Glitzerschleim– Julian und Cardámine 47

Beim Durchsehen der Feengeschichte blieb ich immer wieder an Dennis hängen. Wie konnte ich den Kleinen Fundevogel damals schon kennen? Ich schrieb die Geschichte Jahre vor seiner Geburt und er hat in seiner hitzigen Art, mit seinen auf kurzfristigen Vorteil bedachten Handlungsweisen, aber auch mit der charmanten Bequatscherei so viel von diesem Jungen. Seit unserer wilden Haarschneidemaschinenaktion sehen sie sich sogar noch ähnlicher. Das Gute ist, ich habe Dennis schreibend sehr, sehr lieb gewonnen und er ist auch noch für einige Überraschungen gut.

Eigentlich dürfen in Hamburg ab Montag die Fünf-und Sechsjährigen wieder in die Kindertagesstätten gehen und ich dachte schon die Geschichte sei länger als die Schließzeit. Aber für so Kaliber wie Dennis und den Kleinen Fundevogel gelten eigene Regeln.


Für alle, die jetzt erst einsteigen: Hier fängt die Geschichte an und geht dann fortlaufend nummeriert weiter:

Drei Stecknadeln lagen auf Dennis triumphal vorgestreckter Hand. Oder waren es Nägel? Tamino wollte gerade fragen, was daran um Himmels Willen so megacool sein sollte, als er begriff.

„Was soll das? Die Minifee hatte doch ausdrücklich nach den Zauberstäben gefragt.“

Tamino fragte sich zum hundertsten Male, warum der liebenswerte Julian sich ausgerechnet mit Dennis angefreundet hatte, diesem ungeschlachten Riesen, der Schwächere in Müllcontainer sperrte und hilflose Feen bestahl. Dennis’ Grinsen widerte ihn an.

„Schätze, ich habe die Schnauze voll von diesen Miniweibern, die nutzen uns nur aus. Jetzt sind wir mal dran.“

Bei welcher Gelegenheit waren die Feen „dran“ gewesen? Ihre Heimat würde morgen zerstört werden, ein paar von ihnen waren versteinert oder eingefroren worden. Eine andere war verschollen. Sie war zwar recht garstig zu ihnen gewesen, aber das musste ja nicht heißen, dass die anderen Feen sie nicht lieb hatten. So patzig wie möglich sagte Tamino: „Glaubst du ernsthaft zaubern zu können, nur weil du Feen ihre Zauberstäbe stiehlst?“

„Stehlen? Tamino, mach’ mal halblang. Das ist nicht gestohlen, das ist allenfalls … in Obhut genommen, damit die Dinger nicht wegkommen. Verstehst du Kleiner?“

Ja, er verstand, Dennis hatte wenigstens ein bisschen schlechtes Gewissen.

„Nun wollen wir das Ganze mal ausprobieren.“
„Das ist nicht recht.“

„Recht! Schwülstiger geht es nicht. Hörst dich an wie dein Vater. Merkt doch keiner. Außerdem: Wer sagt denn, dass wir mit ein bisschen Hokuspokus den blauen Weibern nicht sogar aus der Patsche helfen können?“

Glaubte Dennis wirklich Tamino würde auf so eine Masche reinfallen?

„Du solltest die Stäbe lieber der kleinen Fee überreichen“, sagte er. Wohin war sie bloß geflogen? Seit Vater in der Küche aufgetaucht war, hatte er sie nicht mehr gesehen. Pamina auch nicht. In Taminos Mund wurde es pelzig. Bis eben hatte er gedacht, Pamina wäre Vater unbemerkt gefolgt, von Neugier gekniffen wie Dennis. Deswegen hatte er auch Mutters Aufgeregtheit nicht ernst genommen. Aber wenn eine Fee dahinter steckte? Wenn die Hassfee, bösartiger als die dreizehnte Dornröschenfee, ihre Todesdrohungen wahr gemacht hatte? Plötzlich konnte er einem Zauberstabversuch zustimmen, mochte er nun unrecht sein oder nicht.

Wie ein Zauberkünstler ohne Zylinder stellte Dennis sich in Pose, schwenkte alle drei Stäbe auf einmal und trompetete: „Hokuspokus Fidibus. Drei Mal Schwarzer Kater. Pamina soll auf der Stelle wieder hier sein. Abrakadabra. Simsalabim!“

Er konnte nicht allen Ernstes mit einem Ergebnis dieses Theaters rechnen. Tamino hatte schon die Lippen zum spöttischen Grinsen verzogen, als Dennis Schmerzensschrei ihn zusammenzucken ließ. Glühend fielen die Stäbe auf die Fliesen und lösten sich auf.

Dennis hatte gezaubert.

Das Ergebnis war nicht das Erwünschte: An Daumen, Zeige-und Mittelfinger seiner rechten Hand klebte golden glitzernder Schleim, fast als habe er beim Lackieren der Weihnachtsdekorationen geschmiert. Tamino reichte ihm eine Weihnachtspapierserviette aus dem unerschöpflichen Vorrat. Bald war sie goldverschmiert. Drei Packungen später war der Goldbrei an Dennis’ Hand noch nicht versiegt. Hektisch rieb er die Hand an Jeans und T-Shirt, was keinerlei Veränderungen an der Hand bewirkte. An der Kleidung schon. Die Waschbecken und Handtücher des Schröterhauses glichen bald einem Prinzessinnenpuppenhaus aus dem Spielzeugkatalog.

„Abgewichste Mistviecher!“

Dennis flennte. Tamino gab sein Bestes nicht allzu schadenfroh auszusehen.

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