Nächtlich — Julian und Cardámine 33

Für alle, die jetzt erst einsteigen: Hier fängt die Geschichte an und geht dann fortlaufend nummeriert weiter:

Imke Schröter hatte abgeschlossen!

„Wann hat Mutter denn den Schlüssel wieder gefunden?“,

Pamina versuchte das quietschende, verzogene Küchenfenster möglichst geräuschlos aus seiner Dauerkippstellung zu holen. Lemna, die Minifee, schwirrte wie eine aufgeregte Pferdefliege um Paminas Kopf. Immer auf der Suche nach Stimmung kam Kaiser in die Küche getrabt. Als er die Fee sah, kläffte er los.

So war Julian nicht besonders erstaunt, beim Blick auf die Küchenuhr nicht die Uhrzeit, sondern Wolfgang zu erblicken. Breitbeinig stand er da und beobachtete still vergnügt die Ausbruchsversuche der ihm anvertrauten Kinder. Lemna war nicht mehr zu sehen. Blitzschnell musste sie in irgendeinem Lampenschirm verschwunden sein.

„Mich deucht, ihr könntet um den Schlüssel bitten, wenn ihr bei dieser Witterung die Lust verspürt, das Haus zu verlassen.“

„Wir wollten doch nicht weglaufen“, das war Dennis bewährter Frau-Steffke–Bequatschungstonfall. „Wir sind ja nur besorgt, weil dieses Fenster hier auf kipp steht, und bei diesem Sauwetter …“,

„Wie fürsorglich du bist. Du darfst getrost innehalten. Wenigstens Pamina und Tamino dürften erinnern, dass das Vordach an dieser Stelle über zwei Meter breit ist, einem Gewitter können wir mir Gelassenheit entgegensehen oder noch besser entgegenschlafen.“

Wolfgangs Stimme war freundlich und spöttisch wie immer, trotzdem hörte man, er hatte von den Aufregungen dieses Donnerstags mittlerweile genug.

Mehr als genug hatte Julian. Zu seinem eigenen Entsetzen fing er an zu heulen, regelrecht zu flennen. Schluchzer schüttelten ihn, Tränen und Rotz stürzten wie Bäche aus Augen und Nase. Er rannte aus der Küche, die Treppe hinauf und versteckte sein Gesicht im Meerschweinchenkuschelstuhl. Dass dieser Tag so enden musste, mit Heulerei vor Pamina und Dennis. Tamino hatte heute ja schon selber geweint, wenigstens für ihn gab es keinen Anlass zum Spott.

Endlich konnte er aufhören zu schluchzen. Er wischte sich mit dem Ärmel den Rotz aus dem Gesicht und lauschte. Hoffentlich kam niemand die Treppe hinauf, weder hämische noch tröstende Worte mochte er hören. Noch einmal schüttelten ihn zwei Hickser, wie ein Echo des Weinens.

In der Diele schellte das Telefon.

„Johanna, meine Verehrteste. Was verschafft mir die Ehre zu dieser sehr späten Stunde? Nein, sorge dich nicht, Schlaf war mir in dieser Nacht noch keiner vergönnt“.

Julians Herz machte einen kleinen Hüpfer. Seine Mutter. Niemand außer Wolfgang Schröter mit seiner seltsamen Sprache redete Jo mit Johanna an. Wenn er jetzt die Treppe hinunterginge, könnte er Jo vielleicht überreden, ihn abzuholen. Was für ein Genuss wäre es, im eigenen Bett zu schlafen oder noch besser in Jos.

„Verehrteste Johanna, niemals würde ich dich für verrückt erklären. Diese Erfahrung habe ich gar zu oft am eigenen Leibe erlitten“.

Julian spitzte die Ohren. Jo verrückt? So leise wie möglich stand er auf und schlich zum oberen Treppenabsatz.

„Ungewöhnlich. In der Tat. Aber nur eine von vielen erstaunlichen Geschichten, die mir in dieser Nacht zu Ohren gekommen sind.“

Eine ganze Weile sagte Wolfgang gar nichts mehr. Zu blöd, dass der Telefonlautsprecher nicht eingeschaltet war, falls das altmodische Gerät mit Wählscheibe in der Schröterdiele überhaupt damit ausgestattet war.

„Selbstverständlich werde ich die Polizei benachrichtigen. Ja, ich stehe dir als Zeuge zur Verfügung.“

Er legte auf, Julian wagte kaum zu atmen. Wolfgang wählte.

„Guten Abend oder meinetwegen auch guten Morgen. Meine Name ist Wolfgang Schröter. Ich möchte einen Drogenfund melden. Kokain, wenn meine Bekannte sich nicht irrt. Sie ist Journalistin, daher kennt sie sich ein wenig mit solchen Substanzen aus. Ich bin auf diesem Gebiet weniger beschlagen.“

Wolfgang nannte seine Adresse. „Nein, nicht hier. Auf der Freifläche neben der Grundschule, ja das Gelände zwischen Schulstraße und Sportplatz.“

„Nein, jetzt bin ich in meiner Wohnung. Ich bin altmodisch, kein Mobiltelefon, verstehen Sie? Frau Martens wartet dort, das heißt, ich hoffe, sie verweilt in ihrem Auto, einem gelben Polo, nein, Kennzeichen weiß ich nicht.“

Mit Autos hatte Wolfgang es nicht so, das Joromoauto, welches er schon hundertmal gesehen hatte, war ein FIAT Panda. Anscheinend wollte die Polizei jetzt genau das wissen, was auch Julian am brennendsten interessierte.

„Wir haben jemanden gesucht … Wie bitte? … Nein. Es handelt sich nicht um ein menschliches Wesen. Daher hatten wir von einer Vermisstenmeldung abgesehen.“

Er legte auf. Kein menschliches Wesen?

„Imke, meine Holde“, rief Wolfgang die Treppe hinauf. „Ich werde noch einmal das Haus verlassen. Unsere Freundin Johanna bedarf unserer Hilfe. Julian, mein Freund, da ich annehme, dass du jedes Wort meines Telefonats vernommen hast, kann ich dir nicht verwehren, Regenzeug anzulegen und mich zu deiner kriminaltechnisch tätigen Mutter zu begleiten. Bitte säume nicht, ich kann verstehen, dass es sie nicht danach verlangt, der Polizei zu erklären, weshalb sie inmitten der Nacht in einem durchweichten Gebüsch eine offensichtlich beträchtliche Menge Kokain findet, mit einer Fee als einzige Zeugin.“

Julian blieb der Mund offen stehen.

„Guck nicht so erstaunt“, lachte Wolfgang während er seinen Regenschirm aufspannte. „Ich habe just von Dennis und meinen Kindern erfahren, welch vertrauten Umgang ihr mit diesen magischen Geschöpfen pflegt.“

Dazu war nicht viel zu sagen, Julian machte, dass er in seine Gummistiefel kam. Dennis und Tamino standen im unteren Flur aufgeregt wie zwei junge Hunde. Der richtige Kaiser sprang übermütig und schwanzwedelnd um die beiden herum.

„Nein!“, entschied Wolfgang. „Mir erscheint es nicht sinnvoll, einen Drogenfund der Polizei in Anwesenheit einer halben Schulklasse zu präsentieren. Bitte seid so gefällig und klärt meine Gemahlin über die Ereignisse der letzten Tage auf.“

Wolfgang schob Julian durch die Haustür ins Freie und schloss hinter sich ab.

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