Schlamm — Julian und Cardámine 35

Für alle, die jetzt erst einsteigen: Hier fängt die Geschichte an und geht dann fortlaufend nummeriert weiter:

Jo weinte. Nicht vor Wut, sondern echt. Lautlos liefen Tränen über ihre Wangen das Kinn hinab, ohne dass sie eine jener Taschentücherpackungen zückte, die sonst wie Laptop und Handy fast Körperteile von ihr zu sein schienen. Jos Hände waren gefüllt mit dem traurigsten Anblick der Welt. Julian weinte augenblicklich mit. Alle Rettungspläne hatten sich als so sinnlos erwiesen, wie sie sich die ganze Zeit angefühlt hatten. Wolfgang legte den Arm um Julians Schultern und drückte ihn fest ohne etwas zu sagen.

Von der Schulstraße her nahte das Martinshorn.

„Die können wir hier jetzt nicht brauchen!“

Jo sprach resolut, als habe sie nie eine Träne vergossen. Ohne ihn zu fragen legte sie Julian die tote Cardámine in die Hände und bugsierte ihn auf dem Beifahrersitz des Joromoautos. Am liebsten hätte er den kleinen kalten Leichnam fallen lassen, flehend blickte er zu seiner Mutter herüber.

Doch Jo lotste schon Polizeibeamte in das triefende Dickicht. Völlig selbstverständlich, als hätte sie dort zu einer Konferenz geladen. Er wusste nicht was er tun, ja nicht einmal, was er in dieser fürchterlichen Lage denken oder fühlen sollte. Vermutlich wäre er einfach erstarrt, wenn er nicht die lebendige Fee auf der Konsole über dem Handschuhfach wahrgenommen hätte. Er erkannte sie sogar. Es war die versöhnliche Fee, die am Ende der zweiten großen Pause Taminos Wünsche erfüllt hatte. An ihren Namen konnte er sich nicht erinnern.

Sie sah fürchterlich aus. Kleid und Haare waren zerzaust, sie war nass geregnet und völlig verheult. Er selbst sah wahrscheinlich kein bisschen besser aus.

„Hallo“, sagte er schüchtern. Sie antwortete nicht, starrte nur auf seine Hände. Zögernd folgte er ihrem Blick. Die tote Fee war mit irgendeinem schwarzen Klebkram verschmiert und sah ganz und gar erbarmungswürdig aus.

„Ich mache sie mal ein bisschen sauber, ja?“

Da die Fee nicht antwortete, fingerte er eine von Jos verlässlichen Papiertaschentuchpackungen aus dem Handschuhfach und begann vorsichtig die stinkende schwarze Masse von dem grässlich steifen Körperchen abzutupfen. Behutsam legte er die verdrehten Gliedmaßen ein wenig würdevoller hin. So traurig diese Arbeit war, sie ließ seine Tränen langsam versiegen. Das nasse Kleidchen, das bis über den nackten blauen Po gerutscht war, zog er wieder an seinen Platz. Hätte es laut Pamina nicht ein Puppenkleid sein müssen? Dieses fein gewebte Kleinod stammte garantiert nicht aus einem Spielzeugladen. Als er die langen Haare zurückschob, sah er endgültig, diese Züge gehörten auch im Tod nicht der jungen, flippigen Cardámine. Diese Tote war runzelig wie eine Oma. Kurz durchschwappte ihn eine Art Erleichterung, der todtraurige Anblick in seinen Händen wischte das kurze Glücksgefühl gleich wieder weg.

„Wer ist das?“, fragte er die traurige Fee. Grüne Tränen rannen aus ihren seltsamen Feenaugen.

„Ortiga“, sagte sie. „Eine Freundin, wie ich sie niemals mehr haben werde, in den Kreisen dieser Welt“, sie schniefte. „Mensch, was du dort tust, ist unendlich lieb, und wird niemals aus dem Feengedenken gelöscht werden. Doch muss eine Fee von Feen dem ewigen Wasser überantwortet werden. Wirst du mir helfen meine Aufgabe zu erfüllen? Bitte“, fügte sie ein wenig kläglich hinzu. Julian schluckte. Er hatte also Hassfee in der Hand. Sie hatte ihm den Tod gewünscht, nun war sie selber tot.

Am liebsten hätte er nicht geholfen, aus Angst vor neuen Schwierigkeiten, die Gefallen für Feen anscheinend unweigerlich heraufbeschworen.

„Eine Fee allein hat so gut wie keine Macht. Deshalb bitte ich dich, Ortiga zu unserer Erle zu tragen. Für dich ist es nicht weit. Mit deinen langen Beinen bist du schnell wieder bei deiner Jo.“

Julian nickte. Eigentlich wollte er so nah wie möglich bei Jo sein. Aber die Feenerle war wirklich nah. Nass war er sowieso schon wieder. Trotz seines Regenanzugs und des Schirms, den er bei der Fahrt im Kasten von Wolfgangs Lastendreirad über sich gespannt hatte. Er zog sich die Kapuze über den Kopf und hielt eine Hand schützend über die Tote. Der Schirm lag leider bei Jo, Wolfgang und der Polizei, die allesamt nichts von diesem kleinen Abstecher zu wissen brauchten.

