Retter– Julian und Cardámine 58

Die Frau Fundevogel ist ja von Natur aus etwas fahrig und tut sich schwer damit ihre Dinge zu beaufsichtigen, weshalb gerne die Warnung kommt: Pass besser auf deinen Krempel auf, die Menschheit ist schlecht. In der derzeitigen Coronafundevogelwirrnis habe ich das große Glück dem guten Teil der Menschheit zu begegnen, dem Teil, der von der Frau Fundvogel abfallende Portemonaies, Kontokarten und Schlüssel nicht zu bösartigen Zwecken nutzt, sondern ihr noch hinterher trägt. Schlecht ist doch nur ein Teil der Menschheit und deshalb darf ich auch Geschichten wie diese ohne echte Bösewichte schreiben. Wie erfreulich! Trotzdem nehme ich mir zum hunderelften Male vor meine Siebensachen besser zu hüten. Viel Ärger sparte das schon.


Für alle, die jetzt erst einsteigen: Hier fängt die Geschichte an und geht dann fortlaufend nummeriert weiter:

„Da seid ihr ja!“

Eine tiefe Stimme am Fuß des Baumes, zwei silberhelle über ihren Köpfen. Wolfgang mit Othello im Buggy, Cardámine und Cardámines Freundin.

„Feen, mich deucht die Rettung ist gelungen.“

„Ja. Sieht so aus“,

Cardámine sprudelte nicht gerade vor Jubel, aber sie lächelte Dennis zu.

„Retter Dennis, die ganze Feeschaft schuldet dir Dank.“

Retterin Pamina! Retter Dennis! Die Eifersucht kläffte in Julian wie ein schlecht erzogener Hund. Nie sprach jemand vom Retter Julian, dabei hatte er die Feen zuerst kennen gelernt. Niemand liebte sie so sehr wie er, kein schlechtes Wort hatte er über sie verloren und erst recht keine Zauberstäbe geklaut. Julian fühlte sich ertappt, als Wolfgang ihm zuzwinkerte, solche kleinlichen peinlichen Gedanken behielt er lieber für sich.

Zu seiner Erleichterung sagte Wolfgang lediglich: „Feen und Knaben, ich schlage vor, wir suchen einen stilleren Ort, um einander unsere Abenteuer zu berichten. Hier scheint unsere Gegenwart entbehrlich zu werden.“

Eine knappe Stunde später saßen Wolfgang, Dennis, Julian, Tamino, Pamina, Othello, Cardámine und Achillea auf der sonnigen Schröterterasse. Die Meerschweinchen hatten Urlaub vom oberen Flur bekommen und mümmelten in einem Freigehege Gras und Löwenzahn. Julian beschloss, Mo später eine Tüte voll mitzubringen — zur Besänftigung.

Jo war natürlich nicht loszueisen gewesen. Imke hatte kurzerhand eine Müllsammelaktion auf der sich leerenden Wiese organisiert. Jo war begeistert gewesen,

„Beifall für Imke!“, hatte sie getrötet. „Superidee! Das gehört dazu. Ihr seid die tollsten Leute, die man sich vorstellen kann.“

Nur ein kleines Häufchen blieb zurück. Die meisten tollen Leute hasteten still davon. Ihnen war eingefallen, dass Montag war, dass sie erwartet wurden in Büros und Baumärkten, vor Computerbildschirmen und Abwaschbergen. Die trauriggelbe Schule und der Hort blieben allerdings wegen der „außerordentlichen Vorkommnisse“ noch geschlossen, Frau Schmidt-Bruhns war nicht auffindbar. Frau Steffke als ihre Stellvertreterin telefonierte unablässig mit dem Handy. Taminos Klassenlehrer Herr Muhlke, der Hausmeister und einige Horterzieher beteiligten sich an Imkes Putzaktion. Herr Grosse bequatschte die Stadtreinigung fünfhundert Müllsäcke zu spenden und einen Kameramann deren Abfuhr zu filmen. Der Kameramann hatte langes schwarzes Haar und ein Drachentatoo auf der nackten Schulter, weshalb die Zwillinge plötzlich nichts wichtiger fanden, als medienwirksam Pappbecher und zerknüllte Flugblätter zu entsorgen.

