Sondersendung — Julian und Cardámine 54

Für alle, die jetzt erst einsteigen: Hier fängt die Geschichte an und geht dann fortlaufend nummeriert weiter:

Julian war gefangen und versank vermutlich gerade im Schlamm. Seine Arme und Beine ließen sich kaum noch bewegen. Eine weiche Masse drückte ihm auf Nase und Mund.

„Nein“, keuchte er. „Nein, nein.“

„Julian, erwache.“

Was für ein Glück, die Stimme des einzigen Menschen auf der Welt, der Leute aus feengezauberten Treibsand ziehen konnte.

„Erwache!“

Jeder andere hätte „Aufwachen“ gesagt oder „Guten Morgen“, dachte Julian, während er feststellte, dass er nicht im Schlamm, sondern in Taminos Schlafsack steckte. Draußen war es immer noch hell.

„Julian, deine Mutter wird in einer halben Stunde im öffentlichen Fernsehprogramm auftreten. Da uns die Reparatur des gefunden Apparates nicht zufriedenstellend gelungen ist, würden wir gern von eurem Gebrauch machen.“

Jo im Fernsehen? Das hatte es noch nie gegeben.

Es war komisch mit der ganze Familie Schröter im Joromo einzutreffen. Imke und Wolfgang waren letztes Jahr zu Jos Geburtstagsfeier hiergewesen, Othello hatten sie mitgebracht, weil er damals noch am Imkes Brust getrunken hatte. Isabella und Desdemona waren noch nie hier gewesen. Wozu auch? Tamino und Pamina waren am 29.Oktober die einzigen Gäste auf Julians eigener Geburtstagsfeier gewesen. Die Freundschaft zu Dennis und den Hammeln hatte Cardámine ihm ja erst vor fünf Tagen beschert. Wie ein Anflug von Übelkeit streifte ihn der Gedanke, dass Dennis bald wissen würde, wie diese Freundschaft begonnen hatte.

Musste er als Gastgeber Kaffee kochen? Noch nie hatte er alleine Erwachsene in der Wohnung empfangen, Kaffee hatte er auch noch nicht gemacht. Der einzige Sender, den er am Fernseher einzuschalten wusste, war der Kinderkanal. Der Tüftler Wolfgang fand das richtige Programm zum Glück alleine.

Mo schrie im Hintergrund unablässig: „Julian! Liebster Julian! Wo bleibt mein Gefährte? Ich bin soo allein. Jo streichelt mich nie. Gurke! Gurke! Wer sind diese komischen Leute? Meine Gurke! Mein Gefährte!“

„Meine Kleine, ich komme gleich. Ich habe noch keinen Gefährten für dich. Es sind furchtbare Sachen passiert, das kannst du dir nicht vorstellen! Aber wenn du möchtest, kannst du dir gleich Jo im Fernsehen angucken.“

Wolfgang griente. Wahrscheinlich denkt er, ich habe viel Fantasie, dachte Julian, heilfroh, eine große Schlangengurke im ansonsten fast leeren Kühlschrank gefunden zu haben.

„Für mich quiekt sie ganz normal“, sagte Tamino. „Schon seltsam, dass du das jetzt verstehen kannst.“

„Die Macht der Feen ist unermesslich.“

Ganz feierlich sprach Pamina, am letzten Wochenende hatte sie Julians noch gehänselt, weil er rein im Spaß über Feen gesprochen hatte.

„Es geht los“, rief Imke ins Kinderzimmer. Mo mümmelte auf Julians Schoß ungerührt ihre Gurke. Alle anderen starrten auf dem Bildschirm in das Matschloch, in dem das Bauarbeiterauto versunken war.

„Mehrere Versuche einen Mobilkran zur Unglücksstelle zu bringen sind gescheitert“, sagte eine Frauenstimme, dazu wurde ein bedenklich schräg stehender Kran gezeigt. „Bislang fehlt jede naturwissenschaftliche Erklärung für dieses Ereignis. Es grenzt an ein Wunder, dass das Phänomen keine Todesopfer forderte.“

Jetzt erschienen die unscharfen Bilder, die Jo mit ihrem Handy gemacht hatte. Julian starrte auf die emsig nagende Mo. Nicht mal im Fernsehen wollte er dieses Grauen noch einmal sehen.

„Warum gucken, die mich alle so an?“ fragte Mo alarmiert. Wie erwischt drehte die gesamte Schröterfamilie ihre Köpfe wieder zum Fernseher.

„Nee Leute, so was habt ihr noch nicht mitgemacht. Rudi, habe ich gedacht, Rudi, Alter mit dir geht es zu Ende. Aber diesem bärtigen Typ ist es ja zum Glück gelungen, mich rauszuziehen.“

Ganz bedächtig sprach der Mann, der vor ein paar Stunden noch schrill um sein Leben geschrien hatte.

