Proviant — Julian und Cardámine 56

„Wir sollten nachsichtig miteinander sein, das Leben ist beschissen genug“, mit dem Satz habe ich heute eine Kollegin verärgert, die von mir wollte, dass ich Patienteneltern wegen irgendwelcher auch sie nicht ganz überzeugenden Coronavorschriften diszipliniere.

Mit dem Satz im Herzen habe ich eben die verbalen Ausfälle des Großen Fundevogels ohne eigenen Wutanfall überlebt, wenn auch die dringend abzugebenden Hausaufgaben immer noch nicht erledigt sind.

Wir brauchen alle viel Nachsicht in dieser zermürbenden Zeit, sogar jene die in ihrer Sorge und ihrem Regelungswahn vielleicht an der einen oder anderen Stelle zu weit gegangen sind.

Das Leben ist nämlich beschissen genug.

Hin und wieder sogar für Feen.

Für alle, die jetzt erst einsteigen: Hier fängt die Geschichte an und geht dann fortlaufend nummeriert weiter:

Seit zwei Tagen und Nächten lagerte der Menschenschwarm schon an der Feenwasser. Wenn es dunkel geworden war, wünschten wir uns Pollen und Himbeeren herbei, immer in der Hoffnung, keinem Belagerer möge eine reife Frucht mitten ins Gesicht klatschen und eine neue Phänomenhysterie auslösen. Leider bekam Gewünscht-Werden Nahrungsmitteln nicht, sie wurden wässrig und fade davon. Besser mundeten unsere Trübsaltagsvorräte, eingekocht mit liebvollen Wünschen und eingefangen Sonnenstrahlen. Doch die waren in diesem Regensommer schon arg zu Neige gegangen. Die Angst vor dem, was noch kommen konnte, ließ uns knauserig werden. Holz für den Zauberstab, den Achillea mir schnitzen wollte, konnte ich auch nicht einfach zum Kobel hineinwünschen. Wichtige Dinge musste fee schon selber finden.

Wir alle sehnten uns nach Fliegen. Nach soviel Angst wollte fee die Flügel bewegen. Gern hätten wir noch einmal die Larven gezählt, bevor wir sie vielleicht für immer verloren.

Die Menschen waren überall. Selbst nachts zogen sie sich nicht zurück. Sie hatte transportable Kobel aus Gewebe aufgestellt und damit die aufgeweichte Grasnarbe der großen Wiese zerstört. Unsere Freunde und Retter hatten einen großen natternköpfchenblauen Kobel aufgestellt, daneben noch einen kleineren, in storchenschnabelpink und silber. Ganz eifrige Menschen fingen an Holzkobel aufzustellen, für die sie mehr als eine junge Erle und ein paar krumme Kiefern niedersägten. Die gleichen Menschen hielten riesige Gewebeflächen voller Wörterspuren in die Luft. Nie zuvor war meine Lesekunst so gefragt gewesen:

„ERST STIRBT DER FROSCH,

DANN STIRBT DER MENSCH“,

entzifferte ich und:

„KLIMAWANDEL TÖTET —

HIER UND HEUTE HAT ES BEGONNEN“

dazu ein ungelenkes Bild von Menschen und Teichzuschiebern die im Schlamm versanken.

Das Unangenehmste an den Menschen war ihr Lärm. Sie waren furchtbar laut, bei Tag und bei Nacht. An den Krach, der aus der Schule drang, waren wir gewöhnt. Spätestens nach dem letzten Schlag des Gongs ebbte er ab und die Schulmenschen liefen über den Harten Weg davon. Ich hatte immer geglaubt, danach würden sie sich in ihren Steinkobeln schlafen legen. Hier schliefen sie nicht. Sie sangen, grölten und quasselten ohne Unterlass. Gegen sie war ich stummer als eine Spitzschlammschnecke. Wo sie gingen und standen verloren sie Feenfallen und anderen Müll. Fairerweise muss fee sagen, nicht alle Menschen waren schrecklich, nicht einmal die meisten. Manche rannten hinter den Feenfallen-Fallenlassern her und baten sie, alles wieder einzusammeln. Bekamen sie Coladosenantworten, räumten sie die Fallen selber weg. Diese Art Menschen sahen Matricaria und Aethusa nicht, unerträglich wurde die Lästerei über unsere Belagerer. Im Schutze des Laubs flog ich verzweifelt Minikreise um die Äste und wäre so gern allein gewesen. Missmutig hielt ich mich dennoch an die neue Regel. Unsere beiden Möchtegern-Altfeen waren sich unerwartet einig: Kein weiterer Mensch sollte uns zu Gesicht bekommen.

„Wer weiß, wie lange sie die Feenwasser noch lieben werden und wie sie auf eine leibhaftige Fee reagieren würden“, sagte Filipendula. „Ich halte von Anbetung bis Insektenspray alles für möglich.“

Mir war diese verwünschte Menschenmasse auch unheimlich. Keine wusste, was Aethusa, Dennis und ich in der Stunde der Verzweiflung in die Welt gesetzt hatten.