Wolfgang hatte frischen Pfefferminztee gekocht und eine große Platte Brote geschmiert. Aufgeregt fragte Cardámine: „Sagt, wie lasst ihr diese Kräuteressenzen wärmer werden als einen lebenden Körper?“

„Auf‘m Herd natürlich“, sagte Dennis achselzuckend.

„Wir verwenden einen Heißwasserkocher“, sagte Tamino. „Das ist energiesparender.“

Wolfgang verlor sich ineiner ausufernden Erklärung, wie die Menschen sich vor Jahrtausenden das Feuer untertan gemacht, wie sie es vom Höhlenfeuer zum Atomstrom gebracht hatten und dass es von der großen Weisheit der Feeheit zeuge, „diesen Irrweg“ nicht mitgegangen zu sein. Cardámine und Achillea wirkten beeindruckt, obwohl man merkte, dass sie kein Wort verstanden hatten.

„Vater, gleich ist der Tee kalt“, mahnte Pamina und prostete den beiden Feen zu. Als Tassen hatte sie ihnen Plastikverschlusskappen hingestellt. Winzigste Brothäppchen, wurden ihnen auf umgedrehten Schraubglasdeckeln vorgelegt. Mit Käse, Wurst, Schokoladencreme und Stachelbeergelee. Cardámine zog das Näschen kraus: „Esst ihr Aas?“, fragte sie und deutete auf die kleinen Jagdwurstfetzen. Man hörte, wie sie sich bemühte nicht all zu angewidert zu klingen.

„Igitt. Nee. Wie kommst du denn darauf?“

Dennis schüttelte sich.

Wolfgang griente nicht.

„Diese Wurst wurde aus dem Kadaver eines Schweins hergestellt“, sagte er zögernd. „Eines Schweins, das nicht zufällig starb, sondern ausschließlich zu diesem Zweck geboren, aufgezogen und getötet wurde.“

Julians Hand, die sich gerade auf eine Wurstschnitte zu bewegt hatte, beschrieb eine kleine Kurve und kehrte mit einem Schokobrot zu seinem Mund zurück. Der Ekel in den Feengesichtern steckte an.

„Ich vermute, die Damen sind Vegetarier – wie ich“, hastig klaubte Wolfgang die Wursthäppchen vom Deckel und warf sie in die Hühnerfutterschüssel, Pamina schmiss ihre halb aufgegessene Schnitte hinterher.

„Und das?“

Cardámine deutete auf den Käse. Wolfgang erläuterte kurz die Käseherstellung. Julian war dankbar, dass er verschwieg, was unweigerlich mit den männlichen Kälbern geschah. Cardámine und Achillea machten trotzdem nicht den Eindruck, als würden sie jemals freiwillig ein Stück Käse essen. Eilfertig entsorgte Wolfgang auch diese Brote.

„Unter diesen Umständen empfehle ich den Damen diesen hervorragenden Schokoladenaufstrich. Meine liebe Frau hat ihn hergestellt und ausschließlich pflanzliche Zutaten verwendet. Dasselbe gilt für dieses ausgezeichnete Stachelbeergelee mit Ingwer.“

Die Feen lächelten vorsichtig, dann lachten sie und griffen wie auf Kommando nach den Schokobroten. Wären sie Jungs gewesen, hätten sie vorher eingeklatscht. Alle lachten. Keiner aß Wurst.

„Ich verstehe immer noch nicht, wieso nun ausgerechnet Dennis die Feen gerettet haben soll“.

Auch Pamina, die immerhin schon selbst „Retterin“ genannt worden war, konnte die Eifersucht nicht ganz aus ihrer Stimme tilgen.