„Rudolf Theißen, Phänomen-Opfer“, stand in weißer Schrift unter Rudis Gesicht. Verwackelt sah man jetzt Wolfgangs Hinterseite beim Rudirausziehen. Das Phänomen-Opfer verschwand und „Johanna Martens, Augenzeugin“ erschien. Sie sah müde aus. Doch hatte sie vor ihrem Fernsehauftritt offensichtlich geduscht, sich umgezogen und ziemlich stark geschminkt, wie sie es sonst nur für Konferenzen tat. Sie sprach auch nicht normal wie Rudolf Theißen, sondern richtig konferenzig, in langen Sätzen mit ungebräuchlichen Wörtern: „Für mich ist dieses erschreckende Ereignis ein eindeutiges Indiz für den sich abzeichnenden Klimawandel, niemals zuvor habe ich mit eigenen Augen gesehen, wie grausam die Rache der Natur sein kann. Wir sollten daraus umgehend Konsequenzen ziehen. Die einzige existierende Freifläche in unserem Viertel, muss unverzüglich …“

„Frau Martens, entschuldigen Sie die Unterbrechung, aber wegen aktueller Entwicklungen schalten wir noch mal life zum Ort des Geschehens.“

Wieder schwenkte die Kamera zum Feenteich. Man sah ihn allerdings kaum, weil Scharen von Menschen auf der Wiese herumtrampelten.

„Frau Martens, wie Sie sehen, stehen Sie mit ihren Ansichten nicht allein da“, sagte die Fernsehstimme.

Jetzt konnte man Rufe hören: „Wir protestieren, gegen’s Betonieren!“

Eilig angefertigte Spruchbänder waren zu sehen:

„Libellen statt Leistungssport,

Zuschütten ist Tümpelmord!“

Die blaue Fahne mit dem Bild der Erdkugel kannte Julian von der Teichwiesenbesetzung. Daneben prangte eine rote Sonne auf gelben Grund „Atomkraft – Nein danke“, nicht ganz passend, aber wunderhübsch vor dem knallblauen Himmel.

„Die Telefonleitungen der zuständigen Behörden sind vollkommen überlastet, Bürger und Bürgerinnen überschütten die Beamten mit Petitionen zum Erhalt dieses bis dato vollkommen unbekannten Teichs“, der Fernsehstimme blieb fast die Luft weg. „Gerade hören wir aus dem Bundesumweltministerium, ihr Server sei unter einer bisher nicht gekannten Flut von E-Mails zusammengebrochen. Es wird inständig gebeten vom Senden weiterer Mails abzusehen. Das Problem sei dem Ministerium bekannt, die Sorgen der Bürger würden ernst genommen.

Kann man sich auf diese Zusicherungen verlassen? Um das in Erfahrung zu bringen, begrüße ich jetzt den Herrn Staatssekretär Schult in unserer Sondersendung: Herr Schult, danke, dass Sie sich trotz der sich überstürzenden Ereignisse Zeit für unsere Zuschauer nehmen.“

Der Kopf oberhalb des weißen Schriftzuges „Martin Schult, Staatssekretär im Bundesumweltministerium“ versicherte, dass ihm die Aufklärung der Bevölkerung natürlich sehr am Herzen liege, er andererseits aber nicht recht nachvollziehen könne, was da in Norddeutschland eigentlich los sei.

Abgesehen von dem Einsinkphänomen biete dieses kleine Gewässer nichts Besonderes, keine seltene Tierart, keine vom Aussterben bedrohte Pflanze, keinen Freizeitwert – rein gar nichts.

„Dieser Protest ist selber ein Phänomen“, sagte er.

„Wie wird es weitergehen?“, fragte die Fernsehstimme. Martin Schult erklärte sich für überfragt.

„Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass nach dem Einsinkphänomen und den nie gesehenen Bürgerprotesten diese ziemlich unwichtige Sportanlage gebaut werden wird.“

„Lob und Preis“, rief Wolfgang Schröter, während die anderen sich trotz Mos Protestgequieke jubelnd in den Armen lagen.

„Lasst uns den Widerstand vergrößern“.

Wolfgang sprang auf, alle wollten sofort zum Feenteich. Während sie schon ihre Schuhe anzogen, erhaschte Julian noch einen Blick auf Jo, die vor Freude zu leuchten schien. Dann erwähnte die Sprecherin, dass Jo, bevor sie zur Augenzeugin des Phänomens wurde, eine erhebliche Menge Kokain gefunden hatte. Noch gäbe es keine heiße Spur, man fahnde dringend nach einer Person, die in den vergangenen Tagen in der Nähe des Teiches eine größere Menge Müll illegal abgeladen habe. Wer diesbezüglich etwas beobachtet habe, solle sich bitte unverzüglich mit der Polizei …“

„Der Mann mit dem Fernseher“, sagte Tamino.

„Ein orangefarbener VW-Golf“, sagte Julian.

„HH-MB 492“, sagte Pamina.

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