Wasserlache — Julian und Cardámine 51

Heute trafen der Kleine Fundevogel und ich an dem Bach, der in die Feenwasser fließt, zwei Kindergärtnerinnen, die mit allerlei Stofftieren und Figuren für ihre zu Hause weilenden Kitakinder einen Film mit ihren Handys drehten. Feen waren auch dabei.


Für alle, die jetzt erst einsteigen: Hier fängt die Geschichte an und geht dann fortlaufend nummeriert weiter:

Erschöpft kauerten wir bei Ortigas Leichnam. Filipendula weinte vor Verzweiflung. Sie hatte versucht, den Zauber zu sprechen, der Ortigas Geist den Wassern zurückgeben sollte. Das musste geschehen, wenn eine Feenartige starb. Leider hatte Ortiga uns nicht gelehrt, wie es ging. Ich hatte zugesehen, wie sie damals Angélica den Wassern übergeben hatte. Während der letzten Starrmonde hatte eine Lungenentzündung diese ewig kränkelnde Fee dahingerafft. Sogar über den paar Resten, die eine Katze von Jasione übergelassen hatte, hatte Ortiga die magische Formel gesprochen. Beide Male hatte sie mehrere Anläufe gebraucht bis die komplizierten magischen Bewegungen und Worte gelungen waren. Wahrscheinlich deshalb hatte sie die Totenriten an keine von uns weitergegeben.

Meine Augen brannten. Mit Ortiga hatten wir das letzte Bindeglied zu einer Zeit verloren, in der es Teiche und Feen im Übermaß gegeben hatte.

„Im Sommer flogen wir von Teich zu Teich und das Tanzen nahm kein Ende. In den letzten Jahren bin ich von Horizont zu Horizont geflogen ohne je eine Feenwasser zu erblickt zu haben.“

Ortigas Worte. Sie war wahrscheinlich die jüngste und unerfahrenste Altfee seit Feengedenken gewesen. Nun waren ihre kläglichen Wissensfetzen dahin und ich hatte die Feenwasser der endgültigen Vernichtung überlassen. Die Schuld lag in mir wie ein Stein, aber ich hatte nicht anders handeln können.

Matricaria entfaltete ihre Flügel.

„Wasser nehmt unsere Schwester zurück“, sprach sie, und sah auf einmal uralt aus. „Nehmt sie zurück. Gebt ihren Leib und ihren Geist unseren Larven zur Nahrung, auf dass Ortigas Stärke und Klugheit in ihnen auferstehe.“

Filipendula hatte dieselben Worte gesprochen, aber Matricarias Flügelwiegen und ihre Drehungen sahen ungleich gekonnter aus. Jetzt sang sie weiche Worte in einer unbekannten Sprache, die sanfter klang, als alles was ich jemals vernommen hatte. Ewig hätte ich Matricaria zuhören und süße Tränen

vergießen können. Tränen, die den unsagbaren Klumpen Schmerz behutsam aufweichen und davonspülen würden. Während ich lauschte, fühlte ich mich Ortiga nah. Trotz des Verrats, den sie an mir begangen hatte. Trotz des Verrats, den ich an ihr begangen hatte.

Matricarias Gesang verebbte, Ortiga wurde vor unseren Augen zu einer Wasserlache, die durch das Bodengeflecht des Kobels hinaus in den morgendlichen Sonnenschein sickerte. Dieses Kunststück hatte Ortiga an keiner unserer Toten vollbracht. Nur ein paar glitzernde Tropfen blieben von ihr, wie Tau auf den Blättern.

Alles war still, die Vögel schwiegen, die aufregten Menschenstimmen erreichten uns nicht.

„Du wirst unsere Altfee sein“, sagte Filipendula. Matricaria widersprach ihr nicht.

Ich stürzte zum Einflugloch hinaus. Kein Feenwort konnte ich jetzt ertragen. Ich glaubte nicht, dass ich – die ungehorsame Verräterin – je zu Matricarias Schwarm gehören würde. Ich krabbelte in unseren Kobel, streifte das harte Menschenkleid ab und schlüpfte in ein eigenes, selbstgesponnen und gewebt aus weicher Rohrkolbensaat.

Ich wollte fliegen, weit fliegen, in großen Bögen über die Feenwasser rasen, schneller, immer schneller, frische Luft atmen, Sonne auf der Haut spüren. Kaum hatte ich die Nase aus dem Einflugloch gesteckt, zog ich sie wieder zurück, wie eine Schnecke, die eins auf die Fühler bekommen hatte.

Ich hatte die Menschen vergessen. Inzwischen waren es mehr, als ein Frosch Eier legen konnte. Dicht geballt drängten sie sich hinter einem rot-weißen Band, das sie etwa in der Höhe ihrer Hüften von der Feenwasser und dem nassen Grab des Teichmörderautos trennte. Obwohl das Band schmal war, schienen sie es nicht überwinden zu können. Es musste ein Bann darauf liegen. Ganz vorn stand die Altfrau Jo, neben ihr dieser unsympathische glatte schwarze Mann, den sie heute Morgen mit der Sprechfrucht herbeigezaubert hatte.

Kein Mensch sollte mich erblicken, also war nichts mit Fliegen. Stattdessen glitt ich zwischen die Binsen auf der anderen Seite der Feenwasser und ließ mich von der Sonne bescheinen. Angenehm und deshalb kaum zu ertragen.

Erstaunt witterte ich eine andere Fee. Es war Aethusa, sie hockte nur ein paar Menschenschritte von mir entfernt und starrte in das Wasser, in dem Ortiga jetzt floss. Stumm nickten wir uns zu. Ein Hauch von Einverständnis flirrte zwischen uns.

Ich freue mich immer über Likes und Kommentare zu meinen Texten, muss aber darauf hinweisen, dass WordPress.com – ohne dass ich daran etwas ändern könnte — E-Mail und IP-Adresse der Kommentierenden mir mitteilt und die Daten speichert, verarbeitet und an den Spamerkennungsdienst Akismet sendet. Ich selbst nutze die erhobenen Daten nicht (näheres unter Impressum und Datenschutz). Sollte das Löschen eines Kommentars im Nachhinein gewünscht werden, bitte eine Mail an fundevogelnest@posteo.de, meistens werde ich es innerhalb von 48 Stunden schaffen dieser Bitte nachzukommen.

3 Gedanken zu “Wasserlache — Julian und Cardámine 51

    • stachelbeermond Mai 19, 2020 / 9:22 pm

      Sehr, sehr kluge Gedanken. Ab jetzt werde ich das Band mit neuen Gedanken in den Händen halten.

      Gefällt mir

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.