Zuflucht — Julian und Cardámine 46

Für alle, die jetzt erst einsteigen: Hier fängt die Geschichte an und geht dann fortlaufend nummeriert weiter:

Die Wolkendecke riss auf, durch die Lücken schimmerte der zunehmende Viertelmond. Ewig hatten wir ihn nicht gesehen. Ich begrüßte ihn als Hoffnungsschimmer.

„Hüit-tik-tik-tik, hüit-tik-tik-tik“, verkündete der erste Gartenrotschwanz den nahenden Tag. Kein Teichzuschieber war zu sehen. Die Altfrau und der Mann mit der tiefen Stimme krochen zu uns ins Auto.

„Erstaunlich warm hier.“

Die Altfrau blies auf ihre klammen Finger.

„Endlich haben sie uns gehen lassen. Was die für Fragen hatten! Sie können sich wirklich überhaupt nicht an ihren Abstecher zu eurem Baum erinnern. Die angeforderte Verstärkung – acht Mann hoch – hatte das aber dank GPS festgestellt, was heutzutage mehr Glauben findet als eine menschliche Erinnerung, zumal die beiden sich nicht einmal erinnern konnten, die Verstärkung überhaupt angefordert zu haben“, sie kicherte ein wenig. „Ein Gutes hat es auf jeden Fall. Sie sperren jetzt alles zur Spurensicherung ab, ich kann mir nicht vorstellen, wie da heute mit Bauarbeiten begonnen werden sollte.“

„Ach Menno! Dann haben wir meinen zweiten Wunsch ja völlig umsonst verschwendet.“

Wer immer „Menno“ sein mochte, mir ging es wie der Retterin. Sollten wir bei dieser Rettungsmission niemals etwas Brauchbares zu Stande bekommen?

Der Junge Julian und die Retterin berichteten nun ausführlich von unseren Plänen und allem was zuvor geschehen war. Aethusa war es zu ausführlich.

„Das muss nicht erzählt werden“, maulte sie. „Diese beiden haben bisher rein gar nichts zur Rettung der Feeheit unternommen, warum sollten sie jetzt alles wissen dürfen?“

„Halte bitte endlich den Schnabel!“, fuhr die Altfrau ihr über den Mund. „Ich weiß nicht, was ich dir getan habe. Aber ich merke, dass hier ganz konkrete Bitten an mich gestellt werden. Die werde ich kaum erfüllen können, wenn ich nicht weiß, worum es sich dreht.“

So ließ sich Aethusa nicht behandeln.

„Coladose!“ blaffte sie und Filipendula riss der Geduldsfaden.

„Aethusa es reicht! Wenn du nicht an unserer Rettung mitwirken magst, fliege bitte zu Matricaria.“

„Du bildest dir wohl ein, hier die Altfee spielen zu können. Gib es zu, du hast doch nur auf Ortigas Tod gelauert. Kaum ist es soweit, fängst du mit so einer Menschenschleimkacke an wie Cardámine!“

Filipendula wurde fahl wie der Regenmorgenhimmel. Gleich weint sie, dachte ich. Der empfindsamen Anemona liefen die Tränen schon über die Wangen. Schmerzlicher war es, Aethusa schluchzen zu hören, immer hatte ich gedacht, sie und Tränen schlössen einander aus

„Das arme Ding“, sagte die Frau Imke. „Völlig durcheinander, durch all diese schrecklichen Ereignisse.“

„Spar dir dein verlogenes Menschenmitleid!“

Treffsicher spuckte Aethusa der Frau Imke ins Gesicht.

„Rosa, ich wünsche bei Ortiga zu sein.“

Still erfüllte Rosa diesen Wunsch und ließ sich von Filipendula gleich hinterher senden.

„Die sind wir los“, sagte die Altrau und versprach uns den Teichmörder zu suchen. „Aber stellt euch das nicht zu einfach vor. Solche Beschlüsse trifft in der Regel nicht einer allein. So eine Idee entsteht in irgendeinem Ausschuss und wird dann in der Stadtverordnetenversammlung oder im Kreistag abgestimmt. Ich weiß nicht, ob es gelingt eine Einzelperson zu finden, die die Macht hat, so einen Beschluss umzuschmeißen.“

„Menno!“, sagte die Retterin wieder.

„Ich wäre dafür, erst einmal den heutigen Tag abzuwarten. Ich vermute, durch euren Wunsch und die Polizeiabsperrungen, haben wir erst mal bis Montag Luft.“

„Wenn sich das Unheil am Ende gar nicht abwenden ließe, würde ich Ihnen, werte Damen Feen, gerne einen Vorschlag unterbreiten.“

Die tiefe Stimme ließ uns alle zusammenzucken. Der Mann hatte lange geschwiegen, nicht nur ich hatte ihn vollkommen vergessen. Männerstimmen erschrecken mich oft, sie sind so tief. Außerdem sind Männer Feen noch fremder als Frauen, denn bei uns gibt es kein zweites Geschlecht.

„Falls Ihnen diese Gegend nun geraubt werden sollte“, fuhr er fort. „Möchte ich Ihnen meine dreitausend Quadratmeter Garten als Zuflucht anbieten. Wir gärtnern streng ökologisch, haben einige alte Bäume und an der Rückseite unseres Grundstücks fließt die Helster Au. Schon lange spiele ich mit dem Gedanken, einen kleinen, von ihrem Wasser gespeisten Biotop anzulegen. Ich wage zu behaupten, meine Frau Imke wäre nicht nur einverstanden, sondern auch bereit, selbst mit Hand anzulegen.“

Die Frau zog eine Grimasse.

„Wenn sie nicht dauernd dieses Niespulver verströmen.“

Filipendula grinste: „Das machen wir nur, wenn wir Wünsche erfüllen. Das übernehmt ihr in diesem Fall.“

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