„Cardámine!“

Mitten in der Nacht, als es endlich ein klein bisschen ruhiger geworden war, rief der Junge Julian mich. Zusammen mit Wolfgang, dem Menschenretter, stand er am Stamm.

„Geht es euch gut?“

„Nun ja, sind ein bisschen sehr viele Menschen hier.“

„Ja, wir haben uns schon gedacht, dass ihr deswegen nicht mehr rauskommt. Imke hatte Angst, ihr könntet verhungern und hat euch ein bisschen Notproviant eingepackt.“

„Keine Bange“, lachte ich. „Feen wissen sich zu helfen.“

„Och …“

Die Enttäuschung in Julians Jungmenschengesicht war mehr als fee ertragen konnte. Mit einem Augenzwinkern und einem Zauberstabschwenk wünschte Filipendula das Geschenk in ihren Kobel.

„Danke euch. Ein wenig Abwechslung kann nie schaden“.

Filipendula blieb die Altfee meines Herzens.

„Sagt mal, habt ihr Dennis gesehen? Wir rufen da dauernd an, aber weder er noch sein Vater gehen ans Telefon.

Ich zögerte: „Er war hier. Ich glaube, ihm geht es ganz gut.“

„Hat er diesen Glibberschleim wirklich an die Hand gekriegt, weil er mit euren Zauberstäben rumgespielt hat? Tamino meinte, es sei dadurch passiert.“

„Der Junge Tamino ist klug und ein guter Beobachter dazu. Aber ich glaube, wir konnten deinem Freund behilflich sein“,

Filipendula zog mich am Kleid. Sage jetzt nichts weiter, mahnte ihr Blick. Peinlichkeit lag in der Luft, ich war froh, als die Menschen wieder gingen. Der aufdringliche Geruch des Menschenessens versammelte im Nu den ganzen Schwarm. Unsere Freunde hatten versucht ihre arttypische Nahrung in feenmundgerechte Happen zu zerlegen. Am verführerischsten waren grüne Früchte. Brombeergroß, aber mit glatter Schale und weichem süßen Fleisch lagen sie in einer kleinen blauen Falle. Dazu gab es braune Würfel aus einer porösen, würzig riechenden Substanz. Größere Planken aus diesem Stoff waren der beliebteste Proviant der Schulkinder. Sie nannten es ihr Pausenbrot, die meisten Pausenbrotplanken waren mit durchdringend riechenden Schichten beschmiert oder belegt, sodass ich meistens nach draußen geflohen war, wenn die Kinder ihre Pausenbrotfallen aufklappten.

Auf Imkes Pausenbroten klebten gelbe Platten, drei Feenfinger breit, scharf und säuerlich riechend. Der Geruch erinnerte mich an säugende Tiere, ohne dass ich erklären konnte warum. Auf anderen Pausenbroten klebte eine Schicht, die eindeutig nach Brombeeren roch. Brombeeren im Heckenrosenmond! Aber horteten nicht auch wir magisch versiegelte Eicheln voller Blütenstaub und Morgentau, um an kargen Tagen nicht zu darben?

Die verführerischste Süße stieg aus einem unscheinbaren Stapel brauner Bröckchen. Ich konnte nicht anders als danach zu greifen. Achillea, Scilla und den beiden Kleinfeen ging es nicht anders. Das warme Getränk im rollenden Kobel war schon ein unvergessliches Erlebnis gewesen. Dieses braune Zeug übertraf alles. Mit dem ersten Bissen durchflutete ungeahnte Süße meinen Mund, meine Nase, ja meinen ganzen Körper. So köstlich, dass es beinahe schmerzte.

„Oh Sonne, was ist das?“, japste Achillea. Ihr verschmierter Mund sah nicht nach einem Festschmaus aus, sondern nach einem Sturz in Hundekot.

„Seid ihr vom Rückenschwimmer gebissen? Das ist Menschenkost!“

Wo war die nahezu stumme, stets sanftmütige Matricaria geblieben? So kalt hatte Ortiga nur in ihren letzten Tagen gesprochen. Aethusa ließ ein süßes Bröckchen fallen. Enttäuschung stand in ihrem Gesicht, aber sie sagte nichts. Wir hatten uns alle verändert. Auch ich sprang Matricaria nicht ins Gesicht, sondern kaute seelenruhig weiter.

„Cardámine! Woher weißt du, dass sie uns nicht vergiften?“

Das braune Geschenk füllte meinen Mund weitgehend aus, aber dieser Vorwurf war so lächerlich, dass ich „Rede keinen Zikadenschleim“, zwischen meinen verklebten Zähne zischte.

„Vielleicht nicht mit Absicht“, wiegelte Matricaria ab. „Du weißt, Menschen essen andere Lebewesen, töten sie gar. Weißt du, was in diesem kackebraunen Schleim verarbeitet wurde?“

Erschrocken spie sich Achillea einen hässlichen Fleck aufs Kleid. Ob es mir nun passte oder nicht, Matricaria würde eine gute Altfee werden.

Filipendula sagte nichts, aß nichts. Still krochen wir in unsere Lager. In Filipendulas Kobel lag ein fast unangetasteter Haufen Menschenproviant. Menschenlärm raubte uns den Schlaf.

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