Verglühen — Julian und Cardámine

Bei uns im Keller scheint sich eine Art Undergroundfitnessstudio etabliert zu haben. Junge Männer schwitzen und stöhnen, wenn einer von ihnen coronainfiziert sein sollte, wird der Austausch in der dumpfen Kellerluft wohl problemlos gelingen.

Auf die Frage warum sie nicht lieber an die frische Luft gehen, kommt unschlüssiges Gemurmel.

Überall bröckelt die Pandemiedisziplin, Großfamilien wie sie zurzeit durchs Naturschutzgebiet walzen gibt es in Deutschland nicht in dieser Zahl, „mal ausnahmsweise kurz diesen oder jenen besucht“, wird zum immer häufiger gehörten Satz.

Auch wenn ich manches für ziemlich bekloppt halte, zur Denunziantin tauge ich einfach nicht.

Und der Große Fundevogel zerrt am heftigsten an der Leine.


Für alle, die jetzt erst einsteigen: Hier fängt die Geschichte an und geht dann fortlaufend nummeriert weiter:

Matricaria hielt nichts davon Pamina herbeizuwünschen.

„Menschen haben uns bis jetzt nur Übles beschert“, sagte sie streng. „Dein larvenhafter Rettungsplan, Cardámine, hat uns wahrscheinlich die Altfee genommen.“

Worte wie giftiger Algenschaum. Wer hatte denn unseren schönen Rettungsplan feenhändig zunichte gemacht? Die eifrigen Menschenjungen traf kaum eine Schuld.

Die Fee Cardámine, die ich bis heute morgen gewesen war, wäre bei diesem Menschenhassergefasel geplatzt wie der reife Same des Springkrauts. Meine Flüche hätten die Erle erbeben lassen

. Doch Schmerz und Erschöpfung wirkten in mir fort. Mein bisschen Leben wollte ich mit keinem Streit mehr vergeuden.

„Ach Rosa, wünsche sie einfach herbei!“.

Die immerfreundlich Rosa zückte keinen Zauberstab, sondern überredete Matricaria mit dem mir kaum erträglichen Langmut eines brütenden Vogels. Pulsatilla, Scilla und die kleine Vicía schwiegen, nickten aber wenigstens an den richtigen Stellen.

Als ich schon fürchtete zu zerspringen, gab Matricaria nach. Nicht überzeugt. Verunsichert. Noch war sie keine Altfee.

„Bevor du die vermeintliche Retterin herbeiwünschst, wünsche ich unsere Rettungsmissionsfeen zurück. Wir sollten beisammen sein, wenn neue Schwierigkeiten drohen. Und, so die Sonne will, können wir bereits Ortigas Rat bekommen.“

Ein vernünftiger Vorschlag. Alle stimmten zu. Ich wusste nicht mehr, was hoffen. In Ortigas Gegenwart würde ich die Retterin Pamina nicht herbeiwünschen. Sie hatte keine Beleidigungen verdient, den Tod schon gar nicht.

Matricaria wünschte Ortiga herbei. Nicht geschah. Rosa wünschte Ortiga herbei. Scilla tat es. Pulsatilla. Vicía. Kein Pollen. Keine Ortiga. Kein gutes Zeichen für die Altfee. Keine Gefahr für die Retterin. Unmöglich etwas zu fühlen.

Für Aethusa stäubte der Pollen.

„Ihr Froschlöffel. Nie hätte ich mich für diese hirnrissigste aller Rettungsmissionen zur Verfügung stellen dürfen. Beinahe hätte dieser Besoffenmann mich wie eine Fliege zwischen seinen Fingern zerquetscht. Und wenn fee dann mit Mühe und Not ihr armseliges bisschen Leben gerettet hat, kommt dann vielleicht irgendfee mal auf die Idee sie wieder heim zu wünschen? Nee. Nee. Nee. Alle haben natürlich Wichtigeres im Kopf. Menschen retten, und was dergleichen Algenschaum noch in gewissen Feenschädeln an Stelle von Hirnmasse quillt. Immerhin scheint ja das Wohlbefinden des heiligen Wiesenschaumkrauts wiederhergestellt zu sein. Obwohl, ich muss sagen, du hast auch schon mal besser ausgesehen, meine Liebe“.