„Weil er die vielen Menschen auf die Wiese gewünscht hat. Sein Wunsch pflanzte ihnen plötzliche unerträgliche Liebe zur Feenwasser ein, deswegen waren sie bereit zu kämpfen, ja ihr Leben zu geben.“

Pamina legte misstrauisch die Stirn in Falten: „Sagte Filipendula nicht, dass Wünsche nicht wirken, wenn man den Namen des Verwünschten nicht weiß?“

„Sie wirken nicht nicht, sondern schwach“, Cardámine lächelte verschmitzt. „So war es auch. ALLE Menschen wären bedeutend mehr gewesen. Es kamen vermutlich nur jene, bei denen das Teichzuschütten ohnehin Unbehagen auslöste. Bei der Formulierung des Wunsches haben wir mistkäferfett aufgetragen. Die Worte überwältigende Liebe haben eine gewaltig bindende Macht, verbunden mit einem Namen hätten sie so stark gewirkt, dass die Verwünschten nicht nach zwei Tagen wieder heimgegangen wären.“

„Um ehrlich zu sein“, ergänzte Achillea, „Als sie ihre Gewebekobel aufstellten, befürchtete ich, sie könnten bleiben und wir müssten ihrem Lärm und all diese Feenfallen für immer ertragen.“

Sie schüttelte sich. Cardámine lachte: „Achillea. Alles ist sonnengut gelaufen. Es hätte kaum besser gehen können.“

„Gnädigste, Sie sollten Politikerin werden.“

Dieses Kompliment verwirrte Cardámine sichtlich, doch bevor Wolfgang nachmittagfüllend erklären konnte, was eine Politikerin war, gelang es Tamino seine drängendste Frage dazwischen zu schieben: „WAS hat Dennis getan, um Wünsche erfüllt zu bekommen?“

Dennis wurde sofort hochrot.

„Glaubst du mir stehen keine Wünsche zu? So zu tun, als ob du mir Angst einjagen könntest, war ja wohl auch keine Leistung, auf die man sich was einbilden kann. Das hätte echt noch Othello gekonnt!“

„Ach Dennis, fahre doch nicht gleich wieder aus der Haut. Ich freue mich, dass du den Feen helfen konntest“.

Dennis regte sich tatsächlich ab und gab zu: „Eigentlich habe ich keine Ahnung. Wir haben es einfach ausprobiert und es hat geklappt.“

„So war es“, bestätigte Cardámine. „Vielleicht hat das Uralte Gesetz ja gemerkt, wie dringlich es Dennis war zu helfen oder es hatte Mitleid …“

„Meinen Sie ein Naturgesetz kann Mitgefühl zeigen?“, zweifelte Wolfgang.

„Wir wissen es nicht, wir waren einfach froh, als der Pollen stäubte.“

„Aber ich weiß es!“

Alle starrten Julian an.

„Dennis! Erinnerst du dich nicht mehr? Es war deine Idee.“

„Was?“, fragte ein ganzer Chor.

„Du hattest vorgeschlagen, die Feen zu warnen. Dieses Gesetz muss unser Gespräch abgehört haben.“

Dennis strahlte über das ganze Gesicht. „Dann habe ich ja echt mal was richtig gemacht.“

Im Gegensatz zu mir, dachte Julian, das Tierchen Eifersucht war noch nicht zu Ruhe gekommen. Doch Dennis‘ Freude war so schön anzusehen, dass er sich einfach mitfreute.

Zusammen sprangen sie durch den Garten.

„Wir haben es geschafft. Obwohl wir doch noch Kinder sind. Geschafft! Geschafft! Geschafft!“

Othello fand das ein Superspiel. „Schafft! Schafft!“, quietschte er in den höchsten Tönen. Kaiser ließ sich natürlich gern anstecken und kläffte „Geschafft!“ in der Hundesprache. Die Feen rasten um die johlenden Kinder wir herum gefiederte Flummis. Heute passte der der Name „Floh“ für sie alle und war kein bisschen peinlich.

Wolfgang saß auf seinem Sperrmüllklappstuhl und sah ihnen mit leuchtenden Augen zu, als sei er ein Kind unter dem Weihnachtsbaum. Als sie sich wieder ein wenig beruhigt hatten, fragte Julian, für was Dennis seine anderen beiden Wünsche verwendet hatte.

„Dass mein Vater keinen Alkohol mehr runterkriegt“,

Dennis hatte besser gewünscht als sie alle.

„Und … nun ja …“, ein wenig verlegen hob er die rechte Hand. Cardámine feixte.

„Klar, das hätte ich mir an deiner Stelle wohl auch gewünscht.“

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