„Darf ich?“

Julian nickte. Die Fee schlüpfte auf seine Hand und schmiegte sich zärtlich an ihre ölverschmierte Freundin. Sofort kam er sich schäbig vor, weil er auch nur kurz erwogen hatte, ihren Wunsch nicht zu erfüllen.

Bald erwies sich der Gefallen doch größer als gedacht. Mehr als ein Schirm fehlte Julian eine Taschenlampe. Er stolperte durch Pfützen. Brombeerranken zerrissen seine Regenhose. Die Hände voller Feen konnte er sich auch nicht vorantasten. Hätte die nachtäugige Fee ihm nicht jeden Schritt einzeln gewiesen, wäre er wahrscheinlich auf dem kleinen vertrauten Gelände verloren gegangen.

„Gleich haben wir es geschafft, für den Rückweg wünsche ich dich zurück“, piepste sie zwischen seinen Händen. Während Julian noch überlegte, ob er es schrecklicher fand, diesen Weg allein zu gehen oder „gewünscht“ zu werden, fragte die Fee auf einmal, ob Jo eine sehr gute Freundin von ihm sei.

„Sie ist meine Mutter“, antworte er zähneklappernd.

„Das ist unter Menschen ein enges Band, nicht wahr?“

Was war DAS denn für eine Frage? Sie musste doch wissen, wie unersetzlich eine Mutter war. Vorsichtshalber brummte er nur vage zustimmend.

„Dann wirst du mir bestimmt eines Tages mehr erzählen können, über die Freundschaft zwischen deiner Freundin Jo und meiner Freundin Ortiga. Nach nichts verlange ich in dieser Nacht mehr, als nach Verstehen.“

Julian verlangte es auch nach Verstehen. Jo sollte mit der Hassfee BEFREUNDET gewesen sein? Davon hatte sie noch nie erzählt. Vielleicht fantasierte die Fee, weil sie so traurig war, oder sie hatte etwas anders gemeint.

„Du ich glaube …“

Die Fee war weg. In seiner Hand lag nur noch die kleine kalte Leiche.

„Wo bist du?“.

Keine Antwort.

„He, was ist los? Ich weiß nicht, was Jo mit Ortiga zu schaffen hatte. Sag was. Ich kann hier nicht die Hand vor Augen sehen.“

Nichts. Stattdessen löste sich auch die starre Fee aus seiner Hand und war verschwunden. Es fühlte sich total gruselig an. Doch ein bisschen kannte er sich inzwischen aus. Die Feen waren fortgewünscht worden, da gab es keinen Zweifel. Ob er nun auch selbst gewünscht werden würde? Aber keine Fee schien mehr an ihn zu denken. Er nahm es nicht übel. Wenn ihm Dennis unerwartet Tamino oder Pamina tot vor die Füße legen würde, könnte er wohl auch vergessen, den Taxifahrer zu bezahlen. Er drehte um und verlor nach wenigen Metern jegliche Vorstellung, in welche Richtung er lief. Alle paar Schritte stolperte er, nasse stachelige Zweige peitschten ihm ins Gesicht, es stach wie tausend eisige Nadeln.

„Jo! “ wimmerte er, „Mama! Wo bist du?“

Sie musste ganz nahe sein. Warum hörte sie ihren kleinen Jungen nicht und kümmerte sich?

Schon wieder fiel er hin. Dieses mal richtig. Eine schlammige Brühe schlug über seinem Kopf zusammen. Alles war schwarz. Es gab kein Oben und kein Unten mehr. Statt Luft drang ihm Schlamm in Mund und Nase. Panisch schlug Julian um sich, bis es ihm gelang sich hinzuknien und den Kopf aus dem Wasser zu ziehen. Das Wasser reichte ihm in dieser Haltung nicht einmal bis zum Hosenboden. Er begriff, dass er in den Feenteich gestolpert war. Das war bei diesem Wetter zwar das letzte Erstrebenwerte, aber wenigstens wusste er wieder wo er war. Der Schulhof musste links von ihm liegen und wirklich konnte er in der Ferne Lichter schimmern sehen. Er beschloss, auf die Schulhoflaternen zuzulaufen, um von dort aus auf der beleuchteten Schulstraße zum Auto zurückzukehren. So scheußlich kalt war ihm noch nie gewesen. Seine Gummistiefel waren im Teich geblieben, in seinen Socken befanden sich riesige Schlammfladen, die bei jedem Schritt zwischen seine Zehen quatschten. Er zitterte am ganzen Körper, ekliger Algenschleim tropfte aus seinen Haaren in Augen und Ohren.

Er dachte nicht mehr an Ortiga und Cardámine, es war ihm egal, was aus dem Teich wurde. Alles in ihm schrie nach Jo.

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