Letzter Wunsch — Julian und Cardámine 48

Heute wird es dramatisch.


Für alle, die jetzt erst einsteigen: Hier fängt die Geschichte an und geht dann fortlaufend nummeriert weiter:

Die Sterne verblassten. Rosa und orange Schlieren kündeten die Sonne an, bis sie gemessen wie eine Königin über dem gezackten Dächerhorizont emporstieg. Es war ein gigantischer Anblick. Den Regenumhang der vergangen Wochen hatte die Himmelskönigin von sich geworfen. Der prächtige Feuerball spiegelte sich in den Riesenpfützen, die Schulhof und Feenland bedeckten. Auf Jos Schoß hielt Julian den Atem an, überwältigt von soviel Schönheit. Seit Stunden sangen die Vögel, wie um der Sonne einen würdigen Empfang am Feenteich zu bereiten. Nichts ahnten sie von Zuschütten, Zerstören und Absägen, deshalb musste Julian fast weinen über ihren Gesang.

Neun Polizeifahrzeuge standen auf der Wiese. Mindestens dreißig Beamte wuselten herum, platschten durch Pfützen und spannten rot-weißes Plastikflatterband von Baum zu Baum.

Von ihrem Publikum ahnten sie nichts. Die Schulhofhecke verbarg Mensch, Fee und Hund. Das Auto hatte Jo zwei Straßen weiter geparkt, nachdem sie kurz im Joromo gewesen war, um Jacken, Decken und warmen Tee zu holen. Julian hatte sie unter der Dusche wieder aufgetaut und rasch von den schlimmsten Schlammspuren befreit. Die Feen nippten aus einem flachen Plastikdeckel. Sie hatten noch nie etwas Heißes getrunken und waren begeistert. Dennis und sämtliche Schröterkinder hatten sich eingefunden. Othello hatte so ausdauernd nach seiner Mami geschrien, dass die Zwillinge den Schlüssel rausgerückt und sich mit dem Buggy auf zum Feenteich gemacht hatten. Bis auf den Kleinen hatten alle, die aus dem Schröterhaus kamen, ihre Kleidung mit irgendeinem komischen Glitzerschleim eingesaut. Dennis rechte Hand steckte in seiner Hosentasche wie angetackert. Da war bestimmt etwas faul, Filipendula und Imke hatten schon höchst fragend die Stirnen gerunzelt. Doch niemand hatte Zeit und Gedanken frei, um sich um Dennis’ Sorgen zu kümmern.

Ein LKW bog von der Schulstraße ab und rumpelte auf die überflutete Wiese. Drei Polizisten liefen darauf zu. Es gab einen Streit, den auf der Schulhofbank nur die Feen verstehen konnten. Es wurde reichlich mit Papieren gewedelt, mit Handys und Funkgeräten hantiert. Der LKW-Fahrer stieg aus. Sein hochroter Kopf hätte Dennis alle Ehre gemacht

„Das wird ein Nachspiel haben!“, brüllte er, für jedes Menschenohr bestens zu verstehen. Nachdem er lange in sein Handy krakeelt hatte, gelang es den Polizisten, ihn wieder zum Einsteigen zu bewegen, dann lotsten sie ihn genau unter die Feenerle. Hinter der Hecke hielten sie den Atem an. Der Lastwagen wendete, die Räder drehten durch. Der Fahrer riss wieder die Tür auf.

„Sehen Sie, Sie Beamtenklotzkopp, ich hab gesagt, das ist hier zu matschig.“

Nach ein paar vergeblichen Versuchen das Fahrzeug wieder flott zu kriegen, stiegen zwei der drei Männer aus, um von hinten zu schieben. Einer blieb mit seinen Gummistiefeln im Matsch stecken, schnaubend tappte er auf Stümpfen um sie herum. Alle kicherten hinter vorgehaltener Hand. Nur Julian tat der Mann leid, zu frisch war seine Erinnerung an dieses demütigende Gefühl.

Dann wirkte Paminas Wunsch.

Der Laster und die beiden Männer versanken im aufgeweichten Boden, als habe das Uralte Gesetz eine unsichtbare Falltür geöffnet. Die schiebenden Männer steckten im Nu bis zur Brust fest. Die Räder des Autos waren nicht mehr zu sehen. Es sank langsam, aber unaufhaltsam. Bald würde der Schlamm in die Fahrerkabine dringen. Die Polizisten eilten den Bauarbeitern zu Hilfe und versanken gnadenlos. Julian zitterte, während die Männer mit der gleichen Verzweiflung schrien, mit der Pamina um ihr Leben gebrüllt hatte.

„Oh Sonne“, piepste Cardámine, ihr Stimmchen überschlug sich fast. „Das haben wir nicht gewollt!“

Nein, bestimmt nicht. Niemand durfte so schreien, in so unmenschlicher Angst. Neben Julian sprinteten Wolfgang und Imke los, hilfsbereit wie immer.

„Nein!“, jetzt kam doch ein schriller Ton aus seinem Mund, die beiden durften nicht im Schlamm versinken. Neben ihm kreischten Tamino und die Zwillinge: „Vater! Mutter! Bleibt hier!“

Die Schrötereltern hörten nicht auf ihre Kinder, Wolfgang riss einen Ast aus dem nächsten Gebüsch und reichte ihn flach auf dem Bauch liegend einem verzweifelt um sich schlagenden Polizisten. Ein anderer Beamter war auf die gleiche Idee gekommen und hatte eine Leiter aus dem Polizeibus geholt, die er der Länge nach auf das nachgebende Erdreich legte, seinem Kollegen gelang es, sich daran zu klammern. Die Bauarbeiter hatten keine Hand zum Greifen mehr frei, sie schrien nicht mehr, sondern wimmerten nur noch.

Julian liefen die Tränen in Sturzbächen über die Wangen. Er wollte wegrennen und konnte doch seine Augen nicht abwenden. Der Sumpf weitete sich immer weiter aus. Imke stand bis zu den Knien im Schlamm, entsetzt versuchte sie ihre Füße frei zu bekommen. Die Leiter des Polizisten versank im Grund. Trotzdem klammerte sich er mit einer Hand weiter daran, die andere hatte er in das schüttere Haar des wimmernden Bauarbeiters gekrallt und versucht so dessen Kopf an der Oberfläche zu halten. Neben Julian übergab sich Desdemona.

„Komm‘ her! Auf der Stelle!“, kreischte Jo in ihr Handy.

Plötzlich füllte sich die Luft mit Dröhnen. Drei Hubschrauber senkten sich vom strahlenden Morgenhimmel herab. Gnädig übertönten sie die verzweifelten Schreie. Blätter wurden durch die Luft gewirbelt.

„Ich wünsche, dass es Vater gelingt, sich und all diesen Männern das Leben zu retten.“

Keine Fee zückte ihren Stab. Keine außer Cardámine blickte Pamina an. Cardámine sagte etwas, das beim Lärm der landenden Hubschrauber nicht zu verstehen war. Die Windböen der Rotoren wirbelten die kleinen Feenleiber durch die Luft, selbst für Menschen war es schwierig aufrecht stehen zu bleiben. Othello brüllte in Isabellas Armen. Kaiser kläffte sich beinahe um den Verstand.

Trotzdem war Pamina deutlich zu hören.

„Es ist mein dritter Wunsch. Ich habe ein Recht darauf.“

„Ortiga verzeih mir. Es sei.“

Julian konnte in dem Durcheinander nicht ausmachen welche Fee gesprochen hatte.

Pollen stäubte. Der letzte Wunsch war vertan.

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