Morgen früh um vier (ABC-Etüde)

Letzte Etüdenrunde musste ich passen, ich hatte zwar eine Etüde im Kopf, aber keine Ruhe sie aufzuschreiben, deshalb habe ich mir die Freiheit genommen, die Wortspenden von Frau Myriade( Teppich, gläsern, flattern) und Herrn Olpo Olponator (Katamaran, totschweigen, großspurig) in einer einzigen Etüde zu verarbeiten, ich hoffe die beiden sehen mir das nach.

Nachdem es anlässlich einer anderen Etüde bereits zu Missverständnissen kam, betone ich ausdrücklich: Die in dem Text vertretene Meinung zu den Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus ist NICHT meine eigene, wiewohl eine, mit der ich mehrmals täglich konfrontiert bin, wenn auch mit deutlich anderer Wortwahl. Und ich habe keine Schuppentür vernagelt, nicht mal in Gedanken.

Nachdem der Nestbewohner heil von der Flucht einmal quer durchs Coronaland zurückgekommen ist, habe ich mich lang mit der Herzensfreundin unterhalten, wie WIR das wohl mitten in der Pubertät gefunden hätten, den ganzen Tag unter Elternfittichen zu hocken und obendrein Hausaufgaben zu machen, Freundinnen nicht sehen zu dürfen, Hobbiys nicht machen zu dürfen.

Ich wäre übern Balkon abgehauen, sagt die Herzensfreundin.

Also.

Christiane, dir wie immer der Dank für die sorgsame Etüdenbereitung und das Bild Ich glaube, da wollen die Mädels hin.2020_1920_2_300-1

Stellt euch nicht so an. Es gibt doch Skype.

Mamamahnung, abgefuckte.

Skype! Warum nicht gleich Kreuzsticharbeiten. Begnügt ihr euch mit Instantgesprächen durch Glasfaserkabel. Merkt ja ohnehin nicht mehr,  wie leer ihr seid.

Wir brauchen zum Reden Zazies perlenden Schweiß, Genieferahs stinkende Salben, Küsse und den den Duft des Moderteppichs unter unseren Leibern.

Die Schuppentür mit dem Teppich dahinter hat Lenas Papa vernagelt wie in einem schlechten Film, so einem mit schwachsinnigen Mädchen, denen auf schnittigen Katamaranen Kleidchen um nackte Hintern flattern.

Solche Schnulzen erlaubt man uns jetzt – Ei-ei-Belohnung fürs Drinnendarben.

Zu eurem eigenen Schutz, hat Lenas Papa nach seiner Nagelei großspurig verkündet und du hast die Oma doch lieb.

Wir haben kein Corona, gar nix und mit Fieber würd ich zur Oma nicht gehen. Hab sie nämlich lieb, trotz der Geschichte, die Geniferah und ich mal geschrieben haben, die von dem Virus, das die Alten killt und den Jugendlichen ungeahnte Kräfte verleiht. Das war nämlich eine Geschichte. Dass sie Lenas Oma ins Heim gesperrt haben, ist keine Geschichte. Die darf jetzt niemanden mehr sehen. Von wegen dankbar, sterben will die Oma, sagt Lena, obwohl sie Skype hat im Zimmer. Und Zazie Papa vertrimmt ihre kleinen Geschwister, weil der keinen Nerv hat, wenn die eingekerkert wie wir mit Bällen auf den Bildschirm schießen.

Solche Folter nennen die Liebe und Verantwortung. Dass die Seele krepiert, wenn man sie abkocht, desinfiziert und in Folie verschweißt, das schweigen sie tot.

WhatsApp von Zazie, der Verschlagensten: Morgen früh um vier hinter dem Lidl und bringt eure Mundschutze mit, sonst kriegen sie uns gleich.

Morgen früh um vier werden wieder wieder beisammen sein, beisammen, hört ihr, das ist nämlich was anderes, als sich durch gläserne Maschinen anzustarren.

Einer wird und schon mitnehmen, sonst laufen wir.

Und habt keine Angst:

Wir halten Abstand.

Zu Euch.

Ich freue mich immer über Likes und Kommentare zu meinen Texten, muss aber darauf hinweisen, dass WordPress.com – ohne dass ich daran etwas ändern könnte — E-Mail und IP-Adresse der Kommentierenden mir mitteilt und die Daten speichert, verarbeitet und an den Spamerkennungsdienst Akismet sendet. Ich selbst nutze die erhobenen Daten nicht (näheres unter Impressum und Datenschutz). Sollte das Löschen eines Kommentars im Nachhinein gewünscht werden, bitte eine Mail an fundevogelnest@posteo.de, meistens werde ich es innerhalb von 48 Stunden schaffen dieser Bitte nachzukommen.

10 Gedanken zu “Morgen früh um vier (ABC-Etüde)

    • fundevogelnest Mai 15, 2020 / 12:24 pm

      Gerda, sind dir da ein paar Wörter abhanden gekommen?
      Ich verstehe den Kommentar so leider nicht, bezieht sich schade auf meine Meinung zu den Coronamaßnahmen oder darauf dass ich aus sechs Wörten nur eine Etüde zusammengeklopft bekommen habe ?

      Gefällt mir

  1. Olpo Olponator Mai 14, 2020 / 5:54 am

    Genial, gleich 6 Muß-Worte zusammen abzukochen, das spart Energie 😉
    Und sie haben nix von ihrer Elastizität eingebüßt.
    Das andere. Furchtbar und wahr.

    Gefällt 2 Personen

  2. Christiane Mai 14, 2020 / 8:54 am

    Du triffst den Nagel voll ins Gefühl. Wie so oft. Verdammt gut. Danke dafür.
    Liebe Grüße
    Christiane 😁🌞☕🍪👍

    Gefällt 1 Person

  3. stachelbeermond Mai 15, 2020 / 8:07 pm

    Ich muss gestehen, dass ich das Büro mit den Kollegen gerade sehr, sehr schätze.

    Gefällt mir

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.