„Ja, ich glaube auch.“

Anstrengend und überflüssig war dieses Aethusageklingel. Zeit verstrich, Teichzuschieber nahten, die Retterin war fern.

„Wie vom Mader als unbekömmlich wieder ausgekotzt“, legte meine Lieblingsfeindin noch nach. Sollte sie.

So gleichgültig hätte ich diese Möchtegerncoladose schon immer behandeln sollen. Sie wurde nämlich ganz gefügig und fragte, wo eigentlich die anderen Rettungsmissionsfeen seien.

„Das wollten wir auch gerade herausbekommen“, sagte Rosa so verbindlich, als sei sie soeben höflich begrüßt worden.

„Aethusa, ich wünsche mir von dir die Ankunft Filipendulas, hier im Kobel.“

Gehorsam zog Aethusa ihren Zauberstab aus dem Kleid. Ohne darüber nachzudenken, tat ich es ihr nach und erschrak. Hektisch schüttelte ich den harten Stoff meines Menschenkleides, das eigentlich gar keine bergenden Falten besaß.

„Mein Zauberstab ist weg.“

Keine hörte mich. Filipendula erschien wunschgemäß und sagte: „Ortiga ist tot. Pulsatilla, ich wünsche ihren Leichnam hierher, in unsere Mitte.“

So musste fee sich im Maul eines Marders fühlen. Keine bewegte sich, keine sprach. In die zerquetschende Stille fielen lediglich die Funken von Pulsatillas Zauberstab und ihr heiseres. „Es sei.“

Dann lag sie vor uns, die letzte Überlebende des Teichzuschiebermassakers, meine Lehrerin und beinahe meine Mörderin.

Filipendula kniete nieder, legte ihren Kopf auf Ortigas Brust und weinte. Jemand müsste Achillea und Anemona wecken, dachte ich, ohne es auszusprechen, ohne es zu tun. Der ganze Kobel teilte meine Starre. Außer Filipendula weinte keine.

Wie eine Erlöserin trat Matricaria vor, nestelte Ortigas Zauberstab aus dem durchweichten Kleid und warf ihn in die Regennacht, wo er wie eine Sternschnuppe verglühte.

Sie hätte ihn mir geben können, dachte ich abwesend, gleichzeitig fragte ich mich, wer Matricaria den Umgang mit Zauberstäben toter Feen gelehrt hatte. Offensichtlich hatte sie dem Uralten Gesetz gehorcht. Ein widerwärtiges Gesetz, das festlegte, dass fee eine Tote nur dann herbeiwünschen konnte, wenn sie dazu sagte, dass es sich um einen Leichnam handelte. Dieser Gedanke saugte sich in meinem Kopf fest und verdrängte alles andere. Meine Kopfschmerzen steigerten sich. Alles schien unendlich fern, die tote Ortiga, die hemmungslos schluchzende Filipendula, die steinstarren Feen, mein verschwundener Zauberstab. Gut, dass ich mich jetzt schon zertrümmert fühlte, dann würde es auch nicht mehr schmerzen, wenn die Teichzuschieber uns zusammen mit Ortiga zermalmten. Sie war nur kurz vor uns vergangen.

Selbst am Ende der Feenzeit war ich keine, die sich fügen konnte.

„Ich wünsche das Mädchen Pamina herbei. Auf der Stelle. Hierher. Sie allein ist unsere letzte Hoffnung.“

Die Feen starrten mich an, Abscheu stand in ihren Mienen. Matricaria schüttelte den Kopf.

„Die Teichzuschieber warten nicht. Ortiga hätte diese Untätigkeit niemals zugelassen. Sie hätte uns nicht ausgeliefert“, beharrte ich.

„Sie hätte.“

Filipendula hatte sich von Ortigas totem Körper erhoben.

„Sie hätte“, wiederholte sie, schwenkte ihren Zauberstab und sprach: „Es sei“

Noch ehe der Pollen stäubte rief Vicía: „Und ich wünsche Lemna zurück.“

Die Kleinfee hatte weiter gedacht als wir alle. Matricaria erfüllte ihren Wunsch sofort.

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