schön lange verstorbenes Vorbild. Die Namen sind zwar die Namen seiner Pferde, aber die der Töchter waren auch sehr besonders.
      Er selbst hieß wirklich Wolfgang, wenn auch nicht Schröter.
      Die Feennamen sind aus dem Blumenbestimmungsbuch geklaut und Cardámine das Wiesenschaumkraut, das jetzt überall blüht, wird immer mein Liebling sein.

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