Bier — Julian und Cardámine 55

Für alle, die jetzt erst einsteigen: Hier fängt die Geschichte an und geht dann fortlaufend nummeriert weiter:

Herr Börner wachte auf. Sein Schädel brummte, als sei er zusammen mit seiner verlorenen Karre in der Schrottpresse gewesen. Krampfhaft versuchte er sich zu erinnern, wieso er nicht nur in all’ seinen Klamotten, sondern auch mit völlig verschlammten Turnschuhen an den Füßen eingeschlafen war. Mit welchem seiner Kumpel hatte er gezecht? Und warum um Himmels Willen lag Dennis‘ Mountainbike in der nicht mehr genutzten Hälfte des Ehebetts?

„Dennis!“, brüllte er. „Dennis, du hornochsiger Bursche, wo steckst du denn?“

Mühsam wälzte er sich aus dem Bett, seine Füße waren geschwollen und wabbelig wie Schaumgummi. Der Fernseher war aus, ohne hinzusehen schaltete er ihn ein. Dennis‘ Bett war leer. Wie spät war es? Seine schlammverschmierte Armbanduhr meinte 17.15 Uhr.

Schule war also aus, Hort irgendwie auch, außerdem durfte der Bursche da nicht mehr hin. Bestimmt steckte er bei diesem verrückten Müllsammler, der so geschwollen daherredete. Als Vater musste er aufpassen, nicht dass der Junge noch wunderlich wurde. Später würde er da mal anrufen und durchgreifen. Jetzt erstmal ein Bierchen. Der Postbote hatte sich angewöhnt, die tägliche „Radio Gut Drauf“ -Ration auf der Fußmatte abzustellen.

„Pfuiäch!“

Im hohen Bogen spie Herr Börner den ersten Schluck über den vollgestellten Couchtisch. In diese Bierdose hatte eindeutig jemand Pipi gefüllt. Wer wollte ihn vergiften?

„Dennis, wenn das mal wieder einer deiner Scherze war, gibt es Dresche.“

Die nächste Büchse nahm Herr Börner vor dem Öffnen argwöhnisch in Augenschein. Keine Manipulationsspuren, Pipi war trotzdem drin. In der dritten und vierten Dose auch, auf Kostproben aus der fünften und sechsten verzichtete Herr Börner. Er verfluchte „Radio Gut Drauf“ und genehmigte sich ein Gläschen Wodka.

„Pfuiäch!“

Das grenzte an Sabotage. Völlig entnervt spritzte er sich ein paar Tropfen Wasser ins Gesicht, fuhr sich zweimal mit dem Kamm über die Zotteln und ging zu „Oma Kuddel“, um etwas Trinkbares zu organisieren.

„Moin, Frank. Hast dich ja eine halbe Ewigkeit nicht mehr blicken lassen.“

Er brummte etwas Zustimmendes. Die Geschichte von „Radio Gut Drauf“ und dem Freibier würde er ihr erzählen, wenn sein Schädel nicht mehr ganz so dröhnte.

„Ein Bier?“

„Was sonst?“

„Frank, hast du gehört was an der Schule abgeht? In der Nacht sind da fast ein paar Mann abgesoffen. Guck mal. Ist sogar im Fernsehen. Ist ja auch ein Ding, den einzigen Teich hier zuzuschütten. Irgendein Stückchen heiles Land müssen sie uns doch lassen. Gerade heutzutage mit diesem Klimakram und so. Dein Jung‘ will ja vielleicht auch noch wissen wie ein Frosch ausschaut.“

Oma Kuddel, ein Öko? Das war neu.

„Drogen haben sie auch noch gefunden. Ist echt wahr. Guck‘ mal, ist im Fernsehen.“

Tatsache, da war der Teich, genau die Stelle an der er seine Karre gegen den Baum gesetzt hatte. Wenn da mal nicht diese Mistfeen ihre Pfoten im Spiel hatten. Davon wollte er Oma Kuddel lieber nichts erzählen, sonst rief die noch die Männer in den weißen Anzügen

„Pfuiäch!“

„Sag mal, Frank, hast du sie noch alle?“

Er hatte ihr direkt ins Gesicht gespuckt. Selber Schuld, wenn sie in ihr Bier pinkelte.

„Da ist Pisse drin!“

„Quatsch nicht!“

„Probier selbst.“

Ohne mit der Wimper zu zucken, trank sie das ekelhafte Gebräu.

„Schmeckt wie immer. Also Frank, erst diese Geschichte mit deinem Auto und nun so was. Pass bloß auf, sonst stecken sie dich noch in die Klappse!“

Wusste er es doch.

Verlegen guckte er in den Fernseher. Da war Jo. Gut aussehend und studiert redend wie immer. Das erinnerte ihn an etwas. Aber an was? Er musste sich einfach erinnern, nur wie sollte ihm das ohne Bierchen gelingen?

Wenigstens wollte Oma Kuddel kein Geld für das Pipibier. Sie spendierte ihm sogar einen Kaffee. Einen Kaffee, der nach Kaffee schmeckte.

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2 Gedanken zu “Bier — Julian und Cardámine 55

  1. Katharina Mai 22, 2020 / 8:57 pm

    Das mit dem Bier ist eine wirklich fantastische Idee. 🙂 Ich mag die Details und Exkurse deine Geschichte besonders gerne.

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    • fundevogelnest Mai 23, 2020 / 11:42 pm

      Danke. Das macht mir am Fantasyschreiben besonders Spaß: Man ändert ein Detail der realen Welt und denkt sich dann in sämtliche Auswirkungen rein.
      Fantasy , die auschließlich in ausgedachten, geschlossenen Welten (wie Tolkiens Mittelerde) spielt, reizt mich sehr vielweniger, als „Gefundenes“ und „erfundenes“ aufeinander prallen zu lassen